Titelthema

Friedhof: Ein Ort für die Lebenden

Die Bestattungskultur ändert sich. Immer weniger Menschen wünschen sich eine klassische Beerdigung. Aber das Bedürfnis nach einem Ort für die Trauer und das Gedenken ist geblieben.

Auf dem Wiener Zentralfriedhof gibt es eine ausgeschilderte Jogging-Strecke.

Wenn sich an Allerheiligen und Allerseelen langsam die Dämmerung über den Friedhof senkt, erglühen entlang der Wege und Alleen unzählige rote Kerzen.  Das Herbstlaub knistert unter den Schritten der vielen Menschen, die ihre verstorbenen Angehörigen besuchen. Eifrig klauben sie Blätter vom Grab auf, legen ein Gesteck ab. Versinken dann in ein stilles Gebet. Sie gedenken der Menschen, die hier liegen: Vater oder Mutter, Partner, Kind, guter Freund. Melancholisch ist die Stimmung, feierlich und doch auch tröstlich für die Hinterbliebenen.

@ddp-images PhilippGuellandGerade für sie ist dieser Ort wichtig. „Der Friedhof ist nun mal in erster Linie für die Lebenden da, nicht für die Toten“, sagt Dr. Dirk Pörschmann, Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Friedhof und Denkmal in Kassel. „Hier können sie innehalten, trauern, gedenken.“ Auch für Nicht-Trauernde ist er bedeutsam, denn, so Pörschmann: „Man kann nur dann im Hier und Jetzt ein gutes Leben führen, wenn man sich mit dem Tod auseinandersetzt.“

„Die Menschen holen sich den Friedhof zurück.“

Darüber hinaus hat der Friedhof in unserer Gesellschaft noch weitere relevante Funktionen. An den Gräbern begegnen sich Trauernde, lernen sich kennen, können sich gegenseitig stützen. Grabsteine und Inschriften zeugen von örtlicher Geschichte und Kultur. Er ist eine grüne Lunge in der Stadt und ein Rückzugsraum für unzählige Tierarten. In letzter Zeit bekam der Friedhof Konkurrenz durch Friedwälder, Seebestattungen, Kolumbarien. Dass die Freiflächen auf dem Friedhof, die Lücken zwischen den Gräbern immer größer werden, hat auch andere Gründe: Die Feuerbestattung ist die Regel geworden, zwei Drittel der Deutschen entscheiden sich für ein Urnengrab. Das ist günstiger, vor allem aber braucht es weniger Pflege. Für Familien, in denen die Kinder, wie es heutzutage normal ist, weiter weg wohnen, ist das ein gewichtiges Argument. „Bloß nicht zur Last fallen“, ist da die Devise der Eltern.

QR-Code statt Kreuz

Unter den Leerständen leiden die Friedhöfe finanziell – weil Gebühren wegfallen und die freien Flächen gepflegt werden müssen. Nicht zuletzt deshalb findet seit einigen Jahren ein Umdenken statt. „Die Bestattungskultur wandelt sich, passt sich den gesellschaftlichen Veränderungen an, wird heterogener“, konstatiert Dr. Thorsten Benkel, Soziologe an der Universität Passau, der mit seinem Kollegen Matthias Meitzler mehr als tausend Friedhöfe besuchte. „Die Menschen holen sich den Friedhof zurück.“

Vorreiter der neuen Bestattungskultur ist Matthäus Vogel, Leiter des Friedhofs- und Bestattungsamtes Karlsruhe. Für ihn ist ein Friedhof ein „schöner, einmaliger, sakraler Ort – für die Toten, vor allem aber die Lebenden.“ Als er 2004 sein Amt übernahm, begann er gleich damit, Vorschriften und Regeln, die auf den Friedhöfen in Karlsruhe entbehrlich waren, abzuschaffen. „Ich finde es wichtig, die Anliegen und Wünsche der Trauernden ernst zu nehmen, Verständnis zu haben, ihnen so wenig Vorschriften wie möglich zu machen“, betont Matthäus Vogel, der sich auch für niedrigere Friedhofsgebühren einsetzt. Bei ihm finden Trauerfeiern nicht im Halbstundentakt statt, sie dürfen auch mal ein bis zwei Stunden dauern. Er erlaubt auch ungewöhnliche, bunt gestaltete Grabsteine, früher undenkbar. „Es ist doch ganz natürlich, dass die Hinterbliebenen das Grab besonders persönlich gestalten wollen.“

