Steyler Welt

Ein Steyler in der Hölle

Für psychisch kranke Menschen gibt es in Indonesien kaum Therapiemöglichkeiten. Viele werden eingesperrt und misshandelt. Ein junger Steyler kämpft für sie

© Michael Coyne/Alamy Stock Photo

Deo Gracis Kolobanus Albri ging auf Nachbarn und Passanten los, bis seine Familie ihn einsperrte. Pater Aventinus kommt auf eine Zigarette und ein Gespräch

Jahre lang lebt Herman Yosef Nuel in der Hölle. Eingesperrt hinter dem Haus seiner Familie in einem Käfig, zwei Meter lang und eineinhalb Meter breit. Ein Holzblock hält seine Füße fest. Dazu kommt eine Kette um den Hals. Seine Familie füttert ihn durch ein Loch in der Wand, er kann sich nicht waschen und keine Toilette benutzen. Nach 15 Jahren darf er den völlig verrotteten Käfig verlassen – weil seine Familie ihm einen neuen gebaut hat.

Herman Yosef Nuel ist psychisch krank. Und seine Familie weiß nicht, was sie tun soll – außer fesseln und einsperren. Pater Aventinus Saur kennt Hunderte solcher Geschichten. Seit er im Dezember 2013 angefangen hat, nach psychisch Kranken in seiner Heimat Indonesien zu suchen, hat der Steyler Missionar viele Male in den Abgrund gesehen. Ein Abgrund aus Not, Unwissenheit und staatlicher Ignoranz. „Als Menschen mit psychosozialen Behinderungen werden sie missachtet. Und wenn man sie beachtet, behandelt man sie nicht mit Medikamenten, sondern sperrt sie ein. Und die Regierung nimmt das Thema einfach nicht ernst genug.“

Pater Aventinus' Weg zu den Menschen am Rande begann mit Anselmus Wara, heute 33 Jahre alt. Der junge Mann litt an diversen psychischen Krankheiten, und seine Familie fesselte ihn an den Holzblock. Bis Pater Aventinus ihn fand: Der junge Steyler sorgte für die richtigen Medikamente und eine Therapie. Anselmus Wara lernt jetzt, mit dem Computer zu schreiben und erobert sich sein Leben zurück.

Mehr als 18 000 psychisch kranke Menschen werden in Indonesien gefesselt und eingesperrt. Die Familien wissen sich nicht anders zu helfen

Die Familien schämen sich
Eine Erfolgsgeschichte, die Pater Aventinus nutzte, um seine Mission bekannt zu machen. Denn er weiß: Das Stigma ist mächtig, auch 40 Jahre nachdem Indonesien beschlossen hat, die grausame Praxis von „pasung“, das Anketten und Einsperren von psychisch Kranken, zu verbieten. Die Realität ist eine andere: 57 000 Indonesier mit psychischen Auffälligkeiten sind mindestens einmal gefesselt worden, etwa 18 800 sind es wohl immer noch. Diese Zahlen stammen von der Regierung in Jakarta, und sie betont, dass 93 Prozent aller Eingesperrten befreit werden, sobald man von ihrer Not erfährt. Doch wie viele dann wirklich erfolgreich behandelt werden oder gleich wieder in ihre Käfige zurückgebracht werden, weiß niemand.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch hat 2016 in einer großen Untersuchung schreckliche Geschichten zutage gefördert. Sie dokumentiert den Fall eines Vaters, der seine Tochter 15 Jahre lang gefangen hielt, weil er fürchtete, dass sie verhext wäre. Geld für eine Behandlung hatte er nicht. „Sie zerstörte alles, wühlte in den Äckern der Nachbarn und aß das unreife Korn.“ Der Vater schämte sich, band sie an Händen und Füßen fest, und als seine Tochter sich trotzdem befreite, schloss er sie ein. Sie bekam keine Kleider und niemals Besuch, ihr Gefängnis war Schlafzimmer und Toilette zugleich. Der einzige Kontakt in die Außenwelt war das Essen, das man ihr hinstellte, und die Steine, die die Dorfkinder auf sie warfen.

