Reportage

Hurra, ich lebe noch! Aber...

Nach fast sechs Wochen im Koma ist stadtgottes-Autor Thomas Pfundtner wieder wach geworden. Lesen Sie, wie er mit den Koma-Erlebnissen umging, was er daraus lernte und wie er um die Rückkehr in den Alltag kämpfte

Mühsam Stufe für Stufe ging es die Treppe hoch. Zu Anfang ein schier unüberwindbares Hindernis

Endlich allein. Seit meinem Erwachen aus dem künstlichen Koma sind einige Stunden vergangen. Eben hat die letzte Schwester das Zimmer verlassen, nachdem sie mir noch Blut aus dem Ohrläppchen abgezapft hat. Auch meine Frau und unsere Tochter sind schon wieder zuhause. Ich versuche meine Gedanken zu sortieren. Aber das klappt nicht, ich bin zu sehr verwirrt und in meinem Kopf schlagen die Gedanken Purzelbäume. 35 Tage und Nächte habe ich nichts vom Leben mitbekommen, mich in anderen Welten bewegt. Welten, die so ganz anders waren. Tatsache ist: Vom normalen Leben habe ich nichts mitbekommen. Gar nichts? Meine Frau fragte mich Wochen später, ob ich denn „wirklich nichts gespürt habe?“ – „Nein!“ lautete die schlichte Antwort. Kein Streicheln, kein Massieren der Beine, kein Waschen, kein Kämmen, kein Nägelschneiden – nichts. Ich war in den anderen Welten unterwegs... Diese Erlebnisse werden in den kommenden Wochen immer wieder auftauchen. Meistens nachts.

An Schlaf ist nicht zu denken
So war es auch in den ersten dunklen Stunden nach dem Aufwachen. Eigentlich will ich schlafen, aber da sind sie wieder diese Bilder: Billardkugeln, mittelalterlicher Marktplatz, dazu unbeschreiblicher Lärm, der mein Gehirn überschwemmt.  Noch erkenne ich nicht alles. Es ist wie bei einem Digitalfernseher, bei dem die Übertragung nicht klappt: Die Bilder sind total verpixelt, nur ab und zu ist etwas klar zu erkennen. Dann dieses Nichtwissen: Was war los in den letzten Wochen? Warum kann ich mich an nichts erinnern? Wie geht es weiter? Werde ich je wieder gesund?

Dazu kommt: Ich kann mich kaum bewegen. Vier Kanülen in den Lenden. Ebenso in den Armen. Ein Katheter. Clipse an den Fingern, die die Herzfrequenz und den Puls messen. Ein Nasenschlauch für die Nahrung. Überall pocht es. Eine andere Position im Bett finden? Schmerzhaft und zäh. Überhaupt war auf dem Rücken schlafen nie mein Ding. Fazit: Ich schlafe nicht mehr, sondern trete nur erschöpft weg.

Leider geht es auf einer Intensivstation nicht gerade ruhig zu: Notfälle werden eingeliefert. Laute, aufgeregte Stimmen. Schrille Alarmtöne. Die dunkle Nacht scheint nicht enden zu wollen. Doch dann ist es endlich soweit und ich empfinde das Morgengrauen als Erlösung. Es ist unerklärlich, aber mit dem Aufsteigen der kalten, blassen Novembersonne kehrt auch mein Kampfeswillen zurück: Ich will wieder gesund werden und zurück ins Leben kehren. Dafür werde ich alles tun.

Als Stunden später Oberarzt Tobias Leis zu mir kommt, um mir Einzelheiten über meinen Komaverlauf zu berichten und um mich darüber zu informieren, wie es weitergeht, höre ich zwar aufmerksam zu, aber eigentlich interessieren mich ganz andere Dinge: Wann kann ich aufstehen? Wann beginnt das Lauftraining. Wann wird das Atemgerät entfernt? Dr. Leis beantwortet alles mit unendlicher Geduld, macht mir schnell klar, dass ich Geduld brauche. „Viel Geduld!“ Lächelnd denke ich an den Spruch: Herr, bitte gib mir viel Geduld. Aber ein bisschen plötzlich!

