Reportage

Ge(h)bete in der Natur – Wege mit Gott

Die Steyler Schwester Maria Illich und Pater Rudi Pöhl bieten „Wander-Exerzitien“ an: geistliche Übungen in den Bergen, in der Natur, in der Stille. Pater Christian Tauchner ist mitgegangen

 

Auf einer Bank hoch oben genießen die Teilnehmer den herrlichen Ausblick

Das ist die erste Übung der Wander-Exerzitien vor dem Frühstück des ersten Tages: Ich stehe. Ich werde mir bewusst, dass ich tatsächlich Boden unter den Füßen habe, dass mich meine Fußsohlen tragen, dass ich Gewicht habe und dass die Welt mich trägt. Dann geht es darum, auch auf diesem Boden zu bleiben und den Geist einmal hier zu lassen: Er soll noch nicht weit weg sein, weder schon am Berg, noch im Büro, sondern einfach – hier. Das ist das spirituelle Grundmuster: Ich habe einen Stand, und dann kann ich mich bewegen. Ich werde mir bewusst, wo ich stehe, und nehme die Umgebung wahr und merke, dass ich auch dazugehöre.

Die Woche Wander-Exerzitien im Passaiertal oberhalb von Meran beginnt im Schweigen; noch vor dem Frühstück gibt es Bewusstseinsübungen: Achten auf den Atem, merken, dass um mich Luft ist – und noch dazu eine gute Bergluft auf 1500 Metern. Vor unserer Pension in Obertal weist mein Südtiroler Mitbruder, Pater Rudi Pöhl, auf die Berge seiner Heimat hinter uns, zeigt auf die Alpen vor uns mit ihren verschiedenen Gebirgsgruppen, erzählt vom Tal unter uns, weit draußen liegt Meran. Alles in großer Ruhe und mit Bedächtigkeit.

Wir sind eine Gruppe von 12 Leuten – Kaufleute, Religionslehrerinnen, Erzieherinnen, Steuerberater, Unternehmer. Von überall her sind die Mitwandernden angereist: aus Berlin, Paderborn, München, Südtirol, Sankt Augustin. Die Berge erscheinen entsprechend gewaltig: für manche sehr hoch (für die Flachländer), aber natürlich für alle faszinierend.

Im Schweigen nehmen wir auch das Frühstück und das Abendessen in der Pension ein, im Schweigen auch das bewusst langsame Gehen der Wander-Exerzitien: Es gibt kein Gipfelstürmen und keinen Wettlauf gegen die Zeit oder den eigenen Körper, keinen Beweis für die eigene Fitness.

© Pater Christian Tauchner SVDDas Gehen hat seine eigene Prozedur: Schwester Maria Illich geht voraus und gibt das Tempo an, dahinter folgt die ganze Schar im Abstand, wie es jedem und jeder gerade passt, Pater Rudi Pöhl geht als Letzter. Die Schlange reißt nicht ab, aber wir bedrängen uns auch nicht. Wichtig ist es, jeden Schritt bewusst zu setzen und zu erfahren: Jetzt gehe ich, jetzt bewege ich mich weiter, ich komme voran und zwar gerade einmal einen Schritt. Ich lasse etwas hinter mir, aber ich habe auch Zukunft, es liegt noch etwas vor mir. Es kann daraus auch für jeden ein „Geh“-bet werden.

Der kleine Gottfried

Nach einer Weile entdecken wir ein Kreuz am Wegrand: Es erinnert an den vierjährigen Gottfried, der seinen Brüdern auf den Berg nachgelaufen war und sie nicht fand. Man hat den Kleinen erst nach Jahren wieder entdeckt, das Kreuz erinnert an ihn. Und Pater Rudi erzählt aus seiner eigenen Kindheit: „Wir haben hier auch gespielt, das war unsere Welt voller Abenteuer und Unterhaltung!“ Er erinnert sich noch gut an die Tragik damals, als der kleine Gottfried verloren gegangen war und nicht gefunden wurde.

An einer Wende im Almweg blicken wir erneut in das tiefe Tal hinunter. Pater Rudi Pöhl weist auf eine Stelle weit hinten hin: Dort steht das Bauernhaus des Andreas Hofer. Hier fanden die Kämpfe statt, es ging um die Südtiroler Eigenständigkeit, um die Verteidigung des eigenen Lebens und Bodens.

