"Die Liebe muss ich weiterleiten"

Maryam Hosseini, 39, begleitet ehrenamtlich Flüchtlinge aus Köln zu Terminen beim Amt oder Arzt, um für sie zu übersetzen

Ob Übersetzungen oder einfach nur zuhören: Ehrenamtliche Sprachbegleiter sind wichtig!

Pling. Bei WhatsApp gibt es eine neue Nachricht. „Eine Frau hat einen Termin beim Arzt, spricht aber kaum deutsch, nur persisch. Wer hat morgen Vormittag Zeit?“, lautet die Anfrage. Jetzt wird die WhatsApp-Gruppe von Maryam Hosseini, 39, aktiv. In der Gruppe sind über 90 „Babellos“ versammelt: Ehrenamtliche Sprachbegleiter, die Flüchtlinge zum Arzt, zum Jobcenter oder zu Sozialämtern begleiten, um für sie zu übersetzen. Wer Zeit hat, meldet sich.

Hilfe zurückgeben

Maryam Hosseini ist eine von ihnen. Sie lebt seit sechs Jahren in Deutschland, stammt ursprünglich aus der iranischen Hauptstadt Teheran und engagiert sich seit über einem Jahr für das Projekt der Kölner Freiwilligen Agentur. Es ist ihre Art, etwas von der Hilfe zurückzugeben, die ihr bei ihrer Einreise nach Deutschland zuteil wurde. Da hätten ihr „wunderbare Menschen“ geholfen. „Die Liebe muss ich weiterleiten“, sagt sie. Die Voraussetzungen zur Teilnahme erfüllte sie: Vorlage eines Führungszeugnisses, sie kann sich spontan und fließend zu einem breiten Themenspektrum auf Deutsch ausdrücken und den Vorbereitungskurs für Babellos belegte sie auch. „In diesem Kurs bekommen die angehenden Dolmetscher Tipps für Übersetzungen und Vorgehensweisen“, erläutert Bildungsreferent Bashir Alzaalan, 33. Gleichzeitig lernten sie auch, wo ihre Grenzen lägen, etwa, wenn das Gespräch zwischen einem Flüchtling und einer Person vom Amt aus dem Ruder laufe.

@Nadine VogelsbergImmerhin sind die Babellos ehrenamtlich unterwegs. Sie kommen zum Einsatz, wenn der Staat keinen Übersetzer stellt und der Betroffene ein Flüchtling ist. „Wir versuchen, uns zu fokussieren“, erklärt Bereichsleiterin Gabi Klein, 52, das durch Aktion Mensch und Spenden finanzierte Projekt. Auch die Sprachbegleiter selbst sind häufig als Flüchtlinge nach Deutschland gekommen, sprechen mittlerweile aber sehr gut deutsch. So können sie sprachlich und kulturell vermitteln.

Maryam hat schon viele Einsätze hinter sich. „Ich weiß schon gar nicht mehr wie viele“, sagt sie lachend. Sobald ein Termin ansteht, informiert sie sich. Dann sucht sie etwa nach medizinischen Fachbegriffen, wenn ein Arztbesuch ansteht. „Das erweitert mein eigenes Vokabular“, berichtet sie. Wie so häufig ging es bei der Frau mit dem Arzttermin aber nicht nur um Sprachvermittlung. Sie sollte eine Spritze bekommen, Maryam musste sie zunächst beruhigen. „Ich glaube, Menschen brauchen mehr als Dolmetscher. Sie brauchen Verständnis“, sagt die Sprachbegleiterin. Und das kommt bei den Flüchtlingen an: Für neue Einsätze fragen sie explizit nach dem Dolmetscher, mit dem sie schon einmal unterwegs waren, oder sie laden die Übersetzer aus Dankbarkeit zum Essen ein.

Großes Interesse

Seit die Babellos vor anderthalb Jahren ins Leben gerufen wurden, kamen mehr Anfragen herein, als verarbeitet werden konnten. 490 Einsätze liegen hinter den Sprachbegleitern. Und demnächst werden es wieder mehr: Die nächste Schulung für neue Babellos ist schon geplant.

Nadine Vogelsberg

Januar 2020

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Alle Ehrenamtlichen

Auch diese Menschen engagieren sich ehrenamtlich:

Inez Naumann, Demenzbegleiterin

Jessica Dorndorf, Gründerin einer gemeinnützigen Organisation

Irène, Betreuerin eines Obdachlosen-Schlafbusses

Norbert Niederegger, freiwilliger Wetter- und Klimabeobachter