Gesellschaft

"Gott half mir, das Schlimmste zu überstehen"

Gerade erst 20 Jahre alt, trägt Aloysius Pappert als junger Leutnant bereits Verantwortung. Er berichtet hier von seinen letzten Stunden auf europäischem Boden

©dpa/RIA Nowosti

Die Zeit der sowjetischen Kriegsgefangenschaft ab 1945: Viele junge Soldaten ließen ihr Leben

Mein Frühstück bestand aus einem Schluck lauwarmen Wassers; mein einziger Wunsch war, bald zu sterben. Ja, alles sollte ein Ende haben, damit ich nicht mehr kämpfen musste. Da hörte ich eine leise Stimme: „Ich bin immer an deiner Seite.“ Ich fühlte sofort neues Leben in mir. Mein Geist öffnete sich wieder der Existenz, ich kniete nieder und faltete meine Hände: Gegrüßet seist du Maria ... Nein! In diesem Lager wollte ich nicht sterben.

Als ich den Leutnant wiedersehe, mit dem ich am Vortag gesprochen habe, signalisiere ich ihm, zu mir zu kommen, da bei mir etwas mehr Platz ist als an seinem Standort. Er bahnt sich einen Weg zu mir und teilt mir mit, dass wir an diesem Abend aufbrechen werden. Dafür sind vier Züge vorgesehen, mit 5000 Mann pro Zug und 100 Gefangenen pro Waggon unter der Aufsicht je eines Offiziers sowie einem zusätzlichen Waggon für die Wächter. Er ist gerne damit einverstanden, dass wir uns duzen. Er heißt Helmut. Wir sind beide 1924 geboren, er am Anfang des Jahres, ich an dessen Ende. Er hatte bis zum Alter von 19 Jahren studiert, dann einige Monate militärischer Ausbildung absolviert, bevor er in die Armee eingezogen wurde, wo er zum Leutnant befördert wurde. Anschließend kam er in ein Panzerregiment, das 1944 in den Osten der Tschechoslowakei beordert wurde. „Und wie war deine Jugend?“ Ich erinnerte mich an den „Maultiertreiber-Soldaten“ während des Feldzugs in Italien, den wir „den Alten“ nannten, obwohl er nicht älter als 25 war! Wie er waren wir vorzeitig zu Veteranen geworden, die im Alter von 21 Jahren bereits wehmütig ihrer verlorenen Jugend gedachten.

Aloysisus Pappert als junger SoldatIch zeigte ihm mein Kreuz
„Ich bin ein typisches Erzeugnis Berlins, wo ich geboren wurde. Mein Vater war Professor für Kardiologie in der besten Klinik der Stadt, meine Mutter war Hausfrau. Ich hatte zwei ältere Brüder: Einer der beiden ist in Stalingrad verschollen, der andere starb 1943 in der Nähe von Minsk. Als ich das letzte Mal mit ihnen am Telefon sprach, sagte mir mein Vater, dass sie die Absicht hätten, Berlin zu verlassen und nach Bayern umzuziehen. Seitdem habe ich nichts mehr von ihnen gehört. Und wie war es bei dir?“ Ich erzählte ihm vor allem von meiner militärischen Laufbahn ab März 1942. Als ich fertig war, sagte er: „Du hast den Krieg wirklich in allen seinen Facetten kennengelernt. Du warst wohl ein Freiwilliger?“ „Ich war weder Kriegsfreiwilliger noch ein Sympathisant der Nazis. Mein Leben als Soldat wurde bestimmt von den Ratschlägen meines Vaters. Er sagte immer zu mir, ich würde sicherlich ein guter Soldat sein, da ich mich um das Leben meiner Kameraden sorgte und an die Zehn Gebote dachte. Außerdem sagte er, niemand könne wissen, wie und auf welche Weise dieser Krieg enden würde; mein Glaube an Gott und meine Gebete würden mir jedoch dabei helfen, das Schlimmste zu überstehen und aus dem Krieg zurückzukehren.“ Ich zeigte ihm mein Kreuz und die Medaille der Jungfrau sowie auch die kleine Tasche, in der ich einige Fotos und persönliche Erinnerungsgegenstände aufbewahre.

Auf diese Weise sprachen wir miteinander über unsere Jugenderinnerungen, unsere Kriegserlebnisse und unsere Träume. Dann teilte man uns mit, unser Aufbruch stünde nun unmittelbar bevor. Das hinter uns liegende Lager war erneut angefüllt mit 20 000 neuen Gefangenen. Ich ließ meine Leute sich in Fünferreihen aufstellen, wir gehen zu unserem Waggon. Bevor wir hineinsteigen, füllen wir unsere Wasserflaschen, und jeder von uns erhält ein Stück Brot. Nach fünf, sechs Tagen las ich im Blick der meisten Gefangenen den Ausdruck vollständiger Niedergeschlagenheit. Was konnte ich tun, um ihnen zu helfen? Ich rief in den Raum: „Liebe Kameraden, verlieren wir nicht die Hoffnung, sondern versuchen wir zu überleben, denn ich bin überzeugt, dass wir bald ankommen werden. Lasst uns gemeinsam beten, auf Gott ist stets Verlass.“

Aloysius Pappert

Juli 2018

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