Reportage

Die Hoffnung der Maya

Die Maya im Süden Mexikos feiern das Kreuz als Zeichen des Lebens. Der Steyler Missionar Carlos Salcedo ist froh, dass er an ihren Traditionen teilhaben kann

Der Steyler Missionar Carlos Salcedo feiert mit den Maya den Gottesdienst.

Wenn in der Gemeinde Patiojá der Gottesdienst beginnt, läuten keine Glocken. Raketen fliegen in die Luft – als Zeichen, dass Pater Carlos Salcedo da ist und die Messe beginnt. Wir feiern eine Kreuzverehrung mit den Ch’ol, einem Mayavolk im Süden Mexikos. In vielen lateinamerikanischen Ländern werden die oft bunt geschmückten Kreuze verehrt. Auch hier in der Gemeinde Patiojá in Chiapas, die von den Steyler Missionaren in Salto de Agua in Chiapas betreut wird.

Vor dem Altar in der Kapelle vom „Göttlichen Erlöser“ liegen Maiskolben in verschiedenen Farben, Maniokwurzeln, Bananen und Bohnen im Kreis auf dem Boden. Die Kreuzesform wird von Kerzen in symbolischen Farben betont: Im Osten steht eine rote Kerze – das ist der Sonnenaufgang, von dort kommt das Leben. Gegenüber brennt eine schwarze Kerze – der Westen symbolisiert den Sonnenuntergang, die Reifung und das Vergehen. Rechts flackert eine gelbe Kerze – der Süden steht für das Reifen und die Vollendung. Links zeigt die weiße Kerze den Norden mit den Versprechungen. In der Mitte dieses „Altars“ stehen zwei Kerzen: grün die Erde, blau der Himmel.

Das ist die Gegenwart, die Welt der Ch’ol. So fügt sich das Leben in die kosmische Ordnung ein – eine altbewährte Weise, wie sie ihre Ernte und ihr Leben ausrichten.

Jetzt will die Kirche  die Kultur der Maya fördern

Lange Zeit wurden die religiösen Vorstellungen der Maya als unvereinbar mit dem christlichen Glauben buchstäblich verteufelt. Das hat sich geändert: Die Kirche will die Kultur der Maya wertschätzen und lässt daher die Feiern mit solchen Kreuzen zu, ja fördert sie sogar.

Für Pater Carlos ist klar: „Es ist das Gebet gewordene Wort. Die Natur drückt sich in den vier Himmelsrichtungen aus. Das ist auch ein privilegierter Raum, um den indigenen Geschwistern nahezukommen, ihrem Sinn des Leben und ihrer Spiritualität. Denn auch bei ihnen wird ja Gott tagtäglich Wort und Mensch.“

In Patiojá steht im Mayakreuz an der Seite des Sonnenaufgangs, also des Lebensanfangs, eine Art Altar: Jesus am Kreuz, Maria kniet davor, daneben liegt eine aufgeschlagene Bibel. Für Pater Carlos ein klarer Hinweis, dass sich die traditionelle Frömmigkeit um das kosmische Kreuz weiterentwickelt hat und der Umgang mit der Bibel für die Gemeinde eine große Bedeutung hat.

©Christian Tauchner SVD

Die Feier fängt mit einem Tanz an: Die Männer stellen sich um den Altar auf den Boden und bewegen sich, einen Schritt hin, einen Schritt her. Es geht darum, sich in dieses Rund einzuordnen. Die Mariachis (traditionelle mexikanische Musiker) spielen die Melodien. Die Frauen bilden einen weiteren Kreis außen herum, sie fügen sich in den Tanz ein. Dicker Weihrauch steigt auf und füllt die Kapelle. Auch Pater Salcedo hat sich in den Kreis der Männer gestellt, gekleidet mit einer prächtigen Mayastola, und wiegt sich im Takt. Mit ihm tanzen mehrere Gemeindeverantwortliche, die Diakone sind oder sich auf dieses Amt vorbereiten. Die Art, wie sie ihre Stola tragen – quer über der Schulter oder aber um den Hals – signalisiert, in welchem Ausbildungsstadium sie sind.

