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Ein Lied, das berührt

Für Millionen Menschen rund um den Erdball ist das schlichte Musikstück der Inbegriff von Weihnachten. Am Heiligen Abend 1818 ertönte es zum ersten Mal in der Kirche von Oberndorf bei Salzburg. Eine Spurensuche am Entstehungsort des Weihnachtsliedes

 

Sepp Greimel erzählt Touristen aus aller Welt die Stille-Nacht-Geschichte. Höhepunkt seiner Führungen: das Singen des Liedes in der Kapelle

Oberndorf ist eine Kleinstadt wie viele andere. Der 5500-Einwohner-Ort liegt direkt an der Salzach, nur durch eine Brücke von der Stadt Laufen in Bayern getrennt. Wer als Tourist nach Oberndorf kommt, hat meist nur ein Ziel: die Stille-Nacht-Kapelle, die an die Entstehung des wohl berühmtesten Weihnachtsliedes erinnert.

Am Heiligen Abend 1818 ertönte in der St.-Nikola-Kirche von Oberndorf zum ersten Mal das „Stille Nacht! Heilige Nacht!“ Ein Lehrer und ein Priester mit Gitarre waren die „Liedermacher“.  Pfarrer Joseph Mohr hatte den Text bereits zwei Jahre zuvor an seiner damaligen Wirkungsstätte in Mariapfarr im Lungau geschrieben. Angeblich hat ihn das Jesuskind mit dem „lockigen Haar“ auf dem Altarbild der dortigen Kirche inspiriert.

Nach wie vor ist es für die Stille-Nacht-Forscher ein Rätsel, was den Pfarrer und den Organisten bewog, statt der Orgel eine Gitarre zu verwenden – galt die „Klampfe“ doch eher als Wirtshaus-Instrument. Die Legende, dass eine Maus den Blasebalg der Orgel angeknabbert hatte, ist jedenfalls frei erfunden. Der damalige Aufführungsort ist nicht mehr erhalten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Kirche wie auch viele Häuser mehrmals vom Hochwasser der Salzach beschädigt. Dies führte zu dem Entschluss, den ganzen Ort Oberndorf inklusive der Pfarrkirche ca. 800 Meter flussaufwärts neu zu errichten. Die alte Kirche verfiel, 1924 wurde auf ihrem Schuttkegel der Grundstein zu einer Gedächtniskapelle gelegt, die 1937 geweiht wurde.

Vor der Kapelle wartet Sepp Greimel auf uns. Der Pensionist aus Laufen hält das ganze Jahr über Stille-Nacht-Führungen, vorwiegend für Bus- und Reisegruppen. Rund 100 000 Besucher pro Jahr hören von ihm und seinen beiden Kollegen alles Wissenswerte über das Weihnachtslied. „Ab Oktober geht's richtig los“, erzählt Greimel. „Im Advent haben wir pro Tag bis zu fünf Führungen in verschiedenen Sprachen.“ Die Gäste kommen vorwiegend aus Österreich und Deutschland, aber auch aus Kanada, Australien, den USA, Tschechien, Polen, Japan und Korea.

Unruhige Zeiten
Besonders wichtig ist dem Fremdenführer, seinen Zuhörern die Friedensbotschaft des Liedes zu vermitteln. „Dazu muss man die Lebensumstände der Menschen kennen, für die das Lied gedacht war: die Schiffergemeinde in Oberndorf“, betont Greimel. Die Schiffer von Oberndorf und Laufen waren seit Jahrhunderten für den Transport des kostbaren Salzes von Hallein und Berchtesgaden nach Passau und weiter nach Wien zuständig. Während in Laufen die reichen Patrizier gut vom Salzmonopol lebten, waren am anderen Ufer in Oberndorf die armen Tagelöhner zu Hause.

