Gesellschaft

Der Geldverteiler

Max Luger sitzt in einem Container im Herzen von Salzburg. Dort sammelt er Geld von denen, die genug haben, und gibt es an jene weiter, die zu wenig haben

Max Luger hat es sich zur Lebensaufgabe gemacht, Bedürftigen zu helfen

Am Mirabellplatz ist am Donnerstagvormittag viel los: Auf der „Schranne“, dem Salzburger Wochenmarkt, bieten Händler regionale Spezialitäten an. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite halten Reise- und Sightseeing-Busse. Vor einem Kiosk warten Touristen auf den Start der „Sound of Music-Tour“. Eine japanische Reisegruppe lauscht den Ausführungen ihrer Reiseleiterin. Gleich werden sie eine der schönsten Sehenswürdigkeiten der Mozartstadt besichtigen: das barocke Schloss Mirabell und den Mirabellgarten mit dem Blick auf Festung und Altstadt am anderen Salzachufer.

© Walter SchweinösterDer mit einer Plane verkleidete Baucontainer vor der Mauer des Mirabellgartens bleibt von den meisten Passanten unbeachtet. Kurz vor 9 Uhr bahnt sich ein älterer, grauhaariger Herr den Weg durch die Touristen. Er sperrt den Eingang auf der Rückseite des Containers auf und holt einen Ständer heraus: „Haben Sie mehr, als Sie brauchen? Oder brauchen Sie Hilfe? Kommen Sie herein und erfahren Sie mehr!“, steht darauf. Dann verschwindet der Mann im Inneren des Containers.

Max Luger, 68, sitzt jede Woche von Montag bis Donnerstag zwischen 9 und 14 Uhr in dem spartanisch eingerichteten Container. Hinter einem Paravent ein Schreibtisch, davor zwei Sessel, an den grauen Wänden hängen Zeitungsausschnitte, Sprüche und Karten. Dankschreiben von Menschen, denen er geholfen hat, und von jenen, die seine Arbeit schätzen. Max Luger wartet – auf Menschen, die eine Spende abgeben wollen, und auf Menschen, die in Not sind. Vor fünf Jahren hat der Pensionär mit seinem Projekt „Fair Teilen“ begonnen: „Die, die viel haben, teilen mit denen, die zu wenig haben“, lautet die Idee Lugers. Als Sinnbild für seine Arbeit verwendet er den Brunnen. „Auch dort fließt Wasser hinein und hinaus.“

Jedes Schicksal ist anders

Max Luger verteilt Geld um: Rund 160 000 Euro konnte er in den vergangenen vier Jahren in seinem Container an Bedürftige weitergeben. Denn auch wenn die Festspielstadt mit der Glitzerwelt der High Society und bürgerlichem Wohlstand gleichgesetzt wird, gibt es hier Menschen, denen es am Nötigsten fehlt. Menschen, die sich die horrenden Mietpreise in Salzburg nicht leisten können. Mindestsicherungsbezieher, die nicht ein noch aus wissen, wenn eine Stromnachzahlung auf sie zukommt. Die Pensionistin, die mit 500 Euro auskommen muss, obwohl sie ihr ganzes Leben gearbeitet hat, aber keine Versicherungszeiten hat, weil sie nicht offiziell angemeldet war. Die alleinerziehende Frau, deren Mann über Nacht verschwunden ist und das Konto leer geräumt hat, die 19-jährige Schwangere, die ihren Job verliert und von den Eltern rausgeworfen wird. Jede Geschichte, jedes Schicksal ist anders, Max Luger kennt sie alle.

Er ist eine Art letzte Anlaufstelle, wenn die Unterstützung durch staatliche Behörden oder caritative Einrichtungen ausgeschöpft ist, wenn bürokratische Hürden schnelle Hilfe unmöglich machen. „Es kommt sogar vor, dass die Leute von Ämtern oder Caritas zu mir geschickt werden“, erklärt er. Sein Prinzip lautet: Er gibt den Bedürftigen keine Sachspenden oder Gutscheine, sondern Bargeld, nie unter 100 Euro. „Ich will keine Almosen verteilen, sondern finanzielle Zuwendung geben.“ Das ist ihm wichtig, denn nur so bleibe die Würde des Menschen gewahrt.

Bank, Kloster, Pfarre

Das Engagement für die Armen zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben. Aufgewachsen auf einem Bauernhof in der Nähe von Linz hat Max Luger als 12-Jähriger sein erstes Aha-Erlebnis: Der Bruder seines Onkels ist Obdachloser, die Familie tut sich schwer, damit umzugehen. Mit 16 beginnt Luger in einer Sparkasse zu arbeiten, später holt er das Abitur nach und tritt in das Stift Kremsmünster ein. „Das Leben dort hat aber nicht meinem Armutsideal entsprochen“, sagt er. Er schließt das Studium der Theologie in Salzburg ab und beginnt danach in der Stadt als Pastoralassistent zu arbeiten, in Pfarreien mit starkem sozialen Gefälle.

© Walter SchweinösterGlaube und soziales Engagement gehören für Luger zusammen. „Wenn ich mich nicht den Schwächeren zuwende, darf ich mich nicht Christ nennen“, stellt er klipp und klar fest. Deshalb besucht er die Haushalte im Pfarrgebiet, hört zu, wo die Menschen der Schuh drückt. Es tut ihm weh, dass er Bittstellern, die im Pfarrbüro anklopfen, nicht nachhaltig helfen kann. In der Pfarrei Mülln initiiert er das erste „Armut teilen“-Projekt, bei dem das Geld von Spendern am Caritas-Sonntag an die Armen verteilt wurde. „Die Zahl der Spender und die Zahl der Hilfesuchenden hat sich innerhalb von ein paar Jahren verzehnfacht“, erinnert sich Max Luger. Diese Erfahrung lässt in ihm die Idee reifen, nach seiner Pensionierung das Umverteilungs-Projekt auf die ganze Stadt auszudehnen.

