Kultur

Ein Museum für die Vielfalt

Das neueröffnete Weltmuseum Wien möchte bei den Besuchern die Wertschätzung für die Vielfalt der Kulturen wecken. Ein Anspruch, den die Museumsgestalter mit den Steyler Missionaren teilen.  
 

Das Weltmuseum befindet sich in einem Trakt der Neuen Burg am Heldenplatz

Franz Helm betrachtet fasziniert die Ausstellungsstücke, die einst seine Ordensbrüder zusammengetragen haben: einen reich verzierter Schmuckkamm und einen Köcher für Blasrohrpfeile aus Südostasien, einen aus Palmblättern gefertigtem Hocker aus Afrika, Masken und Federkappen von den Selk’nam aus Feuerland. Die Exponate, die im Saal „Kulturkampf“ im Weltmuseum Wien ausgestellt sind, haben die Steyler Patres Martin Gusinde und Paul Schebesta Anfang des 20. Jahrhunderts von ihren Forschungsreisen aus Asien, Afrika und Südamerika mitgebracht. Hunderte weitere Objekte aus der Sammlung der Steyler Missionare lagern in den Depots des Museums.

„Diese Sammlung ist international wirklich herausragend“, betont Weltmuseum-Direktor Christian Schicklgruber, der sich mit dem Missionswissenschaftler und Steyler Vizeprovinzial Franz Helm zu einem Rundgang durch das neugestaltete Museum getroffen hat. Begleitet werden sie von Reinhard Blumauer, Kurator im Museum und Experte für die „Wiener Schule“ (siehe Seite 28). Schnell wird klar: Mission und Kulturanthropologie (früher Ethnologie bzw. Völkerkunde) haben zum Teil eine gemeinsame Geschichte. Die heutige Kulturanthropologie distanziert sich gerne vom Erbe jener Missionare, die anderen Völkern ihren Glauben aufdrängten und fremde Kulturen zerstörten. Doch auch die Ethnologen waren in früheren Jahrhunderten nicht davor gefeit, sich gegenüber den sogenannten „Naturvölkern“ als Europäer kulturell überlegen zu fühlen und damit dem Kolonialismus und der ökomischen Ausbeutung Tür und Tor zu öffnen.

P. Franz Helm, Direktor Schicklgruber und Kurator Blumauer (von links) im Weltmuseum

Steyler als Ethnologen
„Arnold Janssen, dem Gründer der Steyler Missionare, war von Anfang wichtig, dass die Missionare ihre Erfahrungen auch für die Wissenschaft zur Verfügung stellten“, berichtet Reinhard Blumauer. Für die Ausbildung der neuen Missionare, aber auch für die Volksbildung in Europa. Fremde Kulturen sollten den Menschen näher gebracht werden. „Die SVD (Societas Verbi Divini – Gesellschaft des Göttlichen Wortes) war ein junger Orden und hat einen frischen, mutigen Weg eingeschlagen“, so Blumauer. Dies habe später auch das Missionsdekret des Zweiten Vatikanischen Konzils beeinflusst. Auch wenn die Theorien der „Wiener Schule“ längst überholt sind, so sieht Blumauer in dieser offenen Haltung gegenüber anderen Kulturen eine bleibende Leistung der Steyler Anthropologen.

„Janssen brachte als Chemie- und Physikprofessor den Naturwissenschaften Wertschätzung entgegen und informierte sich zuvor akribisch über die Länder und Regionen, in die später die Missionare geschickt wurden“, erklärt Franz Helm die Unterstützung des Gründers für die ethnologischen Forschungen der Ordensmitglieder. Lingustik und völkerkundliche Methoden gehörten in St. Gabriel zum Ausbildungsprogramm. Während andere Missionsgesellschaften „europäisch“ blieben, setzten die Steyler von Anfang an darauf, Angehörige anderer Völker als Ordensmitglieder aufzunehmen. „Die Wertschätzung anderen Kulturen gegenüber, aber auch das gesellschaftspolitische Einmischen hat in der SVD eine lange Tradition“, betont Blumauer und nennt ein Beispiel: Pater Martin Gusinde hatte sich zum Beispiel im frühen 20. Jahrhundert dagegen eingesetzt, dass weiße Siedler und Schafzüchter auf den südamerikanischen Feuerland-Inseln Ureinwohner töteten.

