Steyler Welt

Ein Dogmatik-Professor im Slum

"Ich glaube an eine Kirche im Dialog", sagt Pater Joachim Piepke. Der Steyler Missionar war in den brasilianischnen Favelas und an der Steyler Hochschule in Sankt Augustin

Pater Dr. Joachim Piepke, geboren 1943 in Danzig, trat 1962 bei den Steyler Missionaren in St. Gabriel bei Wien ein. Von 1970 bis 1980 lehrte er in Brasilien, 1983 kam er als Professor für dogmatische Theologie nach Sankt Augustin. Über 30 Jahre leitet er auch das ethnologische Anthropos-Institut.

„Ein befreiender Gott ist anders“, so heißt mein aktuelles Buch. Und das ist so etwas wie die Quintessenz meiner Theologie.

Meine Generation ist groß geworden mit der Konzilstheologie. Wir waren begeistert von der neuen Exegese, der Moraltheologie und Pastoraltheologie. Leider ist das Konzilsprojekt in großen Teilen auf der Strecke geblieben, weil die Hierarchie stark gebremst hat.

©privatAls ich Hochschullehrer hier in Sankt Augustin werden sollte, brauchte ich ein „nihil obstat“. Das ist die Bestätigung der Glaubenskongregation, dass „nichts im Wege“ steht. Das wurde negativ beantwortet. Der Hauptvorwurf war, dass meine Theologie marxistisch gefärbt sei.

Sieben Jahre Warten

Wir haben versucht, mit Kardinal Ratzinger ins Gespräch zu kommen, das war unmöglich. Er war nicht bereit zu einem Gespräch. Es hat sieben Jahre gedauert, bis endlich das „nihil obstat“ kam, nicht durch einen offenen Dialog, sondern hintenherum durch Beziehungen.

Ich hatte mich nach der Priesterweihe für Brasilien gemeldet mit dem Gedanken: nie mehr Hochschule und Studium. Dann steckte mich der brasilianische Provinzial als Erstes in ein Gymnasium! Nach vier Jahren wurde ich versetzt an die Hochschule in São Paulo. Es war sicher meine Berufung, jungen Menschen Unterricht zu geben und mit ihnen den Weg der Glaubensvertiefung zu gehen.

Während der Zeit der Militärdiktatur war der Einsatz für Menschenrechte und die Armen viel vordringlicher als irgendwelche Lehrsätze. Meine brasilianischen Studenten haben sich nicht um Glaubensfragen gekümmert, die mussten auf die Straße gehen und protestieren und aufpassen, dass sie nicht von der Geheimpolizei verhaftet wurden.

Unterricht nah am Menschen

Am Abendgymnasium hatte man mir, dem Ausländer, das Fach „Soziale und politische Erziehung“ zugeschoben. Das wollte kein Lehrer auf sich nehmen, denn die Lehrpläne stammten von der Militärdiktatur, und die Lehrer waren nicht damit einverstanden. Ich habe dann über Verfassungen gesprochen, Demokratieverständnis, Pressefreiheit – alles streng verboten. Später habe ich fast nur noch Religion unterrichtet. Nicht den Katechismus, sondern Probleme, die die jungen Leute interessiert haben: Hexerei, Geisterglaube, Religionsfreiheit, Sekten, wie die Angehörigen der afroamerikanischen Kulte in Trance kommen, wie man pendelt ... Sie waren wie befreit, dass ihnen das jemand von einem rationalen Standpunkt aus erklärt, damit sie ihre Angst davor verlieren.

Meine ganze Vorlesungszeit war missionarisch geprägt. Ich glaube an eine missionarische Kirche, die im Dialog steht mit den Religionen und Kulturen. Ich wollte den christlichen Entwurf darlegen und herausarbeiten: Wo sind wir auf derselben Ebene, wo müssen wir uns distanzieren? Meine Studenten mussten sich nicht in die Vätertheologie vertiefen, sondern arbeiteten an heutigen Fragestellungen. Das war meine Berufung: ihnen Perspektiven zu eröffnen, die für ihr Leben Sinn machen.

©privatIn São Paulo bin ich regelmäßig am Wochenende in die Armenviertel gegangen. Das war am Anfang ein Schock: die Bretterhütten, das Elend – und die andere Welt, in der man selber lebte. Nach einem Jahr gewöhnte man sich daran. Man kann es ja nicht ändern!

Vom Leben in den Favelas

Die hygienischen Zustände waren katastrophal. Man watete durch Schlamm zu einer Ein-Zimmer-Hütte, wo die Messe sein sollte. Eine Kapelle gab es nicht. Und dann sollte ich ihnen eine Frohe Botschaft des Evangeliums verkünden! Ich habe immer versucht, an ihre Situation anzuknüpfen und sie zu ermutigen: Wenn sie gemeinsam handeln, können sie sich aus diesem Elend befreien. Als Pfarre haben wir ihnen Wege gezeigt, um bei den Behörden Strom zu beantragen oder befestigte Wege einzufordern. Rechtsanwälte haben sich im Konflikt um Landbesetzungen kostenlos engagiert. Ich konnte Kranke zu befreundeten Ärzten schicken.

Das war der Kernpunkt der Evangelisierung: die Armen ernst nehmen. In die Favelas ging kein Staatsbeamter, die hatten alle Angst vor Drogen und Kriminalität. Die Einzigen, die hingingen, waren wir.

In Brasilien habe ich fürs Leben gelernt: Bestimmte Ungerechtigkeiten muss man einfach aushalten. Aber man kann viel erreichen, wenn man ein bisschen organisiert. Dafür bringen wir Europäer sicher ein gewisses Talent mit ...

Rückkehr nach Deutschland

Es war schwer für mich, nach zehn Jahren wieder nach Deutschland zurückzugehen. Trotz aller Armut ist die menschliche Situation in Brasilien viel intensiver und wärmer als hier. Ich habe ein ganzes Jahr gebraucht, bis ich emotional wieder in Deutschland angekommen war.

In meinen über 40 Jahren im Lehrbetrieb habe ich gemerkt, dass die traditionellen dogmatischen Aussagen heute nicht mehr verständlich sind. Das heißt nicht, dass sie falsch sind. Aber die Leute verstehen die Sprache und den Inhalt nicht. Wir reden am heutigen Menschen vorbei.

Es nützt nichts, sich auf die Autorität des Lehramts zu berufen. Der Glaube muss Sinn machen. Das ist mein missionarischer Auftrag als Hochschullehrer in Deutschland und das Anliegen des Buches: die Einladung zu einer neuen Sinnsuche und Sinnfindung im Glauben.

Aufgezeichnet von Christina Brunner

März 2020

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