Begegnung

Heiliger Brückenbauer

Vor 15 Jahren wurde Josef Freinademetz, zusammen mit Arnold Janssen und Daniel Comboni, von Papst Johannes Paul II. heiliggesprochen. In seinem Geburtshaus in Südtirol ist China immer präsent

Das Geburtshaus von Freinademetz in Südtirol ist heute ein Wallfahrtsort

Auf dem Tisch wächst Gras. Ausgestochen aus einem Grab in China, irgendwie geschmuggelt durch die Grenzkontrollen dieser Welt, in einem Topf gepflanzt in Steyl. Jetzt steht die Erinnerung an das Grab im Geburtshaus von Josef Freinademetz in Südtirol. „Das bedeutet mir viel!“, sagt Pater Franz Senfter. Der 62-jährige Österreicher ist Seelsorger in dem alten Bauernhaus, das die Steyler als Pilgerstätte betreuen. Als chinesische Ordensschwestern ihm das Gras brachten, musste er schlucken. Und stellte die grüne Brücke nach China in die holzgetäfelte Stube, dahin, wo die Familie gelebt hat und heute noch die Pilger beten.

33 Jahre lang hat Franz Senfter in Argentinien gearbeitet. „Als ich nach Oies kam, war mir Freinademetz ziemlich neu. Also habe ich angefangen, seine Briefe und Tagebücher zu lesen. Und ich konnte vieles so gut nachvollziehen! Die Unsicherheit bei der Abreise, die Probleme mit der Sprache, wie sehr er von den Leuten abhängig war ... Wenn ich in Argentinien in ein Dorf kam, wo ich niemanden kannte, war ich genauso unsicher wie er, was mich dort erwartet!“

Sein Mitbruder in Sankt Augustin, Pater Eugen Nunnenmacher, hat jahrelang in Oies jeden Sommer ausgeholfen. Er schwärmt vom einfachen Leben unter dem Dach des uralten Hauses, von der modernen Pilgerkirche daneben, die so viele Bezüge zu China aufweist. „Es fasziniert mich, dass dieser einfache Bauernsohn aus einem Dorf mit fünf Häusern auf 1500 Meter Höhe, umschlossen von mächtigen Bergen, so eine Weite entwickeln konnte!“

Josef wuchs in einfachsten Verhältnissen auf
Immer weiter leben – das war tatsächlich die Lebenserfahrung des Josef Freinademetz. Er wurde 1852 in Oies geboren. Das Gadertal, heute ein Touristenparadies, war damals eine bettelarme Gegend. Seine Eltern waren Bergbauern, Josef das vierte von 13 Kindern. Mit zehn Jahren verließ er sein Elternhaus, um in der großen Stadt zur Schule zu gehen. Nach dem Gymnasium studierte Freinademetz in Brixen, wurde zum Priester geweiht und kehrte ins Gadertal zurück. Um es zwei Jahre später wieder zu verlassen: China-Missionar wollte er werden, und der Weg dorthin führte über das Missionshaus in Steyl. Der empfindsame Tiroler wurde mit dem nüchternen Arnold Janssen nie richtig warm, und der Niederrhein war ihm ebenso fremd wie China, aber Freinademetz glaubte fest, dass Gott ihn gerufen hatte: „Missionar sein halte ich nicht für ein Opfer, das ich Gott bringe, sondern für eine Gnade, die Gott mir schenkt.“

