Steyler Welt

"Erinnerungen wie in Dauerschleife"

„Früher war ich ganz anders“, sagen viele Geflüchtete, denen Bruder Bernd Ruffing begegnet. Sie haben Albträume oder diffuse Ängste. Der Steyler Missionar engagiert sich in einer Berliner Beratungsstelle für Geflüchtete mit psychischen Erkrankungen

Niemand soll sich alleine gelassen fühlen

Manche Gesichter erzählen eine ganze Lebensgeschichte. Wer aber die weichen Gesichtszüge von Tuba Taher sieht, ahnt nichts vom harten Schicksal, dass die 34-Jährige bereits hinter sich hat. Bevor die Palästinenserin vor knapp vier Jahren über die Balkanroute nach Berlin flüchtete, lebte sie im Libanon, in einer Region, in der die Hisbollah das Sagen hat. Anhänger der schiitischen Miliz wollen, dass die junge Frau Ja sagt zu einer sogenannten Vergnügungsehe, einer Ehe auf Zeit und für Geld. Für die gläubige Sunnitin kommt diese Form der religiös legitimierten Prostitution nicht infrage. Tuba Taher, die in Wirklichkeit anders heißt, macht sich gemeinsam mit ihrem Bruder deshalb auf den Weg, um endlich „ein Leben in Sicherheit“ zu führen, wie sie Bruder Bernd Ruffing bei einer der ersten Begegnungen in der Beratungsstelle „ReStart&Empower“erzählt.

Albträume und Ängste

Der Bruder der Steyler Missionare begleitet seit rund einem Jahr Geflüchtete mit psychischen Erkrankungen. Viele von ihnen schliefen schlecht, hätten Albträume, zögen sich zurück oder entwickelten diffuse Ängste, zählt Bruder Bernd einige Symptome seiner Klienten auf, wie der 45-Jährige die Besucher nennt. „Früher war ich ganz anders“, diesen Satz hört Bruder Bernd häufig von ihnen, egal ob in den Beratungsräumen der Caritas in Berlin-Mitte oder in den Gemeinschaftsunterkünften, die er regelmäßig aufsucht und die meist am Stadtrand der Spree-Metropole liegen. Manche Klienten würden aber auch von Sozialarbeitern zu ihm geschickt. Diese hätten zwar „das Herz auf dem rechten Fleck“, aber ihnen fehle das Fachwissen, beispielsweise beim Umgang mit Suizid oder einem Trauma. Fortbildungen für Multiplikatoren seien deshalb ein wichtiger Teil des Projekts, betont Bruder Bernd.

@Angela KroellDass er zu einer katholischen Ordensgemeinschaft gehört, verschweigt er nicht. Die Kette mit dem Kreuzanhänger, als Zeichen seiner Ordenszugehörigkeit, trägt er mal offen, mal auch unter dem Pullover – aus praktischen Gründen. Sein Glaube hilft ihm bei seiner Arbeit: Religion spielt in der Beratung eine große Rolle. Viele seiner Klienten sind Muslime und gläubig. Das Gebet könne eine Kraft sein, die sie stärkt. Ein Gott, der verzeiht, sei bei Schuldgefühlen wichtig, und der Besuch einer Moschee könne in der Depression aus der Lethargie befreien und helfen, wieder Sozialkontakte zu aktivieren, erläutert Bruder Bernd.

Alte Wunden

Wer die Unterstützung von Bruder Bernd Ruffing oder einem anderen Mitglied des insgesamt achtköpfigen multiprofessionellen Teams der Caritas-Beratungsstelle in Anspruch nimmt, hat bereits einiges hinter sich, so wie Tuba Taher. Aufgewachsen ist die Palästinenserin in einem libanesischen Flüchtlingslager. Diskriminierung gehörte zu ihrem Alltag. Zweimal hat sie in ihrer alten Heimat versucht, sich das Leben zu nehmen: als Kind, nach dem Tod ihres Vaters, und nachdem sie vergewaltigt worden ist. In Berlin wird Tuba Taher erneut vergewaltigt. Alte Wunden reißen wieder auf, sie hat einen Nervenzusammenbruch und erneut Suizidgedanken. Ihr Glück im Unglück: Sie trifft auf Fajer Sarmini. Der Exil-Syrer arbeitet bei „ReStart&Empower“ als Sprachmittler, übersetzt zwischen Klienten und Beratern. Sarmini erzählt Tuba Taher vom Angebot der Beratungsstelle, das für drei Jahre dank der gemeinnützigen Stiftung „Skala. Gemeinsam Menschen bewegen“ finanziell gesichert ist.

