Steyler Welt

Die Kühe der Missionare

Im Osten Boliviens unterhalten die Steyler eine Bio-Farm. Hier sollen Schüler den ökologischen Anbau kennen lernen und sich selbst versorgen

Die Kühe der Missionare

Um die Sache mit den 400 Rindern zu erklären, holt Pater Michael Heinz weit aus. Und erzählt zunächst von Daniela und ihrem Heimatdorf San Francisco.

Das liegt mitten im bolivianischen Nirgendwo. Am Dorfplatz steht eine Kirche, in der Fledermäuse die kleinen Engelchen umschwirren, mit denen die Holzsäulen verziert sind. Vom windschiefen Glockenturm aus kann man die kleine Grundschule sehen, in der Daniela Lesen und Schreiben gelernt hat. Strom gibt es für die 40 Familien des Dorfes nicht. Nach Sonnenuntergang erleuchtet eine kleine Solarlampe die strohdachgedeckte Lehmhütte, in der Danielas Eltern wohnen.

Täglich um 3 Uhr steht Danielas Mutter auf, um mit der Taschenlampe erste Arbeiten auf dem Feld zu erledigen. Tagsüber ist die Hitze so groß, dass man dort nichts tun kann. In den kühleren Abendstunden stößt Danielas Mutter ihren kleinen Spaten – den „pala“ – wieder ins Erdreich. So geht das jeden Tag.

Für ihre Tochter wollte Danielas Mutter ein anderes Leben. Deshalb war sie froh, dass Daniela einen Platz im Mädcheninternat der Steyler Missionare bekam. Das „Casa Guadelupe“ liegt, eine gute halbe Autostunde entfernt, in San Ignacio de Velasco, einer 33.000-Einwohner-Stadt im Osten des Landes. Von hier aus kann die 14-Jährige gemeinsam mit 22 anderen Mädchen die nahegelegene weiterführende Schule besuchen. In ein paar Jahren will sie Betriebswirtschaft studieren, danach im Büro arbeiten.

„Unmittelbar neben dem Mädcheninternat liegt noch ein weiteres Internat für Jungen, das ‚Casa San José‘“, erklärt Pater Michael Heinz. „Alle unsere Kinder und Jugendlichen kommen, wie Daniela, aus ärmeren Familien, die im Umkreis wohnen.“ In beiden Häusern werden sie liebevoll betreut und verpflegt. Für viele der Mädchen und Jungen sind die Internate zur „Ersatzfamilie“ geworden.

Was hat all das mit Rindern zu tun? Die Rundumversorgung von 40 jungen Menschen in den Internaten kostet Geld. „Großzügige Spender helfen uns dabei, die beiden Häuser zu betreiben“, sagt Heinz. „Aber langfristig sollen die Projekte auf eigenen Beinen stehen. Künftig sollen sie aus den Erträgen einer Modellfarm finanziert werden, die wir gerade aufbauen.“

Die Modellfarm„Estancia San José“ liegt gut 40 Kilometer von San Ignacio entfernt. „Mit unserem Farmprojekt erfinden wir das Rad nicht neu“, sagt der Steyler Missionar, während er seinen Wagen an riesigen Weideflächen entlangsteuert. „Schon unser Ordensgründer, der heilige Arnold Janssen, hat das vor 140 Jahren so gemacht: Zu allen großen Missionshäusern, die er mitbegründete, gehörten auch immer große Bauernhöfe, die mit ihrem Vieh und ihren Anbauflächen die Brüder und Patres versorgten.“

Gleich hinter dem Farmtor wird klar: Das Gut der Steyler in Bolivien ist kein kleiner Bauernhof – das riesige Areal umfasst gut 1.000 Hektar. „Alles unter 1.500 Hektar gilt in Bolivien als ‚kleine Landwirtschaft‘“, erklärt Michael Heinz und erinnert sich an ein Telefonat, das er kürzlich mit seiner Mutter geführt hat. „Als ich von unserer ‚kleinen Farm‘ mit den 400 Rindern erzählt habe, hat sie die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Wir hatten früher im saarländischen Düppenweiler auch eine ‚kleine Landwirtschaft‘. Aber das waren bloß eine Kuh und ein paar Schweine.“

Cowboy Juan wacht zu Pferd über die riesige Steyler Rinderherde – und hat sich längst an den Anblick des ungewöhnlichen Brandzeichens gewöhnt, das die Tiere tragen. „Das Logo der Steyler Missionare“, erläutert Michael Heinz schmunzelnd, bevor er Viehsalz in einen großen Trog streut und die Tiere beim Futtern beobachtet. „Nicht nur bei der Auswahl des Tierfutters sind wir eine ökologisch orientierte Landwirtschaft“, sagt Heinz. „Auch sonst bewirtschaften wir das Land im Einklang mit der Schöpfung, verzichten zum Beispiel komplett auf Brandrodung.“  

So sind auf der Farm  die ersten Plantagen entstanden: Bananen, Ananas und Maniok gedeihen neben Mais- und Steviapflanzen. Die Internatsschülerinnen und -schüler haben beim Anbau ordentlich mit angepackt. „Denn auch das soll ein Ziel unseres Projektes sein: Jungen Menschen die Grundlagen von ökologischer Landwirtschaft zu vermitteln – auf dass sie ihr Wissen in ihren Dörfern weitergeben“, sagt Michael Heinz.

Die Schüler lernen, wie man Bienen und Fische züchtet, Obstbäume beschneidet und Schafe weidet. Dazu kommen sie in Kleingruppen regelmäßig auf die Farm, mal am Wochenende, mal in den Ferien. „In praktischen Dingen sind die meisten der Jugendlichen gut drauf, viele können von Haus aus mit der Machete umgehen“, erklärt der 50-Jährige, der auch die bolivianische Provinz der Steyler Missionare leitet. „Bei uns lernen sie zusätzlich die theoretischen Grundlagen des Ökolandbaus.“ Mitten auf dem Gelände entsteht deshalb derzeit ein Wirtschaftsgebäude mit Schlafräumen. Hier wohnen die Mädchen und Jungen während ihrer Lernzeiten auf der Farm.

Nach einem kleinen Plausch mit Farm-Verwalter Carlos tritt Pater Michael Heinz die Rückfahrt an. Wieder ruckelt der Wagen auf unwegsamer Piste vorbei an Palmen und wilden Orchideen. Hätte es sich der Steyler Pater träumen lassen, mal Experte in Sachen Ökolandbau zu werden? „Man wächst mit seinen Aufgaben“, sagt Michael Heinz. „Aber mit den ganzen Rindern, Schafen, Hühnern und Enten und den drei Schildkröten, die wir im ‚Casa San José“ vor kurzem vor dem Kochtopf gerettet haben, habe ich manchmal schon den Eindruck, auf der Arche Noah unterwegs zu sein.“

Zurück in San Ignacio schaut Michael Heinz noch schnell bei Juan Romero vorbei, dem Präsidenten von „Minga Kaffee“. Das lokale Label vertreibt Bio-Kaffee aus der Region, 350 Familien aus der Region profitieren von diesem Verbund. „Auch wir wollen auf unserer Farm demnächst einen Hektar Kaffee anpflanzen und über das Minga-Label anbieten“, erklärt der Steyler Missionar. „Mit 3.000 bis 4.000 Kaffeepflanzen geht es los.“ Das nächste „kleine Pflanzprojekt“ für Daniela und die übrigen Internatsschüler steht ins Haus. Zur Sicherung ihrer eigenen Zukunft.

Markus Frädrich

Mai 2016

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