Titelthema

Die Kunst, nicht zu zerbrechen

Ein folgenschwerer Verkehrsunfall oder der Tod des eigenen Kindes – Ereignisse wie diese verarbeitet man nie. Arne Kopfermann und Petra Krause-Wloch aber haben gelernt, mit ihnen zu leben. stadtgottes-Volontärin Eva Bernarding hat die beiden getroffen

Der Musiker Arne Kopfermann hat wohl das Schlimmste erlebt, was einem Vater passieren kann: der Tod der eigenen Tochter

Petra Krause-Wloch lächelt in die Kamera. Selbstbewusst posiert sie vor dem Fotografen, dreht sich mal nach links und mal nach rechts. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Denn ihr Gesicht ist von Brandnarben gezeichnet. Die Haut zusammengezogen, auf der Nase und um die Augen gerötet. Die Nasenscheidewand ist gekrümmt, ein Teil der Außenwand fehlt komplett. Dennoch hat die 64-Jährige vor der Kamera keine Scheu. „Die hat mir mein Mann genommen. Er hat mich oft fotografiert“, sagt sie und steht schon für das nächste Bild parat.

© Michael LöwaVor 30 Jahren noch war Petra Krause-Wloch eine hübsche junge Frau mit langen lockigen Haaren. Das Gesicht glatt. Die Kinderkrankenschwester lebte mit ihrem Lebensgefährten und insgesamt sechs Kindern in einer Patchworkfamilie. Sie führte ein zufriedenes Leben. Bis zum 27. November 1991.

Petra Krause-Wloch war auf dem Weg zur Arbeit. Eine Nachtschwester im Krankenhaus war ausgefallen, und die damals 37-Jährige bot an, deren Dienst zu übernehmen. „Doch da kam ich nie an“, sagt sie und hält kurz inne. „Irgendwie bin ich von der Straße abgekommen. Das Auto ist mit der Beifahrerseite gegen einen Baum geprallt. Es fing sofort Feuer.“ Sie nimmt ein Fotoalbum hervor, in dem sie Zeitungsartikel vom Unfall und Bilder aus dem Krankenhaus eingeklebt hat. Damit will sie das Geschehene verarbeiten. Sie zeigt auf das Bild des völlig ausgebrannten Autowracks, das sich einmal um den Baum gewickelt hat. „Unvorstellbar, dass ich hier lebend rausgekommen bin.“

Auch bei Arne Kopfermann haben sich Bilder eines zerstörten Autos in die Erinnerung eingebrannt. Jenes, in dem er, seine Frau und seine Kinder Tim und Sara unterwegs waren, als sie an der Ostsee Urlaub machten. Der 51-jährige Familienvater erinnert sich, dass vor allem die damals 14 und zehn Jahre alten Kinder der Fahrt in den Freizeitpark entgegengefiebert hatten. Doch dann kam alles anders.

„Ich musste nach links auf eine Vorfahrtstraße abbiegen. Ein Taxi kam mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu. Ich habe es nicht kommen sehen“, fasst er jenen 3. September 2014 zusammen, der für ihn alles änderte. „Unser Auto drehte sich und kam zum Stehen. Zunächst war alles still. Dann hörte ich die hysterische Stimme meiner Frau, © privatdie rief: Ich glaube, Sara ist tot“.

Minuten später flog ein Rettungshubschrauber ihre Tochter ins Krankenhaus. Die Zehnjährige wurde sofort operiert. Sara hatte ein schweres Gehirntrauma erlitten und lag im Koma. Die Ärzte machten wenig Hoffnung, und dennoch war sie da. „Wir haben viel gebetet und auf ein Wunder gehofft“, erinnert sich Arne Kopfermann. Doch vergebens. „Einen Tag vor ihrem elften Geburtstag, am 13. September 2014, wurden dann die Geräte abgestellt, die Sara künstlich am Leben hielten.“

Harter Alltag

Bei Petra Krause-Wloch sah es zunächst auch kritisch aus. Sechs Wochen lag sie im künstlichen Koma. Außer den schweren Verbrennungen waren ein Schädelhirntrauma, Beschädigungen der inneren Organe sowie eine halbseitige Lähmung die Folgen des Unfalls. Als sie wieder erwachte, wusste sie weder, wer sie ist, noch was passiert war.

