Titelthema

Hallo, Nachbar!

Mehr Begegnung, mehr Zusammenhalt: Unter Nachbarn wächst ein neues Wir-Gefühl. Nachbarschaftsinitiativen boomen. Zwei Beispiele vom Niederrhein und aus dem Ruhrgebiet

Eine gemeinsame Hecke? Klar! Prima, wenn sich Nachbarn gut verstehen

Den Schraubenzieher hält Jürgen Gratz lieber noch griffbereit in der Hand, bevor er einen letzten prüfenden Blick an die Zimmerdecke wirft. „Fertig“, sagt der rüstige Rentner mit energischer Stimme und steigt die drei Stufen der Leiter herunter: Die Lampe taucht das Wohnzimmer wieder in ein warmes Licht – ganz ohne Flackern. Den Wackelkontakt in dem goldfarbenen Deckenleuchter zu beheben, hat den 76-Jährigen nicht viel Mühe gekostet. Der ehemalige technische Kaufmann hat mittlerweile eine gewisse Finger-fertigkeit entwickelt, wenn es darum geht, mit wenigen Handgriffen kleine Defekte zu beheben. Jürgen Gratz engagiert sich in der handwerklichen Nachbarschaftshilfe in Neukirchen-Vluyn am Niederrhein in Nordrhein-Westfalen. 

Gratz macht das ehrenamtlich und kostenlos, seit die Nachbarschaftshilfe vor rund sieben Jahren gegründet wurde. Zusammen mit sechs weiteren Mitstreitern bringt Gratz beispielsweise Insektenschutz an der Terrassentür an, leimt Stühle oder baut Möbel auf. Sein Lohn: das gute Gefühl, gebraucht zu werden, auch wenn er selbst bereits älter und im Ruhestand ist. Der Vorteil für die zumeist älteren Nutzer der Nachbarschaftshilfe: Sie können weiterhin selbstbestimmt in den vertrauten vier Wänden wohnen bleiben, auch wenn Ehepartner verstorben sind und die Kinder nicht mehr vor Ort leben.

© Michael EnglertEin Netz aus verschiedenen Nachbarschafts-projekten hat sich in der 28000-Einwohner-Stadt Neukirchen-Vluyn in der Nähe von Duisburg entwickelt, angestoßen von der städtischen Initiative „Wohnen und Leben im Alter“. Caritas und Diakonie haben die Idee wenig später aufgegriffen: Das Zusammenleben im überwiegend ländlichen Raum ist „immer noch stark von den Kirchen geprägt“, sagt Ulrike van den Berg, Seniorenberaterin bei der Grafschafter Diakonie. Sie vermittelt auch bei der Handwerkerhilfe. 

Harald Joußen ist einer von derzeit fünf aktiven Technik-Botschaftern, die Seniorenberaterin Ulrike van den Berg vermittelt. Der 60-Jährige ist erst seit Kurzem im Ruhestand und immer dann zur Stelle, wenn Senioren beim Einrichten der neuesten technischen Errungenschaften zu scheitern drohen. Wer mit Smartphone oder Computer nicht klarkommt, seine Kinder oder Enkel nicht schon wieder um Hilfe bitten will, findet bei Harald Joußen fachkundige – und fast genauso wichtig, wie Joußen sagt – geduldige Unterstützung. Ob Online-Banking oder Online-Einkaufen, dem Technikexperten liegt es am Herzen, gerade Ältere, die nicht mehr so mobil seien, an die „Vorteile des digitalen Lebens“ heranzuführen. Auch Harald Joußen selbst profitiert vom Ehrenamt, denn so lernt er als Zugezogener aus dem Ruhrgebiet seine neuen Nachbarn noch besser kennen.