Gesellschaftlicher Wandel auf dem Friedhof

Andere Friedhöfe haben nachgezogen. Wie sehr die Grabsteine inzwischen vom gesellschaftlichen Wandel zeugen, haben die Soziologen Benkel und Meitzler beobachtet (Game Over: Neue ungewöhnliche Grabsteine, Kiwi Taschenbuch, 9,99 Euro). „Die Alltagskultur ist auf dem Friedhof eingezogen. Auf einigen Grabsteinen stehen QR-Codes, über die Besucher mit ihren Smartphones weitere Infos oder Bilder zu dem Verstorbenen bekommen könnten“, so Dr. Thorsten Benkel. „Statt einem Kreuz oder einem Bibelvers haben sich Menschen Symbole ihres Hobbys oder Zitate aus Filmen auf den Stein eingravieren lassen. Das ist auch  ein Zeichen des abnehmenden Glaubens in der Gesellschaft.“

@Imago Images Schellhorn

Nicht nur Grabsteine, auch Trauerfeiern werden individueller. „Wer sich Musik wünscht oder am Todestag mit einem Glas Sekt am Grab anstößt – alles kein Problem“, sagt Friedhofsverwalter Matthäus Vogel. „Allerdings dürfen andere Hinterbliebene dabei nicht in ihrer Trauer gestört werden.“ Das ist ihm wichtig.

In Sachen Bestattungsart hat sich der Karlsruher Hauptfriedhof ebenfalls dem gesellschaftlichen Wandel angepasst. Man kann wählen: zwischen einem klassischen Sarg- oder Urnengrab, Kolumbarium oder einer Baumbestattung. Auf die Initiative von Matthäus Vogel entstanden erstmalig Landschaftsgräberfelder. Das heißt, größere Flächen werden von Friedhofsgärtnern ansprechend gestaltet. In diese werden dann Erdbestattungsgräber oder Urnengräber ohne feste Umgrenzung und mit einheitlichen gestalteten Grabsteinen eingefügt. Inzwischen gibt es solche „Themenfelder“ oder „Memoriamgärten“ auf immer mehr Friedhöfen in Deutschland.

Auch anonyme Bestattungen sind in Karlsruhe möglich. Doch da hat Matthäus Vogel Bedenken: „Wir haben schon Umbettungen durchgeführt, weil die Hinterbliebenen es nicht ertragen konnten, keinen konkreten Platz zum Trauern zu haben.“

Kreative Nutzung

Die Freiflächen, die durch die geänderte Bestattungskultur entstanden sind, nutzte Vogel kreativ. So wurde in einem freien Gräberfeld ein symbolischer Trauerweg mit 14 Stationen angelegt, der dazu anregt, sich mit Sterben, Tod und Trauer auseinanderzusetzen. Mit den „Kinderwelten“ gibt es auf dem Hauptfriedhof auch einen Kinderspielplatz – aber keinen gewöhnlichen. Er wurde in doppelter Ausführung gebaut, verbunden durch eine Holzbrücke. Auf dem einen Teil kann man im Sand buddeln, rutschen oder schaukeln. Auf dem anderen ist der Sandkasten mit Beton gefüllt, die Geräte sind festgezurrt, lassen sich nicht bewegen. Er zeigt, wie Kinder sich fühlen, wenn ein Elternteil stirbt: Spielen macht keinen Spaß mehr, die Welt steht still.