1882 erreichte er endlich sein Ziel, Hongkong, und war entsetzt: „China ist recht eigentlich das Reich des Teufels. Man kann kaum zehn Schritte gehen, ohne dass allerhand teuflische Fratzen und die verschiedensten Teufeleien einem unter die Augen treten.“ Das Heimweh und sein Misserfolg quälten ihn. Da er selbst aus einer tiefgläubigen Familie stammte, konnte er einfach nicht verstehen, dass die Chinesen sich für die Frohe Botschaft nicht interessierten. Mühsam zog er über die Dörfer, ertrug den Spott über seine lange Nase und dass man ihm „fremder Teufel“ nachschrie. Doch der Mann aus den Bergen war zäh, „er hat sein Herz umbilden lassen“, sagt Pater Senfter. Freinademetz entwickelte eine enge Beziehung zu den Menschen, denen er begegnete: „Ich liebe China und die Chinesen. Jetzt, wo ich mit der Sprache nicht mehr so große Schwierigkeiten habe und wo ich das Volk und seine Lebensweise kenne, ist mir China zur Heimat geworden“, schrieb er nach Hause. Im heiligen Tirol, aber auch im Kreis der Mitbrüder haben manche darüber den Kopf geschüttelt.

Freinademetz, einer der ersten beiden Missionare der Steyler, istbauch nach seinem Tod ein Brückenbauer. „Die Schwestern erzählten mir, dass in jeder katholischen Kirche in China ein Bild von Freinademetz steht“, berichtet Pater Senfter. „Er ist schon längst nicht mehr der weiße Missionar, der Fremde in China. Er ist einer von ihnen geworden!“ Er ist auch der Heilige der ladinischsprachigen Bevölkerung im Gadertal, ihr Üjop, aber sie reklamieren ihn nicht für sich. Pater Nunnenmacher fiel auf, dass „man in fast jedem Ort sein Bild sieht – aber nicht in Südtiroler Tracht, mit Lederhose oder so, sondern gekleidet wie ein Chinese!“

Jun Yamada ist nicht katholisch, aber Freinademetz, auf dessen Fürbitte er gesund wurde, ist ihm ein wichtiger Lebensbegleiter. Bei der Heiligsprechung trug der junge Japaner die Reliquie zum Papst

Und wie der Tiroler Europa und Asien verbindet, so bringt er auch die getrennten Konfessionen zusammen. Jun Yamada ist der lebende Beweis. Der heute 58-jährige Japaner, gläubiger Mennonit, erkrankte mit 24 Jahren schwer an einer aggressiven Leukämie. An Juns Sterbebett bat der Vater den Steyler Missionar Alfons Fausone, die Beerdigung vorzubereiten. Pater Fausone spendete dem jungen Mann die Krankensalbung, ein Sakrament, das die protestantisch geprägten Mennoniten nicht kennen. Außerdem startete er mit seinen Mitbrüdern und Studienfreunden von Jun eine Novene zum seligen Freinademetz. Jun wurde gesund, die Ärzte sprachen von einem Wunder. Auch der Vatikan erkannte die Heilung als wunderbar an, der Heiligsprechung von Freinademetz stand nichts mehr im Wege. Bei der Feier auf dem Petersplatz in Rom trug Jun die Reliquie von Freinademetz zu Papst Johannes Paul II. hinauf. „Dieses Wunder wird eine der Brücken zwischen Katholiken und Mennoniten werden“, soll der schwer vom Alter gezeichnete Papst zu den Kardinälen um ihn herum gesagt haben.

Aufeinander zugehen und uns besser kennenlernen
Für Jun Yamada ist der Missionar aus Oies kein „Beschützer“, sondern Vorbild und Begleiter im Glauben geworden. Seine Glaubensgemeinschaft, die von der Täuferbewegung der Reformationszeit stammt, kennt keine Heiligenverehrung mit Fürbitte usw. Daher wurde die „ökumenische Heilung“ bei den Mennoniten heftig diskutiert: Betet die Wolke der Zeugen, die im Hebräerbrief beschrieben wird, für die Christen auf Erden? Oder muss man als Mennonit daran festhalten, dass man sich an Gott direkt ohne Hilfe eines Fürsprechers wenden darf?

