Brauchtum

Blühendes Mohnmeer

Im Juli stehen im Waldviertel die Mohnfelder in voller Blüte. Jetzt zeigt sich die Urlaubsregion in Niederösterreich von ihrer schönsten Seite

Was für eine Pracht: Der blühende Mohn auf den Feldern verzaubert jeden, der dieses Schauspiel live erlebt

Vielleicht kennen Sie die Gegend von einem Ihrer Urlaube: Das Waldviertel in Niederösterreich ist eine stille Landschaft – sanfte Hügel, dichte Wälder, Wiesen und Felder, dazwischen Teiche und Hochmoore. Die Farben Grün und Braun dominieren hier. Doch einmal im Jahr treibt es das Waldviertel bunt. Wenn Ende Juni, Anfang Juli der Graumohn zu blühen beginnt, leuchten die Mohnfelder in Weiß, Rot und Violett. Ein einmaliges Farbenspiel! Nur einen, höchstens zwei Tage ist die einzelne Blüte geöffnet. Die hauchdünnen Blütenblätter fallen oft schon am Tag des Erblühens wieder ab. Aus der Blüte werden sich später die Kapseln bilden, in denen sich die Mohnsamen befinden. Sie sind die Grundlage für viele Köstlichkeiten der österreichischen und böhmischen Küche.

Im Waldviertel ist der Mohnanbau seit dem 13. Jahrhundert urkundlich belegt. Im ältesten Urbar des Stiftes Zwettl von 1280 sind Ortschaften angeführt, die Mohn als Zins abliefern mussten. Mohn wurde damals als Heil- und Ölpflanze angebaut. In den Kirchen wurde Mohnöl für das ewige Licht verwendet.

Der Mohn gedeiht am besten auf sandigen, durchlässigen Böden, er liebt viele Sonnentage und kühle Nächte. Das Waldviertel, im Norden Niederösterreichs an der Grenze zu Tschechien gelegen, ist daher wie geschaffen für den Mohnanbau. Bis 1934 wurde Waldviertler Graumohn an der Londoner Produktenbörse gehandelt, ein Beweis für seine große wirtschaftliche Bedeutung. Nach dem Zweiten Weltkrieg ging der Mohnanbau jedoch stark zurück. Grund dafür waren zum einen die steigenden Importe aus dem Ausland und andererseits die fehlende Mechanisierung der Landwirtschaft in der abgelegenen Region.

Die Wiederentdeckung

© Waldviertel Tourismus, Mohndorf ArmschlagErst in den 1980er-Jahren besannen sich Bauern und Gastwirte der Mohn-Tradition. Immer mehr Mohnfelder erblühten im Sommer wieder, und auf den Speisekarten fanden sich die überlieferten Mohn-Spezialitäten. So wie im Gasthaus Neuwirth in Armschlag. Von Wirt Johann Neuwirth stammt die Idee zum Mohndorf. Seit 30 Jahren hat sich der kleine Ort dem Mohn verschrieben, mit einem Mohngarten, einem Mohnbauernladen, Wanderwegen durch die Mohnfelder, Kochkursen und einem Kirchweih-Tag zu Ehren des Mohns.

„In Armschlag gibt es fünf Mohnbauern, die meisten führen den Betrieb im Nebenerwerb, bauen auch Getreide an oder haben eine Milchwirtschaft. Vom Mohn allein kann niemand leben“, erzählt Edith Weiß, Vorsitzende des Mohndorfs. Schließlich kann man Mohn nur alle drei bis fünf Jahre an dieselbe Stelle setzen.

12 bis 15 Hektar Mohnfelder bewirtschaften die Armschlager Bauern. Im Schnitt liefert jeder Hektar 600 bis 1000 Kilogramm Mohn. „Insgesamt wird im Waldviertel auf 1500 Hektar Mohn angebaut“, sagt Edith Weiß. Zu 80 Prozent handelt es sich dabei um „Waldviertler Graumohn g.U.“ Seit einigen Jahren ist diese regionale Sorte durch die Ursprungsbezeichnung der EU geschützt. In  geringerem Ausmaß wird im Waldviertel auch weißer Mohn erzeugt.

