Titelthema Interview

Gebet- ein Fest der Begegnung

Pater Ralf Huning lebt seit drei Jahren als Seelsorger an der Autobahnkirche von Wittlich. Genauso wichtig ist ihm sein Leben als betender Eremit

Pater Ralf Huning behauptet, man müsse nicht beten können

Sie haben ein Buch über das Beten geschrieben, und schon auf den ersten Seiten sagen Sie: Ich kann nicht beten. Und muss es auch gar nicht können.Darf man als Christ nicht beten können?

Natürlich muss man das Beten erlernen, wie man vieles andere in seinem Leben erlernt. Vielleicht sollte man später aber auch manches wieder verlernen. Ich selbst zumindest habe gemerkt, dass ich trotz jahrzehntelanger Gebetspraxis das, was ich mit dem Gebet erreichen will, nicht machen kann. Beten heißt nicht unbedingt, Gebetsworte zu sprechen. Für mich ist Beten vor allem eine Weise, mit Gott in Beziehung zu treten. Das kann mit Worten zum Ausdruck gebracht werden, es kann aber auch ganz im Schweigen erfolgen. Gelingende Beziehungen kann ich nicht machen. Weder mit Menschen noch mit Gott. Ich kann etwas dazu beitragen, damit die Beziehung gelingt. Wenn ich darauf verzichte, das Beten „im Griff haben“ zu wollen, hat Gott mehr Raum. 

Braucht es bestimmte Orte, um beten zu können?

Grundsätzlich kann man überall beten. Aber ich merke, dass ich an manchen Orten leichter beten kann. Außerhalb von Kirchen finde ich oft leichter ins Gebet. Denn in einer Kirche komme ich innerlich sofort in eine bestimmte Haltung, die ich von Kind auf erlernt habe. Ich bin in der Versuchung, bewusst etwas „Frommes“ machen oder denken zu wollen. Wenn ich dagegen an einem Fluss sitze, kann ich mit dem Wasser auch meine Gedanken wegfließen lassen. Und plötzlich merke ich, dass ich in einer Haltung des Gebets bin, obwohl ich mir überhaupt keine frommen Gedanken gemacht habe.

Eigentlich ist es doch auch ein ziemlicher Luxus, so viel Zeit wie Sie fürs Beten zu haben, oder?

Die Berufung zum eremitischen Leben ist schon etwas Spezielles. Die Gebetszeit ist an sich zweckfrei und muss überhaupt nichts bringen. Ich bete, weil ich Gott liebe. Und weil Gott es wert ist, ihm etwas von dem zurückzugeben, was er mir geschenkt hat. Ich gebe ihm Lebenszeit. Ich erhalte aber unendlich viel zurück. Und ich habe gemerkt, dass das absichtslose Verweilen und Hören auf Gott mich verändert. In dieser Hinsicht betrachte ich die vier oder mehr Stunden des Betens auch als Unterrichtszeit. Sie bereitet mich vor für das Hören auf die Menschen, die mich um ein seelsorgliches Gespräch oder um geistliche Begleitung bitten.

Ich war ein sehr aktiver Priester und Ordensmann, bevor ich im Alter von 48 Jahren dem inneren Drängen folgte, dem Gebet mehr Raum in meinem Leben zu geben. Als Ordensoberer hatte ich den Eindruck, dass wir auch in der Kirche Gott zu wenig Raum geben. Alles scheint wichtiger, unsere eigenen Ideen, Pläne, Aktivitäten, als einfach auf Gott zu lauschen. Ich habe gelernt, dass ich viel effizienter arbeiten konnte, wenn ich mehr zweckfreie Zeit für Gott reservierte. Das klingt paradox, aber so ist das.

Nicht alle werden sich so eine Gebetsecke einrichten können und wollen. Haben Sie einen Tipp für den Alltag zwischen Kinderzimmer-Chaos und Spülberge in der Küche? 

Mein einziger Tipp wäre: Spüren Sie selbst nach, ob es Orte gibt, an denen sie leichter beten können als an anderen. Und ob es Symbole gibt, die sie ins Gebet führen können.

Als ich nach Wittlich kam, habe ich zunächst eine Zeit lang verschiedene Plätze in der Kirche ausprobiert, bis ich einen Platz fand, wo ich spürte: Hier passt es, hier fühle ich mich am richtigen Platz. Ich habe inzwischen gemerkt, dass viele unser regelmäßigen Kirchenbesucher ihren ganz speziellen Platz haben, von dem sie ungern weichen.

