Brauchtum

Die Krippe der Ausgestoßenen

Vor mehr als 20 Jahren begann der Osttiroler Schnitzer Wilhelm Rainer für einen befreundeten Pfarrer aus Deutschland Krippenfiguren zu schnitzen. Jedes Jahr kam eine neue, sehr spezielle Figur dazu.
 

Pfarrer Karl-Heinz Wielens im Kreis der Krippenfiguren

Die Krippenfiguren in der St. Bernhard Kirche in Bocholt an der deutsch-niederländischen Grenze unterscheiden sich deutlich von den Figuren, die in den meisten Weihnachtskrippen stehen. Zunächst sind sie 80 Zentimeter groß und tragen textile Kleidung. Und wer sich Hirten und Schafe, Ochs und Esel und die Weisen aus dem Morgenland erwartet, hat recht. Aber nicht ganz. Das Jesuskind bekommt bei dieser Krippe auch anderen Besuch: Ein UN-Soldat, eine Prostituierte, ein Punk mit Gitarre, eine muslimische Frau mit Kind, ein Bub, der im Rollstuhl sitzt, ein Ziegenbock, der sich sträubt, ein Jude, der mit einem Palästinenser befreundet ist, ein Clown – sie alle haben sich auf den Weg gemacht, um beim Christkind Trost zu suchen.

Geschaffen hat diese besonderen Krippenfiguren der Innervillgrater Bildhauer Wilhelm Rainer. Die Idee dazu stammt von Karl-Heinz Wielens, dem langjährigen Pfarrer der St. Bernhard Kirche. Schon seit mehr als 50 Jahren verbringt der 70-Jährige seine Urlaube in Innervillgraten in den Osttiroler Bergen. Wilhelm und er lernten sich schon als junge Burschen kennen. Auch in den Folgejahren, als der Priester mit Jugendgruppen nach Osttirol reiste, hielt die Freundschaft der beiden weiter an.

In den 1990er Jahren trat der Pfarrer mit einem besonderen Auftrag an seinen Bildhauer-Freund heran: „Er hatte bereits ein paar solcher bekleideter Figuren, wollte sie um neue ergänzen und hatte dafür schon einige Ideen“, erzählt Wilhelm Rainer, der den Auftrag gerne annahm. Fortan schnitzte Wilhelm Rainer jedes Jahr eine, manchmal auch zwei Figuren, die er immer pünktlich zum Weihnachtsfest nach Bocholt schickte. „Manchmal war es schon ein bisschen knapp, aber es ist immer noch alles rechtzeitig angekommen.“ Und wie lange sitzt der Schnitzer an so einer Figur? „Schon a Weil“, erzählt er. „Es kann ein paar Tage dauern, manchmal auch eine Woche, das ist ganz verschieden.“ Die Kleidung der Figuren wird ebenfalls in Innervillgraten von einer Näherin im Dorf hergestellt.

Das "leichte Mädchen", der Clown, der Punk und der behinderte Bub im Rollstuhl: Sie sind alle zum Jesuskind gekommen.

Mit den sehr speziellen Figuren für seine Gemeinde am Stadtrand von Bocholt wollte Pfarrer Wielens den Kern und die wahre Aussage des christlichen Weihnachtsfestes in den Vordergrund rücken: „Eine Krippe ist eigentlich alles andere als ein Ort der ‚Wohlfühligkeit‘, der Sentimentalität und des Wohlbefindens“, betont der Priester und bedauert, dass die „Menschen bei uns zu Weihnachten immer den Gefühlsdusel brauchen: ‚Kling, Glöckchen, klingelingeling‘– ‚Holder Knabe im lockigen Haar‘ – ‚Süßer die Glocken nie klingen‘. Das ist eine völlig falsche Romantik! Mit dem Weihnachtsgeschehen hat das nichts zu tun!“, fügt er hinzu.

