Steyler Welt

"Für Gott war ich nicht zu klein"

In unserer neuen Serie "Den Schatz der Alten bwahren" stellen wir Ihnen Steyler Ordensmänner und -frauen vor, die auf eine lange Zeit in der Ordensgemeinschaft zurückblicken. So wie Sr. Tarcildis SSpS, die mehr als 55 Jahre Krankenschwester in Ghana war

Die 85-jährige Maria Westerhoff war als Schwester Tarcildis 55 Jahre in Ghana. Sie ist gebürtig aus Kneheim, Landkreis Cloppenburg

Ghana! Glücklich über meine Missionsbestimmung packte ich meinen Koffer. Im Gepäck hatte ich eine abgeschlossene Ausbildung als Krankenschwester und freute mich darauf, meine Kenntnisse in Ghana anwenden zu können. Und dann das: Das Krankenhaus war eine umgebaute Schule, kein Arzt weit und breit, und ich sprach keine der vielen Sprachen. Vor der Tür warteten bereits Patienten, Männer mit offenen Wunden, Kinder mit heftigem Husten. Die Not war groß. Ich wusste, Gott ist an meiner Seite, und so legte ich los.

© privat„Keine Angst, du machst hier nichts verkehrt, du weißt es ja nicht anders“, empfing mich eine Ghanaerin und nahm mir gleich jede Furcht. Doch ein Problem blieb: Wer in Ghana konnte schon ‚Tarcildis‘ aussprechen?! Auch hier überwältigte mich die Gastfreundschaft: Als Fremde bin ich gekommen, angesprochen haben sie mich mit ‚Assantiwa’, übersetzt ‚Königin Mutter‘.

Wenn ich gefragt werde, was ich von den Ghanaern mitgenommen habe, dann nenne ich als Erstes diese Gastfreundschaft. Ich kam kurz nach der Unabhängigkeit (1957, Anmerk. der Red.) des Staates, die Menschen waren froh, offen, hilfsbereit und tolerant. Fast meine ganze 55-jährige Missionszeit war ich in Krankenhäusern, Pflegestationen und in der Ausbildung von Krankenschwestern tätig. Mit großer Freude durfte ich erleben, wie junge Frauen, die wir als Babys durchgefüttert hatten, heute in der Pflege arbeiten. Wir haben viele einheimische Missionsschwestern, die im Land als Krankenschwestern ihren Dienst verrichten. Das erfüllt mich mit Stolz.

Als ich älter und meine Beine müder wurden, ließen mich meine Freunde nicht im Stich. Die Familie steht in Ghana an oberster Stelle. Für die Ältesten werden neue Aufgaben gefunden, und es ist selbstverständlich, dass sie in den Familien bleiben und nicht ins Altenheim müssen. „Danke für gestern“, nach diesem Leitspruch leben die Familien in Ghana. Das durfte auch ich erfahren. Ich wurde zur Kerzenschwester: Aus Wachsresten machte ich neue Kerzen. Doch nach und nach schwanden meine Kräfte. Seit 2013 bin ich wieder in Steyl. Im festen Glauben an die Kraft des Gebets bringe ich die Anliegen von Menschen vor Gott.

Nach Ghana habe ich wenig Kontakt. Nur bei der heiligen Messe ertappe ich mich dabei, wie © privatmeine Gedanken abschweifen. Denn eines ist mir  besonders im Gedächtnis geblieben: der lebendige Glaube. In Ghana wird die Frohe Botschaft wirklich gefeiert, ganz nach dem Motto „betend tanzen und tanzend beten“.

Wie oft hatte ich im Leben gehört: „Du bist zu klein und zu schmächtig.“ Bei der Geburt gab die Hebamme mir und meiner Zwillingsschwester keine 24 Stunden, weil wir zusammen nur 1500 Gramm auf die Waage brachten. Krankenschwester könne ich nicht werden, sagte meine Lehrerin, dafür sei ich nicht stark genug. Und heute sitze ich hier mit meinen 85 Jahren und kann sagen: Ich hab’s geschafft, denn Gott ist da.

Aufgezeichnet von Steffi Mager

Januar 2019

Kommentare (3)

  • Brunner Rüdiger
    Brunner Rüdiger
    vor 3 Wochen
    Solche "Schätze" sammle ich gerne. Glaubwürdig, bodenständig, sympathisch kommt Sr. Tarcildis rüber. Ohne Kitsch und Frömmelei. Ich freue mich auf die folgenden "Schätze".
  • Monika Weiss
    Monika Weiss
    vor 3 Wochen
    Meinen ganzen aufrichtigen respekt.
  • Alexander Klein
    Alexander Klein
    vor 3 Wochen
    Ein kurzer Text über ein schon langes Leben: Beeindruckend und kraftvoll. Mehr davon.

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"Stirbt ein alter Mensch, dann verbrennt eine ganze Bibliothek." An dieses afrikanische Sprichwort muss ich denken, wenn ich in unserem Steyler Missionshaus St.Wendel mit der großen Senioren- und Pflegeabteilung bin. Von den 90 Bewohnern sind zwei Drittel über 80 Jahre alt, einer sogar über 100. Alle haben für den Orden ihren Mann gestanden, ob in Asien, Ozeanien, Afrika, Amerika oder Europa. Ob als Ordensbruder oder Priester: Jeder trägt eine riesige Wissens- und Erfahrungssammlung in sich. Um diesen Schatz der alten Missionare und natürlich auch der Missionsschwestern zu bewahren, dürfen Sie sich auf eine neue stadtgottes-Serie freuen.

Pater Manfred Krause SVD betreut die deutschen Missionare im Ausland und ist Mitglied des deutschen Provinzrates