Es sind einige Stunden auf dem Almweg vergangen, da kommen wir zum Ziel des heutigen Tages. Vor einer Heuhütte stellen wir Bänke zusammen, um einen Tisch herum feiern wir Eucharistie in aller Schlichtheit. Gerade einmal ein paar Lieder, auch hier nur das Wesentliche: ein Stück Brot, einen Schluck Wein, die Erfahrung von Gemeinschaft und Teilen.

Zu den Exerzitien gehört ein kurzes spirituelles Gespräch mit Schwester Maria Illich und Pater Rudi Pöhl – eine sehr persönliche Begleitung, die das Thema des Tages vertieft und weiterführt. Ich frage mich selber nach dem Rucksack, den ich gerade mit mir schleppe: Natürlich sind da auch das Brot und die Wasserflasche für mein Mittagessen drin, aber im viel größeren Rucksack schleppe ich auch allerhand „Plunder“ mit mir herum. Es ist wieder einmal Zeit, den Rucksack zu ordnen, den Ballast herauszunehmen, Ressentiments und Probleme liegen zu lassen, die Lasten zu reduzieren  – für einen freieren Weg. Das funktioniert: Auf dem Rückweg lege ich einen symbolischen Almstein an den Wegrand, ich brauche ihn nicht mehr.

Beim guten Hirten

Der zweite Tag geht an das Thema des Guten Hirten heran. Wir lesen in der Schrift vom Guten Hirten, vom verlorenen Schaf, vom Suchen und Gefundenwerden: Wer kümmert sich um mich? Wer sucht mich? Auf der Alm wird das Leben der Hirten greifbarer: Da geht es nicht um die Almromantik von Glockengebimmel und Umherwandern, sondern um die kräftige und sichere Hand des Hirten, der weiß, wie man ein Schaf hält, um vertrauten Umgang, aber auch um die Eigenwilligkeit der Tiere, um die Zäune und den Zugang zum guten Gras. Das unternehmungslustige Schaf kann auch verloren gehen, aber der Hirte findet es, befreit es, bringt es zurück.

Türen und Tore

Vom Guten Hirten – Jesus – ist es nicht weit zum Wort von der Türe (Joh 10). Die Almwege führen immer wieder an Zäunen entlang, es gibt Gatter und Durchgänge, die ein Feld vom anderen trennen. Nach ein paar Tagen meditativen Wanderns fällt es leicht, solche Alltäglichkeiten als Symbole zu verstehen: Die Tür aufmachen, durchgehen, nicht vor dem geschlossenen Gatter verzweifeln, das Tor offen halten, hinter sich das Gatter wieder verschließen. Ich frage mich, wie solche Erfahrungen mit unseren modernen Medien (wie beispielweise Facebook) noch zugänglich sind. 

Der stille Zugang zur Natur beruhigt auch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an den Exerzitien: Wir gehen aufmerksam miteinander um, es braucht nicht viele Worte, wenn man sich gegenseitig ein wenig weiterhelfen will. Die Wirtsleute in Hochwies gehören auf eine ganz unaufdringliche Weise auch in dieses Team, das aus den Wander-Exerzitien eine Zeit macht, in der man wieder guten Boden unter die Füße bekommt, gute Luft in die Seele lässt und Weite in den Lebenshorizont bringt. Nach einer Woche in den Bergen hat sich unter uns eine eigenartige Weise von Freundschaft eingestellt. Auf dem Weg wieder den Berg hinunter nach Meran und auf dem Weg nach Hause ist es fast nicht notwendig, viel zu sagen, um miteinander gut im Gespräch zu sein.

Pater Christian Tauchner SVD

Juli 2019

Kommentare (1)

  • Rüdiger Brunner SVD
    Rüdiger Brunner SVD
    vor 3 Wochen
    Obschon ich am Schreibtisch sitze, ist mir ein Ge(h)bet gelungen - dank Deiner anschaulich-spirituellen und persönlichen Reportage. DANKE!

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Termine

Im nächsten Jahr 2020 begleitet Schwester Maria Illich SSpS wieder Wander-Exerzitien.

23.–30. August:

Wander-Exerzitien Obertall

31. August–6. September:

„Der gute Vater und die gute Mutter“ in Sulden

7.–13. September:

„Der Seele einen Rastplatz geben“ mit Qigong

Infos:

Sr. Maria Illich SSpS

Telefon 089-23166605,
E-Mail: maria.illich@googlemail.com

Bereits dieses Jahr bieten Magdalena Beier und Sr. Christine Müller Bergexerzitien in Sonthofen für junge Erwachsene an. Hier finden Sie mehr Informationen dazu.