Was machen die Ärzte hier? Wieso ist mein Kopf eingewickelt? Wie sehe ich aus? Petra Krause-Wloch wollte schnell Antworten auf ihre Fragen und forderte einen Spiegel. Der erste Blick da hinein war ein Schock. Das Gesicht war rot und dick geschwollen. Die Haare auf der linken Kopfseite komplett weg. „Ich habe mir vor den Ärzten nichts anmerken lassen, doch als ich alleine war, habe ich nur noch geheult und geheult“, sagt sie und blickt kurz gedankenverloren aus dem Fenster.

Ihre größte Angst sei gewesen, dass ihr Mann sie verlasse und ihr die Kinder wegnehme. Diese Befürchtung stellte sich jedoch als unbegründet heraus. Ihre Familie war ihr in der Zeit nach dem Unfall die größte Stütze.

© Michael LöwaPetra Krause-Wloch spricht gefasst über ihr Schicksal. Ihre Stimme ist fest und stockt nicht. Nur einmal überkommen sie dann doch die Gefühle. „Die Krankenschwestern haben mir immer wieder gesagt, ich habe schöne Augen.“ Eigentlich wollten sie ihr mit dem Kompliment eine Freude machen. Petra Krause-Wloch hatte es jedoch nur wieder gezeigt, dass außer ihren Augen alles andere entstellt ist. Bei dieser Erinnerung fließen die Tränen. „Die Szene ist ein Trauma, das ich niemals ganz verarbeiten kann.“

Gespräche mit anderen Betroffenen halfen ihr jedoch, sich mit ihrem verbrannten Körper langsam abzufinden. Ende März 1992 wurde Petra Krause-Wloch, die sich selbst als Kämpferin bezeichnet, schließlich entlassen. Die schwierigste Zeit stand ihr aber noch bevor. Im Alltag geriet die vorher so selbstständige Frau oft an ihre Grenzen. Beim Bücken fiel sie hin und kam nicht mehr hoch. Durch ihre halbseitige Lähmung war Gitarre spielen nicht mehr möglich. Schreiben ging nur mit großer Anstrengung. Wut und Trauer waren ihre ständigen Begleiter.

Auch für Arne Kopfermann begann die schlimmste Zeit erst im Alltag. „Im Krankenhaus waren wir wie unter einer Glocke der Geborgenheit. Die Atmosphäre hatte etwas Heiliges. Die Emotionen zurück zu Hause waren jedoch unbeschreiblich schrecklich. Das Leben läuft ohne Rücksicht brutal weiter“, sagt er matt. Arne Kopfermann merkte von Anfang an, dass er sich mit seiner Trauer nicht verkriechen kann und will. Er schrieb viele Mails an Freunde und Verwandte, traf sich mit ihnen zum Joggen und nahm bald wieder seine Arbeit als Musiker auf. Seine Gefühle wechselten in Zyklen. Mal zerbrach er fast an der Trauer, mal fühlte sich die Situation wie in einem schlechten Traum an. In diese widerstreitenden Empfindungen mischte sich Dankbarkeit für immerhin zehn gemeinsame Jahre. Die Lücke, die Saras Tod in die Familie gerissen hat, beschreibt er wie eine Amputation: „Der Schmerz ist ein fester Bestandteil von mir geworden.“

Leid und Zuversicht

Viereinhalb Jahre nach dem Unfall spricht der Familienvater mit fester Stimme über diese schwere Zeit in seinem Leben. Er muss über seine Worte nicht lange nachdenken. Der 51-Jährige geht offen mit seinem Schicksal um. „Ich glaube, dass Offenheit Stärke erzeugt. Allerdings nur, wenn man generell ein offener Mensch ist.“ Zur Verarbeitung seiner Trauer veröffentlicht er das Buch „Mitten aus dem Leben“ und eine gleichnamige CD. In seinen Liedern geht es um Trauer, Hoffnung, Glaube und um Sara. „Der Tag, er kommt bestimmt, wenn wir zusammen sind. Wenn sich die Lücke schließt, dann seh ich dich mein Kind“, heißt es in seinem Lied „Dann seh ich dich“. Alle eigenen Einnahmen aus Buch und CD fließen in das „Sara Projekt“, das der Musiker zusammen mit seiner Frau gegründet hat. Es unterstützt traumatisierte und benachteiligte Kinder in Flüchtlingssituationen.