„Die Entstehung von ,Stille Nacht‘ fällt in eine sehr schwere Zeit. Die Napoleonischen Kriege waren zu Ende, die durchziehenden französischen Truppen hatten ein ausgeplündertes Land in Armut und Not zurückgelassen“, erzählt Greimel. Hinzu kam, dass durch die Neuordnung Europas auf dem Wiener Kongress ein Teil Salzburgs zu Bayern kam. Oberndorf wurde von seinem Stadtzentrum Laufen getrennt, die Salzach wurde zur Staatsgrenze. „In dieser Zeit kam Joseph Mohr als Seelsorger für die Schiffer und ihre Familien nach Oberndorf“, erklärt Greimel. Mohr, der als Kind einer ledigen Strickerin selbst aus einfachen Verhältnissen stammte, habe sich „mit der armen Bevölkerung identifiziert“. Das Weihnachtslied sollte den Menschen Trost und Hoffnung auf eine bessere Zukunft in Frieden geben.

Was „Stille Nacht“ bei der armen Bevölkerung von Oberndorf bewirkt hat, ist nicht verbürgt. Aber Sepp Greimel weiß, was das einfache Weihnachtslied bei Menschen heute auslösen kann. „Zum Abschluss jeder Führung lade ich die Besucher in der Kapelle ein, ,Stille Nacht´ in ihrer Sprache zu singen. Das ist immer eine sehr andächtige Stimmung. Vor einiger Zeit war eine japanische Gruppe hier. Ein japanischer Gast – Typ reicher Geschäftsmann – wollte zuerst nicht, dass gesungen wird. Doch dann konnte er sich der Faszination des Liedes nicht entziehen. Die Emotionen haben ihn gepackt, er hat zu weinen begonnen und am Ende der Führung hat er sich mit einer Verbeugung bei mir bedankt“, erinnert sich Sepp Greimel.

Über Tirol in alle Welt
Im alten Pfarrhof, in dem einst Joseph Mohr lebte und der erhalten blieb, ist seit 2016 das Stille-Nacht-Museum untergebracht. Auf zwei Stockwerken erzählen Exponate und Multimedia-Stationen über das Leben von Joseph Mohr und Franz Gruber, über den Ort der „Uraufführung“ sowie über die weltweite Verbreitung des Liedes. Die ist einem Zufall zu verdanken, wie der Kustos des Museums, Josef Standl, zu berichten weiß. „Das ursprüngliche Kirchenlied hätte nie Weltruhm erlangt, wäre Franz Gruber wegen Orgelreparaturen nicht mit dem Zillertaler Orgelbaumeister Carl Mauracher in Kontakt gestanden.“ Mauracher sorgte dafür, dass „Stille Nacht“ in seiner Heimat bekannt wurde. Tiroler Sänger-Ensembles wie die Geschwister Strasser und die Geschwister Rainer nahmen das Lied in ihr Repertoire auf und tourten damit durch Deutschland, Russland, England und die USA.

Aus dem Kirchenlied wurde ein Volkslied, dessen Schöpfer vorerst in Vergessenheit gerieten. Erst eine Anfrage nach dem Autor durch die Königliche Hofmusikkapelle Berlin in Salzburg veranlasste Franz Gruber, sich und Mohr als Komponist bzw. Textdichter zu „outen“. Missionare brachten um die Wende zum 20. Jahrhundert das Lied auch nach Afrika, Asien und Amerika. Im Ersten Weltkrieg sangen es Soldaten verfeindeter Nationen gemeinsam in den Schützengräben.

Für viele Menschen steht „Stille Nacht“ für ein Weihnachtsfest im Kreis der Familie, für Harmonie, Besinnlichkeit, Geborgenheit und Frieden. Auch für den Oberndorfer Pfarrer Nikolaus Erber ist „Stille Nacht“ mit Erinnerungen an seine Kindheit in Kitzbühel verbunden. „Das Lied gehört zum Heiligen Abend wie das Rosenkranzgebet, der Christbaum und die Bescherung.“ Erber blickt aber auch hinter das Stimmungsvolle: „Im Text klingt die biblische Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen durch.“

