Das Gespräch

Bas Kast: "Wir müssen Respekt vor der Schöpfung haben"

Mit unserer Ernährung läuft einiges schief – das meint zumindest der 46-jährige Autor Bas Kast. Seine Bücher zum Thema („Der Ernährungskompass“) sind Bestseller. Thomas Pfundtner hat ihn zum Gespräch getroffen

Autor Bas Kast im Gespräch mit stadtgottes.

Sie haben mit  „Der Ernährungskompass“ eines der erfolgreichsten Sachbücher Deutschlands geschrieben.  Fast 600.000 Exemplare wurden verkauft. Worauf führen Sie das zurück? Gibt es ein neues Ernährungsbewusstsein?

Das ist eine gute Frage. Ich frage mich auch, was da passiert ist. Ich glaube aber, auch wenn wir etwas zurückblicken, dass die Menschen sich immer mehr um ihre Gesundheit kümmern. Ich denke, es begann mit der Verpönung des Rauchens.  Erinnern Sie sich noch, wie in den 50er, 60er und 70ern gequalmt wurde. Kein Kinofilm, keine Fernsehserie ohne Zigaretten und Zigarren. Rauchen war völlig normal und gesellschaftlich anerkannt. Dann ging es los – wie so oft in Amerika. Als sogar der berühmte Marlboro-Mann an Krebs erkrankte, begann das Umdenken. Das Rauchen wurde aus der Öffentlichkeit verbannt. Aus den Gaststätten und Hotels. Aus Restaurants und öffentlichen Gebäuden. Aus dem öffentlichen Nahverkehr, und, und, und... Mehr und mehr. Fast gleichzeitig entwickelte sich eine andere Einstellung zum eigenen Körper. Nach dem Motto: Ich habe nur diesen einen. Also begannen die Menschen zu joggen, besuchten Fitness-Studios, trainierten sehr konstant – bis ins hohe Alter. Und in dieses ganze Paket gehört auch die Ernährung und ein entsprechendes Umdenken. 

Als eine weitere Sache, die ich tun kann.

Warum haben Sie nach dem Ernährungskompass noch ein Kochbuch dazu verfasst?

Also, ich konnte ja nicht ahnen, dass das Buch so durch die Decke geht. Niemand konnte das ahnen. Dann meldeten sich viele Leser, die sich im Stich gelassen fühlten und meinten: „Also in der Theorie hört sich das alles ja ganz gut an. Aber wie sieht es mit Rezepten aus. Was esse ich denn nun morgens, mittags oder abends. 

Es gab aber ein Problem...

Erzählen Sie ...

Ich bin Journalist, der Statistiken lesen, vergleichen und analysieren kann, aber kein Koch. Also stellte mir der Verlag Michaela Baur, eine tolle Köchin und Entwicklerin von Rezepten, an die Seite. Mit ihr konnte ich dann das, was in meinem Buch steht, umsetzen. Wir haben experimentiert, verworfen, gekocht und gerührt, bis wir wirklich sagen konnten: „Ja, unsere Rezepte beweisen, gesundes Essen und Genuss schließen sich nicht aus.“ 

Können Sie das Problem industriell hergestellter Nahrungsmittel ein wenig näher erklären?  

In den Supermarktregalen liegen zahlreiche, industriell hergestellte „Nahrungsmittel“, die ich als „Proteinköder“ bezeichne. Sie riechen und schmecken nach Eiweiß, ohne dass sie in nennenswertem Maße Eiweiß liefern. 

@Alexander Kraus

Könnten Sie bitte ein Beispiel nennen?

Meine früher so geliebten Kartoffelchips. Besonders verhängnisvoll sind Barbecue-Chips. Das Fatale: Die versprechen unserem Geschmackssinn und unserem Gehirn hochkonzentriertes Fleischprotein, schieben aber fast ausschließlich Kohlehydrate und Fett in unser System. Was passiert? Wir futtern und futtern, in der unbewussten Hoffnung, unser Eiweißverlangen zu befriedigen, bekommen jedoch lediglich eine homöopathisch verdünnte Proteinportion verabreicht. Also schlemmen wir immer weiter.

Und nehmen zu? 

Genau. Also empfehle ich alle Proteinköder und alle Lebensmittel, die erfunden wurden, um unsere Instinkte auszutricksen, zu meiden, wie der Teufel das Weihwasser.