© Silas KochVor allem sein Glaube ist dem gläubigen Christen in der Trauer zum festen Anker geworden. Obwohl er zugeben muss, dass dieser nach Saras Tod zunächst ins Wanken geraten war. „Ich musste erst lernen, meine Klage Gott gegenüber auszudrücken und auch mein Unverständnis, die Fassungslosigkeit und Wut, dass er diesen Unfall nicht verhindert hat, obwohl er mir in der Bibel doch seinen Schutz zusagt.“ Doch Kopfermann hat für sich einen Weg gefunden, seinen Glauben nicht aufgeben zu müssen. „Ich bin überzeugter denn je, dass Gottes Handeln keinem festen Code folgt, den wir entschlüsseln können. Ich muss akzeptieren, dass Gott weiß und ich eben nicht.“

Leichtigkeit, die er früher hatte, sei verloren gegangen. „Ein Schicksalsschlag setzt alles auf den Prüfstand. Fragen wie: Habe ich mich genug um die Kinder gekümmert? haben plötzlich sehr viel Gewicht. Es gibt ja keine Möglichkeit mehr, die Vergangenheit ungeschehen zu machen.“

Trotzdem oder gerade deshalb kann er auch positive Entwicklungen nach dem Tod seiner Tochter bei sich erkennen. „Ich lebe bewusster und weniger getrieben. Ich habe das Schlimmste erlebt, was man erleben kann. Was soll mir denn also noch passieren, was ich nicht durchstehen könnte“, sagt er ruhig.

Fürs Leben gewappnet

Ein Satz, den Petra Krause-Wloch genauso in den Mund nimmt. Auch sie hat das Gefühl, das weitere Leben meistern zu können. Nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus ging es zwar körperlich wieder schnell bergauf, die seelischen Narben aber verheilten langsamer. Sätze wie „Wie siehst du denn aus?“ von fremden Menschen und Bekannten trafen sie sehr. Und dann kam noch ein weiterer Rückschlag: Sie durfte nicht mehr als Krankenschwester arbeiten. „Man könne mich mit dem Gesicht nicht mehr auf Patienten loslassen.“ Nach all den Jahren ist sie über diese Begründung immer noch entsetzt. Viele Menschen hätten wohl aufgegeben.

© Michael LöwaDoch Krause-Wloch ließ sich nicht unterkriegen. Selbsterfahrungsbücher und Gespräche mit der Familie motivierten sie zu kämpfen. 1994 gründete sie eine Selbsthilfegruppe für Brandverletzte, woraus vier Jahre später der Bundesverband für Brandverletzte entstand. Zufällig stieß sie auf eine Stellenausschreibung als Journalistin und dachte sich: Wieso eigentlich nicht? Schreiben entwickelte sich zu einer neuen Leidenschaft. Zehn Jahre lang war sie als freie Journalistin unterwegs. Ihr Gesicht war für den neuen Arbeitgeber kein Problem. Auch sonst wurden die Blicke weniger. Zumindest fielen sie Petra Krause-Wloch nicht mehr so auf. Vielleicht auch, weil sie nun selbstbewusster damit umging.

Mitten in diesen neuen Höhenflug platzte ein weiterer Schicksalsschlag: Ihr Ehemanns starb 2003 nach schwerer Krankheit. Lange zog sie sich zurück, saß oft stundenlang im Flur und tat einfach nichts. Die gewonnene Stärke nach dem Autounfall half ihr für die Verarbeitung der Trauer nicht. Dieses Mal waren es ihre Freundinnen, die ihr wieder Mut machten. „Sie sagten mir, ich solle noch mal etwas ganz Neues anfangen.“ Und das tat sie auch.

