Brauchtum

Die Muttergottes mit dem Pinsel streicheln

Es ist, als ob sie selbst Zeuge dieses Dramas wäre: Birgit Herr, die Ikonenschreiberin aus den Salzburger Hohen Tauern, legt den Gekreuzigten in die Arme Marias. Und leidet mit.

Für winzige Details wie Haare, feine Borten und Schleier verwendet Birgit Herr eine Lupe

Farbschicht für Farbschicht trägt die Oberpinzgauerin aus Neukirchen am Großvenediger auf das Holzbrett auf. Zuerst die dunklen Töne, dann die hellen. Immer mehr kommt der gemarterte Heiland zum Vorschein. Ihn blickt Maria mit solch unsäglicher Trauer an, dass es der Ikonenschreiberin ganz bang ums Herz wird. Mit dem feinen Pinsel fährt sie über Marias wehklagendes Gesicht. Es ist wie ein Streicheln, ein Trösten dieser gebrochenen Frau. Dann aber folgt die Auferstehung als nächstes Motiv – mit Jesus, dem Erlöser. Welch eine Freude! Seine Hände und Füße tragen noch die Wundmale der Nägel. Siegreich steigt er hinab in das Reich des Todes. In wallendem, weißem Kleid durchbricht er die Dunkelheit. Mit einer dynamischen Bewegung reißt er Adam und Eva, die Erstgeschaffenen, in das himmlische Königreich empor. Und mit ihnen symbolisch gesehen das ganze menschliche Geschlecht. Johannes der Täufer, König Salomo, König David, Abel mit dem Hirtenstab, der Prophet Jesaja bestaunen diesen göttlichen Aufbruch. Im unteren Teil des Ikonenkreuzes sieht man schemenhaft eine Gestalt in Ketten. Es ist der Tod, der seine Macht, seinen Stachel verloren hat.

Schlüsselerlebnis in Medjugorje

© Walter SchweinösterIkonen werden geschrieben, nicht gemalt. So ist es überliefert. Der Autor selbst bleibt im Hintergrund. Deshalb signiert Birgit Herr ihre Werke auch nicht. Sie sieht sich als Ausführende eines „höheren Zwecks“, als ein „Instrument Gottes“, und sie meint: „Das Schreiben ist wie eine tiefe innere Reise, wie ein Gebet.“ Man müsse den Glauben mit Leben erfüllen, sagt die Pinzgauerin. Das gelinge ihr durch dieses schöne Hobby besonders gut. Der Besuch des Wallfahrtsortes Medjugorje in Bosnien-Herzegowina sei für sie als Katholikin ein Schlüsselerlebnis gewesen, erzählt sie und führt aus, wie sie eines Tages dorthin gekommen und auf den „Erscheinungsberg“ Podbrdo gewandert sei: „Gottesmutter, jetzt bin ich da“, sagt sie im Geist und fühlt sich plötzlich von einem Lichtkegel umfangen, eingehüllt in grenzenlose Liebe, ohne Zeit und Raum. Irgendwann habe sie wieder in die „normale“ Welt zurückgefunden, habe den Boden unter ihren Füßen gespürt und das Gemurmel von Menschen um sie herum gehört. Die Frau drängt es ein zweites Mal an den Ort. Wieder steigt sie auf den Berg hinauf, wieder kommt dieses Licht, diese unsagbare Liebe, dieser Friede über sie. Birgit Herr rückblickend: „Mir ist in dem Moment klar geworden, dass Gott lebendig und immer unter uns ist.

Zuerst geht alles schief

Birgit und ihr Mann Franz-Martin Herr haben sich schon in der Berufsschule kennengelernt. Beide sind Gold- und Silberschmiedemeister und betreiben eine Goldschmiedewerkstatt in Neukirchen. Franz-Martin unterstützt seine Frau, wo er nur kann, baut Hilfsmittel und Werkzeuge für die Goldarbeiten und investiert viel Zeit, damit sie dem Ruf des Ikonenschreibens nachgehen kann. Die zweifache Mutter hatte es zu der Arbeit gedrängt: 2012 belegt sie den ersten Kurs bei Koryphäen dieser religiösen Kunst – Martina und Peter Eichhorn aus Oberösterreich. Danach beginnt sie zu Hause ihr erstes Bild. Doch irgendwie geht dabei alles schief. Die Farben  werden entweder zu schrill oder zu dunkel. Bildteile reißen auf. In einem mühsamen Lernprozess und weiteren Kursen wird sie aber immer besser.

