Begegnung

Die Verschleppte

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Doch für Millionen Menschen ging das Leid weiter. Ursula Klein wurde 1945 als Zwangsarbeiterin nach Russland deportiert. Eine Begegnung

Bilder sind die wenigen Erinnerungen, die er geblieben sind

Die Familie saß im Pfarrhaus beim Frühstück, als sie kamen: „Du kommst mit und du und du.“ Die jüngste Schwester war erst elf, sie weinte so, dass man sie zurückließ. Ursula und ihre ältere Schwester Felicitas mussten mit. „Wir hatten noch Glück, wir konnten etwas mitnehmen, einen Mantel anziehen – andere haben sie so von der Straße weggeholt.“
Ursula und Felicitas wurden in vollgepackte Viehwaggons gesteckt, man konnte nur hocken, das Klo war ein Loch in der Wand. 14 Tage lang rumpelten die Züge nach Osten, alle zwei Tage gab es etwas Brot und Zucker, selten Wasser. Sie sangen gegen die namenlose Angst an: „Leise sinkt der Abend nieder, lieber Jesus, gute Nacht!“ und beteten den Rosenkranz.

© Heinz Helf SVDEndstation: Das Lager Karpinsk im Ural. „Es war so kalt, dass uns die Haare an den Barackenwänden anfroren.“ 2000 Menschen waren dort zusammengepfercht, wohl die Hälfte überlebte die Krankheiten, die Kälte und die stundenlangen Zählappelle im Schnee nicht. „Es gab ja auch keinen Arzt dort. Kriegsgefangene fielen unter die Genfer Konvention, für sie musste gesorgt werden. Wir waren Verschleppte. Für uns galt nichts.“ Jeden Morgen fuhren die Lastwagen die nackten Toten vors Lager, 18-jährige Jungs schaufelten die Massengräber. Die Überlebenden nahmen dankbar ihre Kleider. Wenn sie sie bekamen, denn auch die Wachmannschaften waren schlecht ausgerüstet. „Das waren arme Schweine, die hatten auch nichts!“

Am 11. November 1949, nach vier Jahren und acht Monaten kam sie endlich nach Hause. Gab es Tränen, Umarmungen? Ursula Klein weiß es nicht mehr. Aber sie weiß noch, wie eine Frau in Neumünster leutselig zu den Mädchen sagte: Wie schön, dass junge Mädchen heutzutage so weit reisen können! „Kannst ja selber hinfahren, hat meine Schwester sie angezischt!“, lacht Ursula Klein. Der dumme Spruch der Nachbarin ist symptomatisch: „Wenn ich sage, ich war in Russland, sagen alle: Ja, als Rotkreuz-Schwester! Nein, ich war ein Schulmädchen!“

© Heinz Helf SVDDass immer wieder der Ermordeten in den KZs, Kriegsgefangenen, Deserteure und Kriegsopfer gedacht wird, findet sie richtig. Aber das Schicksal der Verschleppten ist vielen unbekannt.

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Christina Brunner

Mai 2020

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