Das Gespräch

Der Klimawandel bedroht die Kinder

Der Klimawandel ist eine Katastrophe – für die Armen, aber auch für die Industrienationen, warnt der Klimaforscher Mojib Latif. Er fordert: Die Ergebnisse des Weltklimagipfels müssen nachverhandelt werden

Im letzten November haben Vertreter von 195 Staaten in Paris Maßnahmen beschlossen, mit denen die fortschreitende Erwärmung der Erde begrenzt werden soll. Die Bevölkerung hat sich erleichtert zurückgelehnt und denkt: Jetzt wird alles gut. Wird alles gut?  

Ich sehe die Ergebnisse  mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Das lachende: 195 Länder plus die EU, die eine eigene Stimme hatte, also 196 Parteien, haben sich erstmals überhaupt auf ein Dokument geeinigt. Der Wermutstropfen: Man setzt auf Selbstverpflichtung. Das heißt: Jedes Land, jede Delegation konnte selbst festlegen, wie es denn die Klimaziele erreichen will. Das Problem dabei ist: Mit dem, was unterschrieben wurde, kann man das Ziel, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen, nicht erreichen. Selbst bei den optimistischsten Hochrechnungen landen wir bis zur Jahrhundertwende bei circa drei Grad. Deshalb muss nachverhandelt werden. Jetzt liegt es an den einzelnen Staaten, geeignete Maßnahmen zu ergreifen. 

Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel will den Kauf von Elektroautos bezuschussen. Ein richtiger Schritt? Oder nur Symbolpolitik? 

Das ist Symbolpolitik. Es ist doch sinnlos, wenn Sie ein Elektroauto fahren, und der Strom dafür aus einem Kohlekraftwerk kommt. Wichtig ist, die Dekarbonisierung voranzutreiben, worauf sich die G7-Staaten im vergangenen Jahr in Elmau verständigt haben: also eine Weltwirtschaft ohne Kohle, ohne Öl und ohne Erdgas.  Und das muss man weltweit bis 2060, spätestens bis 2070 hinbekommen. 

Kritiker des Abkommens sagen: Die Beschlüsse dieses Klimagipfels sind viel zu vage und unverbindlich. Sehen Sie das auch so?

Einer der Sätze in diesem Dokument lautet, dass wir den Höhepunkt der weltweiten Treibhausgas-Emissionen so schnell wie möglich erreichen möchten. Was heißt das? In einem Jahr? In 20 Jahren? Oder in 50? Das Dokument ist voll von solchen unverbindlichen Aussagen. Und das Wort Dekarbonisierung kommt gar nicht mehr vor. 

Die Auswirkungen des Klimawandels betreffen weltweit jeden. Wenn auch nicht gleichermaßen jeden sofort, aber doch unsere Kinder und nachfolgende Generationen. Da ist ein Widerstand gegen verbindliche Zusagen bei den Klimazielen doch absurd.

Es sind eigentlich keine Klimaverhandlungen gewesen, das muss man ernsthaft feststellen, sondern Wirtschaftsverhandlungen. Jeder versucht natürlich – so ist ja unsere Weltwirtschaft aufgebaut – den kurzfristigen Gewinn zu maximieren. Zwei Länder tun sich da im negativen Sinn besonders hervor: die beiden größten Verursacher von CO2, China und die USA. Beide verursachen zusammen circa 40 Prozent der weltweiten Treibhausgase. Die USA waren Jahrzehnte lang der größte Verursacher. 

Mojib LatifAber Präsident Obama kann im Kongress gegen den Willen der Republikaner kaum etwas durchsetzen. Und ob dem nächste Präsident der USA das Thema am Herzen liegt ..?

Die Amerikaner haben gemeinsam mit den anderen Industrienationen die historische Verantwortung. Die Chinesen sagen: Moment, wir fangen doch gerade erst an. Auch wenn China inzwischen mehr Treibhausgase produziert, haben die USA in der Summe weitaus mehr CO2 verursacht, weil es Jahrzehnte lang in der Atmosphäre bleibt. Und China wartet – aus meiner Sicht zu recht –, dass die Industrienationen vorangehen. Man muss allerdings auch sehen, dass inzwischen die Investitionen in erneuerbare Energien weltweit diejenigen in konventionelle Energien übersteigen. Deshalb ist es so wichtig, dass ein Land wie Deutschland an seinem Ziel, 40 Prozent Reduktion von Treibhausgasen gegenüber 1990 und 80 Prozent bis 2050, wirklich erreicht. 

Aber Deutschland ist doch global gesehen nur ein kleiner Mitspieler.

Deutschland ist unter den ersten Zehn der CO2-Verursacher, aber es ist global gesehen irrelevant, in absoluten Zahlen ist es wenig. Die EU hat insgesamt etwa ein Viertel der Treibhausgase, die jetzt in der Atmosphäre sind, in die Luft gepustet. Wenn überhaupt, dann kann es nur so gehen: Deutschland geht als gutes Vorbild voran und zeigt, dass man dennoch wirtschaftlich die Nase vorn haben kann.   