Was die Symbole angeht, habe ich eine kleine Ikone, die mich auf Reisen begleitet. Wenn ich in einem Hotelzimmer sitze, hilft sie dabei, einen ganz fremden Raum in einen sakralen Ort zu verwandeln, der sich von Alltag und Arbeit unterscheidet.

Oft ist es doch so: Man will sich Zeit nehmen zum Beten – und dann fallen einem tausend Sachen ein, die man noch machen muss: den X anrufen und spülen und die Nudeln einkaufen. Von Gott keine Spur ... Und dann sagt man sich: Lieber später, wenn ich mehr Zeit habe. Und die hat man dann irgendwie nie .

Das kenne ich natürlich auch. Aber stimmt es auch? Meinen wir das vielleicht nur, weil wir das Vorurteil im Kopf haben, beim Gebet müsste es besonders fromm, andächtig und irgendwie besonders zugehen? Wie ist das, wenn bei Ihnen plötzlich eine Freundin vor der Tür steht, die Sie lange nicht gesehen haben? Lassen Sie da nicht auch die alltägliche Arbeit einfach liegen und sind ganz Ohr für das, was sie Ihnen zu erzählen hat? So möchte ich Gott begegnen.

Beim Beten dürfen mir also die Nudeln einfallen – das ist nicht so schlimm?

Gar nichts ist schlimm! Ich habe für eine lange Zeit mir selbst als Einstieg in mein Gebet immer wieder vorgesagt: Ich muss jetzt gar nichts machen. Ich bin jetzt einfach da und schau, was passiert. Das hat mir geholfen.

Viele Gedanken verschwinden sehr schnell, wenn man sich ihnen liebevoll zuwendet. Fragen Sie also ruhig einmal: Hallo ihr Nudeln, warum wollt ihr beachtet werden? 

Haben Sie eigentlich immer denselben Ansprechpartner? Oder ist Ihnen zB Jesus besonders nah?

Das ist eine wichtige Frage. Es lohnt sich, darauf zu achten, an wen sich mein Gebet richtet. An irgend ein unbestimmtes Wesen Gott, oder an den Vater, den Sohn oder den Heiligen Geist? Ich habe in den letzten Jahren ein besonders intensives Verhältnis zu Jesus Christus geschenkt bekommen, er ist mein wichtigster Ansprechpartner. Aber ich spreche auch immer wieder den Heiligen Geist persönlich an. Das habe ich vom Heiligen Arnold Janssen gelernt.

Gibt’s Antworten?

Ja. Aber es ist nicht leicht, sie wahrzunehmen. Ich selbst habe sie viele Jahre überhört. Eine wichtige Gebetsschule war für mich der interkulturelle Dialog in unserer Ordensgemeinschaft. Ich habe gemerkt, dass Gott eine andere Sprache spricht und eine andere Kultur hat, als ich. Ich habe ihn gebeten, mir etwas davon beizubringen. So habe ich durch das Beten und geistliche Übungen gelernt, ein wenig besser zu verstehen, wie Gott zu uns spricht. Er ist ganz und gar nicht stumm!

Wie „spricht“ er denn?

Da gibt es viele Weisen. Eine ist zum Beispiel, dass nach mehreren Stunden der Stille ein Wort in mir ganz stark klingt. Wenn ich dann auf dieses Wort bewusst lausche, merke ich, dass es eine ganz große Bedeutung für mich hat. Solche Worte deute ich dann auf Gott hin. Manchmal ist es auch ein Lied oder ein Bibelvers, der in mir plötzlich da ist und sich nicht vertreiben lässt. Wichtig ist: Es bleibt immer eine Deutung, ich könnte mich also verhört haben. Wenn aber so ein Wort zu einem Schlüssel wird, der etwas aufschließt, was mir lange verschlossen war, dann ist meine Vermutung sehr stark, dass ich mir dieses Wort nicht selbst erdacht haben kann.

Es braucht also immer den Blick auf die Wirkungen. Geistlich spricht man von den Früchten, die etwas hervorbringt. Wenn diese Früchte zu mehr Liebe, Frieden, Freude führen, dann stammen sie sehr wahrscheinlich von Gott.