Glauben Sie, dass man diese Uhr zurückdrehen kann?

Wenn wir uns die weltweiten Übergewichts- und Diabetes-Tendenzen anschauen, wird das ein schwieriger Weg. Bei uns gibt es offenbar einen Trend, dass Leute sich dafür interessieren. Aber ich weiß nicht, ob das wirklich die große Masse ist. Ich denke, es ist immer noch eine überschaubare Gruppe. Ich wäre gern optimistischer, aber ich bin nicht sicher, ob es genügend Anlass dafür gibt. 

Muss man nicht anfangen, Kindern mehr zu vermitteln?

Ja, als Erstes muss wieder in den Vordergrund gestellt werden, dass Essen auch wirklich wächst und nicht aus der Dose oder dem Tiefkühler kommt. Dass man es anpflanzen kann. 

Das bedeutet, raus in die Natur. Tiere sehen und anfassen. Obst vom Baum pflücken oder einem Landwirt bei der Arbeit zusehen. Erfahrungen mit dem Echten sammeln und nicht nur Berge, Wiesen und Tiere durch die Werbebrille sehen. Eine Kuh ist braun- oder schwarzweiß gecheckt. Und nicht Lila.

Aber, was machen Sie, wenn Ihr Kind in die Schule kommt? Wie bauen Sie ungesunden Verlockungen vor?
Das ist schon jetzt sehr schwer. Mein Sohn weiß ganz genau, an der Kasse in unserem Markt gibt es Haribo-Säckchen. Da steuert er zielstrebig drauf zu.

Da ist auch unsere Nachbarin, der wir oft auf dem Weg zum Kindergarten begegnen. Immer wenn Sie den Kleinen sieht, kriegt er wieder was von ihr. Ehrlich, jeder Einzelne meint es gut, der Bäcker, ältere Leute, die Metzgersfrau, sie schenken ihm einen Lolli oder etwas anderes. Jeder meint es wirklich gut. Aber in der Massierung kämpfst du als Vater gegen eine Macht, die größer ist als du. 

So eine Süßigkeit drückt ja auch Liebe aus. Mit einer Brokkolisuppe drückst du als Eltern keine Liebe aus. Das wissen Mutter und Vater – aber nicht das Kind. Eine Gratwanderung, die mir schon Sorgen bereitet.

Wir alle wissen das, ändern aber zu wenig. Brauchen wir Vorbilder?


Sicher. Es ist wichtig, dass gerade jungen Leuten vermittelt wird, gesunde Ernährung ist cool. Es gibt so viele junge Leute, die bei YouTube Furore machen und für die Kids Vorbilder sind. Oder Filmstars, oder Musiker. Wenn die an die Öffentlichkeit gehen und sagen:  „Hey, ich ernähre mich vernünftig, finde das cool und sehe auch noch gut aus“, dann, denke ich, bewegt das was. 

Bleibt der Genuss da nicht auf der Strecke?

Genuss ist wichtig. Aber es ist ja vieles verloren gegangen. Wir können doch teilweise gar nicht mehr richtig genießen, weil unsere Geschmacksknospen total überfordert sind. Zum Genuss gehört aber auch, nicht von fünf Medikamenten abhängig zu sein. Oder keine Herzbeschwerden zu haben. 

Oder Diabetes, das hängt ja auch unmittelbar mit der Ernährung zusammen. Wir haben sieben Millionen Diabetiker in Deutschland, das ist doch eine ernste Sache. Die häufigste Ursache für Amputationen in der wohlhabenden Welt ist Diabetes. Unvorstellbar wie viele Milliarden Euro gespart werden könnten, wenn sich alle Diabetiker gesund ernähren würden. Zu einem hohen Prozentsatz hängt Diabetes eng mit falscher Ernährung zusammen. Das ist sogar belegbar. Forscher von der Uni Newcastle haben Diabetiker auf eine radikale Diät gesetzt und 80 Prozent wurden geheilt. Keine Medikamente mehr. Aber, wie ich schon sagte, wenn selbst in Kliniken Diabetiker mit übersüßtem Essen verpflegt werden, dann läuft da was falsch...

Haben wir den Respekt vor natürlichen Lebensmitteln verloren?