Im Oktober 2013 stellte Luger seinen Container an der Mauer zum Schloss Mirabell auf. Den Schriftzug Fair Share und die Plane ließ er von einem Künstler gestalten. Zwei Hände sind darauf zu sehen, die eine Hand empfängt von der anderen ein Stück Brot. Von Anfang an war klar, dass der Container an einem öffentlichen Ort im Zentrum der Stadt stehen soll. „Es ist immer von den Menschen am Rand der Gesellschaft die Rede. Ich möchte die Armut in die Mitte rücken“, betont Luger. Der Genehmigung für die Aufstellung des Containers gingen zähe Verhandlungen voraus. „Der Bürgermeister lehnte eine Bewilligung zunächst ab.“ Erst durch Vermittlung eines Stadtrats und nach einem persönlichen Gespräch mit Luger lenkte das Stadtoberhaupt ein. Den belebten Mirabellplatz empfindet Lugar heute als idealen Ort für sein Projekt.

Die Superreichen geben nichts

Die Berichterstattung in den lokalen Medien brachte ihm anfangs viel Publicity. „In kurzer Zeit erhielt ich 15 000 Euro an Spenden.“ Unter den Bedürftigen spricht sich sein Angebot „wie ein Lauffeuer“ herum. Doch während die Spenden nach drei Monaten nur mehr schleppend eintrudeln, lässt der Zustrom der Armen nicht nach. „Schon in der Frühe standen sieben, acht Leute vor der Tür, und ich wusste, ich kann nur zwei oder drei helfen.“ Luger erkennt: Ich kann nicht alle unterstützen. Also setzt er Prioritäten: An erster Stelle kommen alleinerziehende Mütter, dann alte und kranke Menschen, kinderreiche Familien und am Schluss alleinstehende Männer. Die Obdachlosen mussten meist leer ausgehen. „Am Anfang waren ein paar zornig, aber jetzt haben sie meine Regeln akzeptiert“, sagt Luger.

Mittlerweile hat sich die Zahl der Spender und Hilfesuchenden eingependelt. Rund 6000 Menschen haben Max Luger bis jetzt in seinem Container besucht. Knapp ein Drittel davon waren Spender, die anderen suchten Hilfe. Es sind nicht die Superreichen, die Geld vorbeibringen oder überweisen, sondern Menschen aus der Mittelschicht. So wie die ältere Dame, die während unseres Besuchs die Tür zum Container öffnet und Max Luger 20 Euro in die Hand drückt. Sie sei zum ersten Mal heute hier und wolle „etwas zurückgeben, weil es ihr selbst gut geht“. Auch Touristen finden ab und zu den Weg in den Container und lassen einen Geldschein da.

© Walter SchweinösterJede Spende und Auszahlung weist Luger auf seinem „gläsernen Konto“ auf der Fair-Share-Website nach. Einige Daueraufträge und die größeren Weihnachtsspenden sorgen dafür, dass er mit einer Spendensumme von ca. 30 000 Euro pro Jahr die größte Not lindern kann.

„Das ist mein Talent“

Es klopft an der Container-Tür. Eine Familie, Mutter, Vater mit Kleinkind am Arm kommt herein. Max Luger begrüßt das Paar. „Sie kenne ich ja schon“, sagt er zu der Frau. Er sucht das Stammdatenblatt, das alle Hilfesuchenden ausfüllen müssen. „Was führt Sie heute zu mir?“ Die dreiköpfige Familie kommt recht und schlecht über die Runden – solange nichts Unvorhergesehenes passiert. Doch jetzt musste der Mann die Begräbniskosten für seine Schwester übernehmen. Und der Kindergartenbeitrag für die älteren Kinder ist fällig. Max Luger holt 100 Euro aus einer Geldkassette und trägt die Auszahlung auf dem Datenblatt ein.

Ob Max Luger nie hinters Licht geführt wird oder sich manchmal ausgenützt fühlt? „Es kommt vor, aber das sind Einzelfälle“, sagt er. „Ich verlasse mich auf meine Menschenkenntnis. Natürlich kann man in niemanden hineinschauen, man muss Vertrauen haben.“ Er kontrolliere nicht, was die Menschen mit dem Geld tatsächlich machen. „Entweder man gibt aus Liebe oder gar nicht!“

In den ersten Jahren waren die Schicksale, die er zu sehen bekam, sehr belastend für ihn. Mittlerweile hat sich bei ihm so etwas wie Routine eingestellt. „Früher habe ich die Sorgen mit nach Hause genommen. Jetzt schalte ich von Freitag bis Sonntag ab, und nach drei Tagen komme ich wieder gut erholt in den Container.“

Bis 2019 läuft die Bewilligung der Stadt für seinen Container, Luger wird dann 70 sein. Zeit endgültig in Pension zu gehen? Doch Max Luger hofft, dass die Genehmigung noch einmal verlängert wird und denkt noch nicht ans Aufhören. Er ist überzeugt: „Gott will, dass ich dort bin, wo ich meine Talente habe, und mein Talent ist das, was ich hier mache.“

Ursula Mauritz

Februar 2019

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