"Ich schaffe das!"
Ich schließe mit dem Oberarzt eine Art „Vertrag“. Ich verspreche, dass ich mich an alle Anweisungen von ihm und allen Pflegern halte. Im Gegenzug werde ich über alles, was meine Behandlung angeht, lückenlos informiert. Und ich darf aktiv werden. Was bedeutet, ich kann ein ganz klein wenig Einfluss auf den Umgang mit mir nehmen. Ein kleines Beispiel: Nach zwei Tagen schlage ich Dr. Leis vor, dass ich gern einige Stunden in einem Stuhl sitzen möchte, da mir das Liegen fürchterlich auf die Nerven geht. Obwohl Dr. Leis das für zu früh hält, stimmt er zu: „Ich denke, das schaffen Sie.“

Am nächsten Tag ist es soweit: Physiotherapeut Christian und eine Schwester, schieben den Stuhl ans Bett und fordern mich grinsend auf, mich doch reinzusetzen. „Ich werde es ihnen zeigen“, nehme ich mir vor, muss aber schnell erkennen: Zwischen Wollen und Können liegen Welten. Kurz gesagt: Ich werde in den Stuhl gehievt. „Erster Erfolg“, verbuche ich auf dem Weg ins Leben. Als meine Frau kommt, und mich sitzend sieht, fällt sie fast vom Stuhl: „Das gibt es nicht“, ist ihr einziger Kommentar. Und Dr. Leis ist erleichtert, dass das Experiment geklappt hat und er die Leine lockern kann... Ich selber bin erleichtert, dass ich nach dreistündigem Sitzmarathon endlich wieder ins Bett gelegt werde und schlafe erschöpft ein. Vielleicht ist es dieser kleine Sieg, aber aus den verpixelten Bildern werden kleine Filme, so dass ich anfangen kann, Erinnerungen aus den Komawelten abzurufen.

Zum Schweigen verdammt
Aber mit anderen darüber sprechen, erscheint mir noch zu früh. Es geht auch nicht, denn in der Trachealkanüle sitzt ein kleiner Ballon, der aufgepumpt wird, damit keine Fremdkörper in die Luftröhre eindringen können. Ist der Ballon gefüllt, ist sprechen unmöglich. Erst später werde ich stundenweise vom „Ballon genommen“, bekomme ein Sprachmodul auf die Kanüle gesetzt und darf „losquatschen“ (damit keine Missverständnisse entstehen: Immer wenn ich mit den Ärzten sprach, war der Ballon leer). Was die Kommunikation auch erschwerte: Leserlich zu schreiben, ist nicht meine Stärke. Diese Erfahrung machte ich immer dann, wenn die Schwestern eine Bitte oder einen Wunsch von mir nicht verstanden. Selbst die Idee, statt schreiben, meine Sätze ins Handy zu tippen, klappte nicht: Ich konnte meine Finger nicht koordinieren – ich tippte Wörter, die es gar nicht gibt.

Zwei Tage nach dem gelungenen Sitz-Experiment steht plötzlich Physiotherapeut Christian in meinem Zimmer: „So, jetzt versuchen Sie mal, zu laufen.“ Meine ohnehin schon wackeligen Knie werden noch wackeliger. Ich knete meine Oberschenkel. Nichts. Alles eingeschlafen. Der Pakt mit Dr. Leis leuchtet in meinem Gedächtnis auf und ich stimme zu. Fast zehn Minuten dauert es, bis Christian mich abgekabelt und die Leitungen der Kanülen verlegt hat. Am Ende schließt er mich an eine Sauerstoffflasche an, und stellt mich vor den Rollator: „Auf geht’s.“

Na, der hat gut lachen: Ich weiß doch überhaupt nicht mehr, wie Laufen geht. Die knapp drei Meter bis zur Tür wurden plötzlich unendlich lang. Mühselig schiebe ich ein Bein vor, klammere mich an den Rollator und bin tatsächlich ein Stück vorangekommen. Unendlich langsam nähere ich mich meiner Pforte zur Außenwelt. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist es geschafft: Ich lasse die Tür hinter mir und rolle gehend auf den Flur. Ich kehre in die Welt zurück...

Dr. Leis bewilligt mir ein Bett-Fahrrad, ich träume von einem Laufband im Zimmer. Wann immer es geht im Bett, strample ich mit dem Fahrrad. Erst langsam und kurz, dann länger und schneller. Auch meine Heilung scheint Fortschritte zu machen, denn immer mehr Kanülen verschwinden: erst der Katheter in den Lenden, dann endlich werde ich vom Atemgerät genommen und atme eigenständig mit der Trachealkanüle, die vor Wochen eingesetzt und fest vernäht wurde. Zur Erklärung: Unsere Gesetze schreiben vor, dass bei Patienten, die ins künstliche Koma versetzt werden, diese Kanüle vernäht werden muss und nach Genesung wieder operativ entfernt wird. Wenn alles gut geht.

Schlucken geht überhaupt nicht
Zwei Wochen bleibe ich auf der Intensivstation, quäle mich durch die Nächte, absolviere meine kleinen Übungen am Tage und werde durch den Nasenschlauch ernährt. Die ersten Schritte zurück ins Leben sind gemacht. Nun wartet die nächste Hürde auf mich: das Rehabilitationszentrum in Magdeburg (NRZ). Im Rettungswagen, der mich in meine neue Heimat bringt, ziehe ich eine erste Bilanz: Ich kann 45 Schritte laufen, schaffe zwei Treppen. Meine Medikamentendosis wurde herabgesetzt und mein Kopf wird klarer. Lesen geht für einige Minuten, Notizen am Laptop dauern lange. Meine Hände sind noch schwach und zittrig. Wer etwas von mir lesen will, sollte vorher einen Hieroglyphenkurs bestehen. Drei Stunden am Tag darf ich mit meinem Sprechmodul sprechen, für die restlichen 21 Stunden bleibt die Kanüle blockiert und ich bin zum Schweigen verdammt. Schlucken geht noch gar nicht.

Während alle anderen Muskeln bereits mit mir unterwegs sind, schlafen alle die Bereiche, die beim Menschen dafür sorgen, dass die Nahrung vom Mund in den Magen gerät. Mein Kehlkopfdeckel ist seit dem Koma unbeweglich. Fürs Schlucken ein unerlässlicher Vorgang, denn der Deckel vermeidet, das Essen in die Luftröhre kommt und sich in der Lunge ablagert. Würde das passieren, wäre das nächste Koma programmiert. Fitness und Kondition ist trainierbar. Aber Essen und Trinken?

„Schlucken ist ein unbewusster Reflex“, erklärt mir Tobias Leis beim Abschied, „das müssen Sie sich jetzt wieder antrainieren. Ich bin zuversichtlich, Sie schaffen das.“ Wie lange das allerdings dauern wird, kann er mir auch nicht sagen. Eine Zukunft ohne Essen und Trinken, dafür mit künstlicher Nahrung und Wasser über die Magensonde (die mir in der Reha gelegt wird) – das macht mir Angst. Deshalb weigere ich mich, mich damit zu beschäftigen.

Zurück ins Leben
Es ist ein Freitag, an dem ich im Rehabilitationszentrum eingeliefert werde. Was bedeutet, übers Wochenende tut sich nichts: „Bei uns verläuft alles etwas ruhiger und braucht seine Zeit“, erklärt mir Dr. Stefan Kley, der mich in den nächsten Monaten betreuen wird. Auch Schwester Romy, sie leitet die Station, begrüßt mich freundlich und erklärt alles Wesentlichen. Behalten tue ich natürlich nichts. Doch das ist kein Problem, ich kann ja fragen...nach dem Wochenende beginnen die Eingangsuntersuchungen der Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden. Die ersten Maßnahmen werden festgelegt. Ich stimme allem zu, bitte sogar mir jedwede mögliche Behandlung zukommen zu lassen: „Ich bin nicht hier, um mich auszuruhen, sondern um gesund zu werden“,  sage ich. Das sorgt zwar für Staunen, aber es kommt an und in den nächsten Wochen füllt sich ein Terminplan so sehr, dass ich nicht mehr über Langeweile klagen kann.  

Dann wird ein Rollstuhl in mein Zimmer geschoben, da die Wege zu den einzelnen Behandlungsbereichen sehr weit sind. Für mich der Horror... Ich beschließe, alles auf eigenen Füßen zu erledigen. Das dauert zwar auch länger, ist aber gleichzeitig ebenfalls Training für die Muskeln. Auch die Fahrstühle erkläre ich für mich zu Tabuzonen.  Fahren kommt nicht in Frage. Es geht ja auch nur vom ersten Stock ins Erdgeschoß und zurück. In den ersten Tagen ist das eine ziemliche Qual und ich muss sehr früh starten, um rechtzeitig bei den Therapien zu sein. Anfangs hangele ich mich an den Geländern entlang, um überhaupt die Strecken zu schaffen. Aber nach einer Woche wird es von Tag zu Tag besser. Auch meine Therapieeinheiten  gehe ich optimistisch an: Laufband, Ergometer, Yoga,  Ball- und Bewegungsübungen in der Sporthalle – ich verpasse nichts und mache mit.

Körbe flechten und kneten
Besonders wichtig: Ich setze mir eigene kleine Ziele. So begann ich auf dem Laufband mit einer Geschwindigkeit von zwei Stundenkilometern und steigerte diese von Tag zu Tag. Als ich nach knapp drei Monaten entlassen wurde, standen 7,2 Stundenkilometer als letzte Angabe in meinen Unterlagen. Desgleichen auch beim Ergometer. Angefangen habe ich mit einer Pedalleistung von 100 Watt, am Schluss waren 800 auf dem Zettel.

Woche für Woche wurde mein Therapieplan um eine Maßnahme erweitert: Dabei nahmen Kneten und Reaktionsübungen am Computer eine ganz wichtige Rolle ein. Hätte mir vor meiner Erkrankung jemand gesagt, ich würde eines Tages einen Korb (er hat mittlerweile einen „Ehrenplatz“ bei uns daheim) aus Peddigrohr flechten, hätte ich nur müde gelächelt. Aber in der Reha habe ich es gemacht. Und das war auch gut so, denn dadurch wurden meine abgeschlafften Finger wieder fit. Auch das Arbeiten mit Therapieknete lohnte sich, half es doch, die Gelenke der Hände zu stärken.

Tatsächlich waren überall Fortschritte zu erkennen und es ging ständig nach vorn. Nur beim Schlucken tat sich in den ersten Wochen absolut nichts. Das hatte Folgen. Da war zum einen das Blockieren der Trachealkanüle. Es war klar, solange ich nicht schlucken kann, wird die Kanüle nachts blockiert. Das bedeutete aber auch, dass ich unter massiven Hustenkrämpfen und Atemnot litt. Ich hatte panische Angst zu ersticken, spuckte, keuchte und hustete. Und wollte schreien. Aber das ging ja nicht. Die Trachealkanüle hatte sich von einer Lebensrettung zur Todesfalle gewandelt. Ich würde ersticken! Ein Teufelskreis.

In letzter Verzweiflung drückte ich den Alarmknopf. Oft alle zehn Minuten. Glücklicherweise ertrugen dies die Schwestern und Pfleger im Nachtdienst mit Freundlichkeit und großer Gelassenheit. Sie eilten zu mir, saugten das Sekret ab (auch wenn nichts da war), richteten mein Bett und verließen mich mit Gute Nacht-Wünschen.

Das nützte leider wenig, denn meine traumatischen Koma-Erlebnisse beschäftigten mich auch hier und ließen mich nicht zur Ruhe kommen.  Sicher, ich wusste, was mir diese Erfahrungen sagten. Aber würde ich tatsächlich auch meine Lehren daraus ziehen und mein Leben umstellen? „Der Geist ist willig, das Fleisch ist schwach“, flackerte es immer wieder in meinem Hirn auf.

Ein herber Rückschlag
Dreimal in der Woche kam Birgit Schindelhütte auf mein Zimmer. Ehrlich, eine ausgezeichnete Logopädin. Ihre Aufgabe: Mich von meiner schweren Dysphagie, also den Schluckbeschwerden, zu befreien. Dafür trainierte sie mit mir das sogenannte Massakow- und das Mendelsohn-Manöver. Nein, das sind keine Kriegstaktiken, sondern Übungen, die den Kehlkopf veranlassen sollen, sich zu heben oder zu senken. Dazu kamen Sprachübungen mit 3-silbigen Wörtern, die ein „NG“ oder „NK“ erhielten. „Es nützt aber nichts, wenn Sie nur während meiner Anwesenheit üben. Sie müssen das trainieren, mindestens jede Übung dreimal am Tag. Sonst wird das nichts.“ Um meinen Leistungsstand zu kontrollieren, brachte Beate Schindelhütte regelmäßig mit Lebensmittelfarbe versetztes Essen mit. So konnte überprüft werden, ob sich der Kehldeckel über der Luftröhre schloss. Das muss er, um das Essen über die Speiseröhre in den Magen zu transportieren oder ob sich das Essen den tödlichen Weg über die Luftröhre in die Lunge sucht.

Das konnte die Logopädin oberflächlich über meine Trachealkanüle kontrollieren: Wenn im Eingangsbereich Blaufärbungen zu sehen waren, war klar: falscher Weg. Was bedeutete, die Kanüle musste abgesaugt werden. Gut einen Monat nach dem Beginn meiner logopädischen Übungen (glauben Sie mir, ich habe geübt und geübt und geübt) stand eine sogenannte Laryngoskopie auf dem Programm. Dabei wird eine Kamera durch die Nase eingeführt. Ihre Aufgabe: Bilder rund um den Kehlkopf zu senden. Senkt er sich? Hebt er sich? Kann ich schlucken? Habe ich Fortschritte durch mein Training gemacht.

Kurz gesagt: Das Ergebnis war verheerend. Nichts ging. Essen blieb hängen. Das Schlucken glich noch nicht einmal im Ansatz dem uns bekannten Schlucken. Und aus der Trachealkanüle floss fröhlich  blaue Lebensmittelfarbe. Das Training hatte nichts gebracht. „Sie müssen Geduld haben. Das kann lange dauern. Aber wir schaffen das“, versuchte mich Birgit Schindelhütte zu trösten. Auch Doktor Lenz, der Mann, der bereits bei meiner Rückkehr aus dem Koma mitgeholfen hatte, strahlte Optimismus aus: „Sie schaffen das. Lassen Sie sich von diesem Zwischenbefund nicht irritieren.“ Die hatten gut reden. Ich war höchst irritiert und verzweifelt: Nur noch Magensonde? Nie wieder ein Glas Wein? Keine Kartoffeln, kein Salat? Ausschließlich Chemie im Bauch.

Mir flossen die Tränen übers Gesicht. Ich flehte den lieben Gott an, mich nicht allein zu lassen, hatte er mich doch schon so weit gebracht. Soweit, dass meine Selbständigkeit auf der Station von Tag zu Tag wuchs: Keine Schwester mehr, die Gewehr bei Fuß stand, wenn ich mich duschte. Kein Begleiter, wenn ein Arzttermin anberaumt war. Kein Abmelden im Stationszimmer, wenn ich Spazierengehen wollte. Sogar meine Trachealkanüle konnte und durfte ich allein wechseln und reinigen. Selbst mein Bett machte ich selber. Und dann das.

Kampfansage ans Leben
Tatsächlich stand ich vor der Entscheidung, Aufgeben oder Weitermachen. Unglücklich tigerte ich in meinem Zimmer auf und ab. Auch meine Frau konnte mich nicht trösten, sprach mir aber immer wieder Mut zu: „Natürlich schaffst du das. Dann dauert es eben länger. Lass dich bitte nicht hängen.“ Da machte es Klick im Kopf und eine Erinnerungs-Koma-Schublade sprang sperrangelweit auf: In ihr die Botschaft, dass ich ein neues Leben bekomme, damit ich Dinge geraderücke, die schiefgegangen waren. „Ja“, sagte ich zu meiner Frau, „ich lasse mich nicht hängen. Ich werde noch mehr üben, noch mehr Wörter ausspucken und meinen Kehlkopf zum Zappeln bringen.“ Und ich trainierte: Unter der Dusche sprach ich die magischen Wörter. Beim Fernsehen wurde geübt. In der Wartezone zu den Therapiebereichen. Vor dem Essen, nach dem Essen.  Vor dem Einschlafen, nach dem Aufwachen. Überall, jederzeit. Motto: Kehlkopf, beweg dich!

Der Durchbruch kam Anfang Dezember, als ich gerade mal wieder das Massakow-Manöver durchführte. Meine Finger spürten, dass sich der Kehlkopf anhebt. Was für ein Gefühl. Was für ein Erlebnis. Ich wirbelte über die Flure, fegte durch die Klinik und umarmte jeden, der mir entgegenkam: „Es geht, es geht“, strahlte ich. Das mich manche anschauten, als sei ich von einem anderen Stern, fiel mir gar nicht auf. Meine Logopädin, die mich bis zu diesem Punkt mit aller Geduld begleitet hatte, reagierte sofort: Von nun an durfte ich kleine Portionen Kartoffelbrei, Suppe oder Joghurt verputzen. Kleine Portionen, das bedeutete, einen Teelöffel voll.

Später vertraute mir Birgit Schindelhütte an: „Ich hatte ein Jahr für ihre Genesung einkalkuliert, ich hatte mir nicht vorstellen können, dass es so schnell gehen würde.“ Plötzlich geht es überall bergauf. Ich werde fitter und fitter. Der Kehlkopf bewegt sich immer mehr und Dr. Kley erlaubt mir über Weihnachten tagsüber auf „Heimaturlaub“ zu gehen. Was für ein Geschenk. Nach drei Monaten darf ich zum ersten Mal nach Hause!

Ein Geschenk Gottes
Der Rest ist schnell erzählt: Während der Festtage bin ich von morgens bis abends bei meiner Frau. Für uns ein Weihnachten der nie gekannten Art. Stundenlang sitzen wir in der Küche und reden und reden und reden. Wir schmieden Zukunftspläne, stellen uns den neuen Weg vor, machen Pläne oder halten uns einfach nur fest. Mit viel Liebe hat meine Anna Kleinigkeiten für mich zubereitet, die ich neben meiner künstlichen Nahrung essen darf: Etwas Kartoffelbrei, eine kräftige Suppe, Gemüse. Für mich ist jeder kleine Happen ein Festmahl. Jedes Kauen, jeder Schluck ist ein Geschenk Gottes. Ein Geschenk, das ich nun zum ersten Mal auch richtig würdigen kann.

Am Abend bringt mich meine Frau zurück ins NRZ. Ich bin glücklich, traurig und dankbar zugleich. Traurig, weil ich nicht neben meiner Anna einschlafen kann. Glücklich, weil es mir so gut geht. Dankbar, weil Gott bei mir geblieben ist und mir eine Chance gegeben hat...

Nachtrag: Nach Weihnachten 2017 ging alles sehr schnell. Anfang Januar wurden mir die Trachealkanüle und die Magensonde entfernt. Seitdem ernähre ich mich wieder komplett allein. Nicht immer einfach, aber ich mache Fortschritte von Tag zu Tag. Jeder Tag ist für mich ein neues Erlebnis, ein demütiges Staunen und Verinnerlichen der unglaublichen Schöpfung.

Vieles hat sich seit meinem künstlichen Koma geändert: Ich habe mein Leben total auf den Kopf gestellt. Familie ist mir wichtiger als Arbeit. Zeit für mich hat Vorrang vor allen Terminen. Demütig lebe ich besser als mit Macht. Ich hatte mein Leben der Arbeit gewidmet, dafür alles andere zurückgestellt. Auch das ist anders geworden: Mein restliches Leben gehört meiner Frau, meiner Familie und allen Menschen, denen ich helfen kann. Und ihnen, liebe Leserinnen und Leser der stadtgottes. Für Sie möchte ich auch in Zukunft Interviews verfassen oder Reportagen schreiben.

Thomas Pfundtner

Oktober 2018

Kommentare (1)

  • Inken
    Inken
    am 25.09.2018
    Dieser eindrucksvolle Bericht hat mir die Luft genommen, ich bin beeindruckt, mit wie viel Energie Herr Pfundtner diese schwierige Lebenssituation gemeistert hat. Bin überzeugt davon, dass viele Gebete ihn getragen haben. Gleichzeitig gibt er mir Kraft, da ich heute von einer schlimmen, gesundheitlichen Situation meiner Tochter erfahren habe.
    Danke - für diesen stärkenden Bericht. Kämpfen Sie weiter und schreiben Sie weiterhin so intensive Texte.

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