Ja, ich denke schon. Am krassesten sieht man das letztlich beim Tier. Es gibt keinen Respekt mehr davor, dass man Fleisch isst, von einem Lebewesen. Wir fragen auch nicht, ob das Tier vielleicht leiden musste. Vielleicht sogar sehr. Wir blenden das Leid vollkommen aus. Im Grunde genommen wollen wir nicht wissen, woher unser Fleisch kommt. Wenn wir es wüssten, würden wir es nicht essen. Wenn wir das Leid der Massentierhaltung und die Schlachtung mit eigenen Augen sehen würden, wären die meisten Leute angeekelt und würden das nicht mehr essen. 

@Alexander KrausSchlimm ist aber auch:  Statistisch gesehen werden im Jahr in Deutschland durchschnittlich 283.000 Rinder und 480.000 Schweine in den Müll geworfen. Also Fleisch, das nicht verwertet oder gegessen wurde. 

Ja, ein krasses Beispiel. Wir erzeugen also nicht nur Leid, sondern es ist auch noch sinnloses und überflüssiges Leid. Das ist besonders absurd und unerträglich, wenn man anfängt, darüber nachzudenken. 

Oder die Früchte, die am Straßenrand verrotten.

Stimmt. Traurig. Das hat mich zu der Einsicht gebracht: Alles, was im Überfluss vorhanden ist, nimmt den Menschen den Respekt vor der Schöpfung.

Das beginnt bei den Kindern: Sie nehmen lieber eine künstliche Haribo-Erdbeere oder -Birne anstatt echter Früchte. Warum? Weil die industriell gefertigten viel intensiver schmecken – wie uns die Werbung suggeriert.Das ist fatal und tragisch. 

Vor noch gar nicht allzu langer Zeit gab es den Sonntagsbraten. Das war Vorfreude und Genuss pur. Heute ist es kein Problem, jeden Tag Fleisch zu konsumieren. So viel, wie du nur willst. Wo sollen da der Respekt und die Achtung vor der Schöpfung noch herkommen?

Viele sagen aber auch, Sie können sich gesundes Essen nicht leisten.

Das mag stimmen. Allerdings gibt es mittlerweile genügend Bioprodukte, die nicht nur gesund sind, sondern auch günstig.

Mein Ansatz wäre: Fleisch und Fisch verteuern. Raus aus dieser Billigfalle aus Achtung und Respekt vor den Tieren. Außerdem käme das dann nicht jeden Tag auf den Tisch. Sicher, Hülsenfrüchte, Gemüse, Nüsse, manches Obst, wie zum Beispiel Blaubeeren sind teuer. Wenn ich aber an Fleisch, Wurst und Fisch spare, habe ich das schnell wieder drin.

Tendenziell würde ich sagen: Ärmere Regionen ernähren sich nicht schlechter. Es sind eigentlich die Wohlstandsnationen, die sich schlecht ernähren. 

Worauf sollten wir achten, wenn wir doch auf industrielle Nahrungsmittel zurückgreifen müssen?

Nicht mehr als fünf Zutaten. Keine Chemiezusätze. Aufpassen, an welcher Stelle der Zuckergehalt steht: Platz eins und zwei sind ganz schlecht. 

Sie haben in Ihrem Buch 12 Regeln aufgestellt, durch die sich jeder hervorragend ernähren kann. Welches ist Ihre Wichtigste?

Ganz einfach, es sind zwei: Die Rückkehr zu richtigem Essen und nie etwas zu sich nehmen, was deine Ur- Großeltern nicht gegessen haben.

Thomas Pfundtner

Januar 2020

Kommentare (2)

