Titelthema

Hartes Leben in der Bergidylle

Grüne Almen, himmlische Ruhe – Idylle pur? Von wegen! stadtgottes-Volontärin Eva Bernarding war eine Woche bei Bergbauern im schweize­rischen Adelboden und hat den harten Alltag miterlebt

Den Stall auszumisten war eine neue Erfahrung für stadtgottes-Volontärin Eva Bernarding

Diese zwei Sätze auf der Homepage der Caritas Schweiz haben mich aufhorchen lassen:

Unterstützen Sie Schweizer Bergbauernfamilien mit der Kraft Ihrer Arbeit und erleben Sie dabei die Faszination des einfachen Lebens in den Bergen. Dank Ihrer Hilfe bleibt die Arbeitsbelastung für die Familie erträglich und die wichtigsten Betriebsfunktionen können auch in Notsituationen aufrechterhalten werden.

Die schlimme Not der Schweizer Bergbauern war mir neu. Aber ob ich, ohne Übung in körperlich schwerer Arbeit, dort auch Hilfe leisten kann? Ich habe den Schritt einfach gewagt und bin in die Schweiz gefahren. Zum Helfen – und Berichten! Mein erster Tag, sechs Uhr morgens in Adelboden im Berner Oberland: In Gummistiefeln, Jogginghose und Langarmshirt stehe ich im Kuhstall von Judith und Fritz Schranz-Müller, „meiner“ Bauernfamilie für eine Woche. Mit einer Mistgabel suche ich Meter um Meter den von Stroh bedeckten Boden nach feuchten Kuhfladen ab. Diese balanciere ich mehr oder weniger gekonnt auf den Misthaufen vor der Tür. Die Hälfte fällt runter. Mist! Die Kälbchen wuseln um mich herum. Ich fühle mich unwohl so zwischen ihnen, sie machen mir Angst. Und die ungewohnte Arbeit geht mir auf die Knochen. Bei Bäuerin Judith sieht das ganz anders aus. Mit kräftigen Armzügen sammelt sie die Kuhfladen zusammen. Um sie herum fünf Milchkühe, die zwischen 600 und 800 Kilogramm auf die Waage bringen. Steht eine im Weg, rempelt Judith sie zur Seite. „Auch die Tiere müssen erzogen werden. Manchmal mehr als die Kinder“, kommentiert die Bäuerin meinen verwunderten Blick und lacht. Ich bewundere ihren furchtlosen Umgang mit den mächtigen Tieren. „Angst habe ich keine. Aber Respekt muss da sein“, sagt die 41-Jährige.

Bergbauernalltag
Der Hof von Judith und ihrem gleichaltrigen Mann Fritz ist ein Mastbetrieb, den das Paar in dritter Generation führt, zusammen mit den Eltern von Fritz und ihren vier Söhnen Fritz jun., 18, Thomas, 17, Andreas, 13, und Martin, 11. Neben den Kühen, Kälbern und Rindern haben sie noch zwei Ziegen. Fritz jun. und Thomas sind schon in der Ausbildung – allerdings zum Zimmermann und Metzger. Sie fehlen als Arbeitskräfte auf dem Hof, deshalb ist die Familie auf freiwillige Helfer angewiesen. Anders ist die viele Arbeit nicht zu schaffen. Nach gut zwei Stunden sind wir im Stall fertig. Endlich Frühstück! Zeit, um das Wichtigste zu besprechen. Judith, die eigentlich Pflegehelferin gelernt hat, kümmert sich um den Haushalt, Bauer Fritz muss auf die Weiden. Ich helfe Judith beim Brotbacken, Aufräumen, Putzen, Waschen ...

Am folgenden Tag kommt mein nächster Einsatz: Wir fahren auf die Almhütte der Familie, um sie für die bevorstehende Sommersaison herzurichten. Jedes Jahr ziehen die Schweizer Bergbauern von Juni bis September mit ihren Tieren für zwölf Wochen auf die Alm in 1800 Metern Höhe. Im Tal kann in der Zeit das Gras wachsen und anschließend gemäht werden. „Daraus wird das Winterfutter für die Tiere. Hätten wir das nicht, müssten wir alles dazukaufen“, erklärt mir Judith. Ich betrete die Almhütte und fühle mich hunderte Jahre zurückversetzt. Ein riesiger schwarzer Kessel steht in der Küche. Darin stellt Judith im Sommer Alpkäse und Mutschli, kleine Käselaibe aus Halbhartkäse, her. Dreieinhalb Stunden dauert die Herstellung vom Melken bis zum Herausholen des Käses aus dem Kessel. Die fertigen Laibe kommen zum Reifen in einen dunklen, kühlen Raum neben der Küche. Je länger der Käse lagert, desto würziger schmeckt er.

