Steyler Welt

Hoffnung für die Flüchtlinge in Athen

Hingehen, wo die Not am größten ist: Das machen drei Steyler Missionsschwestern. Wir haben sie in der griechischen Hauptstadt besucht

Schwester Ada Link kam von Österreich nach Athen, um Flüchtlingen zu helfen

Die Schlafstätten sind verschwunden, und da, wo am Abend noch Lagerfeuer brannten, herrscht Leere. Nur ein paar Polizisten patrouillieren im verlassenen Park. Schwester Ada geht an ihnen vorbei, doch ihr Übersetzer, ein Flüchtling aus Pakistan, der in der Athener Mission aushilft, wird angehalten. „Ihre Papiere!“, heißt es in rauem Ton. Er zeigt seine Registrierung vor und wird durchgewinkt. Doch von den Flüchtlingen hier im Park fehlt jede Spur. Auch der verletzte Mann, den Schwester Ada sucht, ist nicht mehr da. Sie geht ein paar Wege ab, doch es scheint zwecklos. Vor einer Woche hatte sie ihn bei einer Essensverteilung im Park getroffen, am geschwollenen Arm eine eitrige Wunde.  Schwester Ada, die gelernte Krankenschwester ist, hat seine Wunde verbunden, doch entgegen ihrer Absprache ist er © Alkyone Karamanolisnicht wiedergekommen, um den Verband zu wechseln. Schwester Ada macht sich Sorgen.

Die Männer, die die Polizei vertrieben hat, haben sich zwei Häuserblocks weiter verzogen. Es sind Flüchtlinge, die durch alle Raster gefallen sind. Sie sind obdachlos, viele verwahrlost, manche drogensüchtig. Schwester Ada geht den Bürgersteig auf und ab und schaut, ob sie den Verwundeten wiedererkennt. Das geballte Leid und die Hoffnungslosigkeit dieser Menschen schrecken sie nicht. Im Gegenteil. „Das sind Jesu Lieblinge“, sagt sie. Und fügt dann hinzu: „Natürlich ist es schwer für uns, aber für diese Menschen ist es noch schwerer.“

„Unser Auftrag ist, zu den Schwächsten zu gehen“, erklärt später Schwester Preethi im Flüchtlingsheim. Dennoch habe sie sich nach ihrer Ankunft in Athen gefragt, ob sie am richtigen Ort gelandet sei. So viel Leid hatte sie nicht erwartet. Das Gespräch wird alle paar Minuten unterbrochen. Eine Frau aus dem Viertel bittet um Hilfe – das Heim dient auch als Anlaufstelle für Bedürftige; dann fragt eine Heimbewohnerin nach Mehl zum Kochen, und kurz darauf schaut ein Junge mit einem selbst gemalten Bild vorbei: „Wo ist Schwester Ada?“, will er wissen.

© Alkyone KaramanolisDoch die Leute kommen eigentlich gar nicht wegen materieller Bedürfnisse, erklärt Schwester Preethi, sondern, weil sie ihre Aufmerksamkeit suchen. „Gerade die Kinder und Jugendlichen brauchen eine zärtliche Geste, eine Schulter, um sich anzulehnen, und vor allem brauchen sie jemanden, der ihnen zuhört. Das, sagt die Missionsschwester, sei ihre wichtigste Aufgabe.

Die Steyler sind seit Mai 2017 in Athen. Sie wohnen in einer schmalen Straße hinter dem Victoria-Platz, keine Viertelstunde zu Fuß von Athens schickem Stadtzentrum entfernt. Hier heißen die Restaurants Kabul oder Herat – wenn sie überhaupt einen Namen haben. Touristen verirren sich nicht hierher. Es gibt hier keine Attraktionen, es gibt nur Leid. Auf den Plätzen sitzen Menschen, denen eine Aufgabe fehlt. Jeder Tag ist gleich – bis zu dem Tag, an dem sie ihre Papiere erhalten, um weiterzureisen. Nach Deutschland, England, Skandinavien.