„Wo sich Nachbarn gegenseitig unterstützen, hat Vereinsamung keine Chance“, sagt Erdtrud Mühlens. Die 67-Jährige weiß, wovon sie spricht. Sie hat im Jahr 2004 in Hamburg das bundesweite Aktionsbündnis „Netzwerk Nachbarschaft“ gegründet. Mehr als 2800 Initiativen mit rund 300 000 Nachbarn haben sich mittlerweile im Netzwerk zusammengeschlossen, sehen den nachbarschaftlichen Zusammenhalt als Chance. „Nachbarschaft ist eine Ressource, die im Idealfall Wahlverwandtschaft und Familienersatz sein kann“, betont Erdtrud Mühlens. Selbst große Herausforderungen wie der demografische Wandel könnten am besten im eigenen Umfeld angepackt werden. Gute Nachbarschaft könne „zum Hilfesystem wachsen, quer durch alle Altersgruppen und soziale Schichten“. Das schaffe für alle Beteiligten mehr Lebensqualität.

Das Viertel hält zusammen

Das kann Katja Subellok aus Dortmund nur bestätigen. Wenn die 60-jährige Dozentin von ihrem Kaiserstraßen-Viertel erzählt, beginnen ihre dunklen Augen zu leuchten. Nicht nur, weil die Kaiserstraße einen Katzensprung von der Dortmunder Innenstadt entfernt ist und viele kleine Geschäfte und Cafés in den stuckverzierten Häusern aus der Gründerzeit für urbanes Flair sorgen. Was Katja Subellok am Kaiserstraßen-Viertel schätzt, ist der Zusammenhalt. Der ist noch stärker geworden, seit sich im Jahr 2015 Interessierte zu der Nachbarschaftsinitiative „Kaisern“ zusammengeschlossen haben. Begonnen hatte alles mit einem sogenannten Running Dinner, bei dem sich Nachbarn  nach dem Zufallsprinzip als Gast und Gastgeber zum Essen getroffen haben. 

© Nachbarschaftsinitiative KaisernWenn Katja Subellok heute durch die Straßen ihres Viertels geht, hält sie regelmäßig inne, um zu grüßen oder einen kurzen Plausch zu halten. „Wir wollen die Nachbarschaft stärken, das Viertel beleben und sozialer gestalten“, erklärt sie das Anliegen. Aktionen wie das Kaiserradeln oder der mobile Adventskalender Kaiserleuchten sollen beim Kennenlernen der Nachbarn helfen. Auch das Anpflanzen einer Blumenwiese oder das Urban Knitting, bei dem Baumstämme oder Laternenpfähle im wahrsten Sinne des Wortes umstrickt werden, unterstützen die nachbarschaftliche Kontaktaufnahme. Seitdem sich Katja Subellok bei „Kaisern“ engagiert, identifiziert sie sich noch mehr mit dem Quartier, in dem sie seit mehr als 30 Jahren zu Hause ist. „Hier ist meine Heimat, hier will ich alt werden“, sagt sie und schaut sich bereits gemeinsam mit ihrem Mann nach einer neuen Wohnung um, die nicht, wie die derzeitige, im sechsten Stock liegt. 

Zum regelmäßigen offenen Treffen einmal im Monat haben sich an diesem Mittwochabend mehr als zwei Dutzend Aktive zusammengefunden. Am hell erleuchteten Schaufenster der ehemaligen Medienagentur prangt in weißer Schrift gut sichtbar das Logo der Nachbarschaftsinitiative, die Kaiser-Krone. Dicht gedrängt sitzen Männer und Frauen zwischen 30 bis 60 Jahren um die beiden langen Tische, um sich auszutauschen und Pläne zu schmieden. Das aktuelle Projekt: Ein Repair- und Nähcafé soll eröffnet werden. Damit wollen sie auch bei Kaisern zu einem „klimafreundlichen Lifestyle in der Metropole Ruhr“ beitragen, wie auf den Postkarten der Klima-Challenge Ruhr steht, die Karola Jaschewski gerade herumreicht. „Jetzt suchen wir noch Tüfftler“, sagt sie und berichtet dabei von der Anfrage bei den Lehrern und Schülern des Werkunterrichts der Ricarda-Huch-Realschule und beim Seniorenbüro. „Ja, so ein Wissenstransfer zwischen den Generationen, das wäre toll“, träumt Karola Jaschewski.

Dagmar Paffenholz

Juli 2019

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