Mit über 40 begann sie ein berufsbegleitendes Pflegemanagementstudium, das sie später erfolgreich abschloss. Heute noch gibt sie Unterricht an Krankenpflegeschulen.

2004 veröffentlichte sie außerdem ein Buch, in dem sie ihre Erfahrungen als Brandverletzte weitergibt. Doch für Krause-Wloch ist das Buch auch eine Art Selbstreflexion. Das Schreiben habe ihr bewusst gemacht, wie sich ihr Leben durch ihren Autounfall verändert habe. „Der Unfall war ein Schubs in die richtige Richtung“, ist sie überzeugt.

Arne Kopfermann distanziert sich strikt von der Sichtweise. „Täler wappnen einen fürs Leben. Sie können Veränderungen anstoßen, wie das kein Höhenflug vermag. Ich finde es aber pervers zu denken, Saras Tod sei für etwas gut gewesen: als sei er Mittel für einen höheren Zweck. Ich werde ihn mir nie schönreden”, sagt der Vater mit Nachdruck.

Petra Krause-Wloch hingegen ist begeistert von ihrer positiven Entwicklung. Vor allem mutiger sei sie geworden. Sie springt plötzlich auf und tanzt im Raum herum. „Sehen Sie, das hätte ich mich früher nicht getraut“, sagt sie und lacht. Durch ihre Nahtoderfahrung lebe sie heute von Tag zu Tag und nicht nur in der Zukunft. Inzwischen ist sie siebenfache Großmutter und hat einen neuen Lebensgefährten gefunden. Mit ihm wohnt sie in Salzhemmendorf, in der Nähe von Hannover. Petra Krause-Wloch liebt ihr Leben und strahlt das auch aus. Sie ist der Überzeugung, dass Gott sie trägt, und ist für jeden neuen Tag dankbar.    

Zum Abschied sagt sie sogar: „Ich bin froh über mein Schicksal“, und lächelt für ein letztes Foto in die Kamera.

Was sagt der Geistliche?

© Christian Tauchner SVDWie kann der Glaube bei der Bewältigung eines schweren Schicksalsschlags helfen?

Zunächst einmal sind wir als Glaubende nicht vor Schwierigkeiten gefeit. Aber unser Glaube kann uns

helfen, weil wir wissen, dass Gott uns beisteht. Mit Gott sind wir nie alleine, egal in welcher Situation wir uns befinden. Er trägt uns.

Ist es für Menschen mit Glauben leichter, Schicksale zu verarbeiten, als für Menschen ohne Glauben?

Da bin ich vorsichtig zu urteilen, wie es ungläubigen Menschen bei der Verarbeitung von Schicksalsschlägen geht. Ich weiß jedoch, dass Gläubige viel Kraft aus ihrem Glauben schöpfen können, der ihnen bei der Verarbeitung ihrer Schwierigkeiten sehr viel hilft. Ein Gläubiger hat eine zusätzliche „Stütze“ im Leben bei der Verarbeitung von „Heimsuchungen“.

Was sagen Sie denjenigen, die nach einem Schicksalsschlag an Gott zweifeln?

Zunächst einmal, dass ich ihre Enttäuschung und Zweifel verstehen kann, sie sind „normal“. Auch Jesus hatte Fragen in schwierigen Zeiten, wie beispielsweise im Garten von Getsemani (am Tag vor seiner Kreuzigung, Anmerkung der Red.). Diejenigen, die ähnlich fühlen, zeigen, dass sie es mit dem Glauben ernst meinen. Fragen sind berechtigt. Es ist jedoch wichtig, wie Jesus, Gott zu vertrauen, ihm unser Leben anzuvertrauen und zu sagen: Herr, lass deinen Willen geschehen. Gott fügt uns kein Leid zu, aber er hilft uns, trotz allen Leids die Kraft zu finden, den Weg weiterzugehen. Ich denke hier an die Geschichte von den „Spuren im Sand“.

Zur Person:

Pater Peter Claver Narh, 40, hat Supervision und Beratung studiert und ist promovierter Pastoralpsychologe

Eva Bernarding

Februar 2019

Kommentare (1)

  • Ursula
    Ursula
    am 10.02.2019
    Dieser Bericht ist sehr beeindruckend.

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