Steyler Welt

Begleiter in der Not

Venezuela steckt in einer schwierigen politischen Krise. Die Steyler Missionare stehen den Menschen bei, doch auch für sie selbst ist der Einsatz nicht leicht

Die Wayúu feiern ihre Gottesdienste zu Hause, das Gedenken an die Toten ist ihnen wichtig. Padre Petrus betet mit der Gemeinde im Garten

Wie soll ich denn da durchkommen?“ Pater Petrus Baran hat eine niedrige Stelle in der Straßensperre entdeckt. Kaum hat er sie mit dem Jeep der Pfarrei durchbrochen, drehen sich auch schon die jungen Demonstranten auf der gegenüberliegenden Seite zu ihm um. Zwischen ihnen steht Maria. Sie ist Katechetin der Gemeinde Oscar Romero. „Halt, Padre!“ Wild gestikulierend bedeutet sie Pater Petrus stehen zu bleiben und rennt auf das Auto zu. „Hier können Sie nicht durch. Da liegen überall Scherben und Nägel.“ Der Steyler Missionar aus Indonesien ist erleichtert, ein bekanntes Gesicht zu sehen, denn er lebt erst seit einem Jahr in Venezuela. Maria weist ihm den (Um-)Weg durch kleine Nebenstraßen, die von riesigen Schlaglöchern durchzogen sind und an deren Rändern sich der Müll türmt.

Die Stimmung in den Armenvierteln am Stadtrand von Maracaibo kocht schnell über. Diesmal ist es die Wut über die nicht funktionierende Kanalisation. Das Abwasser quillt nach oben und läuft durch die Straßen. Doch die Proteste gegen die Regierung von Präsident Nicolas Maduro sind weniger geworden. Resignation hat sich breitgemacht. „Als ich im Juli 2017 hier in die Pfarrei San Isidro gekommen bin, gab es riesige Demonstrationen. Überall Straßensperren aus brennenden Reifen. Da hatte ich wirklich Angst“, erinnert sich Pater Petrus Baran. Der 33-Jährige bildet mit dem ein Jahr älteren Yohanes Krisostomus, der ebenfalls aus Indonesien stammt, und dem 52-jährigen Kolumbianer Jaime Zuluaga die Gemeinschaft der Steyler Missionare am Rand der Zwei-Millionen-Metropole Maracaibo. Sieben Gemeinden gehören zur 1997 gegründeten Pfarrei San Isidro. Wie viele Menschen in dem Gebiet aktuell leben, weiß keiner. 2008, als die Steyler die Seelsorge dort übernahmen, waren es 250 000.
 
Hoffnung auf besseres Leben
„Viele verlassen das Land“, sagt Pater Petrus und deutet auf verwaiste Wellblech-Hütten am Straßenrand. „Sie haben nichts zu essen, können keine Medikamente kaufen, und es gibt keine Aussicht auf Arbeit.“ Über 1,5 Millionen Venezolaner, fünf Prozent der Gesamtbevölkerung, sind seit 2014 in die Nachbarländer geflohen. In den Hütten, 20 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt, haben sich überwiegend Kleinbauern vom indigenen Volk der Wayúu angesiedelt. Sie kommen bis heute aus dem Grenzgebiet zu Kolumbien in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben. Mais und Maniok bauen viele rund um ihre Hütte an – für den Eigenbedarf, aber auch zum Verkauf auf der anderen Seite der Grenze. Denn in Kolumbien wird mit dem Peso bezahlt – im Vergleich zum venezolanischen Bolivar eine harte Währung. Aufgrund der galoppierenden Inflation in Venezuela ist der ohnehin niedrige Mindestlohn praktisch nichts wert. Im März 2018 wurde er zwar von 240 000 auf 300 000 Bolivar (das entsprach damals 1,25 Euro) angehoben. Mit allen staatlichen Zuschlägen für Essen und Wohnen kommt man auf etwa 1,1 Millionen Bolivar. Das reicht aber nur für ein Kilo Zucker, ein Kilo Reis und ein Kilo Fleisch. 87 Prozent der Venezolaner sind arm, wie eine 2018 veröffentlichte Studie ermittelt hat. Selbst die Regierung hat den Zahlen nicht widersprochen. Die Versorgung mit Medikamenten ist für die Bevölkerungsmehrheit faktisch zusammengebrochen. „Wir bekommen wenigstens einige Medikamente, die nicht verschreibungspflichtig sind“, erzählt Padre Petrus stolz. Die werden in den Steyler Gemeinden in Kolumbien, zu deren Provinz auch die drei Missionare in Venezuela gehören, gesammelt.

