Das Gespräch

Früher war nicht alles besser

Viele Menschen jammern, fühlen sich unwohl in dieser „schlechten“ Welt. Dabei belegen Fakten: Heute geht es uns so gut wie nie zuvor. Kaum zu glauben? – Lesen Sie, was Walter Wüllenweber sagt

Engagiert für sein Herzensthema: Auch heute läuft bei uns vieles sehr gut

„Früher war alles besser“. Ist ein Satz, den wir immer wieder hören. Stimmt das?
Nein! Im Gegenteil, uns ging es nie so gut wie heute.

Warum haben wir Menschen dann diese negativen Gefühle, ja sogar Ängste?
Der Mensch ist eigentlich ein Fluchttier, dessen Gehirn auch die kleinsten Anzeichen von Gefahr schneller verarbeitet als alle anderen Informationen. Selbst im Schlaf scannen wir unsere Umgebung permanent nach möglichen Gefahren ab. Das ist ein Grund. Ein zweiter sind die Medien.

Das erklären Sie bitte.
Wir haben eine Medienlandschaft, die ganz stark auf das Negative fixiert ist. Wegen der Natur des Menschen, weil die Leser darauf fokussiert sind. Der Journalismus orientiert sich genau an den Mechanismen, die in unseren Genen für das Erregen von Aufmerksamkeit angelegt sind, also schlechte Nachrichten, Warnungen oder Alarm.

Das heißt also: Die Schlagzeile „Ein Mord in der Barmbeker Straße“ verkauft sich besser als „Kein Mord in der Barmbeker Straße“?
Ganz genau. Schlechte Nachrichten sind gute Verkäufer. Wir dürfen aber nicht vergessen, das Aufdecken von Missständen durch Qualitätsjournalismus hat auch eine heilsame Wirkung für die Gesellschaft. Sie wird in die Lage versetzt aus den Fehlern zu lernen. Zu Zeiten, als wir nur zwei Fernsehprogramme und eine überschaubare Anzahl von Zeitungen und Illustrierten hatten, funktionierte das auch. Die Tagesschau war der Nachrichtenanker der Nation.

Das ist heute anders. Unzählige TV-Sender, soziale Medien, immer mehr Illustrierte, Internet. All das bedeutet Nachrichten rund um die Uhr.
Genau! Seit den 1960er Jahren hat sich die Zeit, die die Deutschen mit Medien verbringen, verdreifacht. Auf zehn Stunden. In den Vereinigten Staaten sind es sogar zwölf Stunden. Das heißt: Der Mensch sieht seine Umwelt immer stärker durch die mediale Brille…

... und das bedeutet?
... wir werden vom Radiowecker bis zum letzten Lesen von News auf dem Smartphone kurz vor dem Einschlafen mit Horrormeldungen überschüttet. Anschläge, Mord- und Totschlag, Einbruchserien, Vergewaltigungen, Hunger- und Naturkatastrophen, Firmenpleiten oder Entlassungswellen, Dieselbetrug – die Liste ließe sich unendlich fortsetzen. Und im Fernsehen explodiert – neben der Nachrichtenflut – in Filmen und Krimis förmlich die Zahl der Toten. Wir bekommen den Eindruck: Dass ein Mensch den anderen umbringt, ist eigentlich der Alltag, jedenfalls im Fernsehen.

Das hört sich schlimm an.
Jede Meldung ist für sich wahr und berichtenswert. Aber die vielen richtigen Meldungen ergeben zusammen ein falsches Bild. Dieses falsche Bild trägt den Titel: Alles wird schlechter. Doch das stimmt aber nicht. Schauen wir mal auf die 1970er Jahre. Da war die Wahrscheinlichkeit für einen Menschen auf der Erde, bei kriegerischen Auseinandersetzungen getötet zu werden, achtmal höher als heute. Weltweit! Damals wurde erheblich mehr getötet, heute wird deutlich mehr darüber berichtet.