Beten Sie auch für andere?

Sehr viel sogar. Auch wenn ich alleine lebe, bin ich immer in Gemeinschaft. Ich fühle sogar eine stärkere Verbundenheit mit der Kirche und mit meiner Ordensgemeinschaft, seit ich alleine lebe. Und ich bete auch immer für die Menschen, die ich als Seelsorger begleiten darf.

Welche Rolle spielt für Sie als Eremit das gemeinsame Gebet?

Ich bin ja nur Teilzeit-Eremit. Das gemeinsame Gebet spielt in meinem Leben daher weiter eine wichtige Rolle. Ich bin ja auch als Seelsorger tätig und feiere regelmäßig Gottesdienste mit den Menschen, die zur Autobahnkirche kommen. Und ich liebe das Beten mit der Bibel in der sogenannten Lectio Divina, der geistlichen Schriftlesung.

Ich verstehe das so, dass es viel freies/stilles Gebet bei Ihnen gibt, aber auch das Gebet mit „Formeln“, nenne ich es mal. Das klassische klösterliche Gebet – vermissen Sie das?

Als ich spürte, dass ich dem Gebet mehr Raum geben sollte in meinem Leben, habe ich zugleich ganz deutlich gemerkt, dass ich nicht zum monastischen Leben berufen bin, wie es z.B. bei den Benediktinern üblich ist. Ich wagte es, einen ganz eigenen Weg zu gehen. Ich dachte: Das passt doch eigentlich gut zu einem Missionar, der doch wie ein Pionier nach neuen Wegen suchen soll. Viele Menschen können mit den überlieferte Formen ja auch nichts mehr anfangen. Vielleicht ist mein eigenes Suchen also auch für andere nützlich? Solche Gedanken haben mir Mut gemacht, etwas Unbekanntes zu wagen. Nach vielen Jahren des gemeinsamen Gebets fühlte ich mich eingeladen, alles Vertraute einfach beiseite zu lassen und mich ganz der Stille zu überlassen. Wenn nichts gesagt wird, anscheinend nichts passiert, dann geschieht bei mir am meisten. Erst nach einer langen Zeit kamen dann die Gebetsworte wieder, aber ganz behutsam. Bei mir überwiegt weiter die Stille. Oder ich bete nur einen Vers, den aber über eine längere Zeit hinweg.

Ich stelle mir vor: Ich bin jetzt ein Mensch, der zwar zur Kirche geht und die Gebete dort kennt, aber eigentlich keine Erfahrung mit dem persönlichen Gebet hat. Aber irgendwie wäre es doch schön, wenn ichs könnte. Machen Sie mir doch bitte Mut: Wie fange ich an? Und worauf darf ich mich freuen?

Ich würde einladen, so zu beten, wie Sie sich verhalten, wenn Sie anderen Menschen begegnen. Auf eine solche Weise ermutige ich zum Beispiel bei der gemeinschaftlichen Lectio Divina Menschen zum freien Gebet. Ich sage: Wir haben eine Kerze angezündet. Sie will uns zeigen, dass der Herr jetzt in unserer Mitte ist. Es wäre doch schön, wenn wir ihn jetzt auch ausdrücklich begrüßen würden. Wer möchte ein Gebet sprechen? Dann erstarren erst mal alle, weil sie denken, sie müssten etwas ganz Feierliches oder Frommes sagen. Dann sage ich zu ihnen: Wie machen Sie das, wenn Sie ein Festessen vorbereitet haben und dann klingelt es, weil die ersten Gäste kommen. Was sagen Sie zu denen? Genau das sagen Sie jetzt einfach mal zu Jesus. Und dann fangen die Leute an zu beten. Schön, dass du da bist, Jesus! Möchtest du hier sitzen, fühlst du dich da wohl? Was kann ich dir anbieten?

Lohnt es sich zu beten? 

Ich frage ganz einfach zurück: Lohnt es sich zu lieben? Verändert sich etwas, wenn Sie jemanden lieben können oder wenn Sie spüren, geliebt zu sein?

Man kann ohne Liebe leben. Aber wer einmal echte Liebe erfahren hat, weiß, dass ein Leben ohne Liebe wie Essen ohne Salz ist. Man überlebt, aber es macht keine Freude. So ist für mich Gebet: Ein Fest der Liebe.

Christina Brunner

September 2019

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