Einfachste Verhältnisse
Die Wände und die Decke der Hütte sind von schwarzem Ruß dick überzogen. Neben dem Kessel steht ein kleiner Ofen mit zwei schweren Töpfen. Um warmes Wasser zu bekommen, muss erst eingeheizt werden. Küchengeräte suche ich vergebens. Denn der Strom von den kleinen Solarzellen vor der Hütte reicht gerade so zum Aufladen der Smartphones. Zwei Platten auf einem Gasherd bieten die einzige Möglichkeit zum Kochen. Aber während der Almzeit hat Judith meist keine Zeit dazu. Die Küche bleibt dann eben kalt. Der Wohnraum ist zweckmäßig eingerichtet: Esstisch mit Stühlen, eine Kommode und zwei Schränke. Fernseher, Musikanlage und Computer gibt es nicht. Geschlafen wird auf dem Dachboden, der über eine Holzleiter erreichbar ist. Die Matratzen liegen dicht an dicht nebeneinander auf Lattenrosten auf dem Boden. Ein Schlafraum für sechs Personen.

Draußen vor der Hütte kommt durch einen Schlauch eiskaltes Wasser aus der Bergquelle. Die Gießkanne ist die Dusche der Familie, das WC nur ein einfaches Plumpsklo neben der Hütte. Für mich ist es unvorstellbar, drei Monate so zu leben. Aber die Familie liebt das Leben im Sommer hier oben. „Die Alm ist wie ein Virus“, meint Fritz. „Es gehört für uns zum Bergbauernleben dazu.“ Und auch die Söhne sind begeistert, obwohl sie morgens 17 Kilometer zur Schule radeln müssen. Manchmal holt sie Judith mit dem Auto ab. Heute räumen wir auf, reparieren, was im Winter gelitten hat. Noch bleiben wir nicht über Nacht, sondern fahren am Abend wieder zum Hof.

Schwierige Bedingungen
Am nächsten Tag geht es für Fritz, Judith, Martin und mich zu einer Weide im Ort Spiez – Äste müssen weggeräumt werden. Im Sommer wird dort Heu gemacht. Der Weg zu dem Gelände mit teilweise 50 Prozent Gefälle ist mühsam. Eine knappe Stunde lang wandern wir stetig bergauf über nasse Wiesen, durch Gestrüpp und über reißende Bäche. Meine Wanderschuhe rutschen in dem matschigen Gras immer wieder ab. Als wir oben ankommen, bin ich völlig außer Atem. Ich kann mir nicht vorstellen, jetzt noch per Hand das Gras zu mähen oder das Heu zusammenzurechen. Aber genau das macht Familie Schranz-Müller jedes Jahr.

„Je steiler das Gelände, desto mehr Zuschüsse gibt es. Das gemähte Gras hier oben zählt als Ökoheu“, erklärt Fritz. Reich wird man damit allerdings nicht. So arbeitet Fritz im Winter Vollzeit als Chef auf einem Parkplatz an den Bergbahnen in Adelboden. Nur so kann er die sechsköpfige Familie gut versorgen. Aber alle sind sich einig: „Die Tiere, die Natur und unser Familienzusammenhalt geben uns jeden Tag neue Kraft. Wir sind glücklich.“
Ich bewundere die Ausdauer von Judith und Fritz. Für mich war die Woche spannend, eine tolle Erfahrung. Der Bergbauernvirus hat mich jedoch nicht erwischt. Mein Platz ist eher am Schreibtisch. Aber an das Panorama mit der kräftig grünen Landschaft, den schneebedeckten Bergen und dem Wasserfall vorm Fenster denke ich gerne zurück.

Eva Bernarding

September 2018

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Infos
für die Schweiz: www.bergeinsatz.ch
für Deutschland: www.alpenverein.de
für Südtirol: www.bergbauernhilfe.it