Das Gespräch

Den Dopingsündern auf der Spur

Hajo Seppelt ist seit etwa 30 Jahren als Journalist tätig. Seit 1997 hat er sich dem Thema Doping im Spitzensport verschrieben. Ende 2015 wurde sein Dokumentationsfilm „Geheimsache Doping – Im Schattenreich der Leichtathletik“ in der ARD ausgestrahlt. Daraufhin wurde Russland von den kommenden Olympischen Spielen suspendiert. Auch die Teilnahme Kenias steht wegen seiner Recherchearbeiten auf der Kippe. stadtgottes traf Hajo Seppelt in einem Schnittraum des WDR in Köln, als er bereits an einem neuen Filmprojekt mit weiteren Enthüllungen arbeitete.

Hajo Seppelt

Herr Seppelt, wenn man sich in die Dopingthematik einliest, dann sieht es im Spitzensport sehr düster aus. Auch dieses Jahr gibt es Großveranstaltungen wie die Tour de France oder die Olympischen Spiele in Brasilien. Da stellt sich die Frage: Gibt es eigentlich noch ausreichend Möglichkeiten, um vorbeugende Maßnahmen zu treffen?

Ja, die Mittel sind aber begrenzt, weil die Dopingkontrollen, die üblicherweise bei Großveranstaltungen stattfinden, nie die ganze Palette der Manipulationsmöglichkeiten abdecken können. Das heißt, es gibt viele Substanzen und Methoden, die entweder schlecht oder gar nicht nachweisbar sind. Es ist so, dass Dopingkontrollen häufig auch nur Stichproben sind. Insofern kann man eigentlich nicht erwarten, dass Dopingkontrollen, die eher auf Quantität als auf Qualität ausgerichtet sind, auch die Doper aus dem Verkehr ziehen. Der Öffentlichkeit wird oft der Eindruck vermittelt, dass durch ein angeblich umfassendes und alles abdeckendes Netz von Dopingkontrollen die Sicherheit für sauberen Sport gewährleistet ist. Aber das ist ein Trugschluss.

In einem FAZ Interview sagte der Kriminaltechniker Hellmut Mahler, die Suche nach Doping sei wie die Suche im Heuhaufen nach etwas, das man nicht kennt. Durch minimale molekulare Veränderungen von Präparaten lassen sich diese nicht mehr in den Laboren finden. Gibt es überhaupt noch die Möglichkeit, flächendeckend Dopingfälle aufzudecken?

Es wurden noch nie flächendeckend Dopingfälle aufgedeckt. Die Frage ist also schwierig zu beantworten. Es ist eher so, dass Dopingkontrollen nicht immer, aber leider viel zu häufig, die Wirklichkeit des Spitzensports überhaupt nicht abbilden. Wir haben weniger als ein Prozent positive Tests mit sogenannten Auffälligkeiten, oder manchmal auch den Fund von Substanzen. Aber Athleten geben ja in manchen Sportarten zu, dass sie dopen. Es gibt beispielsweise eine Umfrage mit Beteiligung des internationalen Leichtathletikverbandes aus dem Jahre 2011: Bei der kam heraus, dass allein bei den Weltmeisterschaften in Daegu 29 Prozent der befragten Sportler gesagt haben, dass sie im Jahr zuvor zu Dopingmitteln gegriffen haben. Ich zweifle den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen ehrlich gesagt nicht an. Man muss von einer riesengroßen Grauzone ausgehen. Man muss leider sagen, dass die meisten Athleten, die dopen, eine große Chance haben davon zu kommen. 

Im Moment stehen Russland und Kenia im Fokus. Es ist bekannt, dass in China viel gedopt wurde. Wie sieht es denn bei den deutschen Athleten aus? Man weiß von Fällen in der DDR, aber jetzt war zu lesen, dass auch die Freiburger Dopingaufklärer aufgegeben haben, weil ihnen die Arbeit erschwert wird.

