Steyler Welt

Hoffen auf Leben

Tiefe Frömmigkeit und bemerkenswerte Rituale prägen die Kar- und Ostertage in Bolivien. Unser Autor hat in einer Gemeinde mitgefeiert, in der die Steyler Missionare das Erbe der Jesuiten weiterführen

Eine junge Frau salbt die Figur des toten Jesus

Vor Ostern greift der Steyler Pater Alfonso zum Staubwedel und feudelt fröhlich entlang der schimmernden Blattgoldverkleidung des Marienaltars. Heute, am Gründonnerstag, muss alles stimmen, denn heute Abend wird es ernst. Zum ersten Mal leitet der Missionar die Feierlichkeiten an den zentralen Kar- und Ostertagen hier in San Miguel. Eine Ehre – und eine Herausforderung.

„Denn der Geist der Jesuiten weht noch immer durch diese Mauern“, sagt Pater Alfonso. Tatsächlich gehört San Miguel Arcángel zu den prächtigsten Beispielen jesuitischer Architektur im Osten Boliviens – und mit fünf anderen Kirchen aus der Region seit 1991 zum Weltkulturerbe. Seit dem Jahr 2000 ist die Pfarrei in der Obhut der Steyler.

Pater Alfonso mag die Menschen hier. Er schätzt ihren tiefen, innigen Glauben, in dessen Ausdruck sich nicht selten indigene und christliche Glaubenssymbole miteinander verbinden. „Wir sind halt mitten in der Chiquitania, wo vor Jahrhunderten europäische Einflüsse und die Traditionen der Chiquitos aufeinander getroffen sind“, sagt er. Ein kultureller Kosmos, in den der Missionar aus Indonesien erst hineintauchen musste. „Aber inzwischen kann ich ganz gut schwimmen“, sagt er lachend.

Die Kirche platzt aus allen Nähten, als die Liturgie am Abend beginnt. Die Luft steht, Kinder spielen Verstecken im Beichtstuhl, während Pater Alfonso vor dem Altar ausgewählten Vertretern aus der Gemeinde die Füße wäscht. Der Cabildo, der indianische Ältestenrat, neigt seine rotgoldene Fahne zur Wandlung – und begleitet auch den anschließenden Lichterumzug, bei der eine riesige Darstellung des Gekreuzigten um die Plaza getragen wird. 

Pater Alfonso ist Ruhepol im Prozessionstrubel, der die ganze Stadt auf die Straße gelockt hat – bis der Missionar im Eifer des Segnens sein Weihwasser-Aspergill versehentlich in die Menge schleudert. Lachend wird es ihm zurückgereicht. 

KARFREITAG: TAG DER TRAUER

Don Carmelo ist beruhigt. Bei seinem Sturz in die Menge ist das Aspergill nicht ernsthaft beschädigt worden. Trotzdem zieht der einheimische Küster vorsichtshalber mal alle Schrauben nach. Besser ist 
besser.

Dann klappert Don Carmelo zur Karfreitagsliturgie. Weil die Glocken schweigen, lässt der 61-Jährige Metallteile in einer überdimensionalen Holzkiste scheppern. Nur langsam trudeln die Gläubigen ein. Manche halten noch Siesta nach dem morgendlichen Kreuzweg. Stundenlang ging es bei brüllender Hitze durch die Straßen von San Miguel.

Nun also die Passionsgeschichte, anschließend die Kreuzverehrung. Noch so ein Moment, der durch Mark und Bein geht: Die Kirchenbesucher werfen sich vor dem enthüllten Kruzifix am Altar nieder und küssen die Füße des Gekreuzigten. Über drei Stunden dauert die Liturgie.

Danach bereitet Don Carmelo alles für den Abend vor. Seit er zehn Jahre alt ist, kümmert er sich um die Kirche von San Miguel. Sein Vorgänger war sein eigener Vater. „Ich kenne jeden Stein in diesem Gotteshaus“, sagt er stolz. „An den Kar- und Ostertagen bin ich praktisch 24 Stunden hier, koordiniere, putze und halte alle Fäden zusammen.“

Seine Tochter Carmen hilft ihm mit den liturgischen Gewändern, aber die überlebensgroßen Figuren, die während der Prozessionen in der „Semana Santa“ zum Einsatz kommen, bleiben Chefsache. Der Esel, auf dem Jesus am Palmsonntag durch den Ort getragen wird. Veronika mit ihrem Schweißtuch. Heute Abend ist das große Kreuz dran.

In völliger Stille verfolgt die Gemeinde, wie Laiendarsteller eine Jesusfigur vom Kreuz abnehmen, waschen, salben, einkleiden und auf eine Bahre legen. 20 starke Männer schultern sie bei der anschließenden Prozession, für die wieder ganz San Miguel auf den Beinen ist. Erst weit nach Mitternacht kann Don Carmelo „seine“ Kirche zusperren.

