Reportage

Ein Mann & sein Museum

Hermann Mayrhofer schuf im Salzburger Leogang ein wahres Schatzkästchen. Das Bergbau- und Gotikmuseum lockt Besucher aus aller Welt an

Lebenswerk Kustos Hermann Mayrhofer in seinem Museum

Leihgaben aus dem Louvre in 3300-Einwohner-Ort im Pinzgau“: Hinter dieser Schlagzeile verbergen sich keine Fake-News! Wer das Bergbau- und Gotikmuseum in Leogang besucht, bekommt tatsächlich kostbare Schätze aus den berühmtesten Museen und Sammlungen zu sehen. Das Museum ist das Lebenswerk von Hermann Mayrhofer. Der 73-jährige Gründer und Kustos des Museums korrespondiert auf Augenhöhe mit den größten Museen Europas. Die Hautevolee der Gotikexperten ist zu Gast im Ortsteil Hütten, dem historischen Bergbaudorf Leogangs. Wie schaffte dies ein Einzelner, und was war sein Beweggrund, seine Triebfeder?

Es ist die tiefe Innigkeit, die diesen Mann mit den Schutzheiligen der Bergleute verbindet. Die spürt man förmlich, wenn man mit Hermann Mayrhofer durch die Ausstellung geht. Still verweilt er bei den gotischen Statuen, die Maria oder die Heilige Barbara zeigen, und lässt deren Strahlkraft auf sich wirken: ihre auf Tiefe ausgerichteten Blicke, den bezaubernden S-Schwung, die weiche Faltenbildung der Kleider. Die Menschen im Mittelalter vermochten die Botschaften, die in diesen Details steckten, zu entziffern.

© Susanne BayerIhre Sorgen und Nöte trugen sie zu ihren Heiligen. So auch die Knappen, die in Leogang vor 500 Jahren im Bergbau arbeiteten. Bevor sie die Stollen betraten, beteten sie bei ihren Fürsprechern um Schutz bei der gefährlichen Arbeit. Wer wüsste davon heute noch, hätte Hermann Mayrhofer die Bergbauheiligen nicht wieder ins Gedächtnis gebracht?

 

Warum ein Gotikmuseum?

Schon immer waren dem ehemaligen Gemeindeamtsleiter die Geschichte und die Traditionen seines Heimatorts wichtig. Mayrhofer stammt aus einer der ältesten Familien Leogangs, seit über 450 Jahren ist sie an diesem Ort beheimatet. Aufgewachsen ist er mit sechs Geschwistern auf einem Leoganger Erbhof. Als Leiter des Gemeindeamts ließ er Kleindenkmäler restaurieren und rückte die Geschichten dahinter ins Bewusstsein der lokalen Bevölkerung. Der einzigartige Altar der Knappenkapelle St. Anna  mit seinen Darstellungen des Bergbaus und der Schutzheiligen gab den Anstoß, 1992 ein Museum zu gründen, das sich auf Bergbau und Gotik spezialisiert.

Das Mittelalter war die Hochphase des Bergbaus in Leogang, die Gotik damals die vorherrschende Kunstrichtung. Den damaligen Amtsleiter der Gemeinde interessierte die Kunst und das Handwerk, mit denen sich die Erzbischöfe durch den Reichtum der Erze umgaben. Die spirituelle Ausrichtung des Museums kostete den Kustos viele schlaflose Nächte. Denn nun begann die intensive Bewerbung bei privaten Geldgebern und der öffentlichen Hand. Die Bergbauheiligen Barbara, Anna und den Heiligen Christophorus konnte Mayrhofer als Erstes erwerben. Dann legte er sich die Latte immer höher. Eine Gusssteinmadonna aus Salzburg aus der Zeit um 1400 war die nächste Anschaffung.

Marmelade brach das Eis

© Susanne BayerSeine Frau Elisabeth stärkte ihm den Rücken, als es im Ort hieß: „Wofür brauch ma ein Gotikmuseum, wir haben ja eh das Bergbaumuseum.“ Um Exponate erwerben zu können, lief er von „Pontius zu Pilatus“. Bei potenziellen Käufern läutete Mayrhofer zuweilen an der Tür und hielt ihnen eine in Decken gehüllte Madonna entgegen. Die konnten deren Liebreiz dann oft nicht widerstehen und sponserten den Kauf. Heute suchen Menschen aus aller Welt dieses Museum auf, das als Vorreiter gotischer Kunst in Europa gilt.

Es waren oft die kleinen Gesten, die den Kustos erfolgreich machten. So fragte er bei einem Abt um eine Leihgabe an. Der zögerte zunächst, war dann aber ganz gerührt, als ihm Mayrhofer ein Glas Marillenmarmelade, eingekocht von seiner Ehefrau, überreichte. Das Eis war gebrochen, und er erhielt die Madonna für eine Ausstellung.

Die Hartnäckigkeit Mayrhofers und sein unbändiger Wille wurden mit großzügigen Schenkungen belohnt. Heiligenstatuen, Tafelbilder, Möbel und Kunsthandwerk kamen ins Museum. Der „große Durchbruch“ ist 2003 mit der ersten hochkarätigen Ausstellung „Maria  - Licht im Mittelalter“ gekommen, erinnert sich der Kustos. Damals sei die internationale Fachwelt auf die Nischenkunst in Leogang aufmerksam geworden. Es folgte eine weitere sensationelle Schau mit „Gotischen Löwenmadonnen“. Nur mehr sieben davon gibt es europaweit, Leogang besitzt eine davon.

Thurnhaus erweitert das Museum

„Den Weg konsequent gehen. Sich nicht abbringen lassen von seinem Ziel“ ist das Erfolgsrezept Mayrhofers. Sein jüngster Coup: Im Mai 2019 wurde das Museum dank eines privaten Sponsors um das aufwändig renovierte „Thurnhaus“  – ein mittelalterlicher Wohn- und Wehrturm – erweitert. Gewerkenhaus und Thurnhaus sind unterirdisch durch eine Ausstellungsfläche verbunden. „Zusammen mit der Schauschmiede und der St. Anna-Kapelle wird der Ortsteil Hütten jetzt als Bergbaudorf wahrgenommen“, erklärt Kustos Mayrhofer.

Die Museumserweiterung schafft Platz für hochrangige Sonderausstellungen: Die Schau „Bergmann.Bischof.Kaiser“ gibt Einblick in die Macht des Bergbaus zwischen Mittelalter und Neuzeit. Die Ausstellung „Schöne Madonnen # Salzburg. Gussstein um 1400“ wurde in Zusammenarbeit mit der Nationalgalerie Prag entwickelt und zeigt 27 Madonnen aus Salzburger Werkstätten, darunter auch Leihgaben aus großen Museen wie dem Louvre. Beide Ausstellungen sind noch bis Ende Oktober zu sehen. Ein Besuch lohnt sich! 

Christine Schweinöster

Oktober 2019

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Museum Leogang

Hütten 10
5771 Leogang

www.museum-leogang.at

Geöffnet bis 31. Oktober 2019, von Dienstag bis Sonntag von 10 bis 17 Uhr geöffnet. Montag Ruhetag. Führungen auf Anfrage.

Leoganger Museumsnacht: 19. Oktober 2019, 18 bis 22 Uhr