Was trägt noch zu diesem Eindruck bei?
Die sozialen Medien. Das sind noch viel stärkere Angstmaschinen als die klassischen Medien. In den sozialen Medien funktioniert alles am besten, was Angst macht. Das zeigen sämtliche Untersuchungen. Alles, was Angst macht, wird am meisten angeklickt. Unzählige Menschen konsumieren diese ungefilterten oder nicht nachprüfbaren Meldungen, bilden sich daraus ihre Meinung. Wahrheit ist in sozialen Medien weiß Gott keine Kategorie. 

Alles, was klassische Medien über Jahrzehnte gelernt und verinnerlicht haben – objektive und wahre Berichterstattung, gründliche Recherche, mehrere Quellen, Gegencheck – all das spielt in sozialen Medien kaum eine Rolle.

Ein Beispiel: Im Schnitt sind Flüchtlinge krimineller als der Durchschnittsdeutsche, denn unter ihnen ist der Anteil junger Männer besonders hoch. Das ist die gefährlichste Gruppe. In jeder Gesellschaft! Unser eigener männliche Nachwuchs wird aber genauso häufig straffällig wie der geflüchtete. Mit einem entscheidenden Unterschied: Achtzig Prozent der Gewaltopfer von Geflüchteten sind selbst Geflüchtete. Der deutsche Nachwuchs dagegen bestiehlt, verprügelt oder tötet überwiegend Deutsche. Im Umkehrschluss heißt das: Wir müssen uns eher vor jungen Deutschen fürchten, als vor jungen männlichen Flüchtlingen. Das schreiben die Angsttreiber aber nicht ins Internet.

Ich kenne einen Menschen, der durchforstet Zeitungen und Zeitungsberichte bei Google und alle Pressemeldungen der Polizei nach Straftaten von Flüchtlingen. Sobald er etwas entdeckt, bläst er das raus. Ich gehe mal davon aus, dass der nichts fälscht, sondern nur zusammenstellt. Aber so entsteht der Eindruck, Flüchtlinge sind besonders gefährlich. Und das ist das Fatale.

Das Internet hat die Welt vernetzt. Also sind Fake News doch auch eine Folge der Globalisierung.
Natürlich wächst die Welt immer mehr zu einem großen Dorf zusammen. Aber, schlechte Nachrichten hat es schon immer gegeben. Nur, wir haben sie nicht alle erfahren. Durch das Internet und die sozialen Medien erfahren wir nun in Sekundenschnelle, was alles auf der Welt passiert.  Egal, ob es stimmt oder gelogen ist. Dennoch ist Informationsverbreitung nicht schlecht oder gefährlich. Gefährlich wird es nur, wenn durch Internet oder soziale Medien Fake News verbreitet werden.

Brauchen wir mehr Schutz vor Fake News?
Ein ganz klares „Ja“.  Wenn zum Beispiel Facebook etwas verbreitet, dann muss auch für Mark Zuckerberg das Presserecht gelten, „dann kann ich den Laden dichtmachen“, darf kein Argument sein. Unsere Gesetze sind wichtiger als der wirtschaftliche Erfolg eines Unternehmens. Wenn Facebook dann geschlossen werden muss, dann ist es eben so. Ich glaube aber nicht, dass es soweit kommen wird. Es ist nur so, dass Herr Zuckerberg dann nicht mehr so unvorstellbar viel Geld verdient, sondern nur noch vorstellbar viel Geld.

Das bedeutet aber auch eine Verantwortung für jeden Einzelnen, der Facebook nutzt.
Das kann sehr gut mit dem Autofahren verglichen werden: Wenn ich fahre, muss ich mich an die Regeln halten und Verantwortung übernehmen. Wenn ich als Journalist einen Artikel veröffentliche, dann muss ich das verantwortlich tun. Wenn ich als Individuum auf Facebook etwas veröffentliche, dann muss ich das ebenfalls verantwortlich tun. Wenn ich das nicht mache, muss ich damit rechnen, sanktioniert zu werden.

Damit sind wir beim Thema Kriminalität. Es gibt immer mehr Verbrechen, ist die landläufige Meinung. Egal, ob von Einheimischen oder Flüchtlingen.
Es stimmt, viele Menschen haben in Deutschland wirklich Angst vor Kriminalität. Und es gibt Verbrechen, große oder kleine. Einbrüche, Mord, Totschlag oder Raub. Tatsache aber ist: Die Kriminalität ist noch nie so weit zurückgegangen in der Geschichte unseres Landes wie jetzt.

