Das Gespräch

"Die Flüchtlingsströme haben erst begonnen"

Wir erleben keine Flüchtlingskrise, sondern eine Flüchtlingsrevolution. Das und noch viel mehr sagt der engagierte Weltreporter Marc Engelhardt im Gespräch mit stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner

Weltreporter Marc Engelhardt©Jörg Böthling

Weltreporter Marc Engelhardt

Kein Thema bewegt die Menschen so sehr wie die Flüchtlingsproblematik. Jetzt wurde die Aufnahme in Deutschland auf 200.000 Flüchtlinge  begrenzt. Auch beim Familiennachzug gibt es Begrenzungen. Ist Angela Merkels Politik des „Wir schaffen das“ gescheitert?
Zunächst einmal: Ich begrüße es ganz ausdrücklich, dass die Bundeskanzlerin sich 2015 mit dem Satz „Wir schaffen das" an die Öffentlichkeit wandte. Sie wollte damit zu Recht den Freiwilligen Mut machen, die an Bahnhöfen, in Kleiderkammern oder in Volkshochschulen denen halfen, die vor einem schrecklichen Krieg geflohen waren.  Die moralisch richtige Entscheidung, die Grenzen für die leidenden Menschen zu öffnen, hat Angela Merkel seitdem leider immer mehr zurückgenommen, bis hin zu diesen absurden Quoten und Obergrenzen. Ein Scheitern des Satzes „Wir schaffen das“ aber wäre ein Scheitern von uns allen. Wir müssen die Flüchtlinge und unser Land gegen die verteidigen, die mit ihren dumpfen Parolen suggerieren wollen, dass wir es nicht schaffen können, menschlich zu sein. Natürlich können wir das,  und wir sind aus meiner Sicht sogar moralisch dazu verpflichtet.

Wie konnte es 2015 zu diesem Flüchtlingsstrom kommen?
Ich muss da ein wenig ausholen. Vor 2015 strandeten immer wieder Flüchtlingsboote auf Lampedusa. Langsam, aber stetig stiegen die Flüchtlingszahlen aus Afrika, Syrien und anderen Gebieten an. Ich berichte seit vielen Jahren über die Vereinten Nationen in Genf. Ich kann mich noch genau daran erinnern, dass bereits im Frühjahr 2015 das UNHCR gewarnt hat:  „Wir haben kein Essen mehr. Wir haben keine Zelte, die medizinische Versorgung bricht zusammen. Wir können die Menschen in den Lagern rund um Syrien nicht mehr versorgen“, hieß es. „Wenn jetzt nicht schnell ausreichend Geld zur Verfügung gestellt wird, werden die Menschen sich auf den Weg nach Europa machen.“ Es hat niemanden interessiert.

Was meinen Sie, warum?
Das ist ja so weit weg, lautete der allgemeine Tenor. Die Weltreporter haben schon damals immer wieder über Einzelschicksale berichtet und auf die dramatischen Folgen hingewiesen. Ich bin sicher: Wenn die UNO mehr Geld bekommen hätte, um zumindest die größten Probleme anzugehen, wäre es nie dazu gekommen, dass Menschen ihr Leben riskieren, um über das Mittelmeer nach Deutschland zu kommen.

Marc EngelhardtWar es denn ein deutsches Problem?
Natürlich nicht. Von Australien, über Kanada, Neuseeland bis nach Russland sind Flüchtlinge seit langem ein Thema. Nur in Deutschland entstand der Eindruck, dass sich alles nur auf unserem Territorium abspielen würde. Dabei war es längst ein globales Problem. Das wollte in Deutschland aber niemand wahrhaben.

Deshalb das Buch?
Ja, die Idee ist kurz nach dem legendären Satz von Angela Merkel „Wir schaffen das“, entstanden. Wir Weltreporter haben uns gefragt, wie können wir deutlich machen, dass Flucht ein globales Thema ist? Wie können wir zeigen, dass Menschen schon seit Jahrzehnten aus ihren Ländern fliehen. Vor Krieg, Verfolgung und Hunger.  Flüchtlinge wird es immer geben. Aber sie wollen nicht alle nach Deutschland. Auch wenn viele das zu glauben scheinen. Uns war es wichtig, die große Linie darzustellen, insbesondere für die Menschen in Deutschland, damit die nicht den Eindruck gewinnen, sie werden heimgesucht von Menschen, die hier nichts zu suchen haben.

