Steyler Welt

Das Gold der kleinen Leute

An den Flussufern von Madagaskar suchen viele hundert Menschen nach Gold. Manche träumen von Reichtum, andere nur davon, den nächsten Tag zu überleben

Goldsuche im Fluss

Ein Splitter ist es, ein kleines Körnchen nur. Aber für Lisette ist das ein Grund zur Freude. Lächelnd blickt sie in die Holzschüssel, während das kalte Flusswasser ihre Beine umspült. „Ich habe etwas gefunden“, flüstert sie ihrem Bruder zu. Sofort eilt ihre Tante herbei und schaut auf den Klumpen Sand, der in der Schüssel liegt. Ein kleines Blitzen in einer Ecke verrät, dass da noch mehr zu finden ist als bloßer Schlamm und Kiesel: ein kleines Körnchen Gold! 

„Pass bloß auf“, mahnt die Tante. „Nicht, dass der Wind alles wegweht!“ Aber Lisette hat keine Angst. Sie weiß schon, wie sie ihre Arbeit machen muss. Auch wenn sie kaum 13 oder 14 Jahre alt ist.  Tag für Tag steht sie hier am Ufer des Flusses Andrangaranga, der durch die Berge von Madagaskar fließt. Sie und ihre Familie suchen nach Gold.

GRABEN MIT BLOSSEN HÄNDEN

Viel Zeit, ihren Fund zu bestaunen, hat das Mädchen nicht, denn die Arbeit ist ja noch nicht getan für heute. Schon kommt ihre Freundin Sara um die Ecke, sie schleppt einen Plastiksack voller goldbraunem Schlamm. Nachschub für Lisette und ihren Bruder Clemence. Sara kippt den Schlamm ans Ufer, die jungen Goldwäscher werden ihn in ihre Pfannen füllen und im glasklaren Wasser durchspülen. So lange, bis – vielleicht – ein paar weitere Gramm des edlen Metalls übrig bleiben. 

Wie viel war ihr Fund von vorhin wohl wert? „Vielleicht 3000 Ariary“, sagt Lisette. Das wäre ungefähr ein Euro. Vielleicht gibt es aber auch mehr dafür. So genau wollen es die Goldsucher nicht verraten. Zu schnell könnte sich die Nachricht verbreiten, dass da jemand den ganz großen Schatz aus dem Fels herausgewaschen hat. Auch aus diesem Grund möchten sie, dass ihre Familiennamen lieber ungenannt bleiben.

Tatsächlich ist die Arbeit hier Familiensache. „Das Land gehört meinen Schwiegereltern“, sagt der Älteste in der Runde, nachdem er Lisette, Sara und Clemence wieder zurück an die Arbeit geschickt hat. Er beaufsichtigt auch seine drei jüngeren Brüder. Sie sind es, die die anderen im Wasser mit Material versorgen. Gemeinsam haben sie ein kreisrundes Loch in den Lehmboden gegraben. Etwa 15 Meter geht es senkrecht hinunter in die Tiefe – so weit, bis sie auf Grundwasser stoßen. Barfuß klettern sie hinunter, um die Stirn haben sie sich mit Klebeband einfache Taschenlampen gebunden, damit sie etwas sehen können. Mit kleinen Schaufeln und oft auch mit bloßen Händen graben sie weiter, immer weiter ins Erdreich hinein. Zwei der Jungen sind gerade unten, einer der drei, er heißt Silvestre, wartet oben, am Rande des Erdlochs auf ihr Kommando. Es wird noch ein paar Minuten dauern.

Die Familie wohnt gleich gegenüber, auf der anderen Seite des Flusses. Man kann von hier aus einen kleinen Trampelpfad sehen, der vom Hoch­ufer nach oben führt, zu einem kleinen Häuschen aus Bambusholz und mit einem Dach aus Palmblättern. Davor erstreckt sich ein kleines Feld den Hügel hinab. Die meisten Menschen in dieser Gegend bewirtschaften kleine Felder, bauen Reis und Kochbananen an, und ihr Ertrag reicht gerade so aus, um die Familie zu ernähren. Gold ist da nur ein Zubrot – eine harte Arbeit, mit ungewissem Erfolg. 

„Reich werden die wenigsten“, sagt der Steyler Missionar Gabriel Kokon. Er arbeitete einige Jahre lang in der angrenzenden Pfarrei Vohilava und kennt viele Goldsucher persönlich. Das Problem sei, dass sich viele ihre eigene Lebensgrundlage abgraben. „Indem sie ihr Stück Land umgraben, finden sie zwar ein bisschen Gold – aber auf die Dauer wird so der Boden ausgelaugt, und wenn das Gold zu Ende ist, können sie nichts mehr anbauen.“

Jeden Abend sammelt der älteste Bruder den Ertrag des Tages und trägt ihn in die nahe Kleinstadt Vohilava. Dort warten Händler schon auf ihn und all die anderen Goldsucher. Es sind Geschäftsleute wie Ernest Wai, die das Gold ankaufen. Herr Wai und seine Frau Mamy Eliane haben einen der größten Läden von Vohilava. Sie führen alle Waren, die man so braucht, von der Zahnbürste bis zur Batterie, getrockneten Fisch, säckeweise Reis, Zimt, Vanille, Pfeffer und so weiter. Wenn die Goldsucher kommen, legen sie deren Fundstücke auf die sprichwörtliche Goldwaage und bestimmen den Preis. Auch Herr Wai spricht nicht so gern über die genauen Geldbeträge. Die Konkurrenz hört immer mit. Aber bis zu 15  000 Ariary pro Gramm könnten es schon sein, wenn die Qualität stimmt. Vier bis fünf Euro, immerhin. 

