Titelthema

"Gott ist meine Kraftquelle"

Über das Gebet zu sprechen, fällt vielen Christen nicht leicht. Wir haben Menschen gefunden, die über ihre Kontakte mit Gott reden möchten

Kleine Auszeit in der Kirche: Gudrun Schriever betet gern auch in der Natur. Zu Hause hat sie sich eine Gebetsecke eingerichtet

Ob sie mir etwas über ihr Beten erzählen möchte? Da muss Gudrun Schriever erst mal überlegen. Was jemand betet, wie er mit Gott spricht und warum – das ist eine sehr persönliche Angelegenheit. So intim, dass manche Paare erst beim Brautgespräch mit dem Pfarrer erfahren, dass der Partner betet. Einen Tag später sagt sie schließlich zu. „Ich sehe es auch als ein Zeugnis, das ich geben möchte.“ 

Gudrun Schriever ist meine Kollegin. Jahrelang habe ich sozusagen Tür an Tür mit ihr gearbeitet, viel erzählt, oft gelacht. Ich weiß einiges von ihr. Gott war selten ein Thema. Das Interview, das wir führen werden, ist eines der leisesten Gespräche meiner Journalisten-laufbahn. Und so passt es auch. „Ich bete jeden Tag. In unterschiedlichen Formen und an allen möglichen Orten. Im Auto, im Wald, zu Hause.“ So beginnt sie zu erzählen. „Das Sein bei Gott ist meine Kraftquelle. In der Stille passiert ganz viel: Ich werde ruhig, und ich spüre: Er ist da!“

© Michael EnglertSie zeigt mir die Gebetsecke in ihrer kleinen Wohnung: ein Platz, der frei bleibt für die Zeit mit Gott. Eine Decke auf dem Boden, eine Bibel, ein Buch mit spirituellen Texten. Manchmal legt sie einen Brief dazu, ein Foto oder ein Gedicht, das ihr gut gefällt. Das Holzkreuz an der Wand hat ihr Vater für sie geschnitzt, die Balken stammen aus dem Garten der Familie in Berlin. Den Rosenkranz hat sie zusammen mit den Freunden aus der Weggemeinschaft geknüpft, einer Gruppe von Paaren, Singles, Familien, die sich den Steyler Missionaren verbunden fühlen. Weil ihr die Menschen dieser Gruppe wichtig sind und sie an sie denken möchte, hat die Kette ihren Platz in der Gebetsecke. „Ich bete den Rosenkranz eigentlich sehr selten“, gibt Gudrun zu. „Nur, wenn ich müde bin!“ Wir müssen beide lachen – 43 Mal Ave Maria, eine ständige Wieder-holung derselben Worte als Aufputschmittel? Um mir zu erklären, was sie meint, muss die 57-Jährige zurückgehen in ihre Vergangenheit als junge Steyler Missionsschwester. Mit 21 trat sie dort ein und arbeitete auf der Krankenstation mit.

„Einmal sollte ich bei einer kranken Mitschwester Nachtwache halten. Ich hatte selbst den ganzen Tag gearbeitet und war schrecklich müde. Da habe ich einen Rosenkranz nach dem anderen gebetet, um nicht einzuschlafen!“ Dass ihr heute der Rosenkranz wenig wichtig ist, tut ihr nicht leid. „Ich bete heute am liebsten frei. Ich rede mit Gott frei Schnauze – wie ich eben mit Menschen auch spreche!“ Wer das nicht kann oder will und lieber Perlen und Schnüre durch die Finger gleiten lässt, den will sie, das ist ihr wichtig, nicht verurteilen: „Jeder hat seine Form, die zu ihm passt. Gott offenbart sich jedem anders.“

Elf Jahre betet Schwester Gudrun im Kloster. Sie geht als Missionarin auf die Philippinen, dort verliebt sie sich und verlässt den Orden. Doch die Beziehung zerbricht, Gudrun kommt nach Deutschland zurück, steht vor den Trümmern ihrer bisherigen Welt. „Damals habe ich bewusst nicht mehr gebetet. Ich war so wütend!“ Sie hatte soziale Kommunikation und Massenmedien studiert, und mit einem Gott, der sich nicht verständlich machen konnte, wollte sie nichts mehr zu tun haben. Doch der Schmerz nagte an ihr. Gott fehlte – wie in einer guten Partnerschaft, in der der eine plötzlich nicht mehr da war. „Heute weiß ich: Er ist mir nachgegangen durch Menschen. So, wie das Leben gelaufen ist, so sollte es sein. Mein Weg ist anders geworden, aber das Ziel ist das gleiche.“

Der Reichtum der Freikirchen

Aus Schwester Gudrun wird meine Kollegin, Redakteurin der Kinderzeitschriften Weite Welt und PICO. Sie heiratet einen Mann, der in einer Brüdergemeinde getauft wurde, findet ihre Heimat nicht in der katholischen Kirche vor Ort, sondern in der baptistischen Gemeinde „Treffpunkt Leben“. Eine neue Welt des Betens tut sich auf. In den Gottes-diensten der Freikirchen gehören der Lobpreis und das freie Gebet ganz selbstverständlich dazu, um die Beziehung zu Gott zu pflegen. „Denn wenn man nicht miteinander redet, stirbt die Beziehung!“ Als Katholikin sieht Gudrun diese Vielfalt als Bereicherung: „Es gibt andere Wege und Formen, religiös zu leben. Gott zeigt mir, wie es auch anders geht. Und wenn ich den Priestermangel, die immer kleiner werdenden Gemeinden unserer katholischen Kirche sehe, weiß ich: Wir müssen zu den Wurzeln zurück. Als sich die ersten Christen in den Häusern trafen und miteinander beteten, begann der Glaube zu wachsen.“