Der Satz der Kanzlerin hat polarisiert und gespalten. Wie können wir das aufbrechen?
Ich glaube nur durch persönliche Gespräche und Begegnungen mit den Flüchtlingen. Mich hat es auch erschrocken, wie viele Menschen reagierten. Dieses, „ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber jetzt sind mir das zu viele.“ Das war ein großes Problem für mich. Doch dann wuchs die Hoffnung: Hunderttausende Freiwillige standen auf den Bahnhöfen, hießen die Flüchtlinge jubelnd willkommen. Sie kamen mit Kleidung, Bettdecken, Spielzeugen für die Kinder. Sie hatten Tee gekocht und Willkommensplakate gemalt. Sie begleiteten die Flüchtlinge zu den bereitgestellten Bussen, tauschten Telefonnummern aus. Diese Hilfswelle, die sich der Flüchtlingswelle im positiven Sinne entgegenstellte, hat Hoffnung gegeben. Auf beiden Seiten.

Das sieht jetzt aber anders aus.
Ja, es sieht so aus, als ob das vorbei ist. Aber das liegt auch daran, dass den Helfern die Unterstützung vom Staat fehlt. Ich habe auf Dörfern erlebt, wie die Menschen verzweifelten und sagten: „Wir helfen gern, aber wir brauchen jetzt Unterstützung. Wir können das nicht mehr alleine und das ist auch nicht unser Job.“ Und da haben sie auch Recht. Jeder sollte dem Staat zubilligen, dass er in den ersten Monaten nicht in der Lage ist, überall sofort einzuspringen und deshalb das zivile Engagement  unerlässlich ist. Aber danach sollte Vater Staat schon am Zuge sein. Deutschland hat Geld. Deutschland hat das Potential. Wenn wir die Flüchtlinge nicht integrieren können, wer dann? Ich denke, der Staat darf sich nicht darauf ausruhen, dass die Menschen so positiv reagieren, wenn sie mit anderen flüchtigen Menschen in Kontakt sind.    

Im Buch vergleichen Sie die Flüchtlingstrecks am Ende des Zweiten Weltkriegs mit der aktuellen Flüchtlingswelle. Ist das legitim?
Ich wäre selbst nie auf den Gedanken gekommen. Aber ich auf Rügen habe mit vielen Leuten gesprochen. Gerade die Älteren waren es, die diese Parallele gezogen haben. Eine Frau sagte mir: „Die Flüchtlingswelle, diese Trecks, das weckt Erinnerungen.“  Eine andere meinte: „Natürlich haben wir Mitleid mit den Flüchtlingen. Vor allem mit den Kindern. Es muss wirklich schlimm sein, wenn die Leute sich auf einen solchen Weg machen.“ Das fand ich interessant und berührend. Drei Frauen, alle zwischen 70 und 80, saßen zusammen, um damals und heute zu vergleichen. Drei Frauen, die niemals über die Fluchten nach dem Zweiten Weltkrieg gesprochen haben. Das habe ich auf der Insel sehr oft erlebt. 

Sie sind aber in der Bundesrepublik aufgewachsen ...
Ja, in Köln. Zu meiner Jugendzeit gab es noch diese Vertriebenenfunktionäre, die bis heute behaupten, das Land sei ihres. Ich hatte von Vertriebenen immer ein extrem negatives Bild. Diese Frauen haben das wirklich total gebrochen. Sätze wie: „Uns ging das ja auch so“. Oder: „Als wir ankamen, mussten wir drei Jahre auf dem Flur schlafen.“  Und: „Natürlich müssen wir den Flüchtlingen helfen.“ Wir können uns das heutzutage nicht mehr vorstellen. Aber genau das ist es: Viele Menschen können sich heute einfach nicht vorstellen, wie das ist, vor Krieg zu fliehen, vor Gewalt zu fliehen, wie das ist, eine Flucht zu vollziehen. Es bedeutet eben nicht, „wir ziehen mal eben los und sahnen in Deutschland Geld ab“. Was die heutigen Flüchtlinge tatsächlich auf sich nehmen und was sie da an Unvorstellbarem erleben und durchleiden müssen – das haben die Frauen gut einschätzen können.

Dennoch haben wir überall eine wachsende Ausländerfeindlichkeit. Können Sie das verstehen?
Nein. Es fällt mir auch schwer, das nachzuvollziehen. Das hatten wir doch schon mal... Gerade, als ich Jugendlicher war, wurden Asylantenheime angezündet. Da wurden die Ärmsten und Ausgegrenzten zu Opfern. Ich glaube, dass tatsächlich zu einem gewissen Maße, der Fremde eine Projektionsfläche ist, für das eigene Gefühl, selbst abgehängt zu sein und selber nicht das zu bekommen, was man eigentlich verdient. Aber das ist keine Entschuldigung.