DIE OSTERNACHT: FEST OHNE ENDE

Schwester Eva Maria hat das gute Geschirr gedeckt, das mit dem Goldrand. Noch eine Tasse Kaffee? Schon Hans Roth, der berühmte Schweizer Architekt, habe diesen Kaffee gelobt. Hans Roth, der nicht nur alle Kirchen in der Chiquitania restauriert, sondern auch das Haus direkt neben der Kirche entworfen hat, in dem Schwester Eva Maria und die anderen drei Franziskanerschwestern wohnen. 

Seit 50 Jahren lebt die Osttirolerin schon in San Miguel. „Der liebe Gott hat mich anderswo nicht brauchen können“, sagt sie und lacht. Kindergärten, Volks- und Abendschulen hat sie vor Ort aufgebaut, so auch das benachbarte Colegio, auf dessen Gelände zugleich die berühmtesten Holzwerkstätten der Chiquitania untergebracht sind. 

Aber die machen erst nach Ostern wieder auf. Heute fiebert Schwester Maria erst mal ihrem persönlichen Jahreshöhepunkt entgegen: Dem Exsultet, dem Osterlob in der Auferstehungsfeier. „Da freue ich mich das ganze Jahr drauf“, sagt sie mit leuchtenden Augen. „Da steckt so viel drin. Ich hoffe, Pater Alfonso singt es, er hat so eine schöne Stimme.“

Das Osterfeuer prasselt schon, als Schwester Eva Maria die Kirche erreicht. Pater Alfonso entzündet die Osterkerze, zieht in die Kirche ein – und singt sein Exsultet, dem Schwester Maria mit geschlossenen Augen lauscht. Mit dem Gloria wird es wieder hell in der Kirche. Auch heute ist sie bis auf den letzten Platz besetzt.

Es geht bereits auf Mitternacht zu, als die Täuflinge an der Reihe sind. Leonardo, Carmen, Elvira und all die anderen Babys verschlafen ihre eigene Taufe – und verpassen auch das skurrile Wettrennen, das sich traditionell an die Feier der Osternacht anschließt: Eine Frauengruppe trägt eine Marienstatue so schnell es geht, links um die Plaza, eine Männergruppe läuft mit einer Jesusstatue an der gegenüberliegenden Seite des Platzes entlang. Schließlich begegnen sich Maria und der Auferstandene in der Mitte. Ein heiteres Ritual, in dem sich die schiere Osterfreude ausdrückt. Ebenso wie in den anschließenden Kinder- und Maskentänzen, begleitet von den typischen Gesängen und dem kratzenden Violinenspiel der Ureinwohner.

In der Kirche füllen sich Frauen Weihwasser in Plastikflaschen. Auf ihrem Stammplatz sitzt noch immer Schwester Eva Maria. „Das Exsultet war wunderbar, ich muss ihn loben“, sagt sie und nickt Pater Alfonso anerkennend zu.

OSTERSONNTAG: SEGEN FÜR ALLE

Ulissas Augen sind klein, als sie am nächsten Morgen die Sakristei betritt. Die Nächte waren kurz und die Prozessionen waren lang. Das Hochamt am Ostersonntag will sich die 13-Jährige trotzdem nicht nehmen lassen. „Es macht ja Spaß, so dicht dran zu sein“, sagt sie. „Wir haben immer die besten Plätze.“

Routiniert streift sie die Albe über und schließt den weißen Kragen. „Wir ziehen uns immer erst in letzter Sekunde um, weil man in den Gewändern so schnell ins Schwitzen kommt“, sagt sie. Und zieht Minuten später mit Antonio, Einar, David, Luis und Ximona in die Kirche ein. Das sind die übrigen Messdiener von San Miguel.

Nach dem festlichen Ostergottesdienst versammelt sich die Gemeinde erneut vor den Stufen der Kirche, mit ungewohnter Verstärkung. Kinder tragen Hühner, Kaninchen, Katzen und andere Kleintiere auf dem Arm. Frauen rollen ihren Sonntagsbraten in Schubkarren herbei. Zur traditionellen Tier- und Speisesegnung.

Ulissa hält das Weihwassergefäß, während Pater Alfonso Bananen und Hundewelpen, Reispfannen und Papageien segnet – und dabei sein Aspergill gut festhält. Don Carmelo hat den Glockenturm bestiegen und ein dröhnendes Festgeläut in Gang gesetzt. Mit einem herzlichen „Guten Appetit“ lässt Pater Alfonso das Ende seiner Feuertaufe in San Miguel ausklingen. Schwester Eva Maria hat die Patres heute zum Essen eingeladen.

Markus Frädrich

März 2016

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