Sie entwickelt ein feines Gespür dafür, wie dünn und wie sämig die Farben sein müssen, damit sie vom Ton her stimmen. Und sie versteht, dass Ikonenschreiben eine spirituelle Übung ist, ein Fenster in die geistige Welt. Nach einem Gebet und dem Auflegen von Weihrauch beginnt sie mit der Arbeit an einer Ikone, zeichnet auf einem grundierten Holzbrett die Umrisse ihres Motivs auf und ritzt deren Konturen ein. Dann drückt sie im Hintergrund vorsichtig Blattgold an. Jetzt werden viele Farbschichten hauchdünn aufgetragen, zunächst die dunklen, dann die helleren. Dazu verwendet Birgit Herr natürliche Pigmente, die sie mit Eitempera – einem Gemisch aus Dotter, dunklem Bier, Nelkenöl und Wasser –vermengt. Körper und Gewand werden plastisch herausgearbeitet. Für winzige Details – wie das Haar, feine Borten, den duftigen Schleier – wird die Lupe herangezogen. Mit flüssiger Goldfarbe entstehen zarte Muster. Die Modellierung des Gesichtes ist die größte Herausforderung und gleichzeitig das intensivste Erlebnis. Schicht um Schicht beginnt dieses immer mehr zu leuchten und scheint wie von Licht geschrieben. Die unteren Schichten scheinen durch und vermitteln diesen tiefen Ausdruck, diese Innigkeit. Mit hoher Konzentration und Präzision arbeitet Birgit Herr an den Wochenenden oft von morgens bis spät in die Nacht hinein.

Wie mit Licht geschrieben

© Walter Schweinöster„Ich bin sehr dankbar für diese schöne, kontemplative Tätigkeit. Sie bedeutet für mich auch Entschleunigung, ein Zur-Ruhe- kommen“, sagt Birgit Herr, die neben Christus, Maria und Josef schon viele weitere Heilige, Engel und Erzengel porträtiert hat. Der schöpferische Akt des Ikonenschreibens ist strengen Regeln unterworfen, die schon vor Hunderten von Jahren bei den Mönchen galten. Alle Formen, Gesten, Farben sind symbolhafte Mitteilungen, die Christen durch die Jahrhunderte zu entziffern vermochten. Zum Beispiel, was die Handhaltung betrifft. In vielen Ikonen weist Jesus dabei auf die Dreifaltigkeit hin. Beim Werk „Auferstehung“ wiederum nimmt er mit Schwung und Kraft Adam am Handgelenk, um ihn aus dem Grab, dem Leiden, herauszuziehen. Kopiert wird stets das Abbild einer früheren Ikone. Diese erzählt eine biblische Geschichte und stammt aus einer Zeit, in der viele Menschen nicht lesen und schreiben konnten. Ikonen sind vor allem in Ostkirchen, besonders in der orthodoxen Kirche, sehr geläufig. Viele Stunden und Tage braucht Birgit Herr für ein Werk. Sie schaut nicht auf die Zeit, sondern lässt, wie sie meint, „der Ikone die Zeit, die sie braucht“. Nach einer langen Phase des Trocknens kommt eine Schutzschicht darauf, die die Farben kräftig zum Leuchten bringt. Während einer Messe weiht der örtliche Priester die Ikonen von Birgit Herr. Man bekomme eine „tiefe und lebendige Beziehung“ zu dem Heiligen, so die 53-Jährige, die betont: „Die ganze Liebe, die man hineinschreibt, strahlt zu einem zurück.“

Christine Schweinöster

März 2019

Kommentare (1)

  • Stellini Isabella and Mario
    Stellini Isabella and Mario
    am 27.02.2019
    We thank God that you have gifted us with the wonderful people Birgit and Franz. May God bless you and may he fill you with more talents. These talents that bring people closer to God.. Isabella and Mario Stellini Malta
    Wir danken Gott, dass Sie uns mit den wunderbaren Menschen Birgit und Franz beschenkt haben. Gott segne Sie und möge er Sie mit mehr Talenten füllen. Diese Talente, die die Menschen Gott näher bringen,.... Isabella und Mario Stellini Malta

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