Es ist bedauerlich, dass eine Kommission ihre Arbeit nicht zum Abschluss bringt. Wobei das, was sie dort aufgedeckt hätte oder zum Teil auch schon aufgedeckt hat, Fälle und Strukturen aus der Vergangenheit sind. Doch auch in Deutschland wurde klar, dass die Aufklärungsquoten der Nationalen Anti-Doping-Agentur, die deutlich unter einem Prozent und somit sogar noch niedriger liegt als im internationalen Schnitt, von anonymen Befragungen im deutschen Spitzensport konterkariert werden. Athleten gaben manchmal weit in den zweistelligen Bereich hinein zu, dass sie zu Dopingmitteln gegriffen haben und diese findet man offensichtlich nicht. Also muss man auch hier sagen, dass Dopingkontrollen leider Gottes manchmal, nicht immer, ein Muster ohne Wert sind und sie vor allem die Funktion haben, abschreckend zu wirken, da sonst wohl noch viel mehr Leute dopen würden. Man muss sich das so vorstellen, als wenn ein Blitzerkasten an der Ampel steht. Dann kann man davon ausgehen, dass die meisten Leute eher langsamer fahren. Gibt es keinen Blitzerkasten, dann wird das eher nicht der Fall sein. Dann werden sie auch häufiger das Risiko eingehen, bei Rot über die Ampel zu fahren. 

Aber die Gruppe dopender Athleten scheint doch sehr groß zu sein. Geschieht das Dopen auf freiwilliger Basis oder steckt doch mehr Zwang dahinter?

Ich glaube, dass es im Hochleistungssport tatsächlich eine Art Systemzwang gibt. Natürlich ist der Athlet am Ende selbst verantwortlich für das, was er in seinen Körper aufnimmt. Aber die psychologischen und sozialen Rahmenbedingungen des Spitzensports führen bei vielen Athleten, vor allem im Ausdauer- und Kraftbereich, zu der Frage, ob sich das, was sie an Engagement über Jahre hinweg in den Leistungssport investiert haben - über intensives Training oder unglaublichen Zeitaufwand - am Ende auch irgendwie monetär positiv auswirkt. Das heißt, dass man möglicherweise in manchen Sportarten irgendwann am Scheideweg steht mit der Frage: Soll ich das jahrelange Training, was nicht zum Erfolg geführt hat, jetzt weiterführen? Wohlglaubend oder besserwissend, dass die Konkurrenz manipuliert? Soll ich mich mit Plätzen unter Fernerliefen zufrieden geben, oder versuche ich das, was durch Doping erreicht werden kann? Eine ohnehin schon unglaublich gute Leistung, die aber nicht für den Sieg reicht, um ein paar geringe Prozentpunkte nach oben zu verschieben, die aber dann reicht, um ganz oben auf dem Treppchen zu stehen und damit dann an Werbeverträge, an Sponsoren heran zu kommen. Schlicht und einfach erfolgreicher zu sein und um damit mehr Geld zu verdienen.
Ein Tour-de-France-Fahrer hat mir genau das erzählt. Er stand mit 19 vor dieser Situation. Nimmt er die Weggabelung nach links und sagt: Okay, ich dope und gehöre zu den Großen - und das war am Ende auch so, er gehörte zu den Weltbesten -, oder nimmt er die Weggabelung nach rechts und macht es nicht, muss aber dann davon ausgehen, dass er dann unter Fernerliefen landet. Er hat sich für den Weg nach links entschieden. 

Das heißt ja eigentlich, dass sämtliche Medaillenspiegel der Vergangenheit angepasst werden müssten?

Ganz viele Medaillenspiegel der Vergangenheit sind ein Muster von Lug und Trug. Das, was wir im Fernsehen jahrelang in manchen Sportarten über große Sendeflächen übertragen haben, war nichts anderes als Sportbetrug live im deutschen Fernsehen. 

Jetzt spricht man davon, dass Kenia eventuell auch von den Olympischen Spielen ausgeschlossen wird, nachdem Russland schon suspendiert ist. Aber das ist doch richtig, sonst würde man ja mit zweierlei Maß rechnen?

Das kann man so nicht sagen. Es geht immer um die juristische Beweislage. Bei den Russen hat man halt viel beweisen können. Unter anderem durch unsere Berichterstattung. Ich glaube, da waren wir und die Whistleblower in unserem Film schon Auslöser. 

Aber ist es nicht erstaunlich, dass man gerade im Bereich Fußball besonders wenig über Dopingfälle hört? Wenn man sich die Fußballspiele von früher und heute anschaut, dann wirken die Spiele von früher wie Zeitlupenspiele...

