Titelthema

Das Beste kommt noch

Warten ist nicht mehr „in“! Die WhatsApp-Nachricht muss sofort beantwortet werden, den Kaffee trinken wir „to go“ und Rumstehen auf dem Bahnhof macht alle aggressiv. „Warten aufs Christkind“ – das ist der Auftrag in der Adventszeit.

Wir warten auf so vieles. Einige Menschen erzählen hier, worauf sie warten und was es ihnen bedeutet.

Vorfreude auf ein neues Leben

Schwanger! Mein Mann Jonas und ich freuen uns sehr! Aber bald habe ich gemerkt, was das wirklich heißt: Jeden Morgen war mir übel, alles war furchtbar anstrengend. Schnell wurde mir alles zu viel. Ich dachte mir: Neun Monate sind eine so lange Zeit.

@Michael EnglertUnd dann die Ängste: Ist unser Kind gesund? Werde ich eine unbeschwerte Schwangerschaft haben? Wird alles gut gehen? Man hört ja so viel von Fehlgeburten und Krankheiten aus dem Umfeld. Besonders schlimm waren die Gedanken an die Geburt. Fragen wie: Wie lange wird es dauern? und: Werde ich die Schmerzen aushalten? begleiteten mich ständig. Ich habe mit anderen über meine Sorgen gesprochen und viel zum Thema gelesen. Das hat mich etwas beruhigt.

Nach den ersten drei Monaten ging es mir besser. Mein Bauch fing an zu wachsen. Endlich habe ich das kleine Wesen in mir gespürt. Das war so eine tolle Erfahrung! Sofort spürte ich eine intensive Bindung zu meinem Baby. Ich hatte auf einmal ganz viel Energie und die Übelkeit war weg. Plötzlich dachte ich: Neun Monate gehen so schnell vorbei! Auf die Geburt zu warten war nun viel einfacher.

Ja, eigentlich spielt das Warten nun gar keine große Rolle mehr. Vielmehr freue ich mich so auf die neue aufregende Zeit und genieße meine Schwangerschaft in vollen Zügen.

@shutterstockSeit ein paar Tagen weiß ich, dass wir ein Mädchen bekommen. Ich bin so gespannt, was sie für ein Mensch wird, auf welche Schule sie einmal geht, welche Freunde und Interessen sie hat. Mein Mann und ich lieben es, durch die Welt zu reisen. Wir hoffen, dass wir das bald als Familie zusammen machen können.

Ich nutze die Schwangerschaft gerade vor allem für Vorbereitungen. Mein Mann und ich richten das Kinderzimmer ein und gehen auf Babyflohmärkte. Gerne unterhalte ich mich mit Freundinnen, die schon ein Kind haben. Das ist mir total wichtig. Es ist ja mein erstes Kind, und ich weiß nicht, was mich erwartet.

Die neunmonatige Wartezeit ist enorm wichtig, mit allen Höhen und Tiefen.

Melanie Pies-Kalkum, 30, aus Bonn ist Medienredakteurin der Steyler Mission. Sie ist mit ihrem ersten Kind im achten Monat schwanger.

Warten auf Anotina

Ein ganzes Jahr lang war unsere jüngste Tochter in Bolivien. Wir haben die Wochen gezählt – eine Woche weg, zwei Wochen weg ... Und sobald der Tag ihrer Rückkehr feststand, wurde er im Kalender in der Küche rot markiert!

Wir waren gespannt, wie sie wohl zurückkommen würde. Unser Kind geht mit gerade mal 18 Jahren weg, da fragt man sich: Wird sie dieses Jahr verändern, prägen? Wird sie erwachsener sein, wenn sie wiederkommt?

Am 13. August haben wir Antonia am Flughafen Frankfurt abgeholt – mit einem Strauß Sonnenblumen in der Hand. Das Gepäck kam lange nicht, wir haben über eine Stunde auf unser Kind gewartet. Für Antonias Freund Simon war das eine Ewigkeit! Sie hatte sich übrigens gewünscht, dass wir zum Flughafen eine Dose mit dunklem Brot und  Fleischwurst mitbringen, weil es in Bolivien immer nur weißes Brot gibt.

@privatDas Brot gab‘s dann aber erst zu Hause bei der Willkommens-Party. Ihre Schwestern, die Cousine, ihre Freundinnen und die Großeltern hatten den Tisch schön gedeckt und Blumen gepflückt.