Der Gottesdienst wird auf Ch’ol gehalten. Pater Salcedo hat vor Jahren in dieser Gegend gearbeitet und etwas von der Sprache gelernt. „Ich bin etwas aus der Übung!“, sagt er, aber ein paar Worte am Anfang der Predigt und das Hochgebet bekommt er hin: kleine Gesten der Wertschätzung und Nähe zu den Menschen dieser Gemeinde. Für die Predigt braucht er Unterstützung. Pater Salcedo und die Gemeindeleiter sprechen gemeinsam über die Nachfolge Jesu und wie auch wir am Beispiel Jesu und seines Kreuzes lernen können, den Versuchungen des Egoismus entgegenzuwirken. „Dieses Beten beim Mayakreuz gibt mir das Gefühl, dass ich hier näher an die religiöse Welt der Indigenen herankomme“, sagt Pater Salcedo später zufrieden. „Weniger über Worte und die Logik von Diskursen und des Denkens trete ich da in die Logik des Herzens, der Sinne, der Bewegung des Körpers ein.“

Das Essen wird an Bedürftige geschickt

Nach der Eucharistiefeier bleiben alle für ein gemeinsames Essen zusammen. Wie in urchristlichen Zeiten gehören hier Eucharistiefeier und gemeinsames Essen zusammen. Dafür haben die Frauen Köstlichkeiten für alle vorbereitet mit den Gaben, die auch vor dem Altar ausgelegt waren: Maisfladen („tortillas“), eine Suppe mit Fleischstücken, Maniok und etwas Reis. Die Gemeinde beschließt dann, Früchte und Nahrungsmittel des Mayaaltars nach Salto de Agua an das Migrantenzentrum in der Hauptpfarrei zu schicken. Dort finden Menschen, die seit Wochen auf dem Weg nach Norden sind und in die USA wollen, einen Platz zum Warten und Ausruhen.

Der Karfreitag spielt für viele Gemeinden in Lateinamerika eine sehr viel wichtigere Rolle als der Ostersonntag. Das liegt offenbar daran, dass der Kreuzweg Jesu ihrem eigenen Leidensweg jahrhundertelang ähnlicher war als die Herrlichkeit der Auferstehung. In Patiojá feiert die Gemeinde mit der Kreuzverehrung, wie ihre Welt wieder in Ordnung kam: ausgerichtet und eingebettet bei der grünen und blauen Kerze in der Mitte, bei Natur und Himmel, zwischen Reifung und Hoffnung, Sonnenuntergang und Sonnenaufgang mit dem Versprechen neuen Lebens bei der roten Kerze mit dem Kreuz und Maria.

Für Carlos Salcedo „ist bei diesem Gebet der brennende Dornbusch erfahrbar: Gott zeigt sich als anwesend, wenn Männer und Frauen zusammenkommen und ihre Spiritualität feiern. Die Wege Gottes kreuzen sich vom Aufgang zur Vollendung mit den Wegen der Menschen – ein Moment, um den Gott des Lebens zu bitten, Wege zu einem besseren Leben zu eröffnen.“

Christian Tauchner SVD

April 2020

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Eindrücke aus Mexiko

Das Kreuz gehört zu den Ursymbolen des Menschen: Es verbindet Himmel und Erde und zeigt die Weite des Horizonts. Das Kreuz gehört auch zu den schrecklichsten Erfindungen: ein Hinrichtungswerkzeug der Antike, das den Schwerverbrechern einen qualvollen Tod sicherte.

Wer nicht-christliche Gäste nach Hause einlädt, kann mit dem Kreuz seine Wunder erleben: „Warum ist dieser arme Mann an ein Kreuz genagelt? Und warum hängt ihr so was ins Wohnzimmer? Was gefällt euch daran?“ Wie es Paulus sagte: Das Kreuz ist für die Gläubigen seiner Zeit (die Juden) ein Ärgernis, für die Vernünftigen (die Griechen) ein Blödsinn (1 Kor 1,23). Tatsächlich kostete es die ersten Christen viel Mühe, das Kreuz als ein Zeichen des Lebens zu verstehen – dass dieser am Kreuz umgekommene Jesus lebt und das auferstandene Leben sichert.

Seit dem frühen Mittelalter gibt es verschiedene Formen von Kreuzesverehrung, immer als eine Weise, das Lebensgeheimnis Jesu Christi besser zu verstehen und zu begreifen – deshalb auch das Berühren des Kreuzes – und Jesu Lebensweise zu übernehmen: seine Nächstenliebe, sein Einsatz für Heilung und Gerechtigkeit, sein Dasein für andere Menschen. Daher wird am Karfreitag das Kreuz als Symbol dieser Lebensweise Jesu bedacht und verehrt.

Christian Tauchner SVD