Das Gespräch

"Demokratie und Frieden sind nicht selbstverständlich"

Sie ist Soldatin bei der Bundeswehr und das aus Überzeugung. Nicht immer einfach, schließlich sind die Streitkräfte umstritten. stadtgottes-Redakteurin Melanie Fox erzählt die 40-Jährige, was es bedeutet, Soldatin zu sein: Welche Probleme es gibt und was sich ändern muss

Ihre Uniform trägt die Bundeswehrsoldatin mit Überzeugung und Stolz

Frau Hammouti-Reinke, Sie sind mit 16 von zu Hause ausgezogen. Nachdem Sie den Film „Pearl Harbor“ gesehen haben, wollten Sie zur Bundeswehr. Dort dienen Sie nun seit 14 Jahren Deutschland. Beruf oder Berufung?

Mittlerweile Berufung. Ich sehe es so, dass ich Dienst in der Gemeinschaft für die Allgemeinheit leiste. Zudem hat der Job mich geformt: Bevor ich zur Bundeswehr kam, war ich nicht so ordentlich. Jetzt gehe ich nicht aus dem Haus, wenn ich mein Bett nicht gemacht habe. 

Hat dieser Weg Ihre Sicht aufs Leben verändert?

Ja, ich interessiere mich für Außen- und Innenpolitik, Gesellschafts- und Verteidigungspolitik. 

Wie habe ich mir Ihr Leben bei der Bundeswehr vorzustellen?

Es zählen keine Äußerlichkeiten, die Religionszugehörigkeit spielt keine Rolle. Wir haben zwar klare Hierarchien, vertrauen uns aber untereinander. Die Uniform macht uns gleich. Der andere, die andere ist mein Kamerad, er/sie steht für mich ein und ich stehe für ihn/sie ein. 

© Michael Löwa

Was ist Ihre Aufgabe bei der Bundeswehr?

Ich bin Sicherheitsbeauftragte beim Marinefliegerstützpunkt, kümmere mich um die militärische Sicherheit zweier Geschwader und des Marinefliegerkommandos. Ich achte zum Beispiel darauf, dass Baumaßnahmen der militärischen Sicherheit entsprechen, die geheimen Systeme, beispielsweise in unseren Flugzeugen, nicht der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden und bin für die Sicherheitsüberprüfung der Soldaten zuständig. 

Die Bundeswehr hat in der Gesellschaft eine eher schlechte Akzeptanz. Woran liegt das?

Viele Menschen sind sich nicht bewusst, dass Demokratie und Frieden nicht selbstverständlich sind. Sie glauben, man braucht keine Soldaten. Nach dem Motto: Keine Soldaten, kein Krieg.

Sie waren bereits zweimal im Auslandseinsatz in Afghanistan, haben sich freiwillig dafür gemeldet. 

Die Erfahrung eines Auslandseinsatzes wollte ich auf jeden Fall mitnehmen. Es ist nichts für mich, von anderen zu hören, wie es dort ist. Es war mir auch wichtig, meine Kenntnisse dort vor Ort einzubringen.

Diese Auslandseinsätze sind sowohl in der Politik als auch in der Bevölkerung umstritten. Was sind die Hauptaufgaben der Soldaten in den Auslandseinsätzen wie in Mali oder Afghanistan?

Im Vordergrund steht der Wiederaufbau. Dazu zählt die Ausbildung der Sicherheitskräfte, um den Menschen dort die Möglichkeit zu geben, sich ihr eigenes politisches System aufzubauen, was förderlicherweise eine Demokratie sein sollte. Ganz wichtig: Bildungsmöglichkeiten schaffen und Verbrechen verhindern. Speziell aus Afghanistan weiß ich, dass die Taliban mit der Al Kaida oder dem IS Selbstmord-Attentäter ausgebildet haben. Den Menschen eine andere Perspektive zu bieten, darum bemühen wir uns.

Trotz Ihrer freiwilligen Meldung hatten Sie große Angst vor dem Einsatz in Afghanistan. Sie sagen ganz klar, sie wären bereit, für Deutschland zu sterben. Wie sind Sie mit der Situation umgegangen?© Michael Löwa

Erst mal war ich ja mit der Vorbereitung und Organisation vor dem Einsatz beschäftigt. Meine Familie hatte natürlich auch große Angst um mich. Ich habe versucht, sie ihr zu nehmen. Meine Angst wurde mir erst so richtig auf dem Weg zum Flughafen bewusst. Zum Glück hatte ich Kameraden an meiner Seite, mit denen ich reden konnte: über die Aufgabe, die vor uns liegt und auch über unsere Ängste. 

Wie hat Ihnen Ihr Glaube in dieser Zeit geholfen?

Ein kleiner Koran war mein ständiger Begleiter, diesen trug ich die ganze Zeit in der linken Brusttasche meiner Uniform. Ich habe gebetet, dass alles gut ausgeht, meine Kameraden und ich lebendig und gesund wieder nach Hause kommen.

Nach § 36 Soldatengesetz hat jeder Soldat das Recht auf freie Religionsausübung und einen Anspruch auf Seelsorge. Für Christen in der Bundeswehr gibt es seit Langem Militärseelsorger. Für muslimische Soldaten gibt es diese bis dato nicht ...

... Das ist richtig. Ich bin zwar nicht besonders fromm, kann aber aus eigener Erfahrung sagen, dass ich gerade im Einsatz in Afghanistan oder auch bei meiner Offiziersausbildung recht oft das Bedürfnis hatte, mit einem Geistlichen zu sprechen. Doch leider ist da niemand. Klar kann ich mit meinen Kameraden reden, aber das ist nicht dasselbe.

Vieles läuft schief bei der Bundeswehr, darüber haben wir gesprochen. Was läuft denn richtig gut?

Der Zusammenhalt, den wir in der Truppe haben, ist sensationell. Dabei ist es vollkommen egal, woher ich komme, welcher Religion ich angehöre, welche Hautfarbe ich habe. Das ist etwas, was ich in der Gesellschaft vermisse. Wenn ich außerhalb des Dienstes unterwegs bin, werde ich ständig gefragt, aus welchem Land ich komme. Innerhalb der Truppe spricht man mir mein Deutschsein nicht ab, es wird anerkannt und gewürdigt. 

Das gesamte Gespräch lesen Sie in unserer Juni-Ausgabe. Bestellen Sie hier ihr kostenloses Probeheft.

Melanie Fox

Juni 2019

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

In der Hostienbäckerei der Steyler Missionare in Mödling werden pro Monat 400.000 Hostien produziert. Wir waren zu Besuch in der Backstube

[weiter...]

Der Schauspieler Wanja Mues hat bei seinem Vater eine ablehnende Haltung zum Glauben erlebt. Dennoch bekennt sich der 45-jährige zum christlichen...

[weiter...]

Zur Person

Nariman Hammouti-Reinke wurde 1979 als Kind marokkanischer Eltern nahe Hannover geboren. 2005 stieg sie in die Feldwebel-Laufbahn bei der Bundeswehr ein und war bereits zwei Mal für die Truppe Elektronischer Kampf im Afghanistan-Einsatz. Mitte 2016 wechselte die Berufssoldatin in die Laufbahn der Offiziere des Militärfachlichen Dienstes und ist seit Anfang 2019 Leutnant zur See. Als Vorsitzende des Vereins Deutscher. Soldat. engagiert sie sich für eine moderne Integrationspolitik. Im Jahr 2017 hat sie als Mitglied der 16. Bundesversammlung den Bundespräsidenten der Bundesrepublik Deutschland gewählt.