Für die Großeltern war das Warten sicher am schwierigsten. „Nä, ihr gläuvt nit, wie ärg ich dat Kind vermiss“, hat der Opa immer geseufzt. Die Oma hat mit ihren 78 Jahren noch gelernt, wie man mit WhatsApp anruft oder einen Videocall macht. Das war immer eine Riesen-Aufregung, wenn Antonia dann am Handy war: „Da ist sie!  Obwohl sie doch auf der anderen Seite der Welt ist!“ Einmal in der Woche haben wir telefoniert; es hat aber nicht immer geklappt, dann hat man sich auch schon mal Sorgen gemacht. Und oft haben wir gesagt – sie in Bolivien und wir in Deutschland – : Wir freuen uns, wenn wir wieder zusammen hier sitzen!

Die Oma hatte ein Foto von Antonia aufgestellt, manchmal eine Kerze angezündet und für sie gebetet. Alle haben gebetet, sogar die Nachbarn. Wir haben unsere Gedanken auf die Reise geschickt: dass alles gut geht, dass sie nicht traurig ist... Wenn man so weit voneinander weg ist, dann kann das Gebet Seelen verbinden. Davon sind wir überzeugt. Die Gebete haben uns geholfen und getragen.

Beate, 50, und Olaf Weber, 51, aus Lohmar sind die Eltern von Antonia. Die 19-Jährige war ein Jahr lang als Missionarin auf Zeit bei den Steylern in Bolivien.

Wenn der Tod kommt

In dem Moment, wenn die Ärzte einem Patienten sagen, dass keine Hoffnung auf Besserung oder Heilung besteht, komme ich als Sterbebegleiterin dazu. Das ist ein schwieriger Moment, weil die Menschen selbst das oft noch gar nicht realisiert haben. Ist ja auch schwer zu sagen: „Jetzt warten wir auf den Tod!“ Ich vermeide das Wort „Sterbebegleiter“, das klingt so endgültig. Ich stelle mich immer als Mitarbeiterin des Hospizes vor. Aber früher oder später kommt der Moment, wo man sehr offen miteinander über den Tod reden kann.

@privatEine Sterbebegleiterin braucht viel Zeit. Man muss sich selbst komplett zurücknehmen. Denn am Lebensende gibt es oft nur noch winzige Kommunikationsversuche und sehr versteckte Zeichen: eine Hand, die sich zurückzieht und damit kundtut, dass sie nicht gehalten werden möchte. Ein leichtes Zuwenden oder Nicken. Um das zu sehen, muss man sehr aufmerksam sein und sich total auf sein Gegenüber einlassen. Was ich eine großartige Aufgabe finde, die man auch im Alltag mehr üben sollte!

Der sterbende Mensch und ich versuchen, aus jedem Tag das Beste zu machen. Manchmal bringe ich CDs mit Naturgeräuschen mit - das tut immer gut. Denn die Sehnsucht nach der Natur ist natürlich groß, wenn man tagelang isoliert im Zimmer liegt. Duftöl hilft, sich an einen geliebten Geruch zu erinnern. Manchmal erzähle ich auch aus meinem Leben und bringe so die Außenwelt in die immer kleiner werdende Welt im Heim. Vor allem ist es wichtig, da zu sein und Nähe zu zeigen.

Es gibt natürlich Phasen, da komme ich mir wie eine Gesellschafterin vor, die nur am Bett sitzt und nicht mehr viel tun kann. Dann fragt man sich schon manchmal: Was ist hier eigentlich meine Aufgabe? Warten ist ja oft auch mit Langeweile verbunden ... Und eine Woche später kann es ganz anders sein. Sterben ist ja keine gleichförmige Entwicklung, sondern ein Auf und Ab, ein Prozess! Der Tod tritt nicht ins Zimmer und nimmt einen mit. Man hat genügend Zeit, um damit seinen Frieden zu schließen, vielleicht sogar hineinzuwachsen. Am Ende sind viele wirklich einverstanden, dass sie jetzt sterben. Gerade bei den älteren Menschen, die ich begleitet habe, spüre ich einen Frieden, der etwas sehr Tröstliches hat.

Ilka Piepgras, 55, ist Journalistin und ehrenamtliche Mitarbeiterin eines Berliner Hospizes. Als Sterbebegleiterin möchte sie helfen, aus jedem Tag das Beste zu machen.

Christina Brunner und Eva Bernarding

Dezember 2019

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