Glauben Sie, dass dieses Problem ein Ostproblem ist?
Ausländerfeindlichkeit gibt es sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland. Ich habe schon als Schüler gegen Naziparteien protestiert. In Köln, einer Stadt, die sich als weltoffen und tolerant bezeichnet. Die ständig wachsende Ungleichheit, die Ungerechtigkeit unserer Gesellschaft, ist Grund für diese Verwerfungen. In Ostdeutschland ist die Ungleichheit größer als in der ehemaligen Bundesrepublik. Es ist kein rein ostdeutsches Phänomen. Aber dort kommen viele Dinge zusammen. Zum Beispiel der große Umbruch, der viele Leute bis heute verunsichert zurücklässt. Oder die wirtschaftliche Not, die in vielen Regionen Ostdeutschlands größer ist als im Westen. Vielleicht kommt Enttäuschung dazu. Enttäuschung, weil die Menschen sich mehr erhofft haben, als tatsächlich gekommen ist. In der Bundesrepublik wurde nie versprochen, dass alles besser wird.

Bei vielen Menschen auf Rügen erlebe ich, dass sie bis heute das Gefühl haben, dass sie nicht verstehen, wie unser Land funktioniert. Angefangen damit, dass sich keiner um sie kümmert. Die Menschen in der DDR waren es gewohnt, dass man sich kümmerte. Im Sinne von Nachbarschaft, sozialem Gleichgewicht.

Im Moment definieren sich die Flüchtlingsströme über Flucht vor Krieg und Terrorismus oder Hunger. Was passiert, wenn der Kampf ums Wasser beginnt?
Der hat bereits begonnen. Ich habe sieben Jahre aus Afrika berichtet. Wer in die Dörfer geht, erfährt, dass es dort kein Wasser gibt. Also laufen die jungen Mädchen jeden Tag kilometerweit zum Wasserloch. Das bedeutet aber, dass diese Mädchen nicht in der Schule sind. Wasser ist wichtiger. Aber so wird es zum Teufelskreis: keine Schule, keine Bildung, keine Ausbildung. Die Folge: Viele Mädchen werden mit 14 oder 16 schwanger. Das alte Rad dreht sich weiter. Dazu kommt die Nahrungsmittelknappheit. Das heißt, die Menschen können ihre Felder nur mangelhaft bewirtschaften, da es an Wasser fehlt. Das bedeutet Missernten und Hunger. Dazu kommen viele Krankheiten, Armut. Ich will damit sagen, dass der Kampf ums Wasser längst begonnen hat. Dennoch ist die große Masse nicht unterwegs. Aber die, die es trotzdem wagen, zeigen uns, dass endlich Lösungen her müssen. Meine These ist, die Flüchtlingsströme haben gerade erst begonnen, denn die Gründe, die zur Flucht führen, nehmen zu.

Was muss geschehen, um hier etwas zu ändern?
Das ist eine hochkomplexe Frage. Ich glaube, dass jeder von uns eine Verantwortung hat, die sich über die eigene Person, die eigene Familie, das eigene Land hinaus erstreckt – auf die Menschheit!  Wir tragen eine Verantwortung dafür, wenn Hunderttausende am Horn von Afrika verhungern, obwohl wir das verhindern könnten. Im Moment ist es doch so, dass nur ein Drittel der UNO-Hilfsprogramme finanziert ist. Das bedeutet, nur bei den schlimmsten Katastrophen kann geholfen werden. 22 Milliarden Dollar fehlen. Eine geringe Summe, wenn man sich zum Beispiel den Bundeshaushalt ansieht.

