Brauchtum

Die Palmesele von Thaur

Die Palmsonntagsprozession im Tiroler Ort Thaur ist etwas sehr Spezielles. Wir haben Erika Höpperger und Konrad Giner bei den Vorbereitungen über die Schulter geschaut.

Bei der Palmprozession in Thaur ziehen die Ministranten den Wagen mit der 250 Jahre alten Christusfigur auf dem Esel

Beim Eintreten ins Haus steigt bereits ein zarter Duft in die Nase. Er verrät, was in der Küche passiert: Heute ist Backtag! Nur einmal im Jahr, und zwar am Palmsonntag, gibt es in Thaur die traditionellen Palmbrezen, die als Schmuck in die Palmbuschen und in die Palmeselen eingebunden werden. Da der Feiertag in wenigen Tagen ansteht, wird Erika Höpperger heute 160 Palmbrezen backen. Nur wenige Thaurer machen ihre Brezen selbst, die meisten kaufen sie beim Bäcker, im Supermarkt oder im Bauernladen. Auch Erika hat das früher so gemacht. Aber vor 20 Jahren hat die gelernte Schneiderin ihre Leidenschaft zum Brotbacken entdeckt. Ihre Produkte gibt es im Thaurer Bauernladen. Auch Palmbrezen begann sie selbst zu backen und hat damit eine alte Tradition wiederbelebt. „Ich habe Rezepte gesucht und ausprobiert“, erzählt sie. Das Brezenbacken war am Anfang gar nicht so einfach, manchmal ist der Teig einfach gerissen oder ließ sich nicht gut drehen, erinnert sich die leidenschaftliche Bäckerin. Heute sind die Handgriffe längst Routine. Wenn man ihr bei der Arbeit zuschaut, strahlt Erika eine Ruhe und Gelassenheit aus, dass es so wirkt, als gäbe es nichts Einfacheres auf der Welt, als wunderschöne, kleine Brezen zu formen.

Jede Breze ein Unikat
Mehl, Milch, Pflanzenmargarine oder Butter, Germ, Salz und Zucker. Mehr braucht es nicht für den Brezenteig. Während im mobilen Schamottofen bereits 40 Brezen auf einem Blech langsam Farbe annehmen, bereitet Erika kleine Teigklumpen vor, aus denen die nächsten Palmbrezen geformt werden. Sie schneidet mit einem Messer kleine Stücke vom Teig ab und legt sie auf die Waage. Wenn diese nicht 22 oder 23 Gramm anzeigt, zupft Erika mit ihren Fingern noch ein bisschen Teig darauf. „Die Brezen sollen danach ja alle ungefähr die gleiche Größe haben“, erklärt sie. Trotzdem sei jede Breze ein Unikat. Dass sie von Hand gemacht und nicht von einer Maschine geformt wurden, dürfe man ruhig sehen, so Erika. Aus den Teigstückchen dreht sie Röllchen. Der letzte Arbeitsschritt ist das Brezendrehen. Mit gekonnten Handgriffen fasst Erika die zwei Teigenden mit ihren Fingern, schlägt sie kreisförmig nach innen, „einmal über Kreuz“ und schon liegt die fertige Breze neben den anderen auf dem Blech. „Wichtig ist, dass man sie noch ein bisschen ruhen lässt und nicht sofort in den Ofen schiebt“, rät Erika.

Nach einer Viertelstunde bestreicht Erika Höpperger die Brezen mit Ei – das sorgt für die goldene Farbe nach dem Backen. „In den Konditoreien wird Wasser auf die Brezen gespritzt, das geht schneller und sie glänzen auch. Ich will aber schöne Brezen machen“, sagt Erika lachend und schiebt das Blech in den Ofen. Nach zwölf Minuten sind die Palmbrezen fertig. Herrlich goldig und dampfend kommen sie aus dem Ofen und sind nun bereit für ihren großen Auftritt am Palmesele. Dafür muss dieser aber erst gebunden werden.

