Das Gespräch

"Humboldt kann uns heute noch viel erzählen!"

Überall sind seine Spuren ... Anlässlich des 250. Geburtstages von Alexander von Humboldt traf stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner den „Humboldt-Kenner“ Rüdiger Schaper

Sie haben eine Biografie über Alexander von Humboldt veröffentlicht. War das nötig bei den vielen Büchern, die über ihn erschienen sind?

Ich denke ja, es macht Sinn. Jede Zeit braucht Biografien. Der Trick dabei ist, dass der Autor das Leben eines Menschen – der hier zum Beispiel vor 250 Jahren geboren wurde – neu bewertet.

Was war Alexander von Humboldt für ein Mensch?

Beschreiben Sie mal ein Genie ... Spaß beiseite. Alexander von Humboldt war eitel und schnippisch. Er wurde von vielen als unterkühlt und überheblich beschrieben. Aber er konnte auch sehr empathisch und hilfsbereit sein. Und er muss einen unglaublichen Verstand besessen haben.

Inwiefern?

Als Kind wurde ihm von seinem Erzieher zugemutet, dieselben Stoffe zu lernen wie sein zwei Jahre älterer Bruder Wilhelm. Er musste Sprachen büffeln, Geografie, Naturrecht, Philosophie lernen oder physikalischen Vorträgen lauschen. Doch das schien ihm nicht zu reichen, denn neben dem praktischen Wissen faszinierte ihn die Natur. Er beschäftigte sich intensiv mit Insekten, Pflanzen und Steinen. Außerdem entwickelte er ein großes Zeichen- und Maltalent. Er schien ständig unter Strom zu stehen, war von einer großen Rastlosigkeit getrieben. Als er 1791 in den Staatsdienst als Bergbeamter ging, absolvierte er die Bergakademie in nur acht Monaten, vorgesehen waren drei Jahre. In seinem Bergmannsdienst entwickelte er den Vorläufer der Atemschutzmaske und eine verbesserte Grubenlampe für die Bergleute.

Das ist aber längst nicht alles.

Natürlich nicht. Auch die katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen beschäftigten ihn sehr. Mit seinem eigenen Geld gründete er eine Bergschule. Alle zwischen 12 und 30 Jahren konnten die Schule besuchen. Der Unterricht fand immer nach der Schicht bis 23 Uhr statt. Mineralienkunde, Rechnen, Bergrecht und viele andere Fächer standen auf dem Stundenplan. Wohl kaum verwunderlich: Die Lehrbücher schrieb Alexander von Humboldt selbst.  

Lassen Sie uns über den Forscher und eine seiner Reisen sprechen.

Auf seiner ersten Forschungsreise will der junge Forscher auf Umwegen nach Nordafrika. Er und sein Reisegefährte, der Botaniker Aimé Bonpland, landen über Südfrankreich im schlecht oder kaum kartografierten Spanien. Es ist kaum zu glauben, aber schon hier leistete Humboldt Pionierarbeit. Er nahm nicht nur astronomische Ortsbestimmungen vor, sondern verband diese mit barometrischen Messungen.

© Heinz HeissSpanien wird Alexander von Humboldt aber nicht gereicht haben.

Richtig. Sein Ziel sind die spanischen Kolonien in der Karibik und Amerika. Am 5. Juni 1799 sticht dann die Pizarro in See. 41 Tage später landen sie in Cumaná, der Hauptstadt Neuandalusiens im Nordosten des heutigen Venezuelas. Ein Zufall, denn auf der Pizarro ist Fieber ausgebrochen und Humboldt hält die Weiterfahrt nach Havanna für zu gefährlich. Die Fieber-Epidemie an Bord ändert Alexanders Pläne. Dazu schreibt Humboldt: Ohne die Seuche wären wir nie an den Orinoco und bis an die Grenze der portugiesischen Besitzungen am Rio Negro gekommen.

Das heißt also, ein Teil der Amerikareise hätte so nicht stattgefunden?

Ja, das ist sehr wahrscheinlich. Damit wären viele Dinge erst sehr viel später entdeckt worden. Wie dem auch sei, Alexander von Humboldt blieb fast ein Jahr in Cumaná. 

Warum?

Ich glaube, diese völlig andere Welt hat ihn fasziniert und in seinen Bann gezogen. Schon kurz nach der Ankunft schreibt er an seinen Bruder Wilhelm: „Wir sind hier einmal in dem göttlichsten und vollsten Land. Wie die Narren laufen wir bis jetzt umher, in den ersten drei Tagen können wir nichts bestimmen, da man immer einen Gegenstand wegwirft, um einen anderen zu ergreifen.“ 

Das aber war nur die eine Seite...

Ja. Auf der einen Seite ist Cumaná ein Paradies: unendliche Forschungs- und Entdeckungsmöglichkeiten.  Humboldt produziert Messdaten in Hülle und Fülle. Dazu Empfänge und Bälle, auf denen sich Humboldt glänzend präsentiert und verkauft. Doch die Sklavenmärkte zeigen ihm, dass das Paradies auch die Hölle ist. Er schreibt: „Hier wurden die Schwarzen verkauft, die von der afrikanischen Küste herübergebracht werden. Die zum Verkauf ausgesetzten Sklaven waren junge Leute von 15 bis 20 Jahren. Jeden Augenblick erschienen Käufer und schätzten nach der Beschaffenheit der Zähne, Alter und Gesund-heitszustand der Sklaven; sie rissen ihnen den Mund gewaltsam auf, ganz wie es auf dem Pferdemarkt geschieht.“

Das hat ihn verändert? 

