Steyler Welt

Beistand für Notleidende durch den Steyler Missionar Pater Krieg

"Nicht alles ist Gottes Wille" sagt der Steyler Missionar Pater Hansruedi Krieg. Mit stadtgottes-Redakteur Roger Tinner hat er über sein bewegtes Leben gesprochen.

Pater Hansruedi Krieg, 1937 in Uznach geboren, war nach seiner Priesterweihe 1966 acht Jahre als Pfarrer auf den Philippinen tätig. Von 1974 bis 1977 leitete er in der Schweiz die Missionsprokur. Anschließend lebte und arbeitete er bis 2008 in Brasilien – zuletzt als Krankenhausseelsorger in Belo Horizonte. Seinen Ruhestand genießt er im Missionshaus Maria Hilf in Steinhausen.

Als viertes Kind einer Arbeiterfamilie kam ich als Austräger der Zeitschrift „Jesusknabe“ über einen Kontakt mit Bruder Josef Koller in die Marienburg. In der Schule war ich kein Held: Ich glaube, dass ich an der Stiftsschule Einsiedeln meine Abiturprüfung mit der tiefstmöglichen Durchschnittsnote bestand. Insgeheim hatte ich schon einen Plan B und stellte mir vor, eine Kochlehre zu absolvieren, statt Theologie zu studieren.

@privatNach meinem Noviziat in St. Gabriel suchten die Steyler Freiwillige für ein Theologie-Studium im Seminar St. Augustine in Bay St. Louis im Bundesstaat Mississippi. Das war damals, 1962, das einzige theologische Institut in ganz Nordamerika, das für Afroamerikaner offen war. Und wir Studierende aus anderen Kontinenten sollten mithelfen, die afrikanischen Studenten und das Seminar zu integrieren. So konnten wir uns auf die Seite der Benachteiligten stellen – den Notleidenden beizustehen, das hat sich wie ein roter Faden durch mein ganzes Leben gezogen.

Studium unter schwierigen Bedinungen

Im Theologie-Studium waren meine schulischen Schwierigkeiten dann wie weggeblasen. Wir waren ein buntes Gemisch von Afroamerikanern, weißen Amerikanern, Filipinos, Europäern und zwei Studenten aus Panama. In der Stadt gab es jedoch Leute, die uns gar nicht gerne sahen. Zu unserem Schutz verließen wir nur in Gruppen das Seminargelände.

Unser Provinzial Harold R. Perry wurde 1966 unter heftigen Protesten des Ku-Klux-Klan in New Orleans zum ersten afroamerikanischen Bischof geweiht, danach weihte er unseren Kurs zu Priestern. Anschließend ging ich auf die Philippinen, wo ich eine neue Pfarrei aufbauen durfte und eine High School gründete, die bis heute erfolgreich wirkt, denn die Leute dort sind sehr wissbegierig. Nach der Schule kam dann der Kirchenbau. Kaum war auch ein Pfarrhaus gebaut, musste ich weiter. Die Schweizer Provinz bat um meine Hilfe in der Missionsprokur. Ich verpflichtete mich für drei Jahre.

Gebiet voller Armut

1977 ging ich dann nach Brasilien, wo ich 31 Jahre blieb. Den Anfang machte ich in der Stadt Jacinto im Vale de Jequitinhonha, auch Tal der Tränen genannt. Die Pfarrei umfasste vier Ortsgemeinden. Ein mächtiges Gebiet voller Armut, aber ein fröhliches Volk! 1987 kam ich in die Diözese Vitoria do Espirito Santo, wo ich die Pfarrei St. Leopoldina übernahm. Das war eine Pfarrei mit mehrheitlich deutschsprechenden Einwanderern. Auch 100 Jahre nach der Einwanderung sprach man dort noch Deutsch. Mein Einsatz hier dauerte aber nur drei Jahre, denn ich wünschte mir eine größere Herausforderung.

@privatDiese Herausforderung ließ nicht lange auf sich warten. 1991 übernahm ich die Pfarrei Mairi im Bundesstaat Bahia. Mein erster Eindruck war niederschmetternd. Jeden Tag starben kleine Kinder, Säuglinge, und es gab viele Totgeburten. Gott will das so, sagten die Leute. Ich wurde nicht müde zu sagen, dass es nicht Wille Gottes sei. Ich sagte das so oft, bis die Leute müde wurden, meine Leier zu hören, und in einer Versammlung berieten, was man denn da tun könne. Mit der Organisation von Kinderpastoral, Freiwilligen-Engagement, einer Kinderkrippe und einem Kindergarten konnten wir hier viel verbessern. Dabei kam die große finanzielle Unterstützung aus Naters im Kanton Wallis. Hier formierte sich ein Verein, der die Kinderkrippe und den Kindergarten überhaupt möglich machte und viele Jahre unterstützte. Meine Freude aber ist es, dass es auch in Mairi gute, selbstlose Leute gibt, die schon seit 1999 das Werk mit großem persönlichem Einsatz weiterführen, und niemand sagt mehr über ein Totgeborenes: Gott hat es so gewollt.

Rückkehr in die Heimat

Obwohl viele meinten, bei einem Weggang des Pfarrers breche alles zusammen, zog ich 1999 weiter. Zu meiner Freude sind all die sozialen Programme weitergegangen und sogar noch neue dazugekommen. Mein nächster Einsatz war im Santa Casa, einem 13-stöckigen Krankenhaus für die Armen in Belo Horizonte, Minas Gerais. Eine ganz neue Aufgabe, als Krankenhausseelsorger tätig zu sein.

2008, wie vom Blitz getroffen, stieg in mir mit 71 Jahren der Gedanke auf, zurück in meine Heimat, die Schweiz, zu gehen. Er war einfach da und wurde immer drängender. Nun kann ich hier ein kontemplativeres Leben führen, wenn auch die Umstellung nicht leichtfiel. Neben Aushilfen mache ich mich hier im Haus nützlich, wo Hilfe gebraucht wird. Und seit ein paar Jahren gebe ich Deutsch-Nachhilfe für Flüchtlinge. Ich bin also wieder in der Integration tätig – wie damals in Mississippi und wohl überall, wo ich mein bis zur Stunde sehr glückliches Leben führen durfte.   

Aufgezeichnet von Roger Tinner

Februar 2020

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Bisherige Folgen der Serie

In unserer Serie "Der Schatz der Alten" stellen wir Ihnen jeden Monat einen besonderen Schatz aus der Steyler Ordensfamilie vor. Hier finden Sie die bisherigen Folgen:

Sr. Tarcildis SSpS

Br. Heinz Helf SVD

P. Gerhard Lesch SVD

Sr. Marianeldis SSpS

P. Herbert Scholz SVD

P. Hermann Bickel SVD

Br. Adolf Stegmaier SVD

Br. Franz Xaver Romer SVD

Br. Othmar Jessberger SVD

P. Hermann Josef Kaiser SVD

Br. Fritz Tremp SVD

Br. Peter „Seraphim“ Frunk SVD