Wir leben in der sichersten Zeit in der sichersten Region Europas. In den ersten fünf Jahren des Jahrhunderts wurden in Deutschland 155 Mädchen pro Jahr umgebracht. 2013 bis 2017 waren es 75! In den Jahren, als 1,5 Millionen Flüchtlinge zu uns kamen, hat sich also die Zahl der ermordeten Mädchen nicht erhöht, sondern halbiert.

Diese Furcht...
... ist ein Ansatzpunkt für Rechtspopulisten, die darauf ihre Strategie aufbauen und die Menschen immer weiter verunsichern. Da hilft nur eins: Wir müssen mit Informationen dagegenhalten. Immer wieder. Wir müssen klarmachen, dass die gefühlte Wahrheit tatsächlich nicht vergleichbar ist mit den tatsächlichen Fakten. Fakten sind wichtiger als gefühlte Wahrheiten.

Was heißt das konkret?
Flüchtlinge sind bis heute das wichtigste politische Thema. Es hat dafür gesorgt, dass die rechtspopulistische AfD in allen Landesparlamenten und im Bundestag sitzt. Und die treibt alle anderen Parteien vor sich her, mit diesem einen Thema. Das ging so weit, dass Innenminister Horst Seehofer sogar von Staatsversagen und von der „Herrschaft des Unrechts“ gesprochen hat.

Wenn wir uns dagegen die Realität anschauen, sehen wir, die Flüchtlingsgeschichte ist eine Erfolgsgeschichte. Das Land hat in kürzester Zeit 1,5 Millionen Menschen aufgenommen. Eine Leistung, auf die wir stolz seien können. Anfangs machte uns die Frage Angst, ob wir denn auch alle Flüchtlinge unterbringen können. Das hat geklappt. Sie sind alle jetzt gut untergebracht. Also Haken dran.

Der nächste Haken?
Die zweite Frage war: Schaffen die Behörden es, alle Flüchtlinge richtig zu registrieren, um entscheiden zu können, wer bleibt oder wer wieder gehen muss. Erinnern wir uns. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge war damals personell total unterbesetzt und auf den Flüchtlingsstrom überhaupt nicht vorbereitet. Das war die Schuld der einstigen Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) und Thomas de Maizière (CDU), die das BAMF nicht rechtzeitig darauf vorbereitet hatten. Dennoch gelang es, das BAMF innerhalb kürzester Zeit zu einer der größten und wichtigsten Bundesbehörden umzubauen. Es funktioniert bis heute. Also Haken dran.

Aber es gab es doch auch in der Außenstelle Bremen einen ziemlichen Skandal.
Stimmt. Das ging ganz schnell durch die Presse und wurde auch im Internet entsprechend ausgeschlachtet. Angeblich sollten 18.000 Fälle falsch entschieden worden sein. Letztendlich blieben davon 160 übrig. Was blieb, ist nach wie vor die Behauptung, dass die Entscheidungen des BAMF fast alle falsch sind. Das ist Quatsch! Nachprüfungen von bislang 43.000 Entscheidungen des BAMF haben ergeben, dass die Fehlerquote bei unter einem Prozent liegt. Damit arbeitet das BAMF deutlich zuverlässiger als alle anderen Bundesbehörden.

Noch eine Angst?
Bis heute ist ein Argument immer, wir müssen die Flüchtlinge auf ewig durchfüttern. Mittlerweile arbeitet bereits ein Drittel der Flüchtlinge in einem versicherungspflichtigen Job. Wirtschaftswissenschaftler etwa vom DIW sagen, dass die Flüchtlinge schon jetzt ein Konjunkturprogramm für die deutsche Wirtschaft waren. Und für den Staat, nicht für die Wirtschaft, werden sie spätestens in 20 bis 25 Jahren ein absolutes Positivgeschäft sein werden, wenn die vielen Kinder der Flüchtlinge unsere Rente zahlen. Also, wo ist das Problem?

