Steyler Welt

Die Vergessenen

Tausende Karenni mussten vor der Militärdiktatur in Myanmar flüchten. In den USA suchen sie eine neue Heimat. Viele von ihnen sind katholisch und freuen sich, wenn der Steyler Pater Alex Rödlach in ihrer Sprache die Messe feiert

Pater Alex Rödlach aus Tirol versucht, die Gebete in der Sprache der Karenni zu sprechen

Als die Soldaten kamen, rannte Elisabeth Moe in den Dschungel. Sie sah zu, wie die Militärs das Vieh zusammentrieben und die alten Nachbarn, die nicht mehr wegrennen konnten, aus den Häusern prügelten. Dann brannte das Dorf. Und Elisabeth Moe wusste: Für eine Karenni wie sie war in Myanmar kein Platz mehr.

© Jörg Böthling„Mit meiner ganzen Familie musste ich weg, das war so bitter,“ erzählt die 42-Jährige. „Wir schlugen uns durch bis nach Thailand. Und dort habe ich acht Jahre im Flüchtlingslager gelebt.“

Die Vertreibung der Karenni gehört zu den vergessenen Tragödien der Weltgeschichte. Sie sind – wie die Karen und jetzt die Rohingya – Opfer des jahrzehntealten Bürgerkrieges und der Militärdiktatur in Myanmar. Als das Land, damals Burma genannt, 1948 unabhängig wurde, besetzte die neue Regierung den Karenni-Staat und schlug den Widerstand brutal nieder. Die Karenni wurden umgesiedelt, viele landeten in Camps, die an Konzentrationslager erinnerten. Junge Männer wurden zur Zwangsarbeit gepresst, Frauen erzählen von Vergewaltigungen und Zwangsverheiratung mit Soldaten der Burmesen. Wer all dem entgehen wollte, floh in den Dschungel. 30 000 sollen noch immer dort leben, mühsam halten sie sich durch kleine Felder im Wald am Leben. 70 000 Karenni sind Binnenflüchtlinge in Myanmar. Mehr als 23 000 hausen als Staatenlose in zwei Lagern in Thailand, nahe der burmesischen Grenze.

Auch David Sureh wurde dort geboren. Doch er wollte weg: „Ich hatte einfach keine Zukunft. Ich wollte eine Familie, mir was aufbauen – alles unmöglich dort.“ In den Lagern gibt es nur einfachste Schulbildung, die Bewohner sind dort faktisch eingesperrt. Der Zugang wird streng kontrolliert. Das Lager zu verlassen, etwa um Arbeit zu suchen,  ist gefährlich: Jeder, der außerhalb angetroffen wird, wird nach Myanmar deportiert.

Davids Familie hatte Glück: Durch die Vermittlung des UN-Hilfswerks wurde sie 2009 in den USA aufgenommen. „Es war wie ein Sprung in die Welt!“ David nutzte seine Chance: Er lernte wie besessen, ging aufs College, machte seinen Abschluss und hofft nun auf einen guten Job. „Für meine Eltern ist es sehr schwierig, hier zu leben“, gibt der 25-Jährige zu. „Sie  sprechen nur die Karenni-Sprache.“ Etwas anderes konnten sie in den primitiven Dorfschulen ihrer Heimat nicht lernen.

© Jörg BöthlingDie Sprache ist das größte Problem der Karenni-Flüchtlinge, die sich in Omaha eine neue Heimat aufbauen möchten. Die Jahre auf der Flucht und in den thailändischen Lagern haben ihnen viele Chancen genommen. Auch Elisabeth spricht kaum Englisch, sie kann keine Arbeit finden und sorgt nun zu Hause für ihre drei Kinder. Wer Glück hat, bekommt einen Job in der Fleisch-Industrie, zerteilt Schweine und Rinder und verpackt sie in handliche Verkaufsgrößen. Gearbeitet wird in Tag- und Nachtschichten, die Kinder bleiben dann oft allein zu Hause. Auch Myar, der wie alle Männer der Karenni den Familiennamen Reh trägt, arbeitet dort. „Das sind die Jobs, die wir kriegen“, sagt er achselzuckend. „Das kann man schnell lernen, und du musst dabei nicht sprechen.“

Beten in der Muttersprache

Der 32-Jährige hat acht Jahre in einem Camp in Malaysia verbracht, dort fand er Arbeit auf dem Bau und konnte heiraten. Seit vier Jahren lebt er jetzt in den USA. Als Leiter der katholischen Gemeinde versucht er, die Gläubigen zusammenzuhalten. Myar leitet die Gebete und assistiert bei Festen und Hochzeiten. In den katholischen Gemeinden Amerikas fühlen sich die Karenni fremd. „Sie gehören zur Kathedrale St. Cecilia, aber sonntags sitzen sie immer ganz hinten“, hat Pater Alex Rödlach beobachtet. Der Steyler Missionar aus Tirol unterstützt den Pfarrer der Kathedrale bei der Seelsorge für die Karenni. Denn nur einen Teil der Lesungen auch in der Karenni-Sprache vorzutragen und einen Vertreter der Flüchtlinge in den Gemeinderat zu holen, reicht nicht. „Beten kann ich nur in meiner Sprache“, sagt Elisabeth. „Und sie singen auch nicht unsere Lieder.“

