Steyler Welt

"Die Menschen sollten die Liebe Gottes spüren"

Schon als Kind hat Sr. Marianeldis „Nonne gespielt“ und früh gespürt, dass ihr das religiöse Leben zusagte. Die Steyler Missionsschwester war 55 Jahre in Taiwan und erzählt in unserer Serie "Der Schatz der Alten" aus ihrem Leben

Schwester Marianeldis Loewe wurde 1931 in Schlesien geboren und ist 1957 in den Orden der Steyler Missionsschwestern eingetreten. Heute lebt die 87-Jährige im Mutterhaus in Steyl, „wo ich mich auf meine letzte Reise vorbereite und noch helfen möchte, wo ich gebraucht werde.“

Meine Kindheit und Jugend waren geprägt durch den Krieg. Über mir flogen die Bomben hinweg, als ich zu Fuß mit meiner Mutter und meinen Geschwistern aus Schlesien nach Bayern fliehen musste. Mein Vater galt als vermisst. In dieser Zeit habe ich erfahren dürfen, dass es auch im schlimmsten Leid Menschen gibt, die es gut mit mir meinten. Dieses „Gutsein“ wollte ich zurückgeben, das war in über 55 Jahren in Taiwan mein Anspruch und Antrieb.

Ich teilte ihre Ängste und Sorgen
Ich kam 1962 in die Nähe von Taipei und später nach Keelong. Meine Mission: Alte, Kranke, Arme und an den Rand Gedrängte begleiten. Mit ihnen zu leben, ihnen zuzuhören, ihre Ängste und Sorgen zu teilen. Ich habe Mission nie so verstanden, dass ich andere zum katholischen Glauben bekehren wollte. Doch gerade am Ende ihres Lebens klammerten sich viele buchstäblich an das Kreuz um meinen Hals. Nicht wenige ließen sich taufen. Diese Aufgabe machte mich glücklich. Daher war ich umso verzweifelter, als mir 650 junge Menschen in einem Wohnheim an der katholischen Fu-Jen-Universität in Taipei anvertraut wurden, die ich fortan moralisch und spirituell unterstützen sollte. Darauf war ich nicht vorbereitet. Aber was mir mein Herz eingab, gab ich an die jungen Frauen weiter. Es gelang ganz gut. Dort blieb ich elf Jahre, bis ich 69 Jahre alt war, und ich sollte mich danach zur Ruhe setzen.

Aber nicht mit mir! So suchte ich mir selbst eine neue Aufgabe, ich nenne es gerne meine dritte Mission. Taiwan änderte sich grundlegend. Aus einer verarmten Gesellschaft entwickelte sich das Land zu einer aufstrebenden industriellen und technologisierten Nation. Mit dieser Entwicklung kamen neue Probleme. Aids war das größte menschliche Problem der Stunde. Zu dieser Zeit lernte ich die Lourdes-Hilfsorganisation für HIV-Infizierte kennen und schloss mich ihnen als Freiwillige an.

Später umarmten wir uns
Menschen mit dem HI-Virus wurden massiv ausgegrenzt, denn es fehlte einfach das Wissen über diese Krankheit. Man glaubte, dass schon das Sprechen mit einem Infizierten die Krankheit übertragen könnte. Ich bot der Lourdes-Hilfsorganisation an, mich im Gefängnis um die Aids-Kranken zu kümmern. Allerdings musste ich erfahren, dass einige der Insassen mich nicht wollten: ‚Was soll ich mit der Nonne anfangen, die kriegt mich nicht klein.’ Ich nahm es ihnen nicht übel, denn ihre Herzen waren verschlossen. Liebe kannten diese Menschen nicht. Mehr als materielle Hilfe brauchten sie moralische Unterstützung. Und: körperliche Nähe. Anfangs gaben wir uns zur Begrüßung die Hand, später umarmten wir uns.

Ich habe die Gefangenen nie gefragt, warum sie im Gefängnis sitzen. Ich habe in ihnen nicht die Täter und nicht die Erkrankten gesehen, sondern immer die Menschen. Es waren Männer, die sich selbst oft nicht ertragen konnten. Das hat mich zutiefst getroffen. ‚Du schadest dir selbst, versuche dir zu vergeben‘, sagte ich immer wieder zu ihnen. Und bat Gott um seine Hilfe, mir die richtigen Worte einzugeben. Ich habe in den Kleingruppen sehr intensive Glaubensgespräche geführt. Ich wollte, dass diese Männer die Liebe Gottes erfahren. Denn unser Gott liebt jeden grenzenlos, er verzeiht, und seine Gnade ist groß.

Der Abschied war schwer
Zu meinem Abschied aus Taiwan wurde ein großes Fest gefeiert. Über 100 Aids-Kranke sangen für mich. Ein Lehrer aus dem Gefängnis, der mich nicht sonderlich mochte, weil ich stets sagte, was ich dachte, nahm mich zum Abschied in den Arm. Das hat mir viel bedeutet. Und der Direktor sagte: ‚Seitdem du hier bist, hat sich die Atmosphäre im Gefängnis und unter den Gefangenen verändert. Wir danken dir von ganzem Herzen.’ 

Aufgezeichnet von Steffi Mager

April 2019

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Bisherige Folgen der Serie

In unserer Serie "Der Schatz der Alten" stellen wir Ihnen jeden Monat einen besonderen Schatz aus der Steyler Ordensfamilie vor. Hier finden Sie die bisherigen Folgen:

Sr. Tarcildis SSpS

Br. Heinz Helf SVD

P. Gerhard Lesch SVD