Oh ja, sehr. Seine wissenschaftlichen Anstrengungen werden fortan von sozialem Engagement und Empathie begleitet. Überall fordert er ein globales System von Verantwortung und Humanität. 1857, zwei Jahre vor seinem Tod, initiiert er in Berlin ein Gesetz, das jedem Sklaven, der preußischen Boden betritt, die Freiheit garantiert. Sicher, das war mehr ein symbolischer Akt, denn wie sollten amerikanische Sklaven nach Preußen gelangen. Aber es war damals ein Zeichen für die Welt. 

Zeichen hat er wohl unendlich viele gesetzt.

Sicher. Sein wissenschaftliches Erbe, sein verstreuter Nachlass, ist immer noch nicht komplett in allen Einzelheiten ausgewertet, das wird noch Jahre dauern. Zigtausende Zeichnungen, Beschreibungen, Messdaten, Notizen. Ein unendlicher Fundus bis heute. Und es könnten noch neue Dinge auftauchen.

Glaubte Alexander von Humboldt an Gott?

Schwierige Frage. Sicher gibt es einige Zitate, wie „Alles, was Gott gibt, muss doch ebenso durch den Menschen und sein eigenes Tun gehen, als wäre es einzig und allein sein Werk.“ Ob er aber an einen Gott geglaubt hat, wird durch diese Sätze weder bestätigt noch dementiert. Sicher war da was. Nur stand für ihn immer die Aufklärung, nicht das Mystische im Vordergrund. Humboldt wollte alles wissen und erklären können. 

Was glauben Sie, wie würde Alexander von Humboldt die Welt von heute sehen?

Ich glaube, er wäre wohl entsetzt darüber, was aus seiner Welt geworden ist. Den Grad der Verdreckung der Meere oder die Abholzung der Wälder in Lateinamerika hätte er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausmalen können.

Brauchen wir heute wieder mehr Menschen wie Alexander von Humboldt?

Unbedingt. Wir sind sehr partikular in unseren Interessen. Wir müssen uns natürlich auch spezialisieren. Den Überblick zu haben ist schwer, kostet Kraft und Energie, braucht Geist.

Wen würden Sie denn heute in der Nähe von Alexander von Humboldt sehen? Stephen Hawking

interessant, Sie nehmen mir den Namen aus dem Mund. Hawking war ein Forscher, der trotz oder wegen seiner schwierigen persönlichen Situation das Ganze gesehen hat. Vielleicht sogar ein bisschen mehr. Und er besaß die Fähigkeit, wie auch Alexander von Humboldt, universelle oder globale Zusammenhänge so zu vermitteln und darzustellen, dass Menschen wie ich oder Sie zum einen das Thema verstanden haben und zum anderen davon fasziniert wurden. 

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Thomas Pfundtner

September 2019

Kommentare (3)

  • Inken
    Inken
    am 26.08.2019
    Dieses Mal wirklich ein sehr komprimiertes, dennoch sehr informatives Gespräch. Im stadtgottes-Heft stand: Noch mehr Fragen und Antworten lesen Sie auf www.stadtgottes.de, aber das muss sich auf ein anderes Thema bezogen haben. Im Heft erfährt man mehr über dieses hochinteressante Thema. Immerhin ein Anstoß, sich einmal intensiv mit Alexander von Humboldt und seinen Reisen zu beschäftigen. Interessant auch, gerade in diesen Tagen der brennenden Regenwälder dieses Thema zu veröffentlichen - das müsste uns dazu bringen, auch bei uns die Bäume zu schützen und mehr Bäume zu pflanzen. Humboldt wäre bestimmt erfreut.
  • Eva Bernarding
    Eva Bernarding
    am 26.08.2019
    In der Onlineversion des Gesprächs finden Sie zusätzliche Fragen, die im Heft nicht abgedruckt wurden. Daher der Hinweis im Heft auf weitere Fragen und Antworten.
  • Inken
    Inken
    am 26.08.2019
    Danke, für diesen Hinweis. Es lohnt sich also, das Heft gut zu studieren!

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Zur Person

Rüdiger Schaper, 60, ist Autor und wollte bereits als junger Mann Journalist werden und um die Welt kommen. Irgendwann stieß er auf Humboldt, wälzte Akten, durchforstete Archive, las Korrespondenzen und schrieb eine Biografie über eine schillernde Persönlichkeit, seine bahnbrechenden Reisen und Schriften: „Alexander von Humboldt – Der Preuße und die neuen Welten“,

Siedler Verlag, 20 Euro, 28,90 CHF

Alexander von Humboldt

Wie kaum ein anderer Wissenschaftler hat Humboldt das Verständnis von Natur als eine Einheit geprägt.  Schon früh erkannte er, dass die Natur ein Kosmos ist, in dem vom kleinsten Sandkorn bis zum höchsten Berg alles miteinander verbunden ist und dass die Menschen ein untrennbarer Teil davon sind. Neben der Arbeit am „Kosmos“ schrieb Alexander von Humboldt bis zu 5000 Briefe im Jahr an andere Wissenschaftler. Für ihn war es wichtig, seine Erkenntnisse und Erfahrungen zum Wohle der Menschheit mit anderen Gelehrten zu teilen und nicht als Geheimnis zu hüten. So wurde er nicht nur zum ersten „Netzwerker“, sondern auch zu einem der wichtigsten Koordinatoren wissenschaftlichen Mäzenatentums und Förderer von Nachwuchsforschern.