Lösungen?
Viel wäre gewonnen, wenn wir helfen würden, dass sich die Länder entwickeln können. Also, Abschaffung von Handelsverträgen, die es Staaten unmöglich machen, sich zu industrialisieren oder ihre Produkte zu exportieren. Die Projekte der Entwicklungshilfe sind an sich gar nicht falsch. Nur sie passieren oft in einem Umfeld, in dem sie deplatziert sind. Ein klassisches Beispiel ist, dass die deutsche, staatliche Entwicklungshilfe jahrelang in Kamerun oder Nigeria Hühnerfarmen gefördert hat. Dann kam die EU und hat tiefgekühlte Hähnchen dorthin geschickt und verkauft. Das hat den Hühnerfarmen den Garaus gemacht. Das sind keine Zufälle, das ist verfehlte Politik, die da betrieben wird. Und da rede ich noch nicht einmal von Waffenhandel oder Handel mit Gerätschaften, die zur Folter benutzt werden können. Oder zur Unterdrückung der eigenen Bevölkerung. Das findet alles statt. Hier muss zuerst angesetzt werden. Danach kann darüber nachgedacht werden, welche Reformen in der Entwicklungshilfe angestrebt werden. Die braucht man auch, sind aber zweitrangig.

Früher wurde vor Ort ein Brunnen gebaut und den Menschen gezeigt, wie man ihn baut. Heute scheint Entwicklungshilfe nur noch als wirtschaftliche Förderung gesehen zu werden und der Mensch bleibt zurück. Zum Glück gibt es noch diese vielen, kleinen Projekte am Menschen, für den Menschen. Gerade kirchliche Initiativen und Hilfswerke machen genau das. Sie gehen raus, bohren Brunnen, versuchen die größte Not zu lindern. Das nenne ich konstruktive Nothilfe. Dann haben andererseits wir die Entwicklungshilfe, die immer größer angelegt und nach wirtschaftlichen Paradigmen entwickelt wird. Nach dem Motto: Geht es oben aufwärts, sickert eine Menge nach unten durch. Aber wir wissen, dass genau das nicht passiert. Das ist falsche Politik, die geändert werden muss.

Und was tut sich in den Ländern selbst?
Ja, das ist spannend. Die afrikanische Entwicklungsbank hielt 2016 ihre Jahrestagung in Indien ab. Der Grund ist schnell erklärt: Indien hat vor allem in die Landwirtschaft investiert, um die Armut abzubauen. Auch in Afrika fordern immer Banken, aber auch Politiker, wie eben Indiens Präsident Modi: „Wir müssen im Moment nicht industrialisieren, sondern unsere Landwirtschaft auf Vordermann bringen, um den Hunger zu besiegen.“ Es gibt in Afrika eine starke Zivilgesellschaft, es gibt Leute mit Ideen. Und das gibt Hoffnung, dass Afrika immer mehr auf die eigenen Beine kommt.

Was erwarten sie von den Flüchtlingen, die zu uns kommen?
Ich erwarte Respekt, bei denen, die hier ankommen. Und ich erlebe das auch so.  Ein Großteil der Flüchtlinge, die hier ankommen, wollen respektvoll sein. Wir müssen ihnen aber auch die Chance dazu geben. Das bedeutet, wir dürfen die Freiheiten, die sich unsere Gesellschaft mühselig erkämpft hat, auch verteidigen. Ein Beispiel ist die Gleichberechtigung der Frau. Das müssen wir verteidigen. Wenn es heißt „mein Glauben verbietet mir, dass ich Frauen als gleichberechtigt anerkenne.“ Dann müssen wir unsere Rechte respektvoll, aber kompromisslos verteidigen. Also müssen wir, solange das Grundgesetz es erlaubt, auch tolerieren, wenn Frauen sich verschleiern und respektvoll mit ihnen umgehen. Ich vermisse oft diese gesellschaftliche Auseinandersetzung in Deutschland über solche Werte.

Warum heißt Ihr Buch „Die Flüchtlingsrevolution“? Das impliziert doch Gewalt.
Wir wollten es nicht Flüchtlingskrise nennen, weil sich dieser Begriff immer auf das betroffene Land bezieht, wie wir ja aus den letzten Jahren gelernt haben. Aber eine Revolution, die ja nicht zwangsläufig Gewalt bedeuten muss, denken Sie nur an den Fall der Mauer, bewegt und verändert. Ziel muss es doch sein, dass alle Menschen auf der Welt in ihren Ländern friedlich leben und nicht an Flucht denken müssen, weil ein Krieg tobt, Terror ausgeübt wird oder es nichts zu essen gibt. Oder die Menschenrechte. Irgendwann wird auch ein Nigerianer sagen können, dass sie auch für ihn gelten. Die Flüchtlingswellen werden die Welt verändern. Wenn das keine Revolution ist.