Es geht nicht um Bekehrung
Sowohl die Kulturanthropologie als auch das Missionsverständnis waren in den letzten Jahrzehnten einem starken Wandel unterworfen. Vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil herrschte in der katholischen Kirche die Überzeugung, dass Menschen nur durch das Evangelium erlöst werden könnten. Die Taufe galt als Rettung vor der Hölle. Daher nahmen die Missionare Mühsal und Gefahren auf sich, um „Unerlösten“ das ewige Heil zu bringen. „Auch heute wollen Missionare die Welt verändern“, erklärt Pater Franz Helm. „Wir wollen mithelfen, dass das Leben glückt und wollen uns zusammen mit anderen dafür einsetzen, dass das Leben in dieser Welt gerechter, würdevoller und friedlicher wird. Dass Menschen einen Sinn finden, dass ihr Leben heiler wird, man könnte auch sagen heiliger“. Wenn er Menschen anderen Glaubens treffe, so Helm, gehe es nicht darum, ihn oder sie zu bekehren, sondern ins Gespräch zu kommen. „Was ist dir heilig? Was ist mir heilig?“ Ein Missionsverständnis, das Franz Helm mit Altbischof Erwin Kräutler teilt: „Bischof Kräutler sagt, dass er noch nie einen Indianer getauft hat und es auch nicht tun wird.“

Einer der neu gestalteten Ausstellungsräume

Feuer oder Bibelrunde
Das Ziel der Mission sei nicht, mehr Kirchenmitglieder zu gewinnen. Die Motivation zur Mission ist der Einsatz für eine bessere Welt, theologisch ausgedrückt für das „Reich Gottes“. Für Pater Helm gehört zu Mission ganz wesentlich der Einsatz für Gerechtigkeit, Friede und die Bewahrung der Schöpfung. „Was uns Kulturanthropologen mit den Missionaren verbindet, ist, dass wir uns Zeit nehmen, uns mit Menschen anderer Kulturen zusammensetzen und mit ihnen reden. Egal ob ich mit jemandem an der Feuerstelle sitze oder in der Bibelrunde – da passiert etwas!“, ist Schicklgruber überzeugt.

Der Direktor des Weltmuseums wünscht sich, dass die Besucher beim Rundgang durch das Haus einen Eindruck von der Vielfalt der Welt gewinnen und diese Vielfalt wertschätzen „Der Besucher soll sagen: Was ich gesehen habe, sieht fremd aus, aber letztendlich haben wir Menschen ähnliche Anforderungen, um unser Leben zu meistern. Die Aufgabe eines ethnologischen Museums ist es, das Bewusstsein zu bilden, dass wir Menschen das gemeinsame Menschsein teilen.“ Für Franz Helm hat das Weltmuseum eine weitere Funktion: „Es lehrt das Differenzieren. Es wird heute vieles plakativ gesehen. Wir müssen lernen, nicht über die Muslime, die Katholiken zu sprechen, sondern unterscheiden lernen: Wer ist das und in welchem Umfeld lebt er?“

www.weltmuseumwien.at

Ursula Mauritz

Juli 2018

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Das Weltmuseum Wien

Beeindruckende 250.000 ethnographische Objekte, mehr als 140.000 Fotografien und 146.000 Druckwerke aus fast allen Teilen der Welt umfasst die Sammlung des Weltmuseums Wien in der Neuen Burg am Heldenplatz. Auch nach der Neugestaltung des Museums ist nur ein kleiner Teil davon in den 14 Ausstellungssälen zu sehen. Der Anspruch, ganze Kulturen oder Kontinente möglichst vollständig zu präsentieren, wird vom Museum nicht mehr erhoben. Kleine Mosaiksteinchen sollen einen Eindruck der Vielfalt vermitteln. So widmet sich der Raum „Ein Dorf in den Bergen“ dem Alltagsleben in einem buddhistischen Dorf im Himalaya, der Saal „Sammlerwahn“ beschäftigt sich mit den Reisen dreier junger Habsbuger Erzherzöge, der Raum „Kolonialismus“ hinterfragt kritisch, mit welchen ausbeuterischen Methoden Exponate für ethnographische Museen erworben wurden.

Die Ursprünge des Weltmuseums reichen bis ins 16. Jahrhundert zurück. Angehörige des Kaiserhauses, wie Erzherzog Franz Ferdinand II., Kaiser Franz I. und Thronfolger Franz Ferdinand, trugen durch Ankäufe auf Weltreisen und Expeditionen Objekte für ihre Sammlungen und „Naturalien-Cabinette“ zusammen.1928 wurde das Museum für Völkerkunde als Teil des Naturhistorischen Museums in einem Trakt der Neuen Burg eröffnet und dem Publikum zugänglich gemacht. Seit 2001 gehört das Völkerkundemuseum zum Kunsthistorischen Museum. Nach mehreren Anläufen zur Renovierung und einer Verkleinerung des ursprünglichen Projekts wurde das inzwischen in „Weltmuseum Wien“ umbenannte Haus mit einer Ausstellungsfläche von 3.900 Quadratmetern im Oktober 2017 wiedereröffnet.