Beim Atomausstieg hat das nicht funktioniert.

Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben. Man muss auch sehen, was der Atomausstieg bewirkt hat. Dass zum Beispiel Frankreich überhaupt das Wort Energiewende in den Mund nimmt und ernsthafte Anstrengungen unternimmt, von dem hohen Anteil an Atomstrom (rund 75 Prozent, d. Red.) herunterzukommen, wäre vorher nicht vorstellbar gewesen.

Als Schirmherr des internationalen Kinderhilfswerks „terre des hommes“ haben Sie gewarnt, der Klimawandel bedrohe unmittelbar das Leben von Hunderten Millionen Kindern, weil er Krankheiten wie Malaria oder Durchfall verstärkt. Bietet das Klima-Abkommen den Kleinsten jetzt eine Chance?

So wie der Stand jetzt ist, natürlich nicht. Das Klimaabkommen muss verschärft werden. Das steht auch schon im Vertragstext.

Wo ist denn der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Krankheiten?

Das Klima auf der Erde wird sich so dramatisch verändern, dass sich zum Beispiel in Gebieten, die bisher nicht davon betroffen waren, die Malariamücken ausbreiten können. Und in Gebieten, die ohnehin schon unter Wasserknappheit leiden, wird es noch trockener werden. Wer keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, wird krank. Der Klimawandel betrifft auch die Ernährungssituation, die landwirtschaftliche Produktion, und er betrifft auch die Weltmeere, die eine riesige Nahrungsquelle sind. Das alles wirkt auf die menschliche Gesellschaft ein, und die Schwachen, nämlich die Kinder und die Alten, leiden ganz besonders. Die Folgen eines ungebremsten Klimawandels können Ausmaße annehmen, die wir uns nicht vorstellen können. Sie betreffen alle Bereiche des menschlichen Lebens. 

Die Menschen in den von Überschwemmung und Dürre bedrohten Gegenden werden doch kaum tatenlos zusehen, wie ihr Lebensraum mehr und mehr zerstört wird.

Es wird zu Wanderungsbewegungen von mehreren hundert Millionen Menschen kommen. Das hat Auswirkungen auf die Sicherheitsarchitektur der Staaten. Es wird dem Frieden auf der Welt nicht gut tun. Und Wirtschaftswissenschaftler sagen, dass ein Klimawandel zu einer weltweiten Rezession führen könnte. Selbst wenn die Auswirkungen hier in Deutschland nicht so dramatisch sein sollten, wir sitzen alle in einem Boot und werden von den Konsequenzen eingeholt.

Was Sie da skizzieren, müsste eigentlich jedem einleuchten. Und dennoch drängt sich der Eindruck auf, dass viele Menschen das Thema nicht ernst nehmen und es als Fiktion abtun, weil die Auswirkungen erst in Jahrzehnten auftreten. 

Das ist ja genau das Problem. Wir wiegen uns in scheinbarer Sicherheit, weil die unmittelbare Bedrohung nicht da ist. Wenn der Meeresspiegel von heute auf morgen um einen Meter steigen würde, wüsste jeder, was die Stunde geschlagen hat. Das ist das große Drama: Wir haben eine Entkopplung von Ursache und Wirkung. Und: Wir haben eine räumliche Entkopplung, weil wir, also die großen Industrienationen, durch den Klimawandel nicht die größten Lasten zu tragen haben.

Die Regierung der Malediven versucht jetzt schon, große Landflächen in Australien zu kaufen, weil die Inseln irgendwann im Meer verschwunden sind. 

Diese Länder spielen auf der weltpolitischen Bühne keine Rolle. USA, Deutschland, China, das sind die Akteure. Und die setzen knallhart ihre kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen durch. 

Papst Franziskus hat sich in seiner Enzyklika „Laudate si“ dem Problem angenommen. Politisch brisant ist der Untertitel: „Über die Sorge für das gemeinsame Haus.“ Was hat der Klimawandel mit Armut zu tun? 

