Titelthema

Die Bibel und ich

46 Bücher im Alten und 27 weitere im Neuen Testament – die Bibel ist nicht schnell gelesen. Stadtgottes-Redakteurin Nadine Vogelsberg hat nach dem perfekten Weg gesucht, das Bibellesen in ihren Alltag zu integrieren.

Die Kinderbibel ist für viele der erste Kontakt mit der Heiligen Schrift.

Meine erste Bibel liegt sorgfältig verpackt auf dem Dachboden. Ich habe lange nicht mehr hereingeschaut. Es handelt es sich um eine Kinderbibel: 250 Seiten mit etwa 70 Geschichten aus der Bibel, dazu zahlreiche wunderschöne Bilder. Da sitzen die Jünger Jesu um ihn herum und hören ihm gespannt zu. Er selbst lehnt sich an einen üppig blühenden Baum. Jedes Gesicht, jedes Gewand ist individuell und liebevoll gestaltet. Als Kind habe ich diese Bibel geliebt und oft gelesen. Ich fand die Geschichten berührend, spannend oder unterhaltsam. Verstanden habe ich weniger.

©Axel VohnAber etwas ist dann doch hängen geblieben. Die kindgerecht formulierte Bibel half mir später, die Einheitsübersetzung zu verstehen. Aber komplett gelesen habe ich die Bibel nie, erst recht nicht am Stück. Die 73 Bücher der Heiligen Schrift lese ich nicht nebenher: Kein Buch für die Zugfahrt zur zur Arbeit oder den Strandurlaub. Und so habe ich immer weniger in der Bibel gelesen, bis ich mir irgendwann dachte: Das muss ich ändern!

Aktuell läuft nun das Jahr der Bibel der katholischen Bibelföderation und auch Papst Franziskus rief 2020 erstmalig zum Sonntag des Wortes Gottes auf. Es gibt zahlreiche Aktionen, die den Gläubigen die Bibel näher bringen wollen. Im westfälischen Oelde führt ein 25 Kilometer langer Bibelpfad die Menschen an verschiedenen Stationen mit Wegkreuzen, Marienfiguren sowie Bibelzitaten und Gebeten vorbei. Eine Gemeinde in Basel liest in nur zehn Tagen die komplette Bibel begleitet von Musik vor. Tag und Nacht! Der katholische Theologe Karl-Josef Kuschel erklärt: „Die Bibel ist in erster Linie ein Sprech- und Hör-Ereignis.“ Frei nach diesem Motto gibt es die Bibel auch als Hörbuch – oder im katholischen Kölner Radiosender „domradio.de“. Nachteulen können sich im Bibelnacht-Projekt die Texte des Neuen Testaments anhören. Mir ist das zu spät.

©Axel VohnBibelkreise bieten viele Gemeinden an. Doch auch alleine kann ich mich dem Buch der Bücher nähern. Ich besitze etwa einen Stoffbeutel, mit Papierstreifen darin. Auf jedem Streifen steht ein Bibelvers und jeden Tag ziehe ich mir einen Zettel aus dem blauen Beutel. Das funktioniert wie der Bibelautomat der Steyler Missionare. Eigentlich ganz nett – aber auch ein bisschen wenig. Immerhin stehen da nur ein oder zwei Sätze. Ein bisschen mehr darf es schon sein! Also suche ich weiter.

Dialog mit Bibel und Gott

Bibelwerk und Papst empfehlen die Lectio Divina, bei der der Leser sich der Bibel in vier Schritten nähert. Ich beschließe, das auszuprobieren. Also schlage ich die Bibel auf und lese einen Absatz – mehrfach. Schließlich kristallisiert sich für mich ein Satz heraus, der mich anspricht, ohne, dass ich zunächst sagen könnte, weswegen. Aber ich konzentriere mich auf ihn, versuche, ihn in Bezug zu anderen Bibelversen und meinen eigenen Leben zu bringen. Diese Meditation, so die Anleitung, soll irgendwann in einen Dialog mit dem Text und somit auch in einen Dialog mit Gott münden. Mich verunsichert das: Mache ich das überhaupt richtig? Ab wann stehe ich im Dialog mit Gott? Wenn ich irgendwann aufhöre, weil Arbeit, Haushalt oder Familie auch ihren festen Platz in meinem Leben haben, frage ich mich, ob ich genug Zeit in die Lectio Divina investiert habe. Würde es besser funktionieren, wenn ich mir mehr Zeit nehmen würde? Nur: Diese Zeit habe ich nicht jeden Tag. 

©TabeaBecker_www.bibleartjournaling.deModerner geht es auch mit Apps. Die schicken tägliche Impulse und Bibelzitate aufs Handy. Auch ein künstlerischer Ansatz ist möglich: Fürs sogenannten Bible Art Journaling könnte ich mir eine Bibel kaufen, deren Papier extra dick ist. Der Bibeltext ist unverändert, doch der äußere Rand ist extra breit und leer, sodass ich hier viel Platz hätte, künstlerisch aktiv zu werden: In bunten Farben, abstrakten Formen oder auch mit klassischen Illustrationen des Textes. Allerdings war ich nie sonderlich begabt im Zeichnen: Es fällt mir leichter, mich durch Worte auszudrücken als durch Bilder.

Dann wurde ich Lektorin. Am Tag vor der Messe las ich die kommenden Lesungen mehrfach laut – schließlich wollte ich mich am Ambo nicht verhaspeln. Immer wieder stolperte ich dabei über Namen, die mir nicht leicht von den Lippen gingen oder Formulierungen, die mich erst beim lauten Lesen stutzig machten – und damit meine Neugierde weckten. Warum bestraft Gott alle Ägypter, wenn doch nur der Pharao die Israeliten am Auszug hindern will? Wer genau war König Nebukadnezar? Weswegen droht Gott so häufig? Und so fing ich ganz nebenher an, mich weiter zu informieren: Ich suchte im Internet nach Erklärungen für historische Begebenheiten, sprach mit meinem Pfarrer oder Freunden über die Lesung oder dachte still darüber nach. Und so habe ich doch noch meinen Ansatz zur Bibellektüre gefunden: Vorne, in der Kirche, am Ambo.

Die Kinderbibel verschwindet selbstverständlich ebenfalls nicht. Wenn ich eines Tages selbst Kinder habe, möchte ich sie ihnen vorlesen.

Nadine Vogelsberg

Mai 2020

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