Freiwillige helfen
„Die Familien wissen einfach nicht, was sie tun sollen“, sagt Pater Aventinus. Denn in Indonesien kommen auf 250 Millionen Menschen nur 800 Psychiater und 48 Krankenhäuser für psychisch Kranke. Die Hälfte dieser Anlaufstellen konzentrieren sich in vier der 34 Provinzen des Inselstaates. „In dieser Provinz hier gibt es nur einen Psychiater, der in der Hauptstadt Kupang arbeitet“, sagt Pater Aventinus. „Und dort ist auch die einzige psychiatrische Klinik.“

Seit der 36-Jährige seine Mission unter den Letzten der Letzten begann, haben sich rund 650 Freiwillige und Spender seiner Arbeit angeschlossen. „Kelompok Kasih Insanis (Gruppe der Menschenliebe)“ heißt die Organisation. „Wir helfen, indem wir ihnen etwas zu essen und Kleidung bringen. Und wir versuchen, mit den Kranken in Kontakt zu kommen.“ Die erste Gruppe entstand in Ende, inzwischen gibt es auch auf der Insel Flores mehrere Teams. Sie suchen die Kranken, die oft schon jahrelang versteckt wurden, und melden sie. Sie betreuen die, die auf der Straße leben und suchen die Zusammenarbeit mit Ärzten, um Medizin zu bekommen. Pater Aventinus hat keine Angst, in die stinkenden engen Käfige zu gehen, sich neben die Kranken in ihren Ketten zu hocken, seine Zeit mit ihnen zu verbringen.

So fand er auch Herman Yosef Nuel. Zwei Monate lang bekam er Medikamente, bis es ihm etwas besser ging, dann holten Pater Aventinus und sein Team ihn aus seinem Käfig heraus. Sie mussten ihn schleifen, denn nach 25 Jahren in Ketten konnte er nicht mehr gehen. Im Reha-Zentrum von Ruteng hoffen die Ärzte, seine Krankheit behandeln zu können.

Pater Aventinus besucht den psychisch kranken Yohannes Sema. Der 60-Jährige ist seit 2011 an sein Bett gekettet, seine Frau Maria Immaculata sorgt für ihn. Das ist in vielen Dörfern nicht selbstverständlich

Das Denken verändern
Den Käfig hat Pater Aventinus medienwirksam zerstört – in Anwesenheit der Familie, von Regierungsvertretern und der Gesundheitsbehörden. Der Vize-Präfekt der Provinz Ende, Achmad Dschafar, lobte die Arbeit von KKI und forderte Pater Aventinus auf: „Öffnen Sie den Käfig! Ich hoffe, dass Käfig und Kette für immer verschwinden werden.“ Die Dorfbewohner rief er auf, ihre Kranken zu melden, damit sie behandelt werden können. „Der Dorfvorsteher muss die Situation seiner Leute kennen, besonders von denen, die benachteiligt sind“, erklärte er.

2019 soll Indonesien „pasung“-frei sein – das sieht eine Kampagne der Regierung vor. Doch die Herausforderungen sind groß: Indonesien steckt nur 1,5 Prozent des Budgets in die Gesundheitsvorsorge. Und für die Behandlung psychisch Kranker gibt es fast gar kein Geld. Das führt dazu,  dass 90 Prozent der Bedürftigen keine Chance haben, die Hilfe, die sie brauchen, auch zu bekommen. Die Menschenrechtsorganisa­tion Human Rights Watch fordert gut ausgebildete Pfleger und fachmännische Beratung auch außerhalb der Ballungszentren. Und: Die Kranken müssen über ihre Behandlung informiert werden und nach Möglichkeit einwilligen. Denn viel zu oft werden sie mit Koran-Rezitationen, magischen Ritualen oder Elektroschocks ohne Betäubung behandelt, auch sexuelle Übergriffe sind in den überfüllten Krankenstationen an der Tagesordnung.

Doch Pater Aventinus will nicht nur den Kranken helfen, er will das Denken der Gesellschaft verändern: „Dass es „pasung“ immer noch gibt, liegt an der Stigmatisierung der Kranken. Unsere Gesellschaft hat eine negative Sicht auf Menschen, die unter Geistesstörungen leiden. Daher richtet sich unsere Kampagne nicht nur gegen diese Misshandlung der Kranken, sondern auch gegen die negativen Denkweisen der Gesellschaft. Das Stigma und die Stigmatisierung müssen verschwinden!“

Christina Brunner

Juni 2018

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 02.06.2018
    Großartig, was der junge Pater dort leistet!! Traurig und unaussprechlich diese Zustände, aber Alltag in einigen Ländern. Und es gab diesen Alltag vor nicht allzu langer Zeit auch hier bei uns. Eltern behinderter Kinder wurden gefragt, wer denn gesündigt hätte, dass die Familie mit einem Behinderten gestraft würde..Diese Einstellung gibt es in vielen Gebieten, daher werden Behinderte, nicht der Norm entsprechende Angehörige versteckt. Man schämt sich, das ist sehr traurig- für alle Beteiligten. Außerdem darf man nicht vergessen, dass es ein Gesundheitssystem und Hilfen, wie wir es gewohnt sind, in Indonesien nicht gibt.
    Was können wir tun? Zumindest beten!

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Video aus Indonesien

Schauen Sie sich hier ein Video über die Arbeit von Pater Aventius in Indonesien an.