Steyler Welt

Gemüse verbessert das Leben der Ärmsten

Wie viele seiner Landsleute suchte Gery sein Glück zunächst nicht in seiner Heimat Manggarai auf der Insel Flores, sondern in der Ferne. Inzwischen ist er zurückgekehrt und kann dank des Gemüseanbaus seine Familie ernähren

Gery (roter Pullover) zeigt den anderen Bauern, wie sie sich um die Pflanzen kümmern sollen

"Hier habe ich doch keine Chance“, sagte sich Gery (eigentlich: Gregor Matur), als er nach Abschluss der Schule seine Heimat verließ, um anderswo sein Glück zu suchen. Der gerade 20-Jährige hatte gehört, dass es auf Kalimantan (Borneo) Arbeit gebe und dass er dort etwa 100 000 Indonesische Rupien (6 Euro) am Tag verdienen würde – erheblich mehr als zu Hause. Wie Gery verlassen viele junge Leute die Manggarai im Westen der Insel Flores. Ein Fünftel der Einwohner, die sich als Bauern oft selbst versorgen, lebt unter der Armutsgrenze. Bevorzugt gehen die jungen Männer deshalb nach Java, Bali oder eben nach Kalimantan.

Gery fand dort tatsächlich schnell auf einer großen Palmöl-Plan­tage Arbeit, die so gut bezahlt wurde, wie er gehört hatte. Was er vorher nicht geahnt hatte, waren die deutlich höheren Lebenshaltungskosten. „Geld zu sparen war nahezu unmöglich“, sagt er. Nach etwa einem Jahr entschloss er sich, in die Manggarai zurückzukehren. So geht es vielen seiner Lands­leute: Die wirtschaftliche Not zwingt sie dazu, in ihre Dörfer und zu ihren Feldern zurückzukehren. Im Dorf Lenkong Cepang etwa haben in den letzten drei Jahren 15 junge Leute ihre Heimat verlassen. Inzwischen sind zehn von ihnen zurück, die übrigen fünf nur deshalb noch nicht, weil sie sich die Reisekosten nicht leisten konnten.

Vom Schüler zum Leiter
Als Gery in sein Heimatdorf Golo Welu zurückkam, lernte er ein Projekt kennen, mit dem die Pfarrei die Lebensbedingungen von armen Bauernfamilien verbessern will. Diese Familien werden insbesondere im Anbau von Gemüse ganz praktisch ausgebildet, erhalten Wissen zu Hygiene und Gesundheit, sodass am Ende die sanitären Verhältnisse und die Ernährung der Bevölkerung verbessert werden. Außerdem werden Gemüseüberschüsse auf den lokalen Märkten verkauft, um das Einkommen der Familien zu erhöhen. Und Spar- und Kreditgenossenschaften helfen, den Lebensstandard der Bevölkerung langfristig zu heben.

Gery sah nach seiner Rückkehr, wie in Werong mehr und mehr Bauern neben dem Reis nun auch Gemüse anbauten. Neugierig geworden, fand er in Bauer Pak Hubert Cupung einen väterlichen Freund und Lehrmeister, von dem er vieles lernte: Er beobachtete genau, wie er aus dem Samen Setzlinge zog, wie er die Felder anlegte und wie die unterschiedlichen Gemüsesorten gepflegt werden. Er sah, wie aus dem Mist von Ziegen organischer Dünger hergestellt wurde, und staunte nicht schlecht, als ihm die Bauern erzählten, dass sie mit dem Verkauf von Gemüse ein fünffach höheres Einkommen erzielen konnten als mit Reis. Das Gelernte wollte er jetzt auch in seinem Heimatdorf Golo Welu umsetzen, wo Gery – inzwischen 25-jährig – eine Bauerngruppe leitet. Dieses Projekt unterstützen seit 2014 auch die Steyler Missionare. Und die Erfolge können sich sehen lassen: Heute bauen 160 Familien 20 verschiedene Gemüsesorten an.

Fragen zum Glauben – und zum Gemüse
2017 wurde das Projekt auf sechs Pfarreien ausgeweitet. Darunter ist die Pfarrei St. Theresa in Lenkong Ajang, wo der Steyler Missionar Pater Piet Due wirkt und „voll und ganz“ hinter dem Projekt steht. Er nutzt zum Beispiel den Ehevorbereitungskurs, um den jungen Paaren auch Informationen über Ernährung, Gesundheit und Hygiene mit auf den Weg zu geben. Außerdem lernen sie, wie sie ein Familienbudget erstellen können und wie die Spar- und Kreditgenossenschaft sie vor Überschuldung und Wucherzinsen schützt. Zwischen Pfarrhaus und Kirche hat Pater Piet einen Gemüsegarten angelegt, um den er sich persönlich kümmert.

Die Gemüseversorgung der eigenen Küche ist damit gesichert. „Viel wichtiger ist aber, dass meine Gemeindemitglieder auch einen Hausgarten für ihren eigenen Bedarf anlegen“, sagt er. Da Pater Piet auch immer Setzlinge vorrätig hat, gibt er den Gemeindemitgliedern einige davon mit und kündigt damit schon seinen Besuch in ein paar Wochen an. „Dann möchte ich deinen Hausgarten sehen und wenn da kein Gemüse wächst, erlege ich dir eine Buße auf“, fügt er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Aufwachen und Chancen am Schopf packen
Ibu Fanni arbeitet seit zehn Jahren als Hebamme in der Klinik von Bea Muring, deren Leiterin sie inzwischen geworden ist. Sie erzählt glücklich: „Seit es das Projekt gibt, essen alle im Dorf mehr Gemüse und ernähren sich besser. Das hat besonders die Gesundheit der Mädchen und schwangeren Frauen verbessert.“ Die Zahl der Frauen, die unter Blutarmut leiden, habe abgenommen, und die bessere Ernährung der Menschen habe sich positiv auf die Entwicklung der neugeborenen Kinder ausgewirkt. „Besonders die Frauen sind von dem Projekt begeistert. Durch den Anbau von Gemüse verdienen die Frauen auch endlich eigenes Geld. Damit können sie sich selbstständig um ihre eigenen Bedürfnisse kümmern.“

Gery Matur seinerseits freut sich, dass er als Leiter der Bauerngruppe den Gemüseanbau in Golo Welu mit voranbringt: „Ich bin stolz, mit meiner Arbeit als Bauer meine Familie zu ernähren und so auch noch fast 120 Euro im Monat zu verdienen. Das ist gutes Geld, mit dem ich meinen Kindern eine gute Schulbildung ermöglichen kann.“ Gery will die bewährten Anbaumethoden in weiteren Dörfern verbreiten und die Bauern ermutigen, ihr Wissen direkt an andere Bauern weiterzugeben. „Die Manggarai hat noch viele ungenutzte, schlafende Landflächen, schlafende Talente und schlafende Möglichkeiten. Ich hoffe, dass wir Menschen hier aufwachen, unsere Chancen erkennen und sie am Schopf packen.“

Matthias Helms

November 2018

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