Brauchtum

Die Krippe, die an Fäden hängt

Im Heimatmuseum Altenmarkt erwecken Helga Sobota und ihre Kolleginnen die biblische Weihnachtsgeschichte zum Leben.

Handwerker, Jäger, Soldaten und allerlei Getier: Die Figuren der Grundner-Krippe werden mit Fäden bewegt.

Virtuell lassen wir uns heute in grenzenlose digitale Welten beamen. Doch beinahe andächtig verweilen wir vor dieser 1,80 x 1,60 Meter großen und 1,20 Meter tiefen Kastenkrippe im Heimatmuseum Altenmarkt. „Hinsetzen, Gedanken loslassen und staunen“, rät Kustodin Helga Sobota, eine pensionierte Volksschullehrerin.

Während sie hinter der Kulisse die Fäden zieht, beginnt sie mit ihrer berührenden Erzählung von der Herbergsuche des Heiligen Paares. „Josef, i bin sooo müd“, klagt die hochschwangere Maria, als sie am Zollhäusl vor Betlehem ankommt. Dort waltet – durch Sobotas Fingerspiel – ein Zöllner zackig seines Amtes. Das Paar sieht am Weg den Bauern Flachs brecheln, die Sennerin Butter rühren. Vorbei geht es am Schmied, der ein Pferd beschlägt, und einem Schuster, der die Schuhe nagelt. Bergleute holen das Erz aus der Grube. Auch Wagner, Zimmermann und Fassbinder haben durch Sobotas Handarbeit  mächtig viel zu tun.

@Walter SchweinösterBeim Holzhacker denke sich Maria, so führt die Sprecherin im Dunkeln aus: „Mei, bei dem wird’s schön warm sein in der Stube.“ Als sie dann im Stall von Betlehem das Jesuskind zur Welt bringt, sind die Hirten außer sich vor Freude. „Kommt“, motivieren sie alle im Dorf, „laufen wir zum Kindlein“! Dem Scherenschleifer, einem ausgegrenzten Zigeuner, rufen sie zu: „Auch du musst mit, weil der Heiland ja für alle auf die Welt gekommen ist!“

Nach der Vorstellung lässt Sobota die Kinder an Kurbeln drehen, sodass die Kühe herumsausen. Sie zeigt ihnen, wie mittels Schnüren die Gamserln vor dem Jäger flüchten und ein Rauchfangkehrer durch den Schornstein ein- und ausflutscht. Auch, wie am Schauplatz „Jerusalem“ die Pferde laufen und der General seinen Säbel zückt oder in der Szene „Zimmermannshaus in Nazareth“ das Bübchen Jesus artig den Boden kehrt.

Krippenspiel „wie am Schnürchen“

Von den etwa 120 Figuren seien rund 80 beweglich, einige davon nicht originalgetreu, so weiß es die Kustodin, die lächelnd auf zwei Schön- und Schiachperchten zeigt und meint: „Die zum Beispiel hat der Museumsgründer und erste Kustos Kaspar Fritzenwallner in unserer Zeit hineingestellt.“ Die Arme der Krippenfiguren – zwei Holzstückchen – werden mit einem Leinenstreifen festgehalten und die Figuren an Schnüren bewegt. Die Fäden sind nicht beschriftet, aber die pensionierte Lehrerin weiß nach über 1000 Vorführungen längst, welche Schnur zu welcher Figur gehört.

Die entzückende Krippe war um 1740 von Franz Plattner gebaut worden. Der Tiroler aus dem Unterinntal hatte nach der Vertreibung der Protestanten 1731/32 aus Altenmarkt eines der verwaisten Anwesen in der Gemeinde gekauft – das Grundnerhäusl. Der „Grundner“, wie er deshalb genannt wurde,  war wie alle Weber im Winter arbeitslos. „Im Winter wurde auf den Höfen gesponnen, Arbeit für den Weber gab es dann erst im Frühjahr und Sommer“, erzählt Steffi Oberreiter, die zusammen mit Helga Sobota und Simone Maier Führungen durch das Heimatmuseum macht.

@Walter SchweinösterDeshalb stellte der Grundner statt des Webstuhles im Winter die von ihm gestaltete Krippe auf. Nach der Sonntagsmesse kamen die Bewohner, zahlten Eintritt in Geld oder Naturalien und erfreuten sich an der Mechanik und den vielen kreativen Details, wie an einem winzigen, bespannten Webstuhl.