Es bleibt aber doch ein Problem, dass nach dieser unendlichen Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung, sich viele, die bis heute ehrenamtlich engagieren, vom Staat alleingelassen fühlen.
Das mag stimmen. Aber viel erstaunlicher und bewundernswerter ist doch, dass bis heute noch ein sehr großer Anteil der Ehrenamtlichen aktiv ist. Jedenfalls sind das erheblich mehr Menschen, als die, die AfD gewählt haben. Wenn wir also in dieser Frage von Polarisierung sprechen, bedeutet das doch: Wir haben die einen, die im Flüchtlingswohnheim Deutschunterricht geben, und die anderen, die davorstehen und dagegen protestieren. Diejenigen, die im Flüchtlingswohnheim helfen, sind mehr. Erheblich mehr.

Das sind zwar nicht die, die am lautesten rufen, aber sie tragen die Gesellschaft. Die anderen gehören zu den Populisten, die uns einreden wollen, alles wird schlechter und uns Angst machen. Diese Angst nutzen sie aus und fordern eine 180 Grad Wendung. Zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage oder wie Donald Trump mit: „Make America great again“. Davon müssen wir weg. Das ist mir ein ganz wichtiges Anliegen meines Buches – klarzumachen, das dürfen wir nicht zulassen. Dass wir uns von diesen Rattenfängern einfangen lassen.

Ich bin mir heute unsicher, ob ich Rechtspopulismus nicht auf eine Stufe mit dem Klimawandel stellen muss, ­ so massiv ist er mittlerweile geworden. Er hat ja bereits viele positive Entwicklungen wieder zunichte macht.

Welche?
Wir sehen, dass mehrere Länder den Rückwärtsgang eingelegt haben. Die Amerikaner haben Trump gewählt. Er hat beispielsweise das Klimaabkommen aufgekündigt und führt sinnlose Handelskriege. Die Engländer haben den Brexit gewählt. Brasilien hat mit Jair Messias Bolsonaro einen Präsidenten gewählt, der sich aus Klimaschutz ebenfalls nichts macht und den Regenwald weiter abholzen lassen wird. Polen, Ungarn und Tschechien drängen immer weiter nach rechts. Italien auch. Also, da wurde schon an mehreren Stellen der Rückwärtsgang eingelegt. Deswegen ist der Rechtspopulismus schon etwas, was mir große Sorgen macht.

Was können wir dagegen tun?  
Ganz wichtig ist für mich Aufklärung. Das heißt, wenn wir uns darüber bewusst sind, dass nicht immer alles schlechter wird, dann sind wir einigermaßen geschützt gegen die Hetze der Rechtspopulisten.

Warum ist Ihre Frohe Botschaft auch eine sperrige Botschaft?
Als ich zum ersten Mal über das Thema gesprochen habe, sowohl in der Redaktion als auch im Bekanntenkreis oder mit Freunden, hagelte es sofort Widerspruch. Nach dem Motto: Von wegen, es hat sich so viel verbessert. Wir sehen doch den Krieg in Syrien, die Entwicklung in den USA, die Klimakatastrophe, und alles das, was jeden Tag permanent in den Nachrichten kommt. 

Es dauerte immer einige Minuten bis es bei den Leuten im Kopf klick machte und sie sich auf positive Nachrichten einließen. Das liegt unter anderem an der Geisteshaltung, mit der wir aufgewachsen sind. Wir sind geprägt von den Weisen, die beharrlich das Ende der Welt predigen: Irgendwann gibt’s den Nuklearkrieg und dann ist sowieso alles am Ende. Und wenn wir uns die Waffenarsenale angucken, was für einen Overkill das gibt.    

In Deutschland ist die Neigung besonders stark ausgeprägt: Nur derjenige, der warnt ist wirklich glaubwürdig. Den muss man ernst nehmen. Wer aber sagt, „Moment mal. So läuft das aber nicht, es gibt doch genügend Gutes“, gilt entweder als hoffnungslos naiv oder als von den Mächtigen gekauft.