Was ist mit dem Begriff  „Wirtschaftsflüchtlinge“?
Ein überflüssiges Wort. Es hört sich so an, als ob diese Menschen bei uns gleich den besseren Job bekommen als ich selber.  Völliger Blödsinn. Wenn sie tatsächlich einen Job ergattern, dann meist einen miesen. Wir haben in Deutschland viele geflohene, ausgebildete Ingenieure, die als Straßenkehrer arbeiten. Ist das ein Wirtschaftsflüchtling? Natürlich projizieren viele Menschen in Afrika ihre Hoffnung auf Europa. Ist das ein Wunder? Nein! Sie können unsere Serien sehen, kennen unseren Wohlstand und die Freizeitmöglichkeiten. Natürlich ist das das Paradies für diese geschundenen Menschen. Wir müssen doch froh und dankbar sein, dass wir in so guten Verhältnissen leben. Wir haben Menschenrechte. Wir haben Demokratie, können sagen, was wir wollen. Wir können machen, was wir wollen.

Wie kriegen wir es hin, dass ein bisschen mehr Verzicht zum Nutzen anderer geübt wird?
Wenn ich miterlebe, wie einzelne Personen mit Flüchtlingen in Kontakt kommen oder wie die Geflüchteten mit den Fremden ins Gespräch kommen, dann sehe ich schon, dass sich einiges verändert. Das geht sicher nicht von jetzt auf gleich. Es bedeutet ja auch nicht, dem anderen geht’s so schlecht, ich verkaufe sofort mein Auto. Das erwartet niemand, aber wir können uns Gedanken machen und überlegen, wie wir auf etwas verzichten können, um dem anderen zu helfen. Es liegt in unserem eigenen Interesse, dass wir helfen. Tun wir es nicht, werden wir auf Dauer unser Paradies nicht erhalten.

Als die Flüchtlinge kamen, haben Wirtschaftsverbände und Industrie das als Chance für Deutschland gesehen...
.... was auch stimmt, selbst die Arbeitslosenstatistiken zeigen das ja inzwischen. Nehmen Sie den gesamten Pflegebereich und alles, was damit zusammenhängt. Wir brauchen die Menschen aus anderen Ländern, die in die Pflege gehen. Auch Facharbeiter werden benötigt. Aber es darf nicht mehr wie früher bei den Gastarbeitern laufen, wo es hieß, Arbeit ja - Integration nein. Wir müssen die Geflohenen in unsere Gesellschaft, in unser Leben integrieren, sie aufnehmen. Wir müssen die Menschen auch als Menschen ernst nehmen, und sie müssen auch die Chance haben, eine Berufswahl zu treffen, die für sie passt. Wenn wir sagen, solange wir Arbeit haben, können die Flüchtlinge hier bleiben, ansonsten müssen sie zurück, wird das nicht funktionieren.

Papst Franziskus hat gefordert, dass alle Flüchtlinge aufgenommen werden müssen. Glauben sie, dass er etwas verändern kann?
Das hoffe ich sehr. Mir fällt auf, dass es doch immer wieder einzelne Lichtgestalten gibt. Jemand wie Barack Obama, der Dalai Lama oder jetzt Papst Franziskus zeichnen sich durch ihre klare Linie aus. Es ist gut, dass Papst Franziskus keine Kompromisse bei dem Thema macht, dass die Armut in der Welt bekämpft werden muss. Es ist gut, dass er sagt, Flüchtlinge müssen aufgenommen werden. Müssen! Nicht können. Man muss allen Benachteiligten helfen. Genau das ist es, was viele Menschen in der Politik vermissen. Insofern steht Papst Franziskus über die Religionen hinaus für Hoffnung. Weil er Dinge sagt, die wir ebenfalls lange für selbstverständlich gehalten haben. Ich würde mir wünschen, dass es mehr Menschen gibt wie den Papst. Sowohl in der Politik als auch in der Zivilgesellschaft. Eine Gesellschaft, in der alle Lebensentscheidungen primär wirtschaftlichen Verbesserungen untergeordnet sind, ist nicht erstrebenswert.

Die Welt ändert sich...
... nicht immer zum Guten. Ein Psychologe hat mir kürzlich erzählt, Kinder sind heutzutage nur noch ganz schwer in der Lage auf etwas zu warten und Geduld zu haben. Das war bei uns früher selbstverständlich.  Ich denke da an Weihnachten oder Ostern. Die spannenden Wochen davor mit ihren vielen kleinen Höhepunkten. Das schier endlose Warten auf die Bescherung oder das Eiersuchen. Das war ja nicht nur Kommerz, sondern auch Teil der Liturgie und des Alltags. Das alles ist verloren.