Staatliche Läden sind leer
Die Not in Venezuela hat sich seit dem Tod des charismatischen Präsidenten eines „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“, Hugo Chavez, im Jahr 2013 immer weiter verschärft. Der Verfall des Rohölpreises ist für das Land mit den weltweit größten Erdölvorkommen eine verheerende Entwicklung. Schließlich stammen fast 95 Prozent der Exporterlöse aus dem Verkauf von Erdöl. Auch unter dem See von Maracaibo und seiner Umgebung lagern riesige Mengen des „schwarzen Goldes“. Am stärksten leiden die Angestellten, denn ihre Löhne sind nichts mehr wert. Die Unterschicht lebte auch vor der Machtübernahme von Chavez 1998 in bitterer Armut. Von den riesigen Gewinnen aus den Erdölverkäufen kam bei ihnen nichts an. Doch die Hoffnung, dass ein sozialistischer Präsident wie Chavez die Profite der bereits 1975 verstaatlichten Ölindustrie gerechter verteilt, hat sich nicht erfüllt. Ganz im Gegenteil: Die reichen Familien, die sich zuvor die Macht teilten, haben durch ihre Firmen und Konten im Ausland Dollars in der Tasche. Und mit harten Devisen lassen sich nach wie vor importierte Waren kaufen. Die staatlichen Läden sind leer.

Seit der öffentliche Busverkehr wegen fehlender und teurer Ersatzteile stark ausgedünnt ist, steigt etwa die Nachfrage nach privatem Transport. Zwei der drei erwachsenen Söhne von Alicia Mendez de Codeño besitzen einen alten, aber gut gepflegten Bus. Ein gutes Geschäft, muss doch jeder Fahrgast mindestens 2000 Bolivar bezahlen. Sie verdienen damit ein Vielfaches im Vergleich etwa zu Lehrern, die nur den Mindestlohn erhalten. Alicia, die dem Volk der Wayúu angehört, leitet die Gemeinde Oscar Romero. Unter den großen Bäumen findet das Leben der Großfamilie statt: Ihr Mann – „ein Weißer“, wie sie sagt – repariert im Hof Autos, während ihr Schwiegervater daneben seine pikante Soße kocht und in Flaschen abfüllt. Er hat feste Abnehmer, die er beliefert. So tragen alle Generationen zum – für venezolanische Verhältnisse fast schon üppigen – Familieneinkommen bei. „Wir sind sehr froh, dass die Steyler hier sind“, sagt Alicia. Pater Petrus ist zum Mittagessen vorbeigekommen. Er will mit der Leiterin der Gemeinde Oscar Romero über den Gottesdienst sprechen, der am Abend im Garten des Hauses eines Gemeindemitglieds gefeiert werden soll. „Die Wayúu bitten uns Priester, die Messe bei ihnen zu Hause als Neuntage-, Wochen-, Monats- oder Jahrgedächtnis ihrer Verstorbenen zu feiern“, erklärt der Missionar.

Der Tote vereint die Lebenden
Die gemeinschaftliche Feier der Erinnerung an die Toten spielt in der Kultur der Wayúu eine bedeutende Rolle. Die Erlaubnis, Messen in den Häusern feiern zu dürfen, haben sich die Steyler vom Erzbischof von Maracaibo extra eingeholt. Samstags und sonntags feiern die drei Missionare in der Pfarrkirche und den Kapellen der sieben Gemeinden die Eucharistie. Unter der Woche sowie auf Nachfrage finden dann die Gottesdienste in Privathäusern der einzelnen Gemeinden statt. Während in die Pfarrkirche gerade mal 40 Leute kommen, haben sich an diesem Mittwochabend mehr als 50 Gläubige im Garten eines Privathauses eingefunden. Pater Petrus packt aus seiner Tasche Kreuz, Kelch, Schale und Altartuch. Er lebt die von Papst Franziskus immer wieder eingeforderte Pastoral des „An-die-Ränder-Gehens“. Er geht zu den Menschen, um mit ihnen die Messe zu feiern, und er lässt sich auf ihre Kultur ein, um die frohe Botschaft von Leben, Tod und Auferstehung Jesu zu verkünden.

„Die Wayúu nehmen an der Messe teil, falten auch die Hände, aber der für sie wesentliche Teil findet erst im Anschluss statt“, erläutert Padre Petrus. Dann teilen sie Essen und Trinken in der Großfamilie, besser gesagt: Großgruppe. Denn je nach Anlass kommen hundert und mehr Menschen zusammen. „Der Tote vereint die Lebenden.“ „Wenn wir Missionare auf die Wayúu zugehen, sind sie auch uns gegenüber sehr offen“, sagt Padre Petrus. „Die Wayúu öffnen sich, weil die Steyler im Gegensatz zu anderen Kirchenvertretern die indigene Kultur respektieren“, weiß Gemeindeleiterin Alicia. In San Isidro lebt eine Kirche, die auf die Menschen zugeht, die ihre frohe Botschaft in die kulturellen und gesellschaftlichen Wirklichkeiten übersetzt und die ihnen in ihrer Not beisteht. Sie ist die einzige Institution, der die Menschen noch vertrauen.

Stephan Neumann

September 2018

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