Steyler Welt

Die Pommes-Missionarinnen

In Frankfurt engagieren sich Steyler Schwestern für Frauen in Not, für Wohnungslose und Behinderte. Ihre Pommes-Bude bringt alle zusammen

Bio-Kartoffeln und Rapsöl aus Deutschland: Sr. Maria achtet auch beim Pommesfritieren auf den Schutz der Umwelt

"Pommes!“ Mit Jubelschreien rast der dreijährige Henry über den Platz. Begeistert baut er sich vor der Pommes-Bude auf: „Hallo Maria! Ich will mit Mayo!“ Schwesterr Maria Müller lacht dem kleinen Kerl entgegen. Henry ist ihr größter Fan. Und der ihrer Pommes. An jedem zweiten Donnerstag, wenn die Friteuse blubbert und der Duft von frittierten Kartoffeln über den Vorplatz der Kirche zieht, kommt Henry. Und mit ihm seine Mutter und seine Kindergartenfreunde. Die Schwestern-Pommes sind der Hit von Sachsenhausen.

„Die Pommes-Bude bringt Leichtigkeit in unsere Arbeit“, findet Schwester Maria Müller. Die 31-Jährige gehört zu der kleinen Kommunität von sieben Steyler Schwestern, die seit zwei Jahren in St. Aposteln leben. Die Gemeinde in Frankfurt-Sachsenhausen hat sich einen sozialpastoralen Schwerpunkt gegeben: Das bedeutet, dass auch Wohnungslose, Frauen in Not und Menschen mit Behinderung hier einen selbstverständlichen Platz haben sollen. Und weil das nicht immer leicht ist, ist Meet’n Frites, wie die Missionsschwestern ihr Projekt nennen, so wichtig.

Sr. Francis (li.) und Sr. Christine nutzen den Platz vor der Pommes-Bude für Gespräche mit den Nachbarn

„Die Pommes-Bude hatte ich immer im Kopf, seit ich von Mönchengladbach hierher gekommen bin“, erzählt Schwester Bettina Rupp, die Leiterin der Kommunität. „An so einem Ort treffen sich unterschiedliche Leute, es ist ein anderer Ort der Begegnung, als Kirche ihn normalerweise anbietet.“ Deswegen steht hinter Henry jetzt der geistig behinderte Thorsten, auch ein regelmäßiger Kunde der Schwestern-Pommes. Er wohnt im benachbarten Konrad-von-Preysing-Haus, einer Behinderteneinrichtung, in der Schwester Adelaida aus Polen arbeitet. Wenn die Pommes-Bude öffnet, holt sie sich auch eine Tüte und mischt sich unter die Gäste, zusammen mit Schwester Christine Müller, die als Theologin einen anderen Blick auf die Pommestüten hat. „Es ist ein Ort, wo Kirche auf Menschen zugeht, ein profaner Ort, der Berührungsmöglichkeiten mit der Kirche und mit Gott ermöglicht.“ 40 Kilo gehen an sonnigen Donnerstagen über die Theke, dazu gibt es Wasser und Apfelsaft. Alles auf Spendenbasis. Und die reichen immer für den nächsten Einkauf und mögliche Reparaturen.

Selbst gemachte Saucen
Alle Schwestern der Kommunität besitzen das Gesundheitszeugnis für die Pommes-Bude. „Aber den Frittierkurs haben nur drei von uns gemacht“, erklärt die Chefin von Meet’n Frites. Denn hier werden nicht einfach nur gefrorene Stäbchen ins Fett geworfen. Ihre Pommes sind rohe Kartoffeln, geliefert von einem Bio-Bauernhof, der von Menschen mit Behinderung bewirtschaftet wird. Das Rapsöl kommt aus Deutschland, die Saucen machen die Schwestern selbst: fruchtigen Mango-Ketchup, würzige Basilikum-Aioli und feurige Chili-Curry-Sauce. Aber der Hit ist die selbst gemachte Mayonnaise – bei den Kleinen wie Henry und den Großen wie Hans-Werner Fischer, der seinen Kleingarten nebenan hat und es genießt, nach dem Jäten auf eine Portion Pommes zu kommen. „Ich finde es toll, dass es dieses Angebot gibt“, sagt er. „Die Kommunikation mit den verschiedenen Leuten hier ist super!“ Der Rentner gehört zur Gemeinde und freut sich, dass seine Kirche jetzt ein Treffpunkt geworden ist. „Früher ging man sonntags zur Kirche, rein und wieder raus – Schluss. Jetzt ist hier Leben auf dem Platz und in den Räumen, das finde ich klasse!“

In der Kleiderboutique gibt es Schickes für die, die sich einen Einkaufsbummel nicht leisten können