Deshalb ist sie glücklich, wenn Pater Alex Rödlach kommt, um mit ihnen die Messe zu Hause zu feiern. Dann ist in dem großen Kellerraum der Familie von Pleh Reh nicht einmal mehr ein Stehplatz zu haben. Die etwa 70 Gläubigen singen so laut und inbrünstig, dass das ganze Viertel mithören kann. Pater Alex liest die Gebete in ihrer Sprache vor. „Ich verstehe kein Wort davon“, gibt er zu. „Die Karenni-Sprache ist wirklich schwierig.  Ich spreche die Wörter sicher nicht richtig aus.“ Aber das stört Elisabeth, Myar und die anderen überhaupt nicht. „Wir können ihn verstehen!“, freut sich Hsaw Reh, der die ganze Predigt übersetzt. „Es ist schön, dass jemand zu uns kommt und mit uns in unserer Sprache betet.“

Die Gemeinschaft ist wichtig© Jörg Böthling

Pater Alex deutet das Evangelium von der Heilung des Stummen: „Er kann nicht hören und nicht sprechen, er ist isoliert. Das macht sein Leben schwer.“ Er blickt in gespannte Gesichter, als Hsaw übersetzt; seine Zuhörer wissen, was es heißt, ohne Stimme in der Gesellschaft zu sein. „Die Gemeinschaft ist wichtig, wir können uns unterstützen“, fährt der Priester fort, die Alten ganz vorn nicken.

„Die Karenni sind sehr einfach und sehr gläubig, gleichzeitig sind sie eine starke Gemeinschaft, die einander sehr unterstützen“, freut sich Pater Alex. Dass es eine so große Gruppe von Katholiken in Omaha gibt, die jahrelang niemand so richtig wahrnahm, hat den Ethnologie-Professor überrascht. Erst als einer seiner Studenten eine Untersuchung über die Karenni machte, wurde er auf sie aufmerksam. „Ich finde es wunderbar, dass ich bei ihnen meine Arbeit als Ethnologe und als Priester verbinden kann.“

Der Glaube ist für die Karenni wichtig, er trägt sie in ihrer schwierigen Suche nach einer neuen Heimat in den USA. „Ich bete jeden Abend“, sagt Hsaw. „Das gibt mir Hoffnung für den nächsten Tag. Der Glaube hilft mir, stark zu bleiben und den richtigen Weg zu gehen.“ – „Ich bin stolz, katholisch und eine Karenni zu sein!“, erklärt Elisabeth.

Gemeindeleiter Myar wünscht sich einen Platz für seine Leute. „Einen Ort, wo man auch Katechese halten kann, denn gerade unsere alten Leute wissen fast gar nichts vom Glauben. Sie durften den ja so lange nicht zeigen. Wir brauchen auch einen Priester oder jemanden, der die Gemeinde leitet – ich kann das nicht leisten, ich muss arbeiten und habe zwei kleine Kinder.“

Pater Alex, der Seelsorger und Ethnologe, weiß um die Nöte der Karenni. „Bei ihnen gibt es ein sehr wichtiges Fest, KayHoeToe, bei dem sie um einen weißgestrichenen Baumstamm tanzen, der bildhaft ihre Weltanschauung, ihren traditionellen Glauben und ihre Werte darstellt. Den haben sie danach einfach wieder weggeräumt. Aber das ist eigentlich respektlos und entspricht nicht ihrer Kultur.“ Mit seinem Arbeitgeber, der Jesuiten-Universität von Creighton in Omaha, will der Wissenschaftler nun klären, ob die Karenni einen eigenen Raum für ihre Treffen bekommen und im Garten der Jesuitengemeinschaft ihre Feste feiern könnten. Darüber wäre Elisabeth sehr froh: „Es ist so schwierig, sich als so große Gruppe sonntags zu treffen“, sagt sie. „Aber es wäre für die Kinder wichtig, damit sie unsere Gebete und auch unsere Sprache lernen. Viele können kaum noch Karenni und verlieren ihre Wurzeln. Das macht mir Sorgen.“ Auch Hsaw, der Übersetzer, beobachtet, dass manche Karenni sich von anderen Kirchen angezogen fühlen. „Die sind stark, und das ist eben auch für viele attraktiv.“

Den Entwurzelten einen Platz zu bieten, das ist auch in einem Einwanderungsland wie den USA, wo so viele Nationen und Traditionen Platz haben, nicht so einfach. Die katholische Gemeinde der Karenni ist froh, dass Pater Alex sie weiter begleiten will. Für ihn ist das keine Frage: „Als Steyler Missionar fühle ich mich zu denen gesandt, die am Rande stehen.“        

Christina Brunner

März 2019

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