Über Jahrhunderte hinweg verblieb die Krippe in Familienbesitz und wurde im Advent aufgestellt. Für  Generationen von Altenmarktern war es Brauch in der Weihnachtszeit, dem Grundner-Kripperl einen Besuch abzustatten.

Vor dem Verkauf ins Ausland gerettet

„1952 wollte die Familie die Krippe an einen Interessenten aus Norddeutschland verkaufen. Ihr waren der mühsame Aufbau, die vielen Besucher im Haus und dann der ständige Dreck, den sie hereintrugen, zu mühsam geworden“, erzählt Steffi Oberreiter. Als der damalige Volksschuldirektor von den Verkaufsabsichten erfuhr, schlug er bei der Gemeinde Alarm: „Das Kripperl gehört zu unserer Geschichte und unserem Brauchtum, das darf nicht wegkommen.“ Doch in den Jahren nach dem Krieg fehlte der Gemeinde Altenmarkt Geld für den Ankauf. „Der Direktor ist dann mit den Schulkindern an den Adventdonnerstagen Anklöpfeln gegangen und hat Geld für die Krippe gesammelt“, weiß Oberreiter. So kam die Grundner-Krippe in den Besitz der Gemeinde. Zunächst wurde sie im alten Pfarrhof, später in der alten Schule und schließlich im Heimatmuseum ausgestellt.

@Walter Schweinöster„Die Grundner-Krippe ist das Herzstück unseres Museums und deshalb das ganze Jahr über zu sehen“, betont Steffi Oberreiter. Außerhalb der Weihnachtszeit legen sie und ihre Kolleginnen den Schwerpunkt bei den Führungen auf die vielen verschiedenen Handwerksberufe, die heute zum Teil schon ausgestorben sind. Doch mit dem ersten Adventsonntag steht dann die biblische Geschichte von der Geburt Jesu nach dem Lukas-Evangelium im Mittelpunkt. Meist sind die Damen bei den Vorführungen zu zweit: „Eine steht vor der Krippe und erzählt die Geschichte, die andere befindet sich hinter dem Krippenkasten und bewegt die Figuren, indem sie die Fäden zieht“, erklärt Steffi Oberreiter. „Da muss man aufpassen, damit man seinen Einsatz nicht verpasst und im richtigen Moment den Krug hebt, aus dem der Wirt trinkt, oder die Trommeln der Soldaten in Bewegung versetzt.“

Die Geschichte, die sie erzählen, ist nirgendwo aufgeschrieben, sondern wird von einer Generation zur anderen mündlich weitergegeben. Jedes Jahr kommen Tausende Besucher, um die Krippe zu sehen. Kindergartengruppen, Schulklassen, Vereine und Firmen, aber auch Familien machen sich Termine für Sonderführungen aus. „Für manche ist der Krippenbesuch die Einstimmung zu ihrer Weihnachtsfeier und für viele Familien ist es Brauch, mindestens einmal im Advent der Grundner-Krippe gemeinsam einen Besuch abzustatten. Für die Pongauer ist die Krippe einfach ein Stück Heimat.“

Von Christine Schweinöster und Ursula Mauritz

Dezember 2019

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Heimatmuseum Altenmarkt

Das Altenmarkter Heimathaus befindet sich in einem alten, vermutlich von einer frommen Bruderschaft gegründeten Haus, das 1408 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Hier wurden Alte und  Kranke aufgenommen und gepflegt. Bis in die 1970er-Jahre diente es als Altersheim der Gemeinde. Als das Altenheim übersiedelte, fand das „Hoamathaus“ hier seinen Platz. In verschiedenen Räumen wie einer alten Bauernstube, einer Rauchkuchl, einer Schulklasse und einer Baderstube können die Besucher das bäuerliche Leben in früheren Zeiten nachvollziehen. Ein Ausstellungsraum widmet sich dem wirtschaftlichen Aufschwung in den letzten Jahrzehnten, als sich Altenmarkt durch Pisten- und Liftbau als Wintersportort etablierte.

Öffnungszeiten: Mi, Do, Fr 16–18 Uhr
Vom 1. Adventsonntag bis zum 6. Jänner auch an den Wochenenden von 15–18 Uhr.

Brunnbauergasse 1
5541 Altenmarkt/Pongau
Österreich