Fußball war früher Rasenschach. Was wir heute haben, ist ein sehr athletischer Sport, und natürlich gibt es auch hier Hinweise und Belege dafür, dass Ausdauerpräparate im Spitzensport zum Einsatz gekommen sind. Man denke an den Skandal der Fußballvereine Juventus Turin und Olympique Marseille deren Spieler nachweislich in den 90er Jahren gedopt waren.Natürlich bringt Doping im Fußball eine ganze Menge, das ist unstrittig. Die Beweislage ist aber nach wie vor luftig. Das hat damit zu tun, dass Journalisten im Bereich Fußball bisher viel zu wenig recherchiert haben. Da muss man sich auch an die eigene Nase fassen, aber man kann auch nicht an allen Fronten gleichzeitig unterwegs sein. Dass der Sportjournalismus generell ein großes Problem hat, bei der Frage, wie er mit kritischen Themen umgeht, ist ja kein Geheimnis. Inzwischen gibt es zwar positive Tendenzen, denn der Sportjournalismus setzt sich verstärkt auch mit den Veränderungen des Sports in kommerzieller Hinsicht kritisch auseinander, aber das ist natürlich nach wie vor viel zu wenig. Die übliche Berichterstattung über Sport orientiert sich an Zeiten, Weiten, Resultaten, Glorifizierung von Athleten und Schwarz-Weiß-Malerei. Doping wird in der Berichterstattung häufig sehr oberflächlich behandelt, weil es genau die strukturellen Systemzwänge ausklammert. Ich glaube, dass der Journalismus als vierte Gewalt des Staates oder einer Gesellschaft die Wächterfunktion auch im Sport viel mehr wahrnehmen muss als es bisher der Fall war. Aber wenn sich das jetzt nicht schon ein Stück weit geändert hätte, säßen wir jetzt nicht hier. 

Eine letzte Frage: Bei Großereignissen wie den Olympischen Spielen oder auch bei Fußballspielen steckt jede Menge Geld dahinter. Brauchen Sie jetzt schon Polizeischutz, wenn Sie auf die Straße gehen? Sind Sie schon wegen Ihrer Recherchen bedroht worden?

Ich bin noch nie bedroht worden und habe auch keine Angst. Aber dass viel Geld dahinter steckt, ist völlig klar. Die Sportler sind die letzten Glieder der Verwertungskette des kommerzialisierten Spitzensports. Die sind wie Dukatenesel, die am Ende instrumentalisiert werden von Verbänden, Sponsoren, Politikern. Weil sie benutzt werden als Projektionsfläche für die Erfolge, als Nachweis der Leistung eines Volkes. So sinngemäß hat es ja mal Manfred Kanther als damaliger Bundesinnenminister formuliert. Ich halte das für eine sehr abwegige Diskussion, weil sie alles ausklammert, was an Folgeschäden und sozialen Missständen, psychischen Belastungen von Spitzensportlern eben auch passiert, was aber offensichtlich einfach keine Rolle spielt. Ich finde, dass Spitzensportler manchmal überhaupt nicht zu Vorbildern taugen, weil sie durch ihre einseitige Ausrichtung des Lebens ziemlich viele Dinge ausklammern. Ich glaube, dass die Diskussion darum, welchen Stellenwert Spitzensport in der Gesellschaft einnimmt, ganz anders geführt werden muss als das im Moment der Fall ist . 

Vielen Dank für das Interview

Tobias Böcher

Juli 2016

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Zur Person

Hajo (Hans-Joachim) Seppelt wurde 1963 in Berlin geboren und ist ein deutscher Journalist, der sich auf die Berichterstattung rund um Doping im internationalen Spitzensport spezialisiert hat. Mit Hilfe von russischen Leichtathleten, die ihn mit geheimen Informationen, Ton- und Bildaufnahmen versorgten konnte er 2014 den Dokumentarfilm „Wie Russland seine Sieger macht“, 2015 „Im Schattenreich der Leichtathletik“ und 2016 „Russlands Täuschungsmanöver“ produzieren. Seine Recherchearbeiten waren der Anstoß dazu, dass Russlands Leichtathleten suspendiert sind und ihnen der Olympia-Ausschluss droht.