Steyler Welt

Die Missionare von morgen

Am Divine Word College in Epworth lernen junge Leute aus aller Welt. Viele möchten in Zukunft in der Kirche arbeiten.

Marc DeClama kam aus Haiti in die USA, um Priester zu werden. Am Divine Word College lernt er nicht nur Englisch, sondern auch die amerikanische Kultur kennen.

Auf dem Stundenplan des angehenden Missionars steht heute: „Vielfalt in der menschlichen Sexualität“. Marc DeClama lächelt ein wenig verlegen, als er sich im Hörsaal niederlässt. „Psychologie interessiert mich“, sagt der 25-Jährige tapfer. „Ich belege alles, was in diesem Fach angeboten wird.“ Das Thema ist nicht leicht für einen jungen Mann aus Haiti, der Steyler Missionar werden möchte und Englisch erst lernen muss. Und das Reden über persönliche Dinge.

@Jörg BöthlingSein Professor weiß das. Sam Cunningham ist selbst Psychologe, weißer Amerikaner und Steyler Missionar. Sein Thema ist schwierig, das weiß er. Aber wichtig. „In unserem College geht es nicht nur um Bildung. Die Studenten sollen ihre Persönlichkeit entwickeln. Für viele, nicht nur aus den asiatischen Ländern, ist es schwer, über Sexualität zu sprechen. Auf dem Hintergrund der Missbrauchsskandale, die uns hier in den USA schlimm getroffen haben, ist es umso wichtiger, das Thema offen anzugehen!“

Wer über Gefühle reden will, muss wissen, was das ist. Schnell streiten die Studenten: Ist hungrig ein Gefühl? Oder ein körperlicher Zustand? Und traurig? „Diskutiert mit eurem Nachbarn oder eurer Nachbarin: Sind Männer emotional verarmter als Frauen?“, ordnet der Professor an. Die Studentengruppe guckt irritiert: das englische Wort für „verarmt“ kennen sie nicht. Pater Sam ist ein aufmerksamer Beobachter, er sieht sofort, was los ist. Er schreibt das Wort an die Tafel, ein erleichterter Seufzer geht durch die Reihen: „Ah!“ Niemand musste sich blamieren und zugeben, was er nicht weiß. Kulturelle Unterschiede sind im Divine Word College von Epworth Alltag. Und die Steyler wissen damit umzugehen.

Über Gefühle reden lernen

Marc spricht mit seiner Kommilitonin, einer Nonne aus Vietnam, über Männer, Traurigkeit und Tränen. „Bei uns müssen Jungen stark sein. Frauen dürfen am Grab weinen, Männer würden dafür verachtet.“ Beide staunen, als sie das Ergebnis vortragen und alle anderen dazu nicken. Egal ob in Kenia, Indien, Haiti oder Vietnam – Männertränen will niemand sehen. Plötzlich ist die Welt ganz klein geworden. „Ein Missionar, der in anderen Kulturen arbeiten will, muss lernen, über Traditionen ins Gespräch zu kommen. Und seine eigene zu hinterfragen“, sagt Pater Sam energisch.

@Jörg BöthlingSeit 1964 bilden die Steyler Missionare am Divine Word College in Epworth die Missionare für morgen aus. Zunächst war es nur der eigene Ordensnachwuchs, der hier auf seinen Weg ins Priesterleben vorbereitet werden sollte. Dann kamen Franziskaner, Benediktiner, Trappisten und Laien, die Theologie studieren wollten, dazu, seit 2008 sind auch Ordensschwestern dabei. „Seitdem ist es hier viel sauberer!“, lacht Pater Tom Ascheman, der Präsident des College. Und fügt ernsthaft hinzu: „Und die Leistungen sind auch besser, der Ehrgeiz wächst mit der Konkurrenz!“ Seit zwei Jahren ist das College multireligiös: Muslimische Studenten aus Saudi-Arabien lernen hier Englisch für ihr Studium im nahegelegenen Dubuque. Diese Öffnung trägt gute Früchte, ist Pater Tom überzeugt. „Wir bilden unseren Ordensnachwuchs in einem realistischen Umfeld aus.“ Dazu gehört auch, dass alle Studenten beim Putzen und Spülen helfen müssen. Die angehenden Novizen leben zusammen in einem eigenen Haus, sie kochen, lernen und beten zusammen.

Lernen von den Alten

Marc kam 2015 aus Haiti, der Priester in seinem Dorf hatte Kontakte nach Epworth. „Die ersten Wochen waren schrecklich“, erinnert er sich. „Ich konnte kein Englisch, bei mir zu Hause spricht man Creole und Französisch.“ Er kannte niemanden und musste zum ersten Mal in seinem Leben ohne seine Familie zurechtkommen. „Essen und schweigen – es war sehr langweilig!“

Inzwischen ist er angekommen. Er ist Präsident der Studentenschaft, spielt Fußball und Basketball und will nach Techny ins Noviziat der Steyler gehen. Genau wie sieben seiner Mitstudenten. Dass so viele aus seinem College auch in den Orden gehen, freut Pater Tom, aber er ist auch stolz auf die vielen Laien, die hier Theologie und Interkulturalität gelernt haben: „Lauter missionarische Eltern und Großeltern!“

Die ganze Geschichte lesen Sie bei uns im Heft.

Christina Brunner

Februar 2020

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

Fast 40 Jahre verbrachte Schwester Coelia Traudes auf Timor. In unserer aktuellen Folge der Serie "Der Schatz der Alten" berichtet sie von ihrer...

[weiter...]

Pater Konrad Dreyer erzählt in unserer Serie "Der Schatz der Alten" von seiner Zeit in Ghana. Dort kümmerte er sich um den Kirchenbau und vor allem...

[weiter...]

Divine Word College

Aktuell sind 117 Studenten eingeschrieben, 46 sind Kandidaten für die SVD. Sie stammen aus 24 Nationen. 35 Schwestern kommen aus Vietnam, vier aus anderen Nationen und zwei weitere sind Steyler Missionsschwestern.

Mehr als 1.500 Studenten haben bisher in Epworth ihren Abschluss gemacht, 190 leben als Steyler Missionare in 25 Ländern der Erde. Die Steyler Kommunität in Epworth besteht aus 44 Missionaren, davon sind jedoch nur 17 Angestellte des College.