@AdobeStock MrsGreenChristine Dietz,  Leiterin der Beratungsstelle InfoCenter, führt interessierte Besucher über den Friedhof, organisiert Veranstaltungen. In den Pausen nutzt sie den Parkfriedhof für sich auch als Ort der Entspannung und Naturoase. „Er ist ein Refugium für unsere bedrohte Tier- und Pflanzenwelt.“

Friedhof und Kultur

Auch unterschiedlichste kulturelle Veranstaltungen locken viele Zuschauer auf den Hauptfriedhof. Regelmäßig finden etwa in der großen Kapelle oder mitten auf dem Friedhofsgelände Musikveranstaltungen statt, die thematisch zu den Themen Vergänglichkeit, Tod und Sterben passen. „Sie werden dankbar angenommen“, weiß Christine Dietz.Auch unterschiedlichste kulturelle Führungen können gebucht werden, etwa zu den Gräbern berühmter Stadtväter und Künstler. Für Hinterbliebene gibt es Trauergruppen und ein Trauercafé. „Mit all diesen unterschiedlichen Angeboten kann man den Tod ins Leben holen“, so Christine Dietz, „die Scheu vor dem Friedhof nehmen und sich damit auseinandersetzen, dass man sterblich ist.“

Ulla Arens

November 2011

Kommentare (0)

Keine Kommentare gefunden!

Neuen Kommentar schreiben

Bisherige Beiträge

Der Wandel in der Bestattungskultur kommt für Pater Dr. Bernd Werle, Moraltheologe und Pfarrvikar im katholischen Seelsorgebereich Sankt Augustin,...

[weiter...]

Die Menschen am Amazonas sind ihm wichtig: Pater José Boeing SVD setzt sich als Rechtsanwalt für sie ein

[weiter...]

In der Schweiz wird individuell bestattet

Ein Friedhof muss leben“, sagte der Chef der Friedhöfe in der Stadt Bern zur Lokalzeitung, als er diesen Sommer in Pension ging. Er verstand seine Aufgabe unternehmerisch und wollte den individuellen Wünschen von Verstorbenen und Trauernden nachkommen und gleichzeitig den Friedhof als kollektiven Erinnerungsort erhalten.

Dass er zuweilen Schafe auf einem der städtischen Friedhöfe weiden ließ, Bepflanzungen so wählte, dass Glühwürmchen darauf gediehen oder auf einem anderen Friedhof Kurse fürs Handmähen mit der Sense zuließ, brachte ihn immer wieder in die Schlagzeilen.

Tatsächlich jedoch sind die Friedhöfe in der ganzen Schweiz mit demselben Problem konfrontiert: Inzwischen werden 90 Prozent der Menschen kremiert, die Erdbestattungen im Sarg sind die Ausnahme. Und selbst wenn die Urnen auf den Friedhöfen bleiben, sind diese inzwischen fast überall zu groß geworden, so dass sich die Frage stellt, wie sie neu genützt werden. Und da gibt es durchaus noch mehr Varianten als jene von Bern. Zürich hat einzelne Friedhof-Areale als Erholungsparks umdefiniert, Basel hat Skulpturen-Ausstellungen auf dem größten Friedhof der Schweiz veranstaltet, andernorts gibt es Lesungen und Konzerte. Heute wird an den meisten Orten auch akzeptiert, wenn Familien hier ohne Grabbesuch spazieren oder Jogger ihre Runden drehen – solange sie nicht laut sind und Abdankungen, also Trauerfeiern, nicht zu nahe kommen und damit stören.

Und weil es in der Schweiz – anders als in den umliegenden Ländern – keine Einschränkungen gibt, darf die Asche der Verstorbenen mitgenommen werden. Natürlich gibt es auf den Friedhöfen Wände und Felder für Urnen, aber die Asche oder Teile davon irgendwo im Wald, in einem See, auf einem Berg zu verstreuen oder sich die Urne zu Hause ins Wohnzimmer oder in den Garten zu stellen, das wird immer beliebter: der Phantasie der Angehörigen bzw. der Verstorbenen, die das vor ihrem Tod festgelegt haben, sind also kaum Grenzen gesetzt. So gab es diesen Sommer auch für meinen verstorbenen Onkel Rolf, der in den USA gelebt hatte, ein „Homecoming“ der besonderen Art: Ein Teil seiner Asche kam per Flugzeug hierher, und so kehrte auch er – die Urne fand ihren Platz beim Gartenhaus seines Bruders – in den Kreis seiner ursprünglichen Familie zurück.

Roger Tinner