Die Figuren in „seiner“ Krippe, so Wieland, sind allesamt Figuren, die gegen die „Wohlfühligkeit“ protestieren, die nicht einverstanden sind mit all den Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft – damals wie heute. „Jede Figur spricht ihre eigene Sprache, ihren eigenen Protest und ihre eigene Verehrung des Jesuskindes. Natürlich aus der eigenen leidvollen Unrechtserfahrung heraus“, erläutert Pfarrer Wielens. „Mit diesem Kind und seinen Eltern wissen sie sich zutiefst verbunden.“

Der Clown und der Junge im Rollstuhl
Obwohl die Krippenfiguren so ganz anders sind, sind sie bei den Mitgliedern der St. Bernhard Gemeinde trotzdem gut angekommen. „Jedes Jahr, wenn eine neue Figur auf die Krippe kam, waren die Menschen neugierig: Was hat das nun wiederum zu bedeuten?“, erinnert sich Wielens. Die Erklärungen und Deutungen in seiner Predigt hätten viele Menschen zum Nachdenken gebracht. „Jede Figur ist ja auch eine Provokation“, stellt er fest.

Hat er eine Lieblingsfigur? Wielens denkt nach: „Mir sind alle Figuren wichtig, sonst ständen sie nicht in der Krippe. Aber es sind zwei, die mir besonders ans Herz gewachsen sind – der behinderte Junge und der Clown. Der Clown hält uns den Spiegel hin: Wir brauchen nur hinzuschauen und sehen uns selbst. Bin ich das oder wer bin ich wirklich? Der spastisch gelähmte Junge sagt uns deutlich: Du bist gesund! Bist auch dafür dankbar? Oder ist das für dich selbstverständlich?“ Der Priester kann eine Szene nicht vergessen: Ein junges Mädchen im Rollstuhl blieb lange vor der Krippe und hat fassungslos geweint. Mir ist das sehr nahe gegangen.“

Der Schnitzer in der Werkstatt. Hier duftet es herrlich nach Holz

Vor zwei Jahren reiste Wilhelm Rainer mit seiner Familie nach Norddeutschland und besuchte die St. Bernhard Kirche. Er erzählt von der Messfeier, an deren Ende Pfarrer Wielens darauf hinwies, dass sich der Schnitzer der Krippenfiguren unter den Besuchern befände, woraufhin die Leute applaudierten. „Das war schön, das hat mir sehr gut gefallen.“ Ein ganz besonderes Erlebnis sei es auch gewesen, die Krippenfiguren alle gemeinsam und in Aktion zu sehen.

Um die 15 Figuren hat Wilhelm Rainer schon für die Krippe geschnitzt, im Vorjahr kam die voraussichtlich letzte dazu, Papst Franziskus, kniend vor dem Jesuskind. „Papst Franziskus kommt aus der Armut Lateinamerikas. Er scheut keinen Konflikt und ist einfach mutig, vorbildlich und nachahmenswert“, meint Karl-Heinz Wielens. „Er hat den Platz in der Krippe wirklich verdient.“

Im September ging der Pfarrer der St. Bernhard Kirche nach 30 Jahren in Pension. Über Langeweile wird er trotzdem nicht zu klagen haben. „Ich bin neben meiner theologischen Ausbildung auch Organist und Dirigent. Das ist natürlich bisher zu kurz gekommen.“ Auch sein Freund Wilhelm Rainer ist nach wie vor aktiv. Den Großteil der Tage verbringt er in seiner Werkstatt, einem freundlichen lichtdurchfluteten Raum, den er sich inzwischen mit Tochter Anna, einer Glasbläserin, teilt. 1961 erlernte er den Beruf des Holzbildhauers in der Schnitzschule Elbigenalp. Nicht das leichteste Brot, wie er erzählt. „Es war schon oft hart.“ In den 1970er und 80er Jahren war die Nachfrage nach geschnitzten Arbeiten größer, heute landen eher Produkte aus Massenfertigung in den Einkaufswägen. „Schnitzer gibt es schon noch einige in Osttirol, aber ob die so lange durchhalten wie ich?“, fragt sich der Innervillgrater.

Sigrid Unterwurzacher

Dezember 2018

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