Das Gespräch

"Der Ort der Geburt entscheidet über unser Leben"

Der geadelte Brite Jeffrey Archer war Politiker, saß im Gefängnis und ist einer der schillerndsten Autoren unserer Zeit. stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner hat ihn getroffen

"Es gibt nichts Wichtigeres als das Gefühl, von Vertrauen und Liebe getragen zu werden" sagt der Autor Jeffrey Archer

Mit „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“ schafften Sie 1974 ein ordentliches Debüt als Schriftsteller. Damals schrieben Sie, um Ihre Gläubiger zu bezahlen ...

Stimmt. Aber während ich das Buch schrieb, erkannte ich noch etwas anderes …

... Sie machen mich neugierig ...

Jedes Buch ist anfangs eine beängstigende Herausforderung. Aber es fiel mir leicht, die Geschichte zu erzählen, ihre Charaktere zum Leben zu erwecken, spannend zu schreiben. Mir wurde klar, der liebe Gott hatte mir ein großes Geschenk für mein Leben mitgegeben – die Gabe  zu schreiben. Mein internationaler Durchbruch kam zwar erst drei Jahre später mit „Kain und Abel“, aber der Grundstein war gelegt.

Glauben Sie an Gott?

Sagen wir mal so: Wenn ich beim Schreiben feststelle, es funktioniert, dann schaue ich immer wieder nach oben Richtung Himmel und bedanke mich beim lieben Gott. Das ist kein Spruch, sondern das fühle ich und meine es ernst. Außerdem sollten wir nicht vergessen, Glaube bedeutet auch Hoffnung. Und wer keine Hoffnung mehr hat, ist verloren.

Sie haben sich aber intensiv mit Religion beschäftigt und auch die Geschichte von Judas neu erzählt.

Das war vor 12 Jahren. Ich habe mich immer gefragt: Warum hat Judas Jesus verraten? Gemeinsam mit dem theologischen Experten Francis J. Moloney haben wir „Das Evangelium nach Judas von Benjamin Iskariot“ geschrieben. Wir erzählen die Geschichte Jesu aus der Perspektive von Judas und machen den Blick auf eine andere Leseart der christlichen Überlieferung frei. Einen Blick, der die Tragödie von Judas, aber auch das große Erbarmen Jesu verdeutlicht. Danach kann Judas keinen Selbstmord begangen haben. Übrigens: Für dieses Projekt hatten wir sogar den Segen des Vatikans.

Was halten Sie von Papst Franziskus?

Mein Eindruck ist, Franziskus ist ein sehr, sehr guter Mann. Er ist sehr erdverbunden und demütig. Einer meiner Freunde war viele Jahre einer der politischen Berater von Franziskus. Ohne allzu viel zu verraten, weiß ich durch meinen Freund: Der Papst setzt seinen eingeschlagenen Weg konsequent fort. Damit macht er sich sicherlich viele Feinde. Das ist der Stoff, aus dem Romane entstehen.

Sie vertreten die Ansicht, dass der Geburtsort ganz entscheidend für das Leben und das Schicksal eines jeden Menschen ist.

© Heinz HeissDavon bin ich überzeugt. Ich reise oft nach Indien. Dort leben viele Kinder am Straßenrand – ohne eine Chance auf eine lebenswerte Zukunft. Ehrlich, ich frage mich jedes Mal, was könnte aus ihnen werden, wenn sie in eine Familie der Mittelklasse-Gesellschaft hineingeboren worden wären. Natürlich, Armut und Elend hat es immer gegeben. Natürlich müsste heutzutage niemand hungern oder verarmen. Aber ich glaube, auch wir können oder müssen unser Schicksal an ganz bestimmten Stellen selber in die Hand nehmen und auf etwas Höheres vertrauen. Das können Sie Glück, Zufall, Hoffnung oder Glauben nennen.

Steht unser Leben von Anfang an fest?

Eher nicht. Es ist Zufall, Glück oder Pech. Wie immer man es sehen will. Die Herausforderung ist, das eigene Schicksal in die Hand zu nehmen. Nur, wenn die Rahmenbedingungen nicht stimmen, ist es oft fast unmöglich, aus bestehenden Strukturen auszubrechen. Das funktioniert in reichen Gesellschaften sicher besser als in armen Ländern.

Bessere Ausbildung und Bildung wären für bessere Chancen eine gute Voraussetzung ...

