Steyler Welt

Die Würde der Entstellten

Noch heute geraten Lepra-Krankein Indien ins soziale Abseits. Dabei gibt es sie offiziell gar nicht mehr. Steyler Missionare in Jogipet helfen denen, die keiner sehen will

Pater Lawrence mit einem Lepra-Kranken vor dem Zenztrum in Jogipet© Achim Hehn

Pater Lawrence will den Patienten Mut machen, denn: "Lepra ist kein Fluch!"

Wer die Kuh eines Brahmanen tötet, kommt nach seinem Tod in die Hölle. So steht es in der Bhagavatapurana, einer der wichtigsten Schriften der Hindu-Reli­gionen. In der Hölle werde er Hunger und Durst leiden und dann zum Fraß der Schlangen werden. Nach Tausenden von Jahren entsetzlicher Leiden kehre er zur Erde zurück, um den Körper einer Kuh zu beseelen. Schließlich werde er als Unberührbarer wiedergeboren. Und als solcher werde er zehntausend Jahre lang mit Lepra geschlagen sein. Die meisten Hindus haben diesen Text verinnerlicht. Lepra ist seit über 1000 Jahren ein Schandmal und gilt in weiten Teilen der indischen Gesellschaft auch heute noch als Fluch. Ein Leprakranker wird noch mehr verabscheut als ein Dalit, ein Unberührbarer im indischen Kastensystem.

2006, als junger Seminarist, kam Pater Lawrence D'Souza zum ersten Mal mit Lepra in Berührung. Für ein praktisches Jahr hatte man ihn ins St. Arnold Leprosy Health Centre nach Jogipet geschickt, in den heutigen indischen Bundesstaat Telangana. Pater Lawrence wäre am liebsten gleich wieder nach Hause gefahren. Zu sehr schockierte ihn der Anblick der erstarrten Gliedmaßen, der deformierten Knochen und der ausgetrockneten Augenhöhlen. Und dieser Geruch! „Ich fühlte mich zutiefst unwohl“, erinnert er sich. „Tag für Tag saß ich in der Kapelle und dachte mir: Was mache ich hier?“ Versunken im Gebet, kam ihm eines Tages eine Passage aus der Heiligen Schrift in den Sinn. Jene Stelle im Markusevangelium, an der ein Aussätziger zu Jesus kommt, vor ihm auf die Knie fällt und ihn um Hilfe bittet. Jesus hat Mitleid. „Ich will es, werde rein“, sagt er, berührt den Aussätzigen und heilt ihn.

Für sein Krankenhaus bekommt Pater Lawrence keine staatliche Unterstützung„Ich will es“, sagte sich an diesem Tag auch Pater Lawrence, ging zu den Patienten, kam mit ihnen ins Gespräch und lernte, mit der tückischen Infektionskrankheit und deren Folgen umzugehen. Eine Erfahrung, die ihn in den folgenden Monaten so sehr prägte, dass für ihn am Ende seines Studiums feststand: Ich will zurück nach Jogipet, zu den Leprakranken. Zu Kranken wie Yadamma. Die 55-Jährige sitzt an ihrem Lieblingsplatz auf dem Gelände des St. Arnold Leprosy Health Centre. Ihre Hände sind zu Klauen erstarrt, nur wenige Finger sind ihr geblieben. Sie kam zu spät, um geheilt zu werden.

„Solange sie keine Schmerzen haben, gehen die wenigsten der Menschen hier zum Arzt“, sagt Pater Lawrence, der das Zentrum heute leitet. „Lepra tut nicht weh – und kommt schleichend. Es kann drei, aber auch 30 Jahre bis zum Ausbruch der Krankheit dauern. Im Verlauf einer unbehandelten Lepra werden zunächst die Schleimhäute und Nerven geschädigt. Das führt zu Gefühllosigkeit und Lähmungen an Beinen, Armen und Augenlidern. Unbehandelt werden Finger und Zehen steif, die Knochen eitrig, die Nasenscheidewand fällt ein.“ Lepra-Kranke haben kein Schmerzempfinden. Damit sie sich nicht unbemerkt verletzt, trägt Yadamma dicke Gummisandalen an ihren verstümmelten Füßen. Sie sei dankbar für diesen Ort, an dem sie mit ihren Deformationen angenommen werde, sagt sie. Denn ihre Nachbarn grenzten sie aus, selbst ihre Familie meide sie.