© Michael EnglertAuch in Gudruns Bibelkreis, der sich alle zwei Wochen trifft, wird lange und intensiv gebetet. Heute kommen alle zu Gudrun, ich setze mich dazu, kann Fragen stellen. „Mir fehlt die Übung im freien Beten“, gibt Jürgen Lorenz zu. Aber das Tischgebet vor dem Essen muss sein, und vor dem Schlafengehen hält der 84-Jährige eine Tagesrückschau: „Das gehört zur Gedanken-hygiene!“ Er dankt Gott, dass seine Frau noch an seiner Seite ist „und dass es mit den Enkeln gut vorangeht“, und oft merke er erst im Nachhinein: „Da hat Gott gut zugehört.“ Cornelia Soldat, Presbyterin in der evangelischen Gemeinde, ist erst spät zum Beten gekommen, sie bete vor allem in Krisensituationen kleine Stoßgebete. Die freien Fürbitten am Ende des Bibellese-Abends fallen ihr nicht leicht. Deshalb sei sie froh, wenn die anderen aufgreifen und weiterführen, was sie nicht gut aussprechen kann. Die Erzieherin Thea Knebel erwartet beim Beten „keine Stimmen oder den immer passenden Bibelvers. Das Gebet verändert mich: Ich gebe an Gott ab, werde etwas los. Das gibt mir einen klaren Kopf!“ Walter Theymann, lange Jahre ebenfalls Presbyter, ist seine stille Zeit sehr wichtig, er ist ein regelmäßiger Beter und Bibelleser. „Ich mag das Psalmengebet“, sagt er, „weil die Texte von erfahrenen Betern kommen.“ Der gelernte Physiker ist sicher, dass Gott ihn hört, „aber oft wünsche ich mir, „dass er zu mir spricht. Und das gelingt nicht so sehr oft!“

Auch Gudrun hat einen Lieblingsvers aus den Psalmen: ‘Der Herr ist mein Licht und mein Heil‘, aber noch viel wichtiger ist ihr ein Wort Gottes aus dem Korintherbrief: ‘Lass dir an meiner Gnade genügen, meine Kraft ist im Schwachen mächtig‘. „Der Spruch begleitet mich schon sehr lange.“

Vor einem Jahr nahm ihr Weg eine erneute, scharfe Kehre: Die Kinderzeitschriften der Steyler Missionare wurden eingestellt, Gudrun fand eine neue Arbeit im Zeitschriften-apostolat. Sie beantwortet die Briefe von Lesern und Leserinnen, die Hilfe brauchen, sie findet tröstende Worte, wenn ein Hinterbliebener den Tod der Abonnenten meldet, sie verspricht ihr Gebet. „Und das tue ich auch: Ich bete, wenn ich diese Briefe schreibe, aber auch dann, wenn ich zu Hause bin, mit dem Hund losgehe, dann gehen mir diese Geschichten durch die Seele.“ Auch das, so sagt die ehemalige Missionsschwester, ist ihr Dienst für Gott und die Menschen, die Antwort auf die Frage nach dem Sinn ihres Tuns. „Mein Glaube prägt meinen Arbeitsalltag.“ Als ich gehe, umarme ich sie. Und sage wenig, nur: „Danke“. Ich fühle mich beschenkt durch das, was sie mir erzählt hat.

Christina Brunner

September 2019

Kommentare (2)

  • Brunner Rüdiger SVD
    Brunner Rüdiger SVD
    am 31.08.2019
    Glaubwürdig das Zeugnis von Gudrun! Hilfreich für alle suchende Christen. Auch Christina Brunner blieb nicht in distanzierter Komfortzone, sondern :"Als ich gehe, umarme ich sie. Und sage wenig, nur: „Danke“. Ich fühle mich beschenkt durch das, was sie mir erzählt hat."
  • christine harvold
    christine harvold
    am 07.09.2019
    Wie wunderbar zu lesen, ich fühl mich auch selber ganz bei Gott im Gebet. danke Gudrun Schriever!!
    Bei mir wirds im Auto oft der Rosenkranz, mit Finger-zählen ;), auch bei meinen täglichen 10km auf dem Ergometerrad. Ich wünschte, ich könnte im Wald gehen.. <3. Bin immer noch in der katholischen Messe, wir in Norwegen haben vielleicht mehr Priester als der Rest Europas (..), aber Berufungen fehlen. Aber nicht dort hab ich Beten gelernt, sondern im ökumenischen Gebetskreis!! Geleitet vor 30 Jahren von einer St. Josephschwester, die mich auch mit den Offenbarungen Jesu an Vassula Ryden bekannt machte. Andere Gebetskreise kamen nach, aus geografischen Gründen. Mein nächster jetzt hat Mitglieder aus verschiedenen Denominationen. Welch eine Bereicherung. Und ich bin die einzige Frau; äußerst selten in solchen Gruppen. Da mir das freie Gebet leicht fällt, suchte ich die Stille. Seit 5 Jahren meditiere ich auch: bin bei WCCM dabei, wunderbare Texte auf Englisch bekommen wir täglich und wöchentlich per Mail, oder per App.

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