Deswegen ist nicht nur ungewohnt, sondern es kostet richtig Anstrengung, sich darauf einzulassen, das Positive wahrzunehmen. Und nicht wieder den Scanner einschalten und das Negative herausfiltern. Besser wäre es, den anderen Scanner anzuschalten und zu fragen, was ist gut gelaufen? Wenn ich den aber einmal eingeschaltet habe, dann sieht man plötzlich wahnsinnig viel. Das war auch für mich verblüffend. Zu erkennen, dass es nicht nur in den großen Dingen, wie Hunger, Armut Kriege dramatische Fortschritte gegeben hat, in den letzten fünfzig Jahren, sondern auch in den kleinen Dingen. Das ist schon erstaunlich.

Ihr Buch ist ein positives Buch. Aber Sie schildern auch massive Probleme, die wir bewältigen müssen.
Ich interpretiere die Geschichte als einen ununterbrochenen Fluss von Schwierigkeiten und Herausforderungen. Und natürlich kommen ständig weitere Herausforderungen und Schwierigkeiten dazu. Wenn wir jetzt nach hinten gucken, erkennen wir, dass wir in den vergangenen 50 Jahren unglaublich erfolgreich darin waren, ewige Geißeln der Menschheit zu bekämpfen, fast zu beseitigen. Zum Teil.

Aber das heißt nicht, dass die Herausforderungen, die in der Zukunft liegen, bereits gelöst sind. Der Klimawandel ist eine riesige Herausforderung, von der längst nicht feststeht, ob wir das schaffen. Aber wir können aus der Vergangenheit Lehren ziehen, und mit Methoden, mit denen wir die Schwierigkeiten in den letzten 50 Jahren so erfolgreich bewältigt haben, Ansätze gegen den Klimawandel finden.

Das bedeutet genau?
Wenn wir dieses Gespräch in den 1960er Jahren geführt hätten und dann einen Zeitsprung ins Heute hätten machen können. Was wäre dann geschehen? Wir hätten uns damals nicht vorstellen können, was es für gigantische Fortschritte gegeben hat:

Es ist nicht vorstellbar, dass die Menschheit den Hunger vollständig besiegt. Doch es ist ein Ziel der UN für das Jahr 2030. Im Moment sieht alles tatsächlich danach aus, dass die Welt den Hunger, der uns 300.000 Jahre begleitet hat, dauerhaft besiegt haben wird. Obwohl es immer mehr Menschen gibt. Ich glaube, dass gesellschaftlicher oder technischer Fortschritt unbegrenzt ist.

Will sagen?
Wir müssen uns fragen: Was sind die entscheidenden Faktoren für Fortschritt? Gerade für gesellschaftlichen Fortschritt. Da ist mir ein Punkt ganz wichtig: Journalisten sind ein ganz wichtiger Mechanismus, weil wir die Gesellschaft in die Lage versetzt haben, aus Fehlern zu lernen.

Nun müssen wir aber etwas Zweites zusätzlich lernen: Wir müssen lernen, auch aus unseren Erfolgen zu lernen. In der Wirtschaft heißt das „best practice“. Das machen wir in der Politik und in der Gesellschaft so nicht. Wir gucken nicht auf das, was wirklich gelungen ist und sagen, das machen wir jetzt noch mal oder daran müssen wir jetzt festhalten.

Die großen Erfolgsfaktoren der letzten Jahrzehnte sind:

Demokratie, freie Medien, freier Handel, die Freiheit der Wissenschaft, die Unabhängigkeit der Justiz und die Zusammenarbeit in internationalen Organisationen. Letzteres hat für diesen langen Frieden, diese 70-jährige Friedensspanne in Europa gesorgt. Alle diese Erfolgsfaktoren sind durch die Rechtspopulisten total unter Druck geraten. Dann die Fortschritte in der Wissenschaft und die wichtige Rolle von Experten. Themen, die vom Populismus frontal angegriffen werden. Bei allen diesen Punkten sagen diese Nebelkerzenwerfer, das Volk will das nicht. Sie zweifeln prinzipiell Einschätzungen von Fachleuten an. Sehen sich in der Regel als „Volkes Stimme“. Doch dabei vergessen die Populisten: Wer sich lange systematisch und nach wissenschaftlichen Grundsätzen mit einem Thema beschäftigt, bewertet regelmäßig positiver als „Volkes Stimme“. Kompetenz macht optimistisch, Inkompetenz dagegen ist der Partner des Pessimismus. Wir dürfen nicht länger zulassen, dass unsere Erfolgsfaktoren noch weiter beschädigt werden.