Jeder dritte ist psychisch krank

Posttraumatische Belastungsstörungen sind bei Geflüchteten keine Seltenheit. Viele von ihnen haben Dinge erlebt, die der Traumadefinition der Weltgesundheitsorganisation (WHO) entsprechen und von solch „außergewöhnlicher Bedrohung oder katastrophalem Ausmaß“ sind, die fast jeden in „eine tiefe Verzweiflung“ stürzen würden. Eine Studie des Robert Koch-Instituts zur Gesundheit von Erwachsenen in Deutschland hat 2012 ergeben, dass jeder Dritte psychisch erkrankt ist. Eine vergleichbare Studie über die Anzahl psychischer Erkrankungen unter Geflüchteten gebe es nicht, bedauert Bruder Bernd. Er habe jedoch „den begründeten Verdacht“, dass es unter ihnen noch viel mehr sein müssten.

Viele haben depressive Verstimmungen

Manche Geflüchtete würden aber auch erst in Deutschland durch die Perspektiv- und Hoffnungslosigkeit erkranken. Der sogenannte Post-Migrationsstress sei ein „guter Nährboden für Depression“, hat Bruder Bernd beobachtet. Unter all seinen Klienten seien im vergangenen Jahr nur zwei gewesen, die nicht Anzeichen depressiver Verstimmungen gezeigt hätten. Bei seiner Arbeit kommt dem gebürtigen Saarländer sein Studium der „internationalen Sozialarbeit mit Flüchtlingen und Migranten“ an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt zugute. Auch seine Erfahrung als gelernter Gesundheits- und Krankenpfleger sowie sein Studium der Pflegepädagogik helfen ihm.

@Angela KroellIn einem Beratungsprozess, der durchschnittlich neun Sitzungen umfasst, lernen Klienten zu erkennen, was ihnen fehlt. „Eine Negativspirale soll gestoppt werden, der Klient soll Methoden und Strategien lernen, um sich selbst zu helfen“, erklärt Bruder Bernd – oder die Beratung  als eine Vorbereitung auf eine Psychotherapie sehen. Doch das ist längst nicht selbstverständlich: Es gibt zu wenig Arabisch oder Farsi sprechende Therapeuten. Zudem ist es in vielen Herkunftsländern der Geflüchteten verpönt, sich von einem Psychiater helfen zu lassen. Auch Medikamente zu nehmen ist vielfach noch ein Tabu, weiß Bruder Bernd auch aus seiner Tätigkeit in Australien und in Thailand, wo er sich für Menschen mit HIV und Aids engagiert hat.

Zurück ins Leben

Warum eine Psychotherapie oft sinnvoll sein kann, erläutert Bruder Bernd seinen Klienten mithilfe eines Bildes. Darauf ist ein überquellender Kleiderschrank zu sehen, der so vollgestopft ist mit Hemden, Hosen, Pullovern und Jacken, dass die Schranktür kaum noch zu schließen ist. Immer wieder geht sie von alleine auf. „Traumatische Erinnerungen“, erklärt er dann, seien „wie die Tür des Kleiderschranks“, sie kommen immer wieder von alleine ins Gedächtnis und überfallen den Menschen. „Erinnerungen bleiben schlimm, schwirren aber nicht mehr wie in einer Dauerschleife durch den Kopf.“

Tuba Taher hat sich ins Leben zurückgekämpft. Wer nach der siebten Sitzung ihr Lächeln sieht, in ihre offenen dunklen Augen blickt, mag kaum glauben, dass sie wieder so viel Kraft und Zuversicht ausstrahlt. Ihre Arme hält sie vor ihrem Körper im Halbkreis weit ausgebreitet, als sie erzählt, was sie von Bruder Bernd gelernt hat: „Mich zu schützen und abzugrenzen.“ Ihre Wünsche für die Zukunft? Richtig Deutsch zu lernen, ihre Familie froh zu machen und anderen zu helfen. Inschallah, so Gott will, werde sie eines Tages vielleicht auch eine eigene Familie und Kinder haben.

Dagmar Paffenholz

November 2019

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