... das hat mir meine Frau auch eingeimpft. Das Einzige, was Eltern ihren Kindern fürs Leben mitgeben können, ist eine bestmögliche Ausbildung. Kinder brauchen nicht viel Geld und müssen nicht verwöhnt werden, sie müssen Anleitungen fürs Lernen und Leben bekommen. Zur Bildung gehören Kultur, Persönlichkeit, Herzensbildung. Deutschland, das Land der Dichter, Denker und Musiker. Unvorstellbar und nicht wünschenswert, dass eines Tages Goethe, Schiller, Lessing oder Bach, Beethoven und Wagner vergessen sein könnten. Das gilt aber für die Kulturen und Leistungen anderer Länder genauso.

Haben Sie sich je gefragt, was wäre, wenn?

Das macht doch jeder. Wenn ich in der Politik geblieben wäre, wäre ich vielleicht ein Minister geworden, an den sich heute niemand mehr erinnert. Wenn ich nicht pleitegegangen wäre und das Parlament verlassen hätte, wäre ich wahrscheinlich kein Schriftsteller geworden. Nun ist alles anders gekommen. Das Schreiben und der Erfolg haben mein Leben zum Besseren verändert. Wir alle sollten aufpassen, dass wir uns selber nicht allzu sehr bemitleiden für Dinge, die wir getan haben oder auch nicht. Zurückblicken ist in Ordnung, aber bitte nicht lange.

Was sollten wir alle aus unseren schlechten Zeiten oder persönlichen Niederlagen mitnehmen?

Ich war mir immer sicher, dass ich alle Krisen durchstehe. Sicherlich habe ich auch dafür gekämpft, aber es hat mich auch gestählt. Jeder, der etwas erreicht hat, musste auch Niederlagen einstecken oder harte Zeiten durchleben. Aber danach hast du viel gelernt und weißt, wer deine wahren Freunde sind.

Was macht Sie glücklich?

Meine Frau, unsere Söhne, unsere Enkel und unsere Enkelin. Eben die Familie. Es gibt nichts Wichtigeres als eine intakte Familie und das Gefühl, von Vertrauen und Liebe getragen zu werden.

Was wäre Ihr größtes Unglück?

Meine Familie zu verlieren und nicht mehr schreiben zu können. Aber ehrlich, mit diesen Gedanken mag ich mich nicht beschäftigen.

Das ganze Gespräch lesen Sie in der Oktoberausgabe der stadtgottes. Bestellen Sie hier Ihr kostenloses Probeheft

Thomas Pfundtner

Oktober 2019

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 24.09.2019
    Bin sehr neugierig geworden auf das ganze Gespräch. Was mir jetzt schon gefällt: Ich bin verantwortlich. Ich muss etwas tun. Für mich, für meine Kinder, für meine Umwelt. Ich darf es nicht anderen überlassen! Zumal, wenn wir hier in einer privilegiert Situation leben und aufwachsen. Ich freue mich auf neue, interessante Gesprächspartner von Herrn Pfundtner und aufrüttelnde Themen.

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Zur Person

Der Autor wurde am 15. April 1940 in London geboren. Er besuchte das Brasenose College in Oxford, erwarb aber keinen akademischen Titel. Mit 29 Jahren wurde er für die Konservative Partei als Abgeordneter in das Unterhaus des britischen Parlaments entsandt. Während dieser Zeit investierte Jeffrey Archer in ein kanadisches Unternehmen, das jedoch pleiteging und den jungen Mann in den Ruin trieb. 1974 verließ er das Unterhaus und begann zu schreiben. Gleich sein erstes Buch „Es ist nicht alles Gold, was glänzt“, wurde ein internationaler Bestseller und erlöste Jeffrey Archer von seinen Schulden. 1992 wurde er geadelt und erhielt als Peer einen Sitz auf Lebenszeit im englischen Oberhaus. Allerdings flog er wieder aus dem Parlament und musste auch seine Kandidatur als Oberbürgermeister von London zurückziehen, da gegen ihn wegen Meineids und Verschwörung ermittelt wurde. Für diese Taten wurde er 2001 zu vier Jahren Gefängnis verurteilt, von denen er zwei Jahre absaß. Bis heute hat Jeffrey Archer über 30 Bestseller (Auflage mehr als 333 Millionen), Theaterstücke und Erzählungen geschrieben – darunter ein dreiteiliges Gefängnistagebuch über seine Haft.