250 Jahre alter Christus
Der Palmsonntag ist in Thaur ein wichtiger Feiertag. Die Tradition des Palmbindens für das Fest, bei dem der Einzug Jesu in Jerusalem gefeiert wird, gibt es zwar nicht nur hier, die Prozession ist aber doch etwas sehr Spezielles. Um 13 Uhr trifft sich die Kirchengemeinde in Thaur, um gemeinsam zur Schlosskirche – im Volksmund Romedikirchl genannt – zu ziehen. Von dort geht es weiter bis nach Rum und über die Felder wieder zurück zum Ausgangsort. Um die zwei Stunden ist der Zug unterwegs. Besonders stolz sind die Thaurer auf ihre rund 250 Jahre alte Christusfigur, die auf einem Esel sitzt und von den Ministranten auf dem ganzen Weg mitgezogen wird.

Die Kinder tragen bei der Prozession die Palmeselen mit. Konrad Giner erinnert sich gerne an seine eigene Kindheit zurück, als er selbst bei der Prozession stolz ein Palmesele trug. Das Palmesele-Binden hat Giner von seinem Vater gelernt. An seine beiden Söhne hat er die Tradition ebenfalls weitergegeben. Heute bindet er ein Palmesele für den dreijährigen Sohn des Nachbarn. In der Werkstatt haben die Männer alles vorbereitet, was es zum Palmbinden braucht: Messer, Bindfaden und kleine Büschel von Zedern, Wintergrün, Buchs und Weidenruten. Die immergrünen Zweige sowie die Palmkätzchen symbolisieren das Leben und die Auferstehung.

Ein Palmesele entsteht
Als Erstes greift sich Konrad eine Weidenrute und ein Messer. „Die Weiden werden der Länge nach halbiert, damit man sie besser binden kann“, erklärt er. Die gespaltenen Weidenruten werden um die Holzstäbe des Palmesele-Gerüsts gewickelt. Dazwischen windet Konrad kleine Büschel immergrüner Zweige ein, sodass sich das Palmesele in eine Art kleinen, geschmückten Pavillon verwandelt. Früher war es den Burschen vorbehalten, bei der Prozession Palmeselen mitzutragen.

Bevor es am Palmsonntag zur Prozession geht, trifft sich die Kirchengemeinde in der Früh zur heiligen Messe und zur Palmweihe. Kleine Palmbuschelen werden dort für einen guten Zweck verkauft. Die Familien nehmen diese mit ins eigene Heim, wo sie das Haus und seine Bewohner beschützen sollen. „Bei uns zu Hause kommt der Palm auf den Dachboden, um vor Blitzschlag zu schützen“, erklärt Konrad Giner den Familienbrauch. Mittlerweile schaut auch das Palmesele für den Nachbarssohn schon sehr festlich aus. An die Spitze bindet Konrad ein Büschel aus Ölzweigen und Palmkätzchen. Erstere stammen von seinem eigenen Baum. „Die Palmkätzchen muss man zur richtigen Zeit sammeln. Das hängt immer von der Witterung ab“, erklärt der Thaurer. Wenn Ostern sehr spät fällt, muss man schattige Plätzchen aufsuchen, um noch Palmkätzchen zu finden, oder diese früher sammeln und im dunklen Keller lagern.

Ist das Palmesele fertig, fehlt noch der Schmuck. Bunte Bänder sollen die Freude an diesem Festtag zum Ausdruck bringen. Zudem werden Äpfel und natürlich die Brezen festgebunden. Nach der Prozession bekommt so jedes Familienmitglied eine geweihte Speise – eine schöne Tradition, die in Thaur bis heute gepflegt wird.

Julia Tapfer

April 2019

Kommentare (3)

  • Hans-Jürgen
    Hans-Jürgen
    vor 3 Wochen
    Warum ist dieser Artikel nicht in der gedruckten April-Ausgabe der Stadt Gottes zu finden?
  • Redaktion stadtgottes
    Redaktion stadtgottes
    vor 3 Wochen
    Unsere Zeitschrift erscheitn auch in Österreich, teilweise mit anderen Themen. Dieser Beitrag stammt aus der österreichischen Ausgabe, wir wollten ihn aber online auch unseren deutschen Leserinnen und Lesern zugänglich machen.
  • Martin
    Martin
    vor 5 Tagen
    Sehr schöner Bericht, mehr zum Wallfahrtsangebot in der Region gibt es unter https://www.hall-wattens.at/de/wallfahrt-pilgern.html

    Herzliche Grüße!

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