  • Inken
    Inken
    am 30.12.2019
    Ein wieder sehr lesenswertes, interessantes und zum Nachdenken anregendes Gespräch, mit vielen guten Ansätzen zur Veränderung der Gewohnheiten – gerade jetzt zum neuen Jahr.
    Allerdings würde der Speiseplan meiner Urgroßeltern nicht recht zu mir passen, sie haben zu deftig gegessen, Bergleute, die benötigten das. Was ich schon gerne übernehme, ist das saisonale Essen und die wirklich aus der Region kommenden Nahrungsmittel. Direkt von den Erzeugern, vom Hof aus der Region, vom Nachbarn, der in seinem Garten für sich zu viel hat – ich denke, das ist gemeint. Nicht sinnlos viele, leere Kalorien in sich hineinschaufeln. Sich informieren, nachdenken und sich bewegen. Warum nicht die „freundlichen“ Mitmenschen darauf aufmerksam machen, dass nicht jede Nahrung zur Belohnung dient? Lieber Zeit mit den Kindern verbringen als ihnen den Mund mit Würstchen ungeahnten Inhalts oder zucker- und farbstoffhaltigen Naschereien zu stopfen. Da braucht man etwas Mut, denn ein ehrliches Wort schätzt nicht jeder, aber das überlebt man und zum Wohle der Kinder nimmt man dies doch gerne auf sich, oder?
  • Anja
    Anja
    am 02.01.2020
    Das mit den Süßigkeiten der älteren Nachbarin, der Wurst der Metzgerin,... für unsere Kinder...
    Das Vorbild der Eltern zählt.
    Wir haben 2 jugendliche Kinder. Ich bin auch gegen Süßigkeiten. Meiner Nachbarin klar zu machen, dass sie meinen Kindern nichts geben sollte, brachte NICHTS. Es gehört einfach dazu, dass sie Süßigkeiten bei ihr bekommen und das sollen wir als Eltern locker sehen.
    Aber... zu Hause achten meine Kinder sehr auf gesunder Ernährung. Ich denke, das Vorbild der Eltern ist wichtig.

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Bas Kast

Bas Kast wurde am 16. Januar 1973 in Landau geboren. Nach seinem Abitur studierte er Psychologie und Biologie in Konstanz, Bochum und Boston. Er arbeitete als Redakteur; seit Ende 2008 als freier Autor.   

Bis heute hat er fünf Bücher veröffentlicht. „Der Ernährungskompass“ erschien 2018, ein Jahr später das dazugehörige Kochbuch. Beide stehen seit ihrem Erscheinen auf den Spitzenplätzen der Sachbuch-Bestsellerlisten. Mit seiner Frau lebt Bas Kast in der Nähe von Würzburg, kümmert sich um seine beiden Kinder und plant weitere Buchprojekte.

Der große Ernährungskompass

In seinem gut verständlich geschriebenen Buch „Der Ernährungskompass“, gibt Bas Kast einen genauen Überblick über alles, was gut und gesund für unseren Körper ist. Dabei entlarvt er die Tricks der Lebensmittel- und Diätindustrie.
Bertelsmann Verlag, 20 Euro; 29,90 CHF

Im dazugehörigen Kochbuch gibt es 111 Rezepte für gesunden Genuss. Dazu viele Tipps und Infos rund um Alternativen zu Fast Food und Industrieprodukten.
Bertelsmann Verlag, 22 Euro; 25,90 CHF

Mediterranes Ofengemüse mit Kichererbsen und Minzjoghurt

Für das Ofengemüse

1 Blumenkohl waschen und die Röschen einzeln abschneiden. 2 Süßkartoffeln schälen und in ca. 2 cm große Würfel schneiden. 3 Karotten schälen und in Scheiben schneiden. 1 Aubergine putzen und in Würfel schneiden. 4 Knoblauchzehen schälen. 1 Chilischote aufschneiden und die Kerne entfernen, dann zerkleinern.

Alles in einer ofenfesten Form oder auf einem Backblech mit 6 EL Olivenöl1 EL gemahlenem Koriander3 TL Paprikapulver edelsüss würzen. Sowie Salz und Pfeffer hinzufügen.

Alle mischen und bei 200 Grad Celsius Ober- und unterhitze für circa 25 Minuten in den Ofen schieben. 

400 g gekochte Kichererbsen abspülen. 200 g Feta zerbröseln. Beides zusammen mit 150 g Oliven (ohne Stein) und 3 EL Sesam über dem Gemüse verteilen und weitere 10 Min. garen.

1 Granatapfel halbieren und die Kerne mit einem Kochlöffel ausklopfen und ½ Bund Petersilie grob hacken.

Für den Minzjoghurt

Von 2 Stielen Minze die Blätter abzupfen und fein hacken. Von 1/2 Limette den Saft auspressen und zusammen mit der Minze unter 250 g Sahnejoghurt rühren. Ofengemüse mit Granatapfel und Petersilie bestreuen und mit Minzjoghurt servieren.

 

Weitere Rezepte

zum Frühstück und Abendessen gibt es hier.