Warum haben wir das verloren?
Weil wir nur noch wirtschaftlich denken. Weil Gefühle oder emotionale Werte kein Geld bringen. Heute ist alles handybasiert, morgen irgendwie anders. Schon in der frühen Kindheit sind die Kinder in ein System eingebunden, das von der Ökonomie bestimmt wird. Gnadenlos. Aus diesem Kreislauf müssen wir raus. Damit sind wir wieder direkt bei dem Flüchtlingsthema, denn die Angst vor Besitzstandverlust hat genau damit zu tun. Das Gefühl, die Menschen nehmen mir etwas weg. Die Flüchtlinge wollen meinen Job. Die Fremden bedrohen meine Karriere. Aber mein Leben darf sich doch nicht auf diese Dinge fokussieren. Auch die Hilfe für Menschen in Not gehört doch zu unserem Leben. Da vermisse ich tatsächlich mehr Leute wie Franziskus, die so etwas aussprechen. Die sagen, wir müssen wieder eine wertebasierte Gesellschaft werden,  um überhaupt Weltprobleme ganz anders angehen zu können.

Was macht Ihnen Hoffnung?
Zum Beispiel die vielen jungen Menschen, die unsere Flüchtlinge willkommen geheißen und sie unterstützt haben. Sie sind die Generation, für die die Verantwortung für Flüchtlinge ganz selbstverständlich ist. Oder die Flüchtlinge selber. Wenn sie mit denen sprechen, erleben sie eine tiefe, tiefe Dankbarkeit. Auch eine Dankbarkeit Deutschland gegenüber.

Ihr größter Wunsch?
Frieden. Ich habe zwei Töchter. Ich möchte, dass sie in Frieden leben können. Ich habe zusehends Angst darum. Ich glaube, dies geht Flüchtenden, Geflüchteten und noch nicht Geflüchteten ganz genauso.

Was macht Ihnen Angst?
Ungleichheit. Ich glaube, das ist – im Großen wie im Kleinen – der Grund  für alle Konflikte und Kriege. Ungleichheit macht es unmöglich, Probleme anzupacken, weil es immer jemanden gibt, der sich von der Verantwortung freikauft.

Thomas Pfundtner

Juni 2018

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 01.06.2018
    Wieder ein überaus interessantes, bewegendes, informatives und so emotionales Interview.- Mit Informationen, die seit Jahrzehnten bekannt, aber deren Inhalte wohl nicht wirklich zu den Menschen durchdringen. Ist es unbekannt, dass wir auf einer Erde leben? Ist es nicht bekannt, dass große Gebiete dieser Erde nicht genug Wasser haben? Ist es neu, dass Menschen ihre Heimat verlassen, wenn ihnen das Leben in ihrer Heimat unmöglich gemacht wird? Nein, steht schon in der Bibel..
    Die Menschen flüchteten sich nicht zu uns, weil sie irgendeine nette Fernsehserie aus Deutschland gesehen haben. Not, Angst um ihr Leben und das ihrer Kinder, das sind Gründe, alles zu verlassen, was man liebt. Wir können helfen, wir sind hier zuhause. Wir haben Möglichkeiten abzugeben, es muss nicht Geld sein, mit Zeit kann man auch helfen. Mit dem Herzen auf die Menschen schauen, die zu uns kommen. Dann müssen wir keine Angst vor dem Fremden haben, keine dumpfen Parolen gegen sie brüllen oder Schlimmeres veranstalten. Eine Welt für alle - das müssen wir schaffen. Vielen Dank für die neuerliche Erinnerung daran, in diesem Interview von Herrn Pfundtner.

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Zur Person

Marc Engelhardt ist gebürtiger Kölner. Der 46-Jährige studierte nach dem Abitur in Kiel Geografie, Meeresbiologie und Öffentliches Recht. Danach absolvierte der Journalist ein Volontariat beim NDR und arbeitete mehrere Jahre für die  Tagesschau. Von 2004 bis 2010 berichtete Marc Engelhardt aus Nairobi. Inzwischen lebt er in Genf und berichtet als Korrespondent über die Vereinten Nationen und über mehr als 200 internationale Organisationen, die am Genfer See ihren Sitz haben. Unter anderem schreibt Marc Engelhardt auch packende Reportagen, veröffentlicht Bücher über Afrika, den Klimawandel oder die Folgen der Globalisierung, ist im Radio zu hören und dreht Dokumentarfilme.

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