Reportage

Die Hüterinnen des Kölner Doms

Andrea Petzenhauser ist eine von vier Domschweizerinnen in Köln. Sie muss im dicksten Gewühl Ordnung halten. Und immer freundlich bleiben

Frauen als Domschweizerinnen: Für die Kirche ein großer Gewinn, findet Andrea Petzenhauser

Heute ist Andrea Petzenhauser eine rote Ampel. Im traditionellen Gewand der Domschweizer steht die 35-Jährige im Westwerk des Doms, da, wo die Besuchermassen sich hereinschieben mit Rucksäcken und Tüten, das Handy am Ohr und die Kapuze auf dem Kopf. Sie steht da gern, noch lieber ganz draußen vor dem großen Bronzeportal, „da ist Dynamik, da passiert viel, und ich hab‘ lieber zu viel Arbeit als zu wenig!“

Aber heute muss sie den Strom aufhalten. Mit rotem Band ist der Kirchenraum abgesperrt, nur ein schmaler Durchlass bleibt offen. Und da steht Andrea Petzenhauser: 1,80 groß, sportlich und durchtrainiert, der lange Talar lässt sie noch eindrucksvoller wirken. Wer an ihr vorbeiwill, muss das wollen. „Zur Weihe?“, fragt sie freundlich, und viele strecken ihr ihre Eintrittskarte hin. Andere nicken bloß, auch die lässt sie passieren. Nach welchen Kriterien entscheidet sie? „Man entwickelt schnell einen Blick dafür. Alle, die mit dem Handy in der Hand reinkommen und sich suchend umschauen, sind Touristen.“

©Achim HehnÜber die freut sich Andrea Petzenhauser auch. Später, wenn der Dom wieder offen ist für alle. Jetzt aber ist Diakonenweihe. Zutritt haben nur geladene Gäste. St. Peter ist kein Museum, das man mal schnell mitnimmt, weil man sowieso in der Stadt ist, sondern ein Gotteshaus mit eigenen Regeln. Und die Frau in Rot sorgt dafür, dass man das nicht vergisst.

Eine lebendige Visitenkarte

Freundlich sollen sie bleiben, ein Lächeln für jeden haben, ein feines Gespür für Menschen entwickeln – die Domschweizer sind für ihren Chef, Dompropst Gerd Bachner, die Visitenkarte des Kölner Domes: „Wir möchten, dass der Dom als ein Ort des Willkommens und der Zuwendung wahrgenommen wird“, sagt er. „Die Domschweizer bereiten dafür das Entrée.“

Mit der Berufung von vier Frauen ins Amt der Domschweizer hat das Domkapitel ein Ausrufezeichen gesetzt, das weit über Köln hinaus wahrgenommen wurde. „Sie bereichern und erfrischen unseren Dom ungemein!“, so Bacher. Auch die Facebook-Gemeinde ist begeistert: „Würde ich auch sofort machen!“ „Super – wurde auch Zeit!“ Selbst in ihrer bayrischen Heimat wird Andrea Petzenhauser angesprochen. Und wenn Touristen aus Süddeutschland kommen, schickt sie die gleich zu den Bayernfenstern, die sie auch selbst sehr mag.

Offene Türen

Die Türhüter haben eine lange Tradition, und es gibt sie nicht nur in Köln, sondern auch in Speyer, Salzburg oder Freiburg. Der Begriff „Kirchenschweizer“ kommt aus der Zeit, als die Schweizer noch die „Wach- und Schließgesellschaft Europas“ waren. Im 17. und 18. Jahrhundert waren es oft ehemalige Soldaten aus der Schweiz, die sich im Ausland als Soldaten oder als Wächter verdingten.

30 Domschweizer gibt es am Dom zu Köln, etwa fünf bilden eine Schicht. Sie wissen, wann man den Turm besteigen darf oder wo die Toiletten sind. Sie schicken Betrunkene fort und bremsen Damen mit Spaghettiträgern. Andrea Petzenhauser weiß, dass die Kleidervorschriften für viele Besucher lästig und unverständlich sind, aber sie weiß auch, dass sich manche Betende über rücksichtslose Touristen ärgern. „Es ist eine Frage des Respektes, und ich muss ja auch in einer Moschee oder Synagoge bestimmte Verhaltensweisen akzeptieren!“

Anfangs hat die neue Domschweizerin die Regelverstöße selbst nicht gesehen: „Es ist so normal, dass Leute telefonierend durch die Gegend laufen – man nimmt das nicht mehr wahr.“ Vielleicht kommen Forderungen besser an, wenn eine Frau sie stellt; jedenfalls kann niemand ihre Bitte, die nackte Schulter mit einem Tuch zu bedecken, sexistisch nennen.

©Achim HehnFreundlich und konsequent

Jetzt steht sie mit dem Rücken zum Altar und hat die Augen überall, ähnlich wie ein Stadion-Ordner randalierende Fans im Blick behält. Richtig Ärger hat sie erst ein einziges Mal gehabt. Da hat ein Gottesdienstbesucher eine Mutter mit einem weinenden Kleinkind so angeschnauzt, dass die Domschweizer ein Hausverbot aussprachen. Für den Mann.

Eine Gruppe japanischer Touristen drängt in den Dom, die Handys klicken vor Andrea Petzenhausers Gesicht, manche schieben sich fürs Selfie neben sie. Sie mag das nicht, dreht sich immer wieder weg. „Wenn ich gefragt werde, ist es okay, aber einfach so – nein!“ Auf wohl Tausenden von japanischen Smartphones ist ihr Bild: eine junge Frau mit langem Zopf und blitzenden Ohr-Steckern, in einem samtverbrämten Gewand aus dem Mittelalter.

Alle willkommen zu heißen, jeden zu grüßen, keine Unterschiede zu machen, egal ob der Obdachlose mit der Plastiktüte kommt oder die Dame mit der Gucci-Tasche: Das ist es, was sie an ihrem Einsatz so liebt. „In den Dom kommen Menschen aus aller Welt – welchen Eindruck nehmen die mit? Ich war selbst viel unterwegs und bin überall gastfreundlich aufgenommen worden. Diese Erfahrung möchte ich weitergeben an unsere Gäste!“

Die ganze Geschichte lesen Sie bei uns im Heft.

Christina Brunner

März 2020

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