Titelthema

Bedrohte Freiheit

Vor 70 Jahren wurde die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte unter-zeichnet. Garantiert wird auch das Recht auf Religionsfreiheit. Doch dieses Recht ist bedroht

Wer sich durch das Tragen der Kippa als Jude zeigt, wird in der Öffentlichkeit oft angepöbelt

Ihr Fall bewegte die Welt: Acht Jahre lang saß Asia Bibi in der Todeszelle. Die Christin aus Pakistan war wegen Blasphemie angeklagt worden: Sie habe im Streit mit ihren muslimischen Nachbarinnen den Propheten Mohammed beleidigt. Der Fall ging durch alle Instanzen. Der muslimische Provinzgouverneur und der christliche Minister für Minderheitsfragen wurden ermordet, weil sie sich für die Angeklagte eingesetzt hatten. Der Oberste Gerichtshof sprach Asia Bibi schließlich frei. „Die Urteilsbegründung ist ein Dokument von großer Schönheit“, lobt Michaela Koller, Referentin für Religionsfreiheit bei der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, IGFM, „voller Respekt vor der Religion, auch vor der christlichen: Dem Koran zufolge ist der Glaube eines Muslimen unvollständig, bis er an alle heiligen Propheten und Boten des Allmächtigen Gottes glaubt, ,einschließlich‘ – so wörtlich ,Jesus Christus (Isa, Sohn der Maria), Friede sei mit Ihm.‘ Aus diesem Blickwinkel betrachtet war die Beleidigung durch die muslimischen Kolleginnen nicht weniger gotteslästerlich.“

© BPCAGrundlose Beschuldigung

Mehr als 200 Christen in Pakistan droht wegen Blasphemievorwürfen ein ähnliches Schicksal, warnte die Kommission Justitia et Pax der pakistanischen Bischofskonferenz. Besonders pikant sei, dass das Blasphemiegesetz meist nur als Vorwand verwendet werde. Die Anschuldigungen – immer gehe es um eine Straftat gegen die islamische Religion – seien fast immer grundlos, so die kirchliche Kommission. Ursprünglich sollte das Gesetz zu Kolonialzeiten die Muslime schützen, die in Britisch-Indien in der Minderheit waren. Nach der Unabhängigkeit entstand Pakistan, ein überwiegend muslimischer Staat. Nur zwei Prozent der rund 197 Millionen Einwohner sind Christen. 

 „Das Gesetz wird von radikalen Muslimen missbraucht, um persönliche Rechnungen zu begleichen“, kritisiert Pater James Channan, Leiter des Friedenszentrums in Lahore, das sich für christlich-islamischen Dialog in Pakistan einsetzt. „Und selbst wenn Beschuldigte freigesprochen werden, können sie nicht in Pakistan bleiben. Das Blasphemiegesetz zerstört das Leben der Angeklagten, auch wenn sie der Hinrichtung entgehen.“

Nicht nur Christen bedroht

70 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die die Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit aller Menschen deklarierte, ist es um die Religionsfreiheit weltweit schlecht bestellt. Die Zahlen, die regelmäßig von den katholischen Hilfswerken Kirche in Not und missio, aber auch vom eher evangelikalen Open Doors veröffentlicht werden, sind erschreckend: In 17 Ländern gibt es schwerwiegende Diskriminierungen, in 21 Ländern muss man, so Berthold Pelster von Kirche in Not, „wirklich von Verfolgung sprechen.“ Open Doors dokumentierte im Jahr 2019 über 4300 Morde an Christen, ein Drittel mehr als 2018.  Doch die Zahlen zeigen auch: Nicht immer trifft es die Christen. In Bangladesch müssen die Rohingya fliehen, in der chinesischen Provinz Xinjiang dürfen neugeborene Uiguren keine muslimischen Namen mehr tragen, in Deutschland häufen sich die Angriffe auf junge Männer, die durch die Kippa auf dem Kopf als Juden erkennbar sind. „Es gibt in allen Gesellschaften eine zunehmende Diskriminierung verschiedener Gruppen“, sagt die Wiener Theologin Ingeborg Gabriel, die OSZE-Beauftragte im Kampf gegen Intoleranz.  „Man ist einerseits sehr genau in der Anti-Diskriminierung, andererseits werfen die Leute gerade auch im Internet mit Hass-Postings und mit einer Hass-Sprache um sich. Da zeigt sich eine abnehmende Bereitschaft, sich mit den Anliegen anderer ernsthaft auseinanderzusetzen.“

© dpa Picture AllianceDer Staat muss neutral Sein

Die gesellschaftliche Debatte über die Rolle der Religion in unserer Gesellschaft ist auch deshalb dringend notwendig, weil es nicht mehr selbstverständlich ist, als Christ in der alles bestimmenden Mehrheit zu sein. Nur noch 57,6 Prozent der Deutschen gehören den beiden großen Kirchen an, auch in der Schweiz ist fast ein Viertel der Bevölkerung inzwischen konfessionslos.  Im Bundestag und im Internet wird erbittert über das Menschenrecht auf freie Ausübung der eigenen Religion gestritten, um die Neutralitätspflicht des Staates und immer wieder um die christlich-abendländische Tradition, die viele bedroht sehen und schützen wollen. Aber was gehört dazu? Läutende Kirchenglocken? Ein Kreuz in jeder bayerischen Behörde? 

Der Protest gegen den Kreuz-Erlass der Bayerischen Staatsregierung fiel dann auch scharf aus: „Gläubige Christen muss es empören, dass Söder aus ihrem Symbol ein Symbol des Staates macht“, schimpfte FDP-Chef Lindner. Kardinal Marx, der Vorsitzende der Bischofskonferenz, legt nach: „Ein Kreuz aufhängen heißt: Ich möchte mich an den Worten dessen orientieren, der am Kreuz für die ganze Welt gestorben ist. Das ist eine Provokation, für jeden Christen, für die Kirche, aber auch für den Staat, der sich auf dieses Zeichen beziehen will.“ Was es heißt, in einem christlich geprägten Land zu leben – diese Debatte hält auch Kardinal Marx für wichtig, aber dafür müsse man alle einbeziehen: Christen, Muslime, Juden und jene, die gar nicht gläubig sind. 70 Jahre nach der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat die Debatte über die Religionsfreiheit wieder Fahrt aufgenommen. Das Kreuz im öffentlichen Raum ist nicht mehr selbstverständlich. Und das ist auch gut so. Es hilft, seinen Wert neu zu entdecken.

Christina Brunner

Juni 2019

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Ein Schluck Wasser

Asia Bibi stammt aus einem Dorf in der Provinz Punjab, dort leben drei christliche Familien unter 1500 Familien.  Bei der Ernte hatte sie für sich und die anderen Erntehelferinnen Trinkwasser geholt. Nachdem sie selbst aus dem Becher getrunken hatte, beschwerte sich eine Nachbarin: Die Muslime auf dem Feld könnten das Gefäß nicht mehr anrühren, es sei unrein geworden. Asia Bibi solle ihrem Glauben abschwören, da Jesus ein Bastard gewesen sei. Sie habe darauf geantwortet: „Ich glaube an meine Religion und an Jesus Christus, der für die Sünden der ganzen Menschheit am Kreuz gestorben ist.“ Die Nachbarinnen behaupteten, sie habe gesagt, dass Jesus und nicht Mohammed der wahre Prophet Gottes sei. Im Oktober 2010 wird Asia Bibi als erste Frau Pakistans wegen Blasphemie zum Tod verurteilt.