Gibt es Objektivität?
Nicht wirklich. Was wir als objektiv bezeichnen, entsteht wohl durch Vielfalt. Fakten sind objektiv. Ihre Zusammenstellung möglicherweise nicht.

Kommen wir zur Bildung.
Ein hochinteressantes Thema. Fakt ist: Wir geben seit 40 Jahren für die Bildung weniger aus, als der Schnitt die OECD-Länder. Das beginnt sich jetzt zu rächen. Dennoch ist heute unser Bildungssystem tatsächlich viel besser als früher. Sie und ich haben noch Schulen besucht, in denen Klassen mit 40 bis 45 Kindern selbstverständlich waren. Das war normal. Heute beschweren wir uns, zu Recht, wenn es 30 sind. Die Schulen sind in vielerlei Hinsicht besser geworden, die Bildungsexpansion ist weit gegangen.

Seit einigen Jahren machen mehr als die Hälfte aller jungen Frauen und Männer eines Jahrgangs Abitur.

Nun werden manche Pessimisten entgegnen: „Aber das Abitur ist auch nicht mehr das, was es früher war.“ „Stimmt nicht“, antworte ich, „die Abiturienten heute sind erheblich besser gebildet und leistungsfähiger als ich es damals war.“ Wenn heute Praktikanten von der Journalistenschule in unsere Redaktion kommen, komme ich immer wieder ins Staunen: Die hätten mich damals in die Tasche gesteckt, da hätte ich kein Land gesehen. Die sind alle viel fähiger.

Letzte Frage: Sind Sie Optimist?
Ja. Auch die Recherchen für das Buch haben mich bestärkt, obwohl ich ebenso unsere Probleme und Sorgen sehe. Aber grundsätzlich gilt: Wir leben in einer tollen Zeit und wenn wir jammern, dann auf sehr hohem Niveau!

Thomas Pfundtner

April 2019

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 26.03.2019
    Deutsche sind auf den 2. Blick optimistischer als ihr Ruf, allerdings mit einer paradoxen Basis, dem Argwohn vor Neuem. Neues könnte Traditionen zerstören, Optimisten wie Wüllenweber durchschauen diese Innovationsfalle und machen uns einmal mehr darauf aufmerksam. Gut, dass unsere Vorfahren, aber auch wir und unsere Kinder mutig in die Zukunft gehen wollen. Mit Veränderungen und Erweiterungen unserer Traditionen. Früher gab es Flüchtlinge, Verbrechen und Katastrophen - nur kein TV, das uns heute das Elend direkt ins Wohnzimmer bringt. Bleiben wir wachsam im Geist und Gedanken, wozu uns Herr Pfundtner mit seinen verschiedenen Gesprächspartnern auf interessanteste Weise regelmäßig auffordert. Danke dafür, mit Vorfreude auf weitere Gespräche.

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Zur Person

Walter Wüllenweber wurde 1962 in Eilendorf (Nordrhein-Westfalen) in einer streng katholischen Familie geboren. Nach dem Abitur leistete er seinen Zivildienst in einem Heim für schwerbehinderte Menschen. Anschließend studierte er in Heidelberg Politik, Jura und Sport. Seitdem arbeitet er als Reporter und Autor. 2005 wurde Walter Wüllenweber mit dem Deutschen Sozialpreis ausgezeichnet, zwei Jahre später zum Reporter des Jahres gewählt.

In seinem aktuellen Buch "Frohe Botschaft" schildert Walter Wüllenweber anschaulich anhand von Zahlen, Statistiken und historischen Fakten, dass das Prägendste unserer Zeit nicht der Niedergang, sondern die weltweite Aufwärtsentwicklung ist. Natürlich benennt der Journalist auch die brennenden Fragen und Probleme unserer Zeit. 18 €, 25,90 CHF, DVA Sachbuch