Die Arbeit der Mohnbauern

Ab Mitte April beginnt für die Mohnbauern die Arbeit am Feld. Mit der Sämaschine werden die Samen in der Erde versenkt. Viel Feuchtigkeit braucht der Mohn in dieser Zeit. Nach zehn bis 14 Tagen geht die Saat auf. Die kleinen Pflanzen sind von Unkraut bedroht, deshalb müssen die Bauern viel Zeit in die mechanische und händische Unkraut-bekämpfung stecken.

Ende Juni, Anfang Juli beginnt die Mohnblüte. „Der genaue Zeitpunkt hängt von Wetter- und Bodenbedingungen ab und ist jedes Jahr unterschiedlich“, erklärt Edith Weiß. Zeitig am Morgen öffnen sich die fast handtellergroßen Blüten. Ein farbenprächtiges Mohnmeer erstreckt sich dann bis zum Horizont. Jahr für Jahr kommen im Sommer Tausende Besucher nach Armschlag, um sich dieses Naturschauspiel nicht entgehen zu lassen.

Sobald die Blütenblätter abgefallen sind, beginnt die kleine grüne Kapsel ihre Kronzacken aufzurichten und zu wachsen. In den nächsten Wochen benötigt der Mohn viel Sonnenschein, aber auch einen großen Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht. „Das fördert den Gehalt der ätherischen Öle“, weiß die Mohn-Fachfrau.

© Waldviertel Tourismus, Mohndorf ArmschlagGeerntet wird der Mohn Ende August bis Anfang September, wenn die Kapseln hart, trocken und braun sind. Die geöffneten „Augen“ des Graumohns, die kleinen Löcher in der Kapsel, zeigen an, wann es so weit ist. Frühestens um zehn Uhr vormittags, wenn die Sonne den Tau getrocknet hat, fahren die Landwirte aufs Feld. Die maschinelle Ernte erfolgt mit umgebauten Mähdreschern. Mithilfe von rüttelnden Sieben wird der Mohn aus den Mohnkapseln geschüttelt und in einem Speicher gesammelt. Die Kapseln bleiben als Dünger auf den Feldern liegen.

Nur noch selten ernten Bauern die Mohnfelder per Hand ab. Mit einer Gartenschere werden die Stängel abgeschnitten, in Bündeln zusammen-gefasst und dann kopfüber über einen Kübel gehalten und fest ausgeschüttelt. Rund drei Stunden braucht es, bis ein Kübel voll ist. Besonders schöne Kapseln werden beiseitegelegt, sie sind in der Floristik und fürs Basteln beliebt.

In Armschlag verkaufen die Mohnbauern ihre Produkte ab Hof beziehungsweise im Bauernladen. Der Großteil des Waldviertler Graumohns wird jedoch von einer Erzeuger- und Vermarktungsorganisation gereinigt, getrocknet, abgepackt und in den Verkauf gebracht. Dann ist die Spezialität bereit, um zu Mehlspeisen und Kuchen verarbeitet zu werden. Klassisch und typisch fürs Waldviertel sind die Mohnzelten, kleine Fladen aus Kartoffelteig, die mit Mohn und Marmelade gefüllt und gebacken werden. Oder Mohnnudeln, Mohnstrudel und Mohntorten, Mohnknödel, Mohnkipferl und vieles mehr. Aber auch Pikantes lässt sich mit Mohn verfeinern: Im Waldviertel serviert man zum Beispiel Karpfen im Mohnmantel oder Mohnpesto. Dem Mohngenuss sind (fast) keine Grenzen gesetzt!

Ursula Mauritz

Juli 2019

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Im Mohnblütenmonat

Von Anfang bis Mitte Juli rechnet man in Armschlag in diesem Sommer mit der Mohnblüte. Besonders schön lässt sich das Naturschauspiel beim „Blütenerwachen“ erleben. Vom 1. bis 11. Juli geht es frühmorgens ab 7 Uhr mit dem Mohn-Express und zu Fuß zu den blühenden Feldern. Anschließend wird beim Mohnwirt gefrühstückt. Anmeldung: info@mohndorf.at