Alle sind willkommen
Neben ihm steht Anke und nickt: „Die Schwestern gehen auf die Menschen zu, sie haben viel Vertrauen.“ Anke hat keine Wohnung mehr, aber sie sorgt dafür, dass das nicht jeder gleich sieht. Deshalb stöbert sie sonntags nach der Messe gern in der Kleiderboutique von St. Aposteln. Hier gibt es getragene, aber schicke Klamotten, die selbst Gemeindemitglieder anprobieren. Wer hat, bringt Sachen zum Tauschen. Demnächst kommt eine ehemalige Missionarin auf Zeit, die als Maskenbilderin am Theater arbeitet, für eine Typ- und Make-up-Beratung in die Boutique. Solche Angebote helfen, dass sich zwischen Kleiderständern und rotem Sofa Menschen treffen, die sich normalerweise aus dem Weg gehen.

Und weil zu einem richtigen Einkauf auch eine Kaffeepause gehört, gibt es im dazugehörigen Kleidercafé Kaffee und gespendeten Kuchen. Am gedeckten Tisch sitzen, willkommen sein, nicht weggeschickt werden, auch wenn sie nicht gut riechen – das gibt den Verarmten der Stadt ein gutes Gefühl. Auch hier setzen sich die Schwestern dazu, reden über früher, übers Wetter – oder über mögliche Hilfen. „Schwester, ich brauche eine Wohnung“, das hört Schwester Bettina, die Sozialarbeiterin, immer wieder. „Die Gegensätze zwischen Arm und Reich sind in Frankfurt wirklich heftig, das knallt richtig“, sagt die 51-Jährige. Mit Schwester Adelaida betreut sie das NachtCafé, in dem fünf Frauen in Not einen Platz zum Schlafen finden. Willkommen sind die, die aufgrund ihrer akuten Not nicht sofort im staatlichen System einen Platz finden – sei es, weil alle Stellen überfüllt sind oder weil die Ansprüche erst noch geklärt werden müssen. Dafür arbeiten die Schwestern mit den Beratungsstellen zusammen.

Engagieren sich für Frauen in Not: Annette Beutin von der Caritas in Frankfurt (li.) und Sr. Bettina Rupp

Rita hat keine Ausweispapiere mehr, die wurden irgendwann vernichtet. Bis die Behörden eine Lösung finden, soll sie nicht auf der Straße schlafen. Heidi braucht Schutz vor gewalttätigen Männern, manche Frauen bringt die Polizei mitten in der Nacht, wenn im Frauenhaus kein Platz mehr ist. Schwester Bettina hört schwere Geschichten, und die gehen ihr lange nach. „Wir sind keine Institution, wir helfen mit dem, was wir haben. Wir bieten einen Platz und unsere Freundschaft. Und schon nach kurzer Zeit verändern sich die Frauen, fangen an, ihre Haare zu frisieren und nehmen wieder Anteil am Leben.“

Hell und Dunkel treffen sich
Und alle, die können, helfen bei den Projekten der Schwestern mit: Rita kocht Kaffee für die Gäste des Kleidercafés, die nicht selten mit all ihrem Besitz in der Tür stehen. Heidi sortiert die Kleiderkammer, Dana spült die verschmierten Schüsseln aus der Pommes-­Bude. „Sie sind wie eine Zweitkommunität, sie gehören zu uns!“, betont Schwester Bettina. Und dass die Gemeinde alle ihre Ideen mitträgt, macht die sieben Missionarinnen von St. Aposteln sehr glücklich. Sie wollen das Motto ihres letzten Generalkapitels umsetzen: Der Communio entgegen – den Kreis weiten. „Wenn wir den Kreis weiten, wer kommt denn dann? Das wollten wir einfach mal ausprobieren“, sagt Schwester Bettina. „Hell und Dunkel treffen sich hier. Und alle Wege kreuzen sich in der Kirche. Die Frauen, die nachts kommen, die Gäste an der Pommes-Bude auf dem Vorplatz, das Kleidercafé im Gemeinderaum ... Gott ist mittendrin.“

Christina Brunner

Oktober 2018

Kommentare (1)

  • Gaby Bessen
    Gaby Bessen
    am 25.09.2018
    In einer Zeit, in der Politik und Kirche in dem, was sie tun und was sie tun sollten, oft nur Enttäuschung und Unverständnis hervorrufen, tut es gut zu erleben, dass viele Menschen 'an der Basis' wirklich nach dem Evangelium leben, auch wenn das nicht täglich in den Medien vermeldet wird.

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

Bei einem Motorradunfall verliert Djato M’Pemon sein rechtes Bein. Mithilfe von Steyler Missionsschwestern im Norden Togos findet er zurück ins Leben

[weiter...]

Wie viele seiner Landsleute suchte Gery sein Glück zunächst nicht in seiner Heimat Manggarai auf der Insel Flores, sondern in der Ferne. Inzwischen...

[weiter...]