„Zu außergewöhnlichen Anlässen dürfen Mennoniten und Katholiken gemeinsam Gottesdienst feiern. Als Jun Yamada 2013 zum 25. Jahrestag seiner Heilung nach Oies kam, haben wir das getan. Da ja beide Kirchen die gleiche Bibel haben, wurde der Wortgottesdienst gemeinsam gefeiert, die Eucharistie aber getrennt, der Abschluss mit dem Segen wieder gemeinsam“, berichtet Pater Josef Hollweck, der mit seinen Mitbrüdern aus Bozen gekommen war. „Für Jun ist seine Heilung ein Auftrag und eine Aufforderung an die getrennten Kirchen, aufeinander zuzugehen und einander besser kennenzulernen.“

All das schwingt mit, wenn Pater Franz Senfter die Pilgergruppen in die große Stube bittet, in der der Heilige gespielt, gelacht, gebetet hat. Das Haus selbst bedeutet ihm nicht so viel, es ähnelt seinem eigenen Elternhaus in Sillian, die Armut in den Bergen kennt der Tiroler aus eigener Erfahrung. Aber wenn er das Missionskreuz des Heiligen jedem Pilger in die Hand gibt und sagt: „Nehmt es mal, es ist ein Auftrag auch an uns“, dann spürt er, wieviel geblieben ist von dem großen Heiligen des Gadertals. Wenig Handfestes, denn Reliquien gibt es nicht, seit das Grab in den Wirren der Kulturrevolution zerstört wurde – nur ein Büschel Haare, das ihm ein Frau vor der Abreise nach Steyl abgeschnitten hatte. Ein paar Briefe, sein Messkelch, sein Brevier. Und die Botschaft seines Lebens, mit der er seiner Zeit weit voraus war: „Die Sprache der Liebe ist die einzige Sprache, die alle Menschen verstehen.“

Christina Brunner

Oktober 2018

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Zur Person

Josef Freinademetz wurde am 15. April 1852 in Oies, einem kleinen Weiler in den Südtiroler Bergen, geboren. Gleich unterhalb des 2907 Meter hohen Heiligkreuzkofels in den Dolomiten verbrachte er Kindheit und Jugend. Josef Freinademetz wurde einer der ersten Steyler Missionare in China – und dazu noch ein Heiliger. Er starb am 28. Januar 1908 in Jining, China.

Predigt zur Heiligsprechung

„Sie aber zogen aus und predigten überall“ (Mk 16, 20). So beschließt der Evangelist Markus sein Evangelium. Dann fügt er hinzu, dass der Herr nicht aufhörte, das Wirken der Apostel mit der Macht seiner Zeichen zu begleiten. Diesen Worten Jesu entspricht das glaubenserfüllte Zeugnis des heiligen Josef Freinademetz: „Missionar zu sein betrachte ich nicht als ein Opfer, das ich Gott bringe, sondern als die größte Gnade, die Gott mir geschenkt hat.“ Mit einer Zähigkeit, die für Menschen aus den Bergen typisch ist, hat dieser hochherzige „Zeuge der Liebe“ sich selbst der chinesischen Bevölkerung in Süd-Shantung zum Geschenk gemacht. Aus Liebe und in Liebe nahm er die Lebensbedingungen dieser Menschen an. Dabei folgte er dem Rat, den er selbst seinen Missionaren gab: „Die Missionsarbeit ist umsonst, wenn man nicht liebt und nicht geliebt wird.“ Als Vorbild einer evangeliumsgemäßen Inkulturation ahmte dieser Heilige Jesus nach, der die Menschen rettete, indem er ganz und gar ihr Leben teilte. „Geht in alle Welt!“ Die Heiligen, die wir heute voll Freude ehren (Arnold Janssen, Josef Freinademetz und Daniel Comboni), erinnern an die missionarische Berufung jedes Getauften. Jeder Christ ist in die Mission gesandt, aber um wahre Zeugen Christi zu sein, muss man immer nach der Heiligkeit streben.

Predigt von Papst Johannes Paul II. zur Heiligsprechung von Freinademetz und Janssen am 5.10.2003 in Rom

 

Sein Lebensweg