Pater Lawrence besucht täglich die Station und hört sich die Nöte und Sorgen der Kranken an„Noch schlimmer als alle äußeren Entstellungen ist oft der ‚soziale Tod‘ der Lepra-Kranken“, sagt Pater Lawrence. „Sie dürfen nicht in den Tempel, nicht in Geschäfte. Selbst beim Arzt werden sie diskriminiert. Die meisten von ihnen haben noch nie erlebt, dass ein Mediziner sie bei der Untersuchung berührt. Manche berichten, dass die Ärzte im Krankenhaus bei der Verabreichung von Injektionen besonders lange Nadeln benutzen – um die Distanz so groß wie möglich zu halten.“

Des Stigmas wegen bekennen sich die Betroffenen nicht zu ihrer Erkrankung. Tun sie es doch, müssen sie befürchten, unwillkommen zu sein, nicht mehr eingeladen zu werden und keinen Ehepartner zu finden. Wenn Pater Lawrence und seine Mitarbeiter in den Dörfern rund um Jogipet unterwegs sind, wo sie rund 80 Patienten betreuen, müssen sie einfühlsam und diskret sein. „Manche bedecken sofort ihre Hände, wenn sie uns sehen – aus Angst, entdeckt zu werden“, sagt der 38-Jährige. „Damit die Leute unsere Hilfe annehmen, müssen wir ihnen erst vermitteln: Lepra ist kein Fluch! Die Krankheit ist heilbar, wenn man sie nur früh genug erkennt und behandelt.“

Respekt für die Kranken
Tatsächlich: Setzt die Behandlung sofort ein, wenn die charakteristischen weißen Flecken auftreten, an denen die Betroffenen ein Taubheitsgefühl wahrnehmen, kann man Lepra in den Griff bekommen. Yadamma hat diese ersten Anzeichen nicht erkannt. „Ich war so mit meiner Arbeit auf dem Feld beschäftigt, dass ich das gar nicht bemerkt habe“, sagt sie. „Ins Zentrum gekommen bin ich erst, als ich meine Finger nicht mehr bewegen konnte.“

Das Erstarren von Yadammas Gliedern lässt sich nicht aufhalten, aber mithilfe von Physiotherapie zumindest verlangsamen. Gemeinsam mit rund 20 anderen Patienten wohnt sie inzwischen im Zentrum. Zu Hause wollte man sie nicht mehr. Auch als Hindu ist sie willkommen, denn das St. Arnold Leprosy Health Centre wird zwar von Missionaren geleitet, steht aber allen Religionen offen. „Wir zwingen keinen der Patienten, am Sonntag in die Kapelle unseres Zentrums zu kommen“, sagt Pater Lawrence. „Aber viele kommen trotzdem. Ihnen gefällt die Botschaft von einem liebenden Gott, der alle Menschen annimmt und seine Liebe und sein Erbarmen gerade den Armen und Kranken zuwendet. Und auch in dem Lazarus aus dem Lukas­evangelium, ,,dessen Leib voller Geschwüre war, finden sie sich wieder.“

Pater Lawrence hat im Leprazen­trum seine Lebensaufgabe gefunden. „Wir respektieren diese Menschen und geben ihnen ihre Würde zurück“, sagt er. „Das ist umso wichtiger, weil sich sonst niemand um sie kümmert.“ Mit Sorge erfüllt den Steyler Missionar einzig der Zustand des Zentrums. Viele Räume sind feucht, die sanitären Einrichtungen in einem schlechten Zustand. „Aber eine Renovierung können wir uns nicht leisten“, sagt er. „Staatliche Zuschüsse bekommen wir keine, weil es in Indien offiziell keine Lepra-Kranken mehr gibt.“

Die Zahl der Neuerkrankungen mag in den vergangenen Jahren dramatisch gesunken sein. Trotzdem ist Lepra in Indien genauso wenig ausgerottet wie in Thailand, Madagaskar oder China. Inoffiziell spricht man von vier Millionen Kranken. Rund 150 davon werden vom St. Arnold Leprosy Health Centre in Jogipet betreut. „Unsere Arbeit mag nur ein Tropfen auf den heißen Stein sein“, sagt Pater Lawrence. „Aber wenn unsere Patienten mir aus ihren entstellten Gesichtern ein Lächeln schenken, macht mich das zufrieden und glücklich.“

Markus Frädrich

Mai 2018

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