DEN PROFIT MACHEN ANDERE

Aber oft genug muss er gar kein Bargeld auszahlen, denn die Leute tauschen es sofort ein gegen Lebensmittel. Sie müssen ja ihre Familien zu Hause versorgen. Oft warten die Mütter abends schon sehnsüchtig darauf, dass die Goldsucher ein bisschen Reis nach Hause bringen fürs Abendessen. 

Vielen Goldsuchern fehle der nötige Sinn fürs Geschäft, sagt Pater Gabriel Kokon. „Sie sind es nicht gewohnt, etwas Geld für den nächsten Tag zu sparen, sondern sie geben alles sofort wieder aus.“ Den richtigen Profit machen andere.

Leute wie die Wais. Das Händlerehepaar gehört zur chinesischen Minderheit im Land. Ihre Vorfahren kamen vor etwa hundert Jahren aus China nach Madagaskar und fingen an, Handel zu treiben. „Das Gold verkaufen wir an andere Händler, die geben es dann wieder an andere weiter“, sagt Herr Wai. Es ist eine Reihe von drei, vier Zwischenhändlern, die alle ihren Profit machen wollen. Letztlich wandern die Edelmetalle dann irgendwann in die Hauptstadt und werden von dort exportiert. Ganz am Anfang dieser Kette stehen die Goldwäscher vom Fluss. 

Es ruckelt am Seil, Silvestre nimmt die hölzerne Kurbel mit beiden Händen und zieht die nächste Ladung hoch. Sofort klettern auch seine beiden Brüder wieder aus dem Erdloch heraus. Nur nicht zu lange da unten bleiben, wer weiß, ob das Erdreich noch hält. Je mehr Löcher und Tunnel sie da unten hineingraben, desto unsicher wird ja das Gelände. Immer wieder kommt es vor, dass ganze Stollen einfach einstürzen und alle unter sich begraben, die es nicht mehr schnell genug an die Oberfläche schaffen. „Erst vor ein paar Wochen sind  sechs oder sieben Leute aus der Nachbarschaft gestorben“, sagt einer der Brüder.  Aber er will nicht allzu ausführlich darüber sprechen, sonst würde er an die Gefahr erinnert, in der sie selber täglich schweben. 

Bis vor knapp zehn Jahren war es für Privatleute sowieso illegal, auf Madagaskar nach Gold zu schürfen. Die ersten offiziellen Explorationen gab es Ende des 19. Jahrhunderts, als französische Kolonialabenteurer mit dem einheimischen madagassischen Königreich die ersten Lizenzen aushandelten. Inzwischen soll das „small scale mining“ – Bergbau in kleinem Ausmaß – die lokale Wirtschaft antreiben. Kommunen und Distrikte geben Lizenzen aus, und nur wer eine Jahresgebühr bezahlt, darf schürfen und waschen. Von den Einnahmen bezahlt der Bürgermeister dann den dringend notwendigen Ausbau der Straßen, der Schulen und des Stromnetzes. So lautet zumindest die Theorie. In der Praxis sammeln strenge Kommunalbeamte zwar regelmäßig die Schürfgebühr ein – an der Infrastruktur verändert sich jedoch eher wenig.

DIE KONZERNE KOMMEN

Der Bürgermeister der nahen Stadt Vohilava sei meistens betrunken, erzählen die Leute. Seit seiner Wahl habe er sich nicht mehr groß um seine Bürger gekümmert. Und die holprigen Straßen bis hinunter an die Küste wolle er auch gar nicht unbedingt neu asphaltieren lassen, heißt es. Es könnten ja sonst nur noch mehr Firmen von auswärts kommen, um die begehrten Goldschätze abzubauen. Industrie, Maschinen, Bergwerke – dieser Gedanke macht vielen hier Angst. Sie fürchten, dass alle Bodenschätze dann nur noch an die Fremden gehen und den Einheimischen nichts mehr übrig bleibt.

Erst vor Kurzem hat ein chinesisches Unternehmen ganz in der Nähe begonnen, in größerem Stil nach Gold zu graben. Bisher mit eher geringem Erfolg. In anderen Teilen der großen Insel Madagaskar jedoch haben sich längst einige mächtige Bergbaukonzerne ihre Claims gesichert. Rio Tinto etwa, eines der größten Unternehmen der Welt, baut Edelmetalle wie Titaneisen ab – etwa 5000 Arbeitsplätze sind entstanden, und einige Milliarden Dollar wurden investiert, die vor allem der Regierung in der Hauptstadt Antananarivo gutgetan haben.

Von solchen Summen und solchen Erträgen wagen die jungen Goldwäscher am Flussufer gar nicht erst zu träumen. Silvestre, einer der drei Brüder, die abwechselnd in das Erdloch hinunterklettern, darf gerade eine kurze Pause machen. Mit dem Finger zeichnet er seinen Spitznamen in den Sand: „Sily“. Und daneben ein Bild, es ist ein Auto oder vielleicht ein Lastwagen. So einen würde er gerne einmal fahren. 

Viel größer sind die Wünsche nicht am Ufer des Andrangaranga. Wo zwar vielleicht noch der eine oder andere Schatz unter der Erde schlummert. Wo aber schon ein Brösel Sand darüber entscheidet, ob es abends eine Schale Reis zu essen gibt. Oder nicht.                  

Christian Selbherr

Januar 2016

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