Ich fand das sehr bemerkenswert, was der Papst da zu Papier gebracht hat, weil er eben diesen ganzheitlichen Ansatz hat, den ich auch pflege. Das Klimaproblem kann man nicht in Isolation lösen. Der Papst ist der Meinung, dass wir die Verbindung herstellen müssen zwischen den Armen dieser Welt und der Anfälligkeit des Planeten. Und das ist genau richtig! Arme Menschen zerstören die Umwelt, roden Bäume, vernichten ihre Umgebung, um überhaupt zu überleben. Der Papst sagt auch, dass unser Wirtschaftssystem nur einigen wenigen dient. Früher wäre man dafür als Kommunist beschimpft worden. Und er sagt: Wir sollen uns zutiefst anrühren lassen von den besten verfügbaren wissenschaftlichen Ergebnissen. Das ist für einen katholischen Theologen sehr bemerkenswert, dass man seine Entscheidungen auf der Basis wissenschaftlicher Ergebnisse fällen soll. Und da haben wir weiß Gott kein Erkenntnisproblem. Die Politik weiß ganz genau Bescheid, die wissenschaftlichen Ergebnisse des Weltklimarates liegen auf dem Tisch und wurden bei den Verhandlungen in Paris auch nicht angezweifelt. Es fehlt nur daran, jetzt die notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.  

Kann es sein, dass die Politiker der Industrienationen nicht nur deshalb so zögerlich sind, weil die Wirtschaft durch härtere Auflagen ihre Gewinnziele nicht mehr erreicht, sondern auch, weil es möglicherweise Einschnitte in unserem Lebensstandard geben könnte?

Nein. Niemand muss zum Beispiel auf ein Auto verzichten, er fährt nur nicht mehr mit einem Verbrennungsmotor, sondern mit einem Elektroantrieb oder einer Brennstoffzelle. Das ist ja der Denkfehler: Es geht nicht um Verzicht, sondern um eine Win-win-Situation: Jeder gewinnt, auch durch saubere Luft. Wissen Sie, nach Fukushima hat die Kanzlerin, die zuvor die Laufzeitverlängerung der Atommeiler verkündet hat, gesagt: Das ist eine Zäsur. Wir steigen aus. Nach dem VW-Skandal hätte man das gleiche tun können: Wir haben aufs falsche Pferd gesetzt, jetzt läuten wir das Ende des Verbrennungsmotors ein. Aber die Industrie verdient immer noch zu viel an dem alten Geschäftsmodell.

Trotz des schleppenden Tempos ist die Energiewende nicht mehr aufzuhalten. Was wird sich ändern?

Der Verbrennungsmotor wird verschwinden. Wir werden ganz andere, dezentrale Energie-Infrastrukturen bekommen. Die zentralistische Energieversorgung ist in gewisser Weise gescheitert. Es ist völlig uneffektiv, irgendwo Kohle zu verbrennen und den Strom dann über Leitungen hunderte von Kilometern quer durchs Land zu transportieren. Die erneuerbaren Energien werden ihre großen Vorteile erst dann ausspielen können, wenn sie dezentral sind. Ich glaube auch, die großen Windanlagen werden zugunsten kleiner Einheiten vor Ort verschwinden. Die Energieversorgung, die wir heute haben, ist das Undemokratischste, was es gibt: Jeder hat doch Zugang zu sauberer und kostenloser Energie. Jeder! Aber wir lassen sie nicht! Arme Länder müssen für viel Geld Öl kaufen, um Energie zu produzieren. 

Was sind die nächsten Schritte?

Die Umsetzung der Beschlüsse muss kontrolliert werden. Jedes Land musste ja konkret sagen, wie viel Treibhausgase es einsparen will – oder auch steigern will wie China, nur deshalb hat dieses Land unterschrieben. Aber ich bin optimistisch, weil der Trend eindeutig ist: Um einen Dollar an Bruttosozialprodukt zu erwirtschaften, wird immer weniger Energie aufgewandt. Das heißt: Wir stoßen immer weniger Treibhausgase aus, um wirtschaftliche Wertschöpfung zu erzielen. Und: Die erneuerbaren Energien boomen. 2014 lag ihr Anteil an der Stromerzeugung weltweit bei 23 Prozent, bei uns in Deutschland bei knapp 30 Prozent. Und ich hoffe, dass sich das steigert.   

Albert Herchenbach

Mai 2016

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

Überall sind seine Spuren ... Anlässlich des 250. Geburtstages von Alexander von Humboldt traf stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner den...

[weiter...]

1670 Kleriker, die 3677 Opfer missbraucht hatten: Die Zahlen der großen Missbrauchsstudie, die letzten Herbst veröffentlicht wurde, sind erschreckend....

[weiter...]

Zur Person

Prof. Mojib Latif, 61, ist seit 2003 Professor an der Universität Kiel und leitet den Forschungsbereich Ozeanzirkulation und Klimadynamik im GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung. Er ist unter anderem Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Hamburg, der Deutschen Gesellschaft Club of Rome und Vorsitzender des Deutschen Klima-Konsortiums. 2001 und 2007 war er Mitautor der Berichte des Weltklimarates.Der gebürtige Hamburger mit pakistanischen Wurzeln ist einer der profiliertesten deutschen Klimaforscher. Erwurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt überreichte ihm Bundespräsident Joachim Gauck den Deutschen Umweltpreis, die mit 500 000 Euro höchstdotierte Umweltauszeichnung in Europa.