Wer im Tourismus profitiert
Unser Rundgang im Oberndorfer „Stille-Nacht-Bezirk“ geht weiter. Neben Kapelle und Museum befindet sich im Wasserturm der Sitz der „Stille-Nacht-Gesellschaft“, die sich der Erforschung des Weihnachtsliedes widmet. Im Bruckmannhaus, gleich daneben, ist das Sonderpostamt untergebracht. Vom 8. bis zum 24. Dezember hat es durchgehend geöffnet. Das Angebot, seine Weihnachtspost mit der aktuellen Stille-Nacht-Briefmarke und dem Sonderstempel zu verschicken, wird von Besuchern aus nah und fern gerne angenommen. Rund 1000 Briefsendungen werden täglich von zwei Postmitarbeitern abgefertigt.

Auch Bürgermeister Peter Schröder schaut auf einen Sprung vorbei. Was hat seine Stadt vom Ruf als „Stille-Nacht-Gemeinde“? – „Die Bekanntheit des Bildes mit der Kapelle ist groß“, bestätigt der Bürgermeister. Wirtschaftlich schlage sich das aber kaum nieder. „Zu uns kommen vor allem Tagestouristen, die vielleicht einen Kaffee trinken oder im Museumsshop einkaufen, aber wir haben kaum Nächtigungen.“

Die Salzburger Tourismusverantwortlichen nützen das 200-Jahr-Jubiläum, um Salzburg als „Stille-Nacht-Land“ zu vermarkten. Eine große Landesausstellung im Salzburg Museum und in den Lebensorten von Joseph Mohr und Franz Gruber wie Hallein, Mariapfarr, Arnsdorf, Hintersee und Wagrain soll Besucher anlocken, Themenwege wurden gestaltet und sogar ein Musical bei US-Autoren in Auftrag gegeben. Die „Silent Night Story“ wird in der Felsenreitschule gezeigt und soll „Stille Nacht“ zum Ganzjahresthema machen, als Ergänzung zum Dauerbrenner „Sound of Music“. Ob der Hollywood-Glamour bei den Besuchern ankommt, wird sich zeigen.

Bürgermeister Peter Schröder und Tourismuschef Clemens Conrad liegt die Würde des Weihnachtsliedes am Herzen

Schlichte Feier statt Event
Auch die Oberndorfer sind sensibel, was die Vermarktung „ihres Liedes“ betrifft, betont Bürgermeister Schröder. Die Gemeinde hat die Rechte für die Wort-Bild-Marke und achtet darauf, „dass die Würde nicht verloren geht“. Kommerz ist auch bei der Stille-Nacht-Gedenkfeier verpönt, die jedes Jahr am Heiligen Abend um 17 Uhr vor der Kapelle stattfindet. „Wir wollen eine schlichte Feier, kein Großevent“, sagt Schröder. „Dagegen würden wir uns mit Händen und Füßen wehren.“

So werden auch diesmal, beim 200-Jahr-Jubiläum, nach dem Weihnachtsschießen der Schützen eine Bläsergruppe, Anklöckler, Stubnmusi und Liedertafel traditionelle, volkstümliche Weisen spielen und singen, ehe der Bürgermeister ein paar Worte spricht und der Pfarrer das Weihnachtsevangelium liest. Und dann kommt jener Moment, der Peter Schröder jedes Jahr aufs Neue berührt: „Vor mir stehen 2000 bis 3000 Menschen – Oberndorfer, aber auch Chinesen, Japaner, Spanier, Italiener, Amerikaner, die unterschiedlichsten Nationalitäten. Das Licht geht aus, die ersten Töne von ‚Stille Nacht’ ertönen – und alle singen mit.“ 

Ursula Mauritz

Dezember 2018

Kommentare (2)

  • Lohmar
    Lohmar
    vor 2 Wochen
    Der Artikel ist sehr schön und ausführlich geschrieben. Danke...
  • Zauberpater Hermann B!CKEL SVD
    Zauberpater Hermann B!CKEL SVD
    vor 2 Wochen
    Ein gemütsbetontes anrührendes Weihnachtslied, als "typisch deutsch" weltbekannt geworden, es erzählt vom Zauber der HEILIGEN NACHT. Danke!

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