Die Mission in Griechenland arbeitet mit dem Flüchtlingsdienst der Jesuiten zusammen. Ihnen gehört das Heim, das die Steyler Schwestern betreiben. Rund 50 Flüchtlinge sind hier untergebracht. Es sind Härtefälle: alleinstehende Mütter, vergewaltigte Frauen. Viele von ihnen stammen aus Afrika. „Für die Syrer sind die Dinge relativ klar, aber die Flüchtlinge aus Afrika haben es schwer“, sagt Schwester Preethi. „Sie haben auch in Europa wenig Chancen. Nach der gelungenen Flucht wird ihnen die Rassendiskriminierung zum Verhängnis. Es sei ähnlich wie in ihrer Heimat Indien. Nur dass hier nicht die Kaste ausschlaggebend sei, sondern die Hautfarbe. Etwas, das Schwester Preethi mit ihrer dunklen Haut in Griechenland selbst erlebt hat. „Gott gibt mir jedes Mal selbst eine Erfahrung, damit ich mich in die Betroffenen einfühlen kann.“

© dpa-Picture-AllianceDie Arbeit der Schwestern in Griechenland ist voller Unwägbarkeiten. Heute wollten sie eigentlich ein Flüchtlingscamp vor der Stadt besuchen, um dort den Kindern ein Freizeitprogramm zu bieten. Doch kurz vor der Abfahrt kam ein Anruf: Mit ihrer vorläufigen Genehmigung dürfen sie das Camp nicht mehr besuchen. Jedoch: Bis die offiziellen Papiere ausgestellt sind, kann es dauern, erklärt Schwester Thao. Sie ist die dritte im Missions-Team und diejenige, die das Programm im Camp maßgeblich gestaltet hat. Bisher waren sie zweimal die Woche dort. Sie haben mit den Kindern Videos angeschaut, gemalt, gespielt. „Den Behörden hier wäre es wohl am liebsten, wenn gar niemand ins Camp geht und die Zustände dort sieht“, vermutet sie. Und doch sei es wichtig, den Bewohnern das Gefühl zu geben, jemand kümmere sich um sie, denn sie fühlten sich von allen verlassen.

Die Novizin kann das gut nachfühlen, denn sie hat selber Ähnliches erlebt. Ihre Familie war unter den Boat People, die einst aus Vietnam nach Deutschland kamen. Nur war damals die Lage wesentlich einfacher: „Wir sind mit offenen Armen empfangen worden, alles wurde uns leicht gemacht.“ Die Zeiten haben sich geändert, die Flüchtlinge heute haben sehr viel mehr Probleme“, meint Schwester Thao.

Für Schwester Ada, gebürtig in der Steiermark, war die Entsendung in die Mission in Griechenland weniger naheliegend. Sie geht auf die 80 zu und ist eigentlich schon längst pensioniert. Müsste sie sich da nicht auch zur Ruhe gesetzt haben? „Ja, das wäre normal“, sagt die Schwester. Möglicherweise sei die Wahl auf sie gefallen, weil ihr das soziale Umfeld liege, mutmaßt sie. Aber sie hat nie gefragt. „Das passt für dich“, hat es damals schlicht geheißen, und das war für Schwester Ada genug.

Tags darauf wird sie in der Nähe des Flüchtlingsheims, zwischen schäbigen Restaurants, Bordellen und illegalen Sammelunterkünften den verwundeten Flüchtling wiedertreffen, als er in einer Mülltonne nach etwas Essbarem sucht. Schwester Ada wird ihn hineinbitten und ihm etwas zu essen geben. Dann wird sie seine Wunde neu verbinden. Der erste Verband mit der selbst gemachten Beinwellcreme hat Wunder getan: Der Arm ist abgeschwollen, die Wunde fast verheilt. Danach wird ihm Schwester Ada frische Anziehsachen aus der Kleiderkammer geben. Der Mann ist obdachlos und hat seine Kleidung seit Wochen nicht gewechselt. Später wird das Zimmer, in dem er sich umgezogen hat, so streng riechen, dass man es kaum betreten kann. Und Schwester Ada wird sagen: „Es ist